Moderne Landhaus-Architektur

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    „Fallingwater“ von Frank Lloyd Wright gilt als Meisterwerk „organischer“ Architektur. Fluss und Wasserfall sollten mit dem Leben der Familie eine Klang-Symbiose eingehen.

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    Im Wohnraum wurden einzelne Felsen in ihrer natürlichen Form belassen, sie ragen unbehandelt aus dem gewachsten Steinfußboden heraus.

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    Urbild unserer Sehnsucht nach der romantisch-heilen Welt: strohgedecktes Holzfachwerk mit Lehmwänden im englischen Dorf Shottery.

Der Traum vom eigenen Heim hat für viele denselben Namen: Landhaus. Draußen vor der Stadt, wo die Natur noch zum Lauf des Lebens gehört. Landhaus-Architektur muss nicht das Gestern konservieren – sie ist auch als reizvolle Moderne zu haben.

Bauernhäuser sind die Urahnen ländlichen Stilempfindens von heute. Streng dem wirtschaftlichen Zweck und den Wettergegebenheiten verpflichtet, boten sie Unterschlupf für Mensch und Tier. Die Nähe zum Vieh als zusätzlicher Wärmequelle spielte im Winter ein wichtige Rolle.

Der arbeitspralle Alltag wies den meist kleinen Räumen ihre Aufgaben zu: Lagerung, Kühlung, Nahrungs-Zubereitung. Drumherum drapierte sich der Mensch. Auf uns heute wirkt das beispielhaft bodenständig und heimatverbunden. Denken wir nur mal an die Cottages der britischen Inseln: Die Landschaft der Umgebung lieferte die Baustoffe, die es mit der regionalen Ausprägung der Jahreszeiten und dem peitschenden Salzwasser aufnehmen konnten. Die Asymmetrie der Fenster war kein architektonischer Kick, sondern pragmatisches Los der Wetterseiten.

Wohlhabende Städter fanden Anfang des 19. Jahrhunderts in Dörfern ihre temporäre „Pastorale“. Sie errichteten freilich eher Villenalsdasbescheidene Kleinod in der Natur. Die bewusste Rückkehr zu den Landhaus-Wurzeln begann im 20. Jahrhundert in Gestalt der sogenannten Heimatschutzarchitektur. Während die neureichen Villen ob Stadt oder Land, eher den internationalen Auswüchsen von Historismus und Jugendstil frönten, verstand sich die Reformarchitektur als Gegner geschmacksverirrter Globalisierung: Schlichte, reduzierte Formen, rustikale Oberflächen und die Einbeziehung regionaler Handwerkskunst erdeten den Country- Gestaltungswillen.


Aus gutem Grund pilgerten seit der Umwidmung zum Museum im Jahre 1964 um die vier Millionen Besucher zu einem Haus, das Statikern rote Hektik-Flecken an den Hals treibt und wegen der radikalen Nähe zum Wasser als sicherer Anwärter für Schimmelbefall gelten müsste. Natürlich ist „Fallingwater“, Frank Lloyd Wrights Musterbeispiel für „organische Architektur“, ein Extremfall. Es könnte an keinem anderen Platz der Welt stehen.

Ein konsequentes Unikat: Näher, unmittelbarer heran an die Natur kann man nicht bauen. Die bewohnbare optische Verlängerung der horizontal verlaufenden Gesteinsschichten, der Bau-Klang-Körper, der die Geräusche des fließenden und herabstürzenden Wassers potenziert, macht zwar Gespräche auf der Terrasse unmöglich, aber die Landschaft drum herum durch riesige Fensterflächen zum allgegenwärtigen Dramaturgen.

Es liegt in der Natur der Sache dass die meisten Bauherren ihre Landhaus-Vorlieben einige Nummern kleiner und bescheidener realisieren. Das lässt dieser Haustyp auch zu, ohne dabei seine besonderen Qualitäten einzubüßen. Bei aller Baufreiheit und Individualität: Wenn das neue Haus, statt die umgebende Landschaft zu reflektieren und der Natur seine Aufwartung zu machen, in befremdlicher Kostümierung oder Baumarkt-ummantelter Beliebigkeit daherkommt und im fantasielos erschlossenen Neubaugebiet als Urlaubsimport „Toskana Arezo" neben dem Holzhaus "Michel aus Lönneberg" vor sich hin steht, hat das mit dem Architekturstil "Landhaus" nichts gemein. Der kann es besser.

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