Der ganz kurze Weg ins Büro: Arbeiten von Zuhause

/Arbeiten von zu Hause aus verlangt mehr Selbstkontrolle als im Büro. Ist dafür jeder geeignet?/

*Julia Hapkemeyer:* Strukturiertheit, Disziplin und Selbstmotivation sollten für so einen „einsamen“ Job schon mitgebracht werden. Schließlich schaut einem bei der dritten Kaffeepause niemand misstrauisch über die Schulter und auch der Feierabend ist selbstbestimmt. Auf der anderen Seite integrieren viele Firmen inzwischen Techniken in die Software, mit der sie überschauen können, wann und wie lange ihre Angestellten zu Hause am Computer sitzen.

Über solche Praktiken kann man natürlich geteilter Meinung sein. Wichtig ist, dass bei beiden Seiten die Vorteile überwiegen – gute Arbeitsergebnisse für die Firma sowie flexible Arbeitszeiten ohne Fahrtwege für den Arbeitnehmer. Paradoxerweise kann aber in bestimmten Situationen das Homeoffice auch die Imbalance zwischen Arbeit und Privatleben verschärfen. Insbesondere in sehr stressigen Berufen berichten Befragte häufig, dass ihnen die psychologische Trennung zwischen Familie und Job sehr schwer fällt.

/Welche Arbeitsplatzmodelle halten Sie für die geeignetsten?/

*Julia Hapkemeyer:* Zu empfehlen ist, auch bei Homeoffice ein bis zwei Tage pro Woche in der Firma zu arbeiten. Forscher haben analysiert, dass Mitarbeiter eines Teams, die räumlich miteinander verbunden sind, deutlich kreativeren Output erzeugen und sich gegenseitig unbewusst motivieren. Es gibt also einen „Kollegen-Effekt“. Gerade introvertierte Personen, die sich in der Gruppe nicht so wohlfühlen, sollten den Teamkontakt für den strukturierten Gedankenaustausch suchen. So können sie auch einen effektiveren „Fahrplan“ für das Arbeiten zu Hause entwickeln.

Viele Frauen sehen das Homeoffice-Modell wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf als attraktiv an. Junge Arbeitnehmer hingegen sind an dieser Arbeitsform weniger interessiert, da sie lieber im Büro persönliche Kontakte knüpfen wollen, die für ihre Karriere hilfreich sein könnten.

/Welche Regeln sollten familienintern befolgt werden, damit das heimische Arbeitsmodell überhaupt funktioniert?/

*Julia Hapkemeyer:* Störungen des Arbeitsflusses sind eine große Belastung. Deshalb ist eine klare räumliche Trennung wichtig. Diese sollte auch für Kleinkinder nachvollziehbar sein. Stolpere ich beim Weg zum Schreibtisch über ein Kinderspielzeug, kann das schon meine Konzentration einschränken. Die eindeutige räumliche Abgrenzung wirkt sich unterstützend auf die psychische Abgrenzung aus. Generell sollte die arbeitende Person so behandelt werden, als wäre sie gar nicht da. Gegen einen kurzen privaten Austausch in vereinbarten Pausen spricht natürlich nichts.

/Wie sieht denn das optimale Arbeits-Pausen-Verhältnis aus?/

*Julia Hapkemeyer:* Zu Hause wird oft länger am Stück gearbeitet, was zu Stress und Überlastung führen kann. Während in Unternehmen kurze Pausen mit Kollegen üblich sind und in der Mittagspause der Schreibtisch verlassen wird, bleiben Beschäftigte zu Hause häufig durchgehend am Schreibtisch sitzen und gestalten ihre Ruhepausen nicht bewusst. Daher empfiehlt sich ein strikter Arbeits- und Pausenplan. Der ideale Zyklus sind 10 Minuten Pause alle 2 Stunden sowie 30 Minuten Mittagspause. Dieses Wechselspiel wird zu selten eingehalten. Nach 4 Stunden pausenlosen Arbeitens bewegt sich die Konzentrationskurve allerdings so steil nach unten, dass effizientes Weiterarbeiten nicht funktioniert, auch wenn man selbst ein anderes Gefühl hat. Im Internet surfen oder private Mails beantworten sind übrigens keine Erholung – Bewegung und Ortswechsel schon.

/Wie plant man das ideale Arbeitszimmer?/

*Julia Hapkemeyer:* Wenn Sie die Wahl haben, sollte immer ein möglichst großer Raum als Büro dienen. Räumliche Großzügigkeit in Breite und Höhe beflügelt auch den Geist. Generell gilt: möglichst viel Tageslicht. Das Büro im Keller ist nicht anregend. Es kann deutlich auf die Stimmung drücken und damit die Arbeitsleistung beeinträchtigen. Auch ein Homeoffice darf gemütlich sein. Persönliche Einrichtungsgegenstände, etwa Fotos, Dekoration, Pflanzen sind auch zu Hause erlaubt. Eine Couch in der Ecke geht in Ordnung, solange sie nicht von der Familie mit genutzt wird und ich mich auch selbst disziplinieren kann.

Im Idealfall schafft man sich zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche in einem Raum. Beispielsweise zum Schreibtisch noch einen Stehtisch. Gerade wenn frische Gedanken gefragt sind, wirken ein kleiner Ortswechsel im Raum und eine andere Körperhaltung Wunder. Aber Vorsicht: Mit dem Laptop im Garten sitzen macht zwar Spaß, lenkt aber ab.
Arbeitszimmer sollten auch ohne Klimaanlage ein angenehmes Raumklima besitzen. Bei den Farben nicht zu unruhige Muster oder Bilder wählen. Und natürlich sollten auch zu Hause die Richtlinien zur ergonomischen Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen eingehalten werden.

/Ist es möglich, bei Platzmangel in einem Raum zu leben und zu arbeiten?/

*Julia Hapkemeyer:* Grundsätzlich ja, aber die optische Trennung der Bereiche ist obligatorisch. Vom Schreibtisch in den privaten Teil des Raumes zu blicken, ist nicht empfehlenswert. Ablenkungsgefahr!

/Welchen persönlichen Ratschlag können Sie mit auf den Weg geben?/

*Julia Hapkemeyer:* Ziehen Sie sich morgens genauso an, als wenn Sie ins Büro oder zu einem Meeting gehen – äußere Gepflegtheit führt unbewusst auch zu einer professionelleren inneren Arbeitsweise. Ein aufgeräumter Schreibtisch ist Pflicht. Gönnen Sie sich auch ein oder zwei vertraute Angewohnheiten – Woody Allen zum Beispiel schreibt immer noch auf seiner alten Schreibmaschine.

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