Grün ist Gold

Schön soll eine Sache sein. Schön und nachhaltig. Doch was heißt das eigentlich wirklich?

Das Stichwort „Nachhaltigkeit“ fehlt heute in keiner Rede. Prof. Michael Braungart ist darüber nicht glücklich. Es ist ihm halbherzig – oft sogar verlogen. Nach seiner Ansicht steht eine Revolution in Richtung intelligente Verschwendung auf der Tagesordnung.

Das Wort „Nachhaltigkeit“ taucht heute wundertütengleich über­all auf. Ver­spre­chen auf Nach­haltigkeit fehlt nie, Ver­säum­nis wäre unkorrekt, rote Karte an die eigene Adresse. Dass Nach­haltigkeit darüber oft zur Leerformel wird, steht auf einem anderen Blatt. Es macht sie nicht weniger wichtig.


Offenbar ist Nach­haltigkeit ein Ver­halten, das auf gesunde Lang­zeitwirkung und auf die Freude zielt, die sich darüber einstellt. Bei Bauen und Wohnen bedeutet das im Ein­zel­nen etwas anderes als bei Reise, Han­del oder Mode. Doch gerade in etwas so Dauerhaftem wie dem eigenen Heim hat Gesundes und Nützliches nur Chance auf fortwährende Zu­wendung, wenn es als schön empfunden wird. Wer will schon von einem hässlichen Haus noch wissen, dass es gesund und nachhaltig ist!


Brad Pitt hilft in New Orleans im Gefolge von Hurrikan „Katrina“ beim Bau einer Ökohaus-Siedlung, die zweckmäßig und schön werden soll. Architekt Robert Kalten­brunner schrieb über die neuen Ökobewussten, zu de­nen Leute wie Pitt zählen, sie seien „ethisch hochempfindsam, dabei konsumfreudig und statusbewusst ... Die Grund­hal­tung, das Leben zwar in vollen Zügen, aber nicht auf Kosten der Umwelt oder der Mit­menschen zu genießen, zeigt eine neue ge­sellschaftliche Richtung. Nach­haltige Archi­tektur muss weg von einer ma­geren Entsa­gungsästhetik.“


Der Chemiker und Verfahrenstech­niker Prof. Michael Braungart, Mitautor des De­sign­kon­zepts „Cradle to Cradle“ (Von der Wiege zur Wiege) spricht im Interview von seinen Bauch­schmerzen hinsichtlich des Begriffs „Nach­hal­tigkeit“: „Sie beschreibt bestenfalls ein Mini­mum, und sie ist in ihrer Zielstellung viel zu bescheiden, oft richtiggehend falsch. Was wir brauchen, auch beim Bauen, ist ein Pa­radigmenwechsel, denn auch weniger schädlich ist noch lange nicht gut.“


Das „Cradle to Cradle“-Prinzip (C2C) hat als Lösungsansatz das Ziel, Produkte – auch zum Wohnen – zu re-materialisieren statt sie, wie heute meist, zu de-materialisieren. Geht es nach Prof. Braungart, gibt es in Zukunft nur zwei Arten von Produkte: Verbrauchs­güter, die vollständig biologisch abgebaut werden können, und Gebrauchsgüter, die sich endlos recyclen lassen. Seine Devise: Nicht weniger müssen wir produzieren, sondern verschwen­­derisch, aber in technischen und biologischen Kreisläufen – mit der Natur als Vorbild. Insofern gibt es für Prof. Braungart kein rich­­tiges Leben im falschen.



Chemiker Braungart, der die C2C-Auf­fas­sung mit dem US-Architekten William Mc­Do­nough entwickelt hat, erklärt: „Unser De­sign­konzept ist durch die Natur inspiriert, in der es keine Probleme mit ,Abfall‘ gibt, in der ,Abfall‘ vielmehr gleichbedeutend mit ,Nah­rung‘ ist. Unser Konzept ,Von der Wiege zur Wiege‘ steht dem Modell ,Cradle to Gra­ve‘ – von der Wiege zur Bahre – gegenüber. In Letzterem werden die Stoffströme, die mit einem Produkt zusammenhängen, allzu oft nicht unter dem Gedanken der Ressourcen­er­haltung gesehen. Vielmehr verschwinden bei ihm Materialien und Produkte am Ende ihres Weges oft auf Nimmer­wiedersehen auf Müll­deponien, werden verbrannt oder akkumulieren sich gar in den Ökosystemen. Hin­ter dem C2C-Design­kon­zept steht dagegen die Absicht, hochprofitable Produkte zu entwickeln, die einfach nur nützlich sind und ständig als Nährstoffe für neue Produkte verwendet werden können. Es geht also ge­rade nicht darum, Abfall zu vermeiden, sondern ohne schlechtes Gewissen zu konsumieren.“


Intelligente Produkte können für Michael Braungart solche sein, die entweder biologisch oder technisch nützlich sind. „Wir sind nicht zu viele Menschen auf der Erde, wir müssen nicht vermeiden, vermindern, re­du­zieren, verzichten, minimieren. Schauen wir uns die Ameisen an: Der Kalo­rien­ver­brauch aller Ameisen entspricht vergleichsweise dem von 30 Milliarden Menschen, und das Ökosystem verkraftet sie auch. Wir sind also nicht zu viele Menschen, sondern nur zu blöd. Es geht um intelligente Verschwen­dung. Ener­gie ha­ben wir auf unserem Plane­­ten genug.“


Was aber heißt das beispielhaft? Michael Braun­gart fürchtet solche Nach­fra­gen nicht. „Gemeinsam mit Triumph haben wir das ers­te Schwarz entwickelt, das wirklich für den Kontakt mit der menschlichen Haut geeignet ist.“ Oder: „Wir brauchen keine Passivhäuser, sondern Energie­plus­häuser, die die Luft rei­ni­gen. Die Innen­raum­luft herkömmlicher Bau­­ten ist 3- bis 8-mal schlechter als die schlech­­teste Ber­liner Stadtluft.“ Oder: „Die Firma Bionorica hat in Neumarkt beim Bau ihrer neuen Zen­trale die Fenster vom Un­ter­­nehmen Schü­­co nicht gekauft, sondern für 25 Jahre geliehen, also eine Art Durch­guck­versi­che­rung vereinbart. Auch die Tep­pich­böden sind nur geliehen, die verwendeten Far­­ben reinigen aktiv die Luft, der Stahl kommt ohne seltene Buntmetalle aus, und die Büromöbel entsprechen gleichfalls C2C.“


Schönheit bedeutet für Prof. Braungart vor allem Gesundheit, und darin ist er sich zum Beispiel mit der „Unternehmerin des Jahres 2008“, Baufritz-Ge­schäftsführerin Dag­­mar Fritz, einig, die seit Längerem ihre Bran­che dazu drängt, keine ausdünstenden, krank­­ma­chenden Bau­stof­fe mehr zu verwenden.


Fürs Bauen und Woh­nen sieht Mi­­chael Braun­­gart enorme, jedoch lös­bare Heraus­for­derun­gen, weit über gängige Ziele hinaus. Kostproben? Der Ver­fah­rens­techniker mit um­fang­reicher Praxis­er­fah­rung hält etwa Reishülsen, „von denen jedes Jahr 60 Millionen Tonnen anfallen“, für einen idealen Dämmstoff im Sinne von C2C. Er findet, dass Firmen für Styropor, „selbst wenn sie es meis­terhaft einbauen, eine Rück­nah­me­garantie ge­währen“, es wegen des Flamm­schutz­mittels am besten aber eigentlich gar nicht verwenden sollten. Er spricht davon, dass „20 Prozent der deutschen Be­stands­immobilien ein Schimmel­problem ha­ben“, und sagt auf die Frage, was denn heute überhaupt für Bestands­immobilien getan werden kann, um sie im Sinne von C2C nach­haltig fit zu machen: „Zwei Drittel können gerettet und lebensfreundlich gestaltet, ein Drittel müsste rückgebaut werden.“



Ungläubige Rückfrage, ob er das ernst mei­ne. „Natürlich. Das ist eine riesige Heraus­for­derung, doch wir können sie meistern. Das wäre besser als ein Umwelt­schutz, der sich nur damit begnügt, schlechte Dinge besser zu machen. Vergessen Sie gerade für diesen Fall nicht: In Gefahr und gro­ßer Not ist der Mittelweg der Tod.“


Was er bedeutet, woher er kommt

Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ (englisch: sustainable development) beschreibt eine ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung, die weltweit die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne die Lebenschancen und -grundlagen kommender Generationen zu gefährden.

Der oft inflationär, nicht selten schindludrig benutzte Begriff geht zurück auf „Nachhal­tigkeit“, ein Wort aus der Forstwirtschaft. Es bezeichnet dort ein Bewirtschaf­tungs­prin­zip, das da­durch geprägt ist, nicht mehr Holz zu ernten, als jeweils nachwachsen kann.


Der Grundgedanke nachhaltiger Ent­wick­lung wurde gleichsam erstmals im Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ der World Com­mis­sion on Environment and Deve­lop­ment („Brundtland-Kommission“) be­han­delt und spielt seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro in der öffentlichen Diskussion eine herausragende Rolle. Nachhaltige Entwicklung betont demnach qualitatives Wachstum, da quantitatives Wachstum – nicht zuletzt wegen endlicher Ressourcen und begrenzter Aufnahmeka­pazität der Natur – auf lange Sicht vielfach nicht mehr möglich ist.


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