Die Natur der Chefin

/Frau Fritz, welche Neuheiten zu energiesparender Bau­weise, die sich auch ästhetisch sehen lassen können, zeichnen sich bei Ih­nen ab?/

*Dagmar Fritz:* Wir befinden uns mitten in ei­nem Umbruch: Wir sind soeben auf ein neu­es Konstruktionssystem für alle Bauteile am Haus umgestiegen. Es betrifft Wände und Dach, Decke und Fenster. Wir haben damit das selbst gesteckte Ziel erreicht, ein dreifach verglastes, KfW-55-förderfähiges Effi­zienzhaus zum gleichen Preis anbieten zu können wie bisher ein KfW-70-Haus. Letzt­lich bedeutet das: Wir ermöglichen mit allen unseren Häusern höchste Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und staatliche Fördermittel. Das ist mehr als geldwerte Leis­tung für un­se­re Bauherren.

/Profitieren davon bei Ihnen die In­teressen­ten in allen Preisklassen?/

*Dagmar Fritz:* Absolut. Das Haus mit dem 2009 durchschnittlichen Auftragsvolumen von 396.000 Euro ebenso wie eines für nur 230.000 Euro.

/Ab wann kommen Bauherren in den Genuss dieses Mehrwerts?/

*Dagmar Fritz:* Die Regelung ist in Kraft. Ich den­­ke, es ist die mit Abstand beste Effi­zi­enzbauweise, die Baufritz je hatte – und das auch noch zum besten Preis-Leis­tungs-Ver­hältnis.

/Auf wessen Konto geht die Entwicklung?/

*Dagmar Fritz:* Das war klassische Teamarbeit. Unsere Ingenieure, mein Vater und andere ha­ben sich buchstäblich aufgerieben. Ein heißes Ding! Doch einmal mehr zeigte sich: Wenn‘s knifflig wird, wird‘s gut. Ich bin darüber wirklich froh.

/Welche Konkurrenzsorge haben Sie derzeit?/

*Dagmar Fritz:* Angst vor dem Wettbewerb haben wir grundsätzlich nicht. Trotzdem se­he ich mit Sorge, dass manche Firmen auf den Öko-Zug nur rhetorisch aufspringen und billige Grünwäsche betreiben: Grün ist in, Öko­logie gefragt – also schmücken sich auch die mit grünen Werten, die mit ihren An­ge­boten und Qualitäten in keiner Weise überzeugen können.

/Warum bauen Sie keine Passivhäuser?/

*Dagmar Fritz:* Aus Überzeugung. Passiv­häu­ser müssen laut Vorgaben zwei Voraus­set­zungen erfüllen – eine für die Gebäude­hülle und eine für die Haustechnik. Die An­for­de­rungen an die Qualität der Gebäude­hülle für ein Passivhaus meistern wir locker. Das heißt, wenn wir ein Baufritz-Haus beheizen, belüften und mit Energie versorgen wollen, erfüllt unsere Gebäude­hülle die Auflagen für ein Pas­sivhaus. Im Technik­be­reich jedoch verschlie­ßen wir uns manchem, etwa einer zentralen Zu­luft-Anlage.

/Absichtlich?/

*Dagmar Fritz:* Ja, und zwar im Interesse von Allergikern. Wir wollen die Menschen nicht in einer Wohnmaschine mit schlechter Raumluft einsperren.

/Diese Verweigerung bedeutet nach Ihrem Verständnis keinen Verzicht auf Qualität?/

*Dagmar Fritz:* Im Gegenteil. Wir lehnen die Überbewertung eines Teil­aspekts ab, der zur Bedingung fürs Zertifikat ge­macht wird. Wir betrachten Häuser als Ganzes. Dazu gehören neben physikalischen Ge­sichts­punkten chemische und baubiologische.

/Woran denken Sie konkret?/

*Dagmar Fritz:* Zum Beispiel daran, dass die Emissionen von sogenannten Flüchtigen Or­ganischen Verbindungen, der VOC (Vola­tile Organic Compounds), so klein wie irgend möglich bleiben. Dabei handelt es sich um Aus­dünstungen aus Klebstoffen, Leimen, Ölen, Wachsen, Farben und so weiter.

VOC-Auslöser können aber auch Baustoffe und Möbel, Teppiche und Reinigungs­mittel sein. Und wie bei alkoholischen Getränken ist auch hier der Cocktail oft gefährlicher als ei­ne Zutat. Für einen einheitlichen Umgang mit den VOC gibt es in Deutschland bisher keinen verbindlichen Standard. Aber Baufritz bietet seinen Bau­herren schon jetzt die Sicherheit eines schadstoffgeprüften Wohn­umfelds und somit mehr Wohnge­sundheit. Wir gehen hier in Vor­leistung. Mit einem seit Kurzem im Einsatz befindlichen elektronischen Messgerät, der „Baufritz-Spürnase“, kön­nen Quellen für Schadstoffbelastungen sofort aufgespürt werden.

/Sie haben die VOC-Messung, obwohl ge­setzlich nicht dazu verpflichtet, zum Bau­fritz-Standard erhoben?/

*Dagmar Fritz:* In der Tat. Sie ist Bestandteil des Bauauftrages und wird nach jeder Haus­montage durchgeführt. Die interne Überwachung und ständige Analyse sichert unseren Kunden vorbildliche Raumluft-Qualität. Bei all dem helfen das schadstoffgeprüfte Na­tur­material Holz und ein ausgefeiltes Gesund­heitskonzept. Im Allgemeinen gelten übrigens lediglich fünf Prozent aller Baustoffe in Deutschland gegenwärtig als emissions- oder schadstoffarm.

/Immer öfter ist von „variablen Grundrissen für flexible Wohn­formen“ und „mitwachsenden Häusern“ die Rede, grad so, als gäbe es nichts Einfacheres, als ein Haus zu bauen, das sich ständig neuen Wünschen anpassen kann. Ist das seriös und entwickelt Baufritz hierfür Angebote?/

Dagmar Fritz: Wenn Räume ordentlich ge­schnitten sind, sind sie flexibel. Wenn der Grundriss ordentlich dimensionierte Räume aufweist, muss ich keine Wände verschieben, um sie tauglich für neue Anforderungen zu machen. Ein Raum mit sinnvoll angeordneten Fenstern kann immer Wohn-, Schlaf- oder Arbeits­raum sein, solange er nicht zu klein, zu groß oder gänzlich unmöblierbar geschnitten ist. Die Ver­heißung „mitwachsender Häuser“ ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Und übrigens: Baufritz hat schon vor zehn Jahren Häuser mit verschiebbaren Innenwänden realisiert.

/Wir finden es traurig, dass sich der Hausbau noch immer weithin mit dem Verkauf von Wänden begnügt …/

*Dagmar Fritz:* Das ist leider wahr. Es rührt von der Praxis her, möglichst viele Quad­rat­meter zu verkaufen und vieles nur durch die­se Brille zu betrachten: Miete pro Qua­drat­meter, Energieverbrauch pro Quadrat­meter und so weiter. Diese Einsei­tigkeit führt schnell zu Uniformität und Langeweile.

/Wann ist Familienhaus-Architektur schön?/

*Dagmar Fritz:* Wenn Fassaden, Achsen und Symmetrien stimmen. Schönheit hat ja Re­geln, auch in der Architektur, und interessant ist jeweils, welche neuen Chancen zur Schön­heitsgestaltung aus neuen technologischen Möglichkeiten hervorgehen können.

/Wie bewerten Sie rückblickend die Auf­hebung der strikten Trennung zwischen Ko­chen und Wohnen, Küche und Wohnraum?/

*Dagmar Fritz:* Eine emanzipatorische Maß­nahme! Die Entfernung der Küchen­wand war ein Befreiungsschritt für die Frau aus ihrem Kochgefängnis, in der nur noch die Eisen­ku­gel am Fuß gefehlt hatte.

/Woraus entsteht Modernität?/

*Dagmar Fritz:* Aus neuen technischen Mög­lichkeiten wachsen meist neue Chancen, Konstruktionen und Details auch ästhetisch zu verbessern– ich denke da beispielsweise an die Rahmen­freiheit bei Fenstern.

/Langeweile durch den Terror der Geraden …/

Dagmar Fritz: Nicht unbedingt. Ich denke nicht nur an Leisten aus Stahl, sondern aus warmem Kirsch­baum oder textile Vor­hänge. Oft ist es der Kontrast, den wir mögen – von Materialien, Geraden, Rundungen.

/Welche Erfahrungen machen Sie mit Far­ben, was empfinden Sie als wertig?/

*Dagmar Fritz:* Ästhetisch sind für mich Far­ben, die die Natur hervorbringt. In der Natur gibt es auch knallige, schreiende Far­ben. Aber die sind nicht die Regel, und wenn es sie gibt, sind sie Tupfer, nicht Haupt­dar­stel­ler. Die Natur hat Maß und Augen­maß. Auch darin können wir viel lernen und eigenes Maß finden.

/Welche Lösungen haben sich für die Ge­staltung im Obergeschoss durchgesetzt?/

*Dagmar Fritz:* Die neuen räumlichen Frei­heiten im Erdgeschoss wollen sich viele oben nicht wieder kassieren lassen. Das bedeutet unter anderem: Das Bad gewinnt weiter an Gewicht. Es wächst, und wir bauen es inzwischen manchmal schon als Teil des Schlaf­zimmers, spüren, dass es für immer mehr Bauherren ein echter Rekreationsraum ge­worden ist. Und eine weitere Änderung: Die Ankleide hat sich etabliert, aber sie ist weg vom Schlafzimmer, hin zum Bad ge­wandert, was richtig ist.

/Oft denkt Architektur bloß ans Funk­tio­nie­ren. So bezweifeln wir, ob sich Gebor­genheit als Schwester der Schönheit in immer grö­ßeren, saalähnlichen Räumen vor markthallengroßen Fensterflächen einstellt./

*Dagmar Fritz:* Ja, es gibt so manche aufgeblasene Familienhäuser, die offenbar aus Protzbedürfnis entstanden sind: Riesige Küchen, in denen niemand kocht; Sofas, die sich wie im All verlieren, überdimensionale Regale ohne ein einziges Buch …

Solche Bauherren hat Baufritz jedoch kaum. Leute, die mit ihrem Haus schaulaufen wollen, kommen eher nicht zu uns. Typische Bau­fritz-Kunden sind dagegen solche, die auf innere und gesunde Werte setzen. Wer zum Beispiel Holz als Baustoff partout nicht mag, wird kaum bei uns vorstellig. Unsere Kunden mögen eher das Understatement, geben sich natürlich, sind selten overdressed – und die Frauen nicht geliftet. Auch diesbezüglich ist Baufritz eine silikonfreie Zone.

/Sie haben mal gesagt, von Vater Hubert hätten Sie das Prinzip der offenen Cheftüre übernommen. Wie messbar ist das als Pro­duktivkraft?/

*Dagmar Fritz:* Sie funktioniert. Zu mir kommen viele Mitarbeiter. Ich bin für jeden zu sprechen – deshalb brauchen und haben wir immer noch keinen Betriebsrat. Motto: Lie­ber sprechen statt schimpfen!

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