Naturgarten – Was ist das eigentlich?

Naturgarten – Was ist das eigentlich?

Wer früher einem Garten bescheinigte, er sehe natürlich aus, meinte eigentlich verwahrlost. Naturgärten, so gefragt wie nie, sind offenbar nicht ohne Sachverstand zu haben. Wir belegten einen Grundkurs bei Expertin Balbina Fuchs.

Was ist das eigentlich, ein Naturgarten? Schließt das eine das andere nicht kategorisch aus? Schließlich ist ein Garten immer gebändigte, ja gezähmte Natur. Und Natur ist eben Natur: Wildwuchs, Zufall, Durcheinander. Oder erklärt man beim Naturgarten einfach mangelnde Pflege und fehlendes Konzept zum Prinzip?


„Weit gefehlt“, sagt Balbina Fuchs. Die Gartenge- stalterin drückt gerade gemeinsam mit ihrem Vater noch einmal die Schulbank, um sich zur Natur- gärtnerin weiterzubilden. Ebenso partnerschaft- lich führen Vater und Tochter, beide Mitglieder der Gärtner von Eden, das Familienunternehmen mit dem Namen Fuchs baut Gärten in Lenggries. Hunderte privater Traumgärten in Bayern tragen ihre Handschrift, darunter immer mehr naturnahe.


Was ist eigentlich ein Naturgarten? Gibt es so etwas wie eine Definition?


Balbina Fuchs: Für ihre Kunden haben sich die Gärtner von Eden zur ersten Orientierung ein Gartentypenkonzept erdacht, mit dessen Hilfe jeder herausfinden kann, was am besten zu ihm passt. Wir unterteilen in Designfreund, Genießer, Ästhet und Naturmensch. Zum Garten für den Naturfreund heißt es: Unter Verwendung einheimischer Gehölze und naturhafter Blütenstände entstehen naturnahe Lebensräume für Mensch und Tier. Ich finde, das trifft es ganz gut. Pflanzen spielen in einem Naturgarten definitiv die Hauptrolle und sollten immer in organische Formen integriert werden. So unterstützen sie die Raumbildung und die strukturelle Vielfalt. Die Gestaltung verzichtet auf harte Konturen und lässt die Flächen sanft ineinander übergehen.


Was sind empfehlenswerte Pflanzen und Materialien? Wie wird Wasser harmonisch eingebunden?


Balbina Fuchs: Absolut typisch für den Naturgarten sind heimische Pflanzen und natürlich Nutzpflanzen. Mischhecken – etwa aus Haselnuss, Weißdorn, Vogelkirsche –, Trockenmauern und Wasserstellen bieten Menschen, Tieren und Pflanzen Wohlfühlorte. Im Prinzip passt in dieses Konzept alles, was Tieren als Futterlieferant, Lebensraum und Schutz dient. Als Holz für Terrassen, Stege, Möbel sollten immer heimische Arten wie Lärche oder Eiche verwendet werden.


Das Gleiche gilt für Steine – aus ästhetischen wie ethischen Gründen. Zum einen harmoniert heimischer Stein unangestrengt mit der natürlichen Umgebung. Zum anderen kann man sicher sein, dass er den hiesigen Klimagegebenheiten bestens standhält und deshalb langlebig ist. Und schließlich hat man nur bei einheimischen Materialien die Gewissheit, dass sie unter vernünftigen Bedingungen abgebaut werden. Von den Transportwegen mal ganz abgesehen. Wasser, in Gestalt eines Schwimmteichs oder eines Bachlaufs, gibt Libellen, Fröschen und vielen anderen Lebewesen ein Zuhause. Und der Mensch kann das saubere, unbehandelte Wasser beim Schwimmen genießen.


Gibt es regionale Unterschiede bei der Gestaltung von Naturgärten?


Balbina Fuchs: Auf jeden Fall. Bei uns in Bayern müssen Pflanzen und Materialien frostresistent sein. Klinker, wie sie in Norddeutschland liebend gern verwendet werden, wären bei uns völlig deplatziert. Wir bevorzugen Halleiner Kalkstein, weil er aus unserer Region stammt und perfekt ist für Trockenmauern, die unebene Gelände abstützen und Lebensräume schaffen. So hat jede Gegend ihren ganz typischen regionalen Stein, der einem Naturgarten immer gut zu Gesicht steht. Pflanzen müssen in unserer Gegend beispielsweise mit dem sehr hohen Kalkgehalt des Bodens zurechtkommen. Regionale oder sogar lokale Bodengegebenheiten sind ganz wichtige Faktoren.



Wie hoch ist der Pflegeaufwand für einen Naturgarten?


Balbina Fuchs: Der hängt immer auch vom eigenen Empfinden ab. Ein Naturgarten muss nicht wie gewienert aussehen. Aber es ist ein Trugschluss, dass er absolut pflegeleicht ist. Für ein verträgliches Miteinander bedarf es schon einer ordnenden Hand. Wer gärtnerische Betätigung liebt, für den ist ein Naturgarten ein Ort der entspannenden Beschäftigung und Erholung zugleich.


Statt eines perfekt geschnittenen grünen Rasens sollte ihn eine Blumenwiese zieren. Der muss man Zeit zum Wachsen, zum Ausbilden der Blüten und zum Aussamen geben. Damit die Wiese schön und vielseitig bleibt, muss sie auf magerem Boden stehen und sollte auch nur zweimal im Jahr gemäht werden. Also wenig Arbeit. Wenn jedes welke Blatt entfernt und jede verwelkte Blüte abgeschnitten wird, bilden sich keine Früchte oder Verstecke für Tiere. Eine wesentliche Frage ist: Wie viel Unordnung verträgt der moderne Mensch? Ist er in der Lage, wenigstens in einem Teil seines Gartens Lebensräume in Form von Reisighaufen, Blumenwiese, Mischhecke zu dulden? Wer die Natur so in seinen Garten lässt, darf sich auf spannende Entdeckungen freuen.


Bestimmte Pflegegänge sind nichtsdestotrotz vonnöten: Baumsämlinge und Unkraut wie das Springkraut müssen auch hier regelmäßig aus Beeten entfernt werden. Mischhecken sind zu schneiden, damit sie nicht zu groß zu werden. Die Blumenwiese muss nach dem Abwerfen der Samen gemäht und das Grüngut abgefahren werden. Stauden brauchen nach dem Frost einen Rückschnitt. Nutzpflanzen müssen geerntet und die Ernte verarbeitet werden.


Ist der Naturgarten eine neue Erfindung oder derzeit einfach besonders angesagt?


Balbina Fuchs: Ja, die Natur ist wieder gefragt, aber jeder Mensch hat eine andere Vorstellung von ihr. Für den einen gilt schon das Grün ums Haus als Beleg, dass er ein Naturmensch ist. Aber sobald ein Frosch quakt, fühlt er sich gestört. Der andere hat an jeder neuen Pflanze, an jedem neu entdeckten Tier seine helle Freude. Gerade junge Familien entdecken ihre Lust anzubauen, zu ernten, mit ihren Kindern die Landschaft zu erkunden. Deshalb erleben Bauerngärten mit Kräutern und Heilpflanzen eine Renaissance. Wie auch heimische Hölzer und antike oder regionale Steine.



Wo liegen die Herausforderungen? Was kann bei einem Naturgarten schiefgehen?


Balbina Fuchs: So ein Garten ist nichts fürs Image oder für den Mainstream. Einen Naturgarten muss man lieben, mit ihm leben und dort Zeit verbringen. Dazu braucht es Heimatverbundenheit und Fachwissen. Heimische Gehölze und Stauden sehen anders aus als die überdüngten, im Gewächshaus gezüchteten Pflanzen, die Baumärkte gern anbieten. Und auch Enttäuschungen sind nicht ausgeschlossen, bevor die Pflanzen richtig eingewachsen sind. Heute fehlen häufig die Zeit und die Geduld, den Garten geruhsam wachsen zu lassen.


Gibt es eine Mindestgröße für einen Naturgarten?

Balbina Fuchs: Nein, er kann im Topf anfangen und bis ins Unendliche reichen.


Aber eine natürliche bzw. chemiefreie Unkraut- und Schädlingsbekämpfung ist Pflicht?


Balbina Fuchs: Heimische Pflanzen sind generell nicht so anfällig für Schädlinge. Unkraut wird gezupft, wobei in nährstoffarmen Beeten eh weniger davon wächst, und Schnecken sammeln muss man in jedem Garten.


Was unterscheidet die Arbeit eines Naturgärtners von der konventioneller Gärtner?


Balbina Fuchs: Naturgärtnern setzt einen bewussten Umgang mit Pflanzen und Tieren voraus. Außerdem Mut zu ungewöhnlichen Konzepten und zu etwas Unordnung. Und natürlich ökologisches Verständnis und ein bisschen Weltverbesserertum. Eigentlich kann jeder Naturgärtner werden.


Es fragte Christiane Stoltenhoff; www.gaertner-von-eden.com; www.fuchs-baut-gaerten.de

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