Stadtvilla im Bauhausstil: Die neuen Hochgefühle

Die neue Stadtvilla im Bauhausstil mit dem poetischen Namen „FZ 104-104 B V5“ ist ein Hingucker. OKAL-Chefarchitekt Sven Propfen hat hier mehrere extravagante Gestaltungselemente vereint, von denen der farbige Kubus über dem Hauseingang sicher der spektakulärste ist. Wirkung erzielt auch der sorgfältige Umgang mit verschiedenen Fensterformaten: stehend, liegend, rund – sie betonen den puristischen Gesamteindruck auf originelle Weise.

Im völlig offenen Grundriss des Erdgeschosses sind lediglich ein Gäste-WC und der Hauswirtschaftsraum separiert. Ansonsten: 110 Quadratmeter Gestaltungsfreiraum, mit stets neuen Rundum-Ausblicken, von morgens bis abends auf der Sonnenseite. Für eine moderne Familie eine Ganztagseinladung, sich miteinander wohlzufühlen.

Oben ist mehr als genug Platz für einen mehr als großzügigen Elternbereich mit Wellnessbad, Ankleide und Schlafzimmer und zwei separaten Kinderzimmern, die sich bei anderem Bedarf natürlich ebenso als Arbeitszimmer oder Studio anbieten. Dass eine große Terrasse zum ungestörten Sonnenbaden in diesem Entwurf auch im Obergeschoss eingeplant ist, dürfte besonders für Stadtlagen attraktiv sein, in denen die Grundstücksgrenze zum Nachbarhaus arg nahe liegt.

Architekt Sven Propfen arbeitet schon seit 2004, seit dem Start der Entwurfsreihe „Modern Living“, an neuen Formaten, die sich aus der Satteldach-Einerlei-Beliebigkeit herausheben. Er sieht die sechs neuen Zuhause-Entwürfe für 2010 sowohl als konsequente Fortschreibung dieser Linie, in der Entscheidung für die größere Raumhöhe aber auch das bislang revolutionärste Element der Neuorientierung.

Es sind zwar „nur“ 30 Zentimeter, aber die haben es im wahrsten Sinn des Wortes in sich. Sie können die Proportionen eines Raumes derart verändern, dass er total anders wahrgenommen wird. Eigene familiäre Raumerfahrungen des Architekten bestärken seine Auffassung, „dass das Gesamtkonzept eines Einfamilienhauses natürlich nicht allein an der Deckenhöhe der Zimmer hängt“. Aber Letztere ist eben doch ein entscheidender Faktor für den Charakter, für das erstrebte Sich-sofort-Wohlfühlen in einem Raum.

Wodurch entstehen denn Raumwirkungen, was bestimmt ihre Aura? Abstrahieren wir mal von der Wirkung des Interieurs und betrachten den Raum jungfräulich leer. Was auf den ersten Blick nach einer Binsenweisheit klingt, entpuppt sich als sehr nahe an der Weisheit letzten Schluss: Man muss Proportionen auf Anhieb als nehm empfinden. Wir erleben Räume, bewusst oder unbewusst, dreidimensional. Ob sie uns zusagen, ist sicher auch eine Frage der Mentalität und der konkreten Erwartungen.

Die Befreiung von der deutschen Nachkriegsnorm – 2,50 Meter lichte Höhe, also Abstand zwischen Bodenbelag Oberkante und Deckenunterkante – wird von fast allen als akzeptabel empfunden. Aber was angesichts knapper Baumaterialien und extremer Wohnungsnot absolut richtig und unausweichlich war, hat sich im Lauf der Jahrzehnte schon deshalb erledigt, weil das Konzept vieler Wände für enge kleine Zimmer längst dem Wunsch nach großzügigeren Raumerlebnissen Platz gemacht hat.

Die Wände zwischen Küche und Esszimmer und der einst kaum genutzten „guten“ Wohnstube fielen und fallen immer öfter. Andererseits stoßen die neuen Großformate für Kochen/Essen/ Wohnen mit ihren 50, 60, 70 Quadratmetern und mehr schnell an ihre Höhengrenzen. Ein Palais kann einen Salon von 110 Quadratmetern mit herrlichstem Seeblick bieten – die alte Standard-Raumhöhe von 2,50 Metern wirkt unweigerlich bedrückend. Die Raumproportion stimmt nicht. Anders gesagt: Größe und Klasse eines Raums messen sich nicht allein in Länge und Breite.

OKAL-Architekt Sven Propfen geht als erfahrener Planer und Familienvater ohnehin davon aus, dass ein Einfamilienhaus von einer klugen Mischung großer und kleinerer Raumformate lebt. Neben der großen Freiheit und Gemeinsamkeit im Erdgeschoss sind Rückzugsmöglichkeiten für jeden Einzelnen im Obergeschoss absolut wichtig. Die haben, um ihre Funktion erfüllen zu können, idealerweise auch kleinere Maße. Kinderzimmer sowieso. Für die Minis sind 14 Quadratmeter ein gutes Wohlfühlformat, solche Dimensionen lösen Geborgenheit bei ihnen aus.

„Kleine Räume sind schwieriger zu erleben“, hält OKAL-Architekt Propfen fest,„trotz ihrer positiven Wirkung als heimelige Rückzugsnischen.“ Gerade bei ihnen erweist sich eine auf 2,80 angehobene lichte Höhe aber als Segen – sie wirken sofort besser proportioniert.

Sven Propfens Plädoyer für kleinere Räume beinhaltet seine Warnung vor der Glückssuche in völliger Wandlosigkeit: „Bei aller Liebe zur großzügigen Offenheit sind und bleiben Wände ein unverzichtbares Element. Die Möblierung kann nur partiell in Funktionsbereiche gliedern und voneinander abgrenzen. Ein zu großzügiger Raum wirkt schnell wie eine Halle – unstrukturiert, kalt, unpersönlich“, gibt der Architekt zu bedenken. „Das Gefühl einer funktionslosen Leere, in der man sich verliert, ist unangenehm.“

Der OKAL-Architekt nutzt seit Jahren mit großem Erfolg Wandscheiben. Halbhoch oder schmal können sie dem großen Multifunktionsraum im Erdgeschoss eine sinnvolle Ordnung und Struktur geben, Teilräume erschaffen, ohne die gefühlte und in den langen Sichtachsen stets erlebbare Weite zu beeinträchtigen. „Dabei stellen die Wandscheiben lediglich eine Gliederungshilfe dar, keine zwingende Vorgabe. Die Architektur geht hier einen Schritt auf den Bewohner zu, indem sie seine Blickachsen führt und ihn aus dem Dilemma befreit, zu jeder Zeit alles erfassen zu müssen.“

Selbstverständlich, und das bestätigten die Erfahrungen mit der „Modern Living“-Serie, müssen in höheren Räumen auch die Fenster- und Türformate neu durchdacht werden. Was schnell gesagt, aber schwer getan ist: Industriell gefertigte Innentüren beispielsweise, denen nun eine Höhe von 2,35 Metern abverlangt wird, bieten bislang lediglich zwei Hersteller. Technisch nicht ohne ist gleichfalls die Unterbringung von 30 Zentimetern mehr Rollläden in der Wand – ohne neue Kältebrücken aufzureißen. Auch der Treppenaufbau ändert sich, die neuen Raumhöhen erfordern zwei Stufen mehr.

Auf der Suche nach der Form der Moderne wird bei OKAL das Thema „Stadtvilla“ konsequent weitergeführt. Sven Propfen sieht dabei Innen- und Außenarchitektur keineswegs in voneinander getrennten Lagern: Das äußere Versprechen solle im Innern eingelöst werden. Das gilt für die klassischen Stilelemente wie für die modernen. Beeindruckend, wie in seinem jüngsten Stadtvillenentwurf „FZ 98-98 B V6“ Putz- und Holzfassade mit variablen Fensterformaten harmonieren: Vom exklusiven, beide Geschosse verbindenden, dabei gekonnt gegliederten Glaselement übereck bis hin zu schmalen hohen Fenstertüren und kleineren, sogar liegend platzierten Fenstern wird dem Auge mehr als üblich geboten, ohne dabei die Wirkung von Harmonie und Symmetrie zu vernachlässigen.

Ein Einwand von anno dunnemals gegen hohe Räume hat sich inzwischen erledigt: Höhere Energiekosten sind damit nicht (mehr) verbunden. Die OKAL-Entwürfe mit den veränderten Raumformaten sind selbstredend als „Effizienzhaus 70“ konzipiert.

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