Stilkunde: Landhaus modern

Moderne Landhäuser transportieren Architekturgeschichte in die Gegenwart. Sie setzen sich optisch meist deutlich von ihren Vorbildern ab, weisen aber weiterhin einig gemeinsame Merkmale auf.

Mit mindestens einem Augen zwinkern sagt Prof. Michael Bollé, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts „eigentlich nichts mehr für traditionelle Landhäuser spricht, wenn damit gemeint ist, ob man solche wieder bauen sollte“. Doch er fügt so gleich hinzu: „Der Wohnwert der vorhandenen ist allerdings sehr hoch, weil sie äußerst solide gebaut sind und eine Nutzung mit unseren heutigen Gewohnheiten durchaus vertragen.

Es ist sicher kein Zufall, dass moderne Architekten häufig in diesen Altbauten wohnen und nicht etwa in selbst entworfenen. Probleme bereitet oft die in zwischen veraltete Haustechnik. Ein wesentlicher Punkt für ihre Beliebtheit – wenn man sie sich denn leisten kann – ist das gänzlich andere Raumgefühl, verursacht durch eine größere Höhe, als sie heutzutage gemeinhin üblich ist.“ Solche Einschränkungen spielen beim modernen Nachfolger keine Rolle mehr, denn nicht zuletzt die Haustechnik macht das heutige Landhaus zum modernen Landhaus.

Im Prinzip, erklärt Prof. Bollé, „ist es dasselbe wie das klassische, jedoch in einer Formensprache, die wir gemeinhin mit dem Bauhaus assoziieren, also der klassischen Moderne“. Der Kubus der modernen Landhäuser sei „wesentlich einfacher, weil auf stereometrisch eindeutige Formen reduzierbar. Weswegen man das Flachdach bevorzugt, obwohl das im nordalpinen Europa durchaus problematisch ist oder zumindest war. Natürlich fiel auch die klassische Formensprache weg, also der ,Säulenkram’, was allerdings in der Vormoderne um 1910 auch schon zu beobachten ist.“

Einen ganz wesentlichen Unterscheidungspunkt nennt der Berliner Architekturtheoretiker aber „die Entwicklung mehr oder weniger offener Grundrisse, also die Aufgabe der klassischen Zimmeraufteilung mit den oft schwierig zu bespielenden Korridoren. Die ,entjodelte’ Fassade gefällt mir, das ,Jodeln’ in der Architektur“, seufzt der Professor, „ist indes weder stil- noch zeitgebunden.“

Es lasse sich nicht pauschal sagen, ob ein modernes Landhaus etwa empfehlenswerter sei als ein traditionelles. „Das hängt vom Wohnverständnis des Nutzers ab, sofern er denn eines besitzt.“ Manches typische Element des klassischen Landhauses finden wir hin und wieder auch am modernen, etwa den großen Dachüberstand, Erker oder Sprossenfenster. Welche Elemente haben nichts zu suchen bei einem modernen Landhaus? Michael Bollé: „Für die Baukonstruktion ist das eigentlich kein Aspekt, von Ausnahmen, wie beispielsweise Fachwerk mit Betonausfachung oder Eternitverkleidungen, abgesehen. Das Dekorative ist in der Regel immer überflüssig, ist aber eine Begriffsfrage. Es gibt zumindest in der klassischen Formensprache Dinge, die wir als Dekoration verstehen, die aber eigentlich regelhaften Ursprungs sind. Ich denke da an Säulenordnungen.“

Auch die Entscheidung über die geeignete, stimmige Dachform – passt ein Flachdach auf ein traditionelles Landhaus? – müsse vernünftigerweise „eine Sache des Einzelfalls“ bleiben. Die allgemeine Überlegung, inwieweit Stiltreue beim Bauen Behaglichkeit beim Wohnen beeinflusse, will der Professor lieber anders herum beantworten: „Stilbrüche beeinträchtigen dieses Gefühl offenbar nicht – was zu bedauern ist!“

Hier finden Sie Beispiele aktueller Landhäuser in der Übersicht.

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