Das Fenster zur Treppe: Traut ihr euch? Baden mit Aus- und Einblick? Musterhaus Concept-M 163, Bien-Zenker.
Das Fenster zur Treppe: Traut ihr euch? Baden mit Aus- und Einblick? Musterhaus Concept-M 163, Bien-Zenker.

Wie viel Individualität braucht euer Haus?



Jeder Mensch ist einzigartig. Klar, wissen wir! Jeder Mensch geht seinen ganz persönlichen Weg. Sowieso. Was für den einen gut ist, passt zu dem anderen überhaupt nicht.

Wir reden von „individuell reisen“ (was bei vielen nur heisst, dass sie Hotel und Flug getrennt buchen) und hören ständig, wie wichtig es sei, besonders zu sein. Unternehmen brauchen einen USP, ein Alleinstellungsmerkmal. Und bei diesem ganzen Individualitätsgesuche wünschen sich die meisten natürlich auch kein Haus von der Stange (was genau steckt eigentlich dahinter?), sondern ein eigens für sie entworfenes, ein Architektenhaus, ein Unikat.

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Ein Stuhl an der Wand als Regal. Eine witzige Idee. Wie viel Andersartigkeit traut ihr euch zu? (Kinderzimmer im Musterhaus Nürnberg von Fingerhuthaus)

Darf ein Grundriss Standard sein?

Was versteht ihr unter Individualität? Und wie viel Zeit und Intensität möchtet ihr investieren, um für ein ganzes Haus eure Wünsche und Bedürfnisse zu erkunden, zu definieren und in einen Grundriss zu stecken? Ich frage mich einfach, wie einzigartig sollte ein Grundriss nun wirklich sein?

Klar, jeder hat diese Dinge, die unbedingt so sein sollen, wenn ein neues Haus gebaut wird. Und natürlich kann man gut abschätzen, ob einem beispielsweise die Raumgrößen im zuvor besichtigten Musterhaus zusagen, ob eine Galerie ein Must-Have ist oder nicht. Aber alles der Individualität zuliebe auf den Kopf stellen? Fändet ihr es schlimm, wenn sich irgendwo in Deutschland noch weitere Baufamilien für diesen einen Entwurf entschieden haben, wenn er euch auf Anhieb gefällt?

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Sich individuell entfalten: Das klappt auch in vorgeplanten Entwürfen.

Man muss das Rad nicht neu erfinden

Meine Klamotten sind keine Unikate, mein Auto sehe ich auch bei anderen, meinen Geschmack kann man wohl Mainstream nennen. Ich finde es genau genommen ganz beruhigend, wenn Grundrisse erprobt sind. Bei aller Individualität funktionieren viele Tagesabläufe doch sehr ähnlich. Ich muss eine Raumaufteilung ja nicht neu erfinden, um mich darin wohlzufühlen.

Sich an Musterentwürfen zu orientieren oder sie genauso zu übernehmen, kann seine Vorteile haben. Und an Persönlichkeit büßt man dadurch auch nichts ein. Es ist sogar zeit- und nervenschonend. Beim Hausbau müssen beispielsweise für die Ausstattung noch genügend Entscheidungen getroffen werden, so dass jedes Haus ohnehin ein Unikat wird.

Hier ein paar Wände verschieben, Zimmer vergrößern oder verkleinern und vieles mehr ist bei den meisten Hausherstellern ohne Aufpreis möglich, wodurch das neue Zuhause dann auch schon auf die jeweiligen Bedürfnisse der Bauherren ausgerichtet wird.

Wie viel Exklusivität soll in eurer Planung zum Ausdruck kommen? Für ein Höchstmaß an Individualität braucht es auf jeden Fall Mut, Geld, das nötige Wissen, ein gutes Vorstellungsvermögen, ein Erkennen der eigenen Bedürfnisse und die Erfahrung, ob ein Grundriss so tatsächlich funktionieren kann. Die Planer und Architekten lassen euch damit natürlich nicht alleine. Aber je ausgefallener eure Ideen sind, desto genauer solltet ihr in euch hineinhören.

Ein kleines Beispiel: Ein Planer eines renommierten Hausbauunternehmens hatte kürzlich sein eigenes Traumhaus realisiert. Er verbrachte allein mit dem Entwurf eineinhalb Jahre. Und dass, obwohl er sich tagtäglich mit der Planung von Einfamilienhäusern auseinandersetzt. Es sollte perfekt auf seine und die Bedürfnisse seiner Familie zugeschnitten sein. Das ist ihm auch geglückt und dennoch ist er mit einigen speziellen Lösungen nicht zu 100 Prozent glücklich, eben weil sie manchmal im Alltag nicht funktional sind.

Das offen gestaltete Erdgeschoss

Up-to-Date sind Häuser mit einem offenen Wohn-, Ess- und Kochbereich. Wir haben uns daran gewöhnt. Er sieht schick aus, fühlt sich kommunikativer und größer an, als drei getrennte Räume.

Eine Baufamilie hatte mir kürzlich erzählt, sie wollte weg vom Standardgrundriss und entschied sich – entgegen aller Empfehlungen – für eine geschlossene Küche, die wiederum nicht zur Gartenseite des Hauses liegen sollte, wie der Wohn- und Essbereich, sondern zur Straßenseite hin; erreichbar über die Diele. Sie mussten sich nach Einzug eingestehen: Es war eine Fehlplanung. Die Wege zwischen den Räumlichkeiten sind lang, das Kochen in aller Abgeschiedenheit macht wenig Spaß. Doch die Einsicht kam leider zu spät. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich mit dieser unpraktischen Raumaufteilung zu arrangieren.

Damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich bin ein Fan von Individualität. Ich finde es toll, exklusive Architektenhäuser zu bestaunen. Ich würde euch nur mit auf den Weg geben, genau zu prüfen, wie besonders euer Grundriss werden soll. Dabei es geht um den Grad der Individualität und um die ehrliche Beantwortung der Frage, ob Mainstream nicht vielleicht doch gerade die richtige Antwort ist. Denn das, was (fast) alle mögen, muss nicht schlecht sein. Es ist vielleicht einfach nur eine Bestätigung.

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About me

Melina Rost Ich heiße Melina Rost, bin eine echte Berlinerin – habe zum Glück nie so gesprochen – und lebe gerne in der Hauptstadt. Ich arbeite als Moderatorin und Redakteurin; seit mittlerweile 8 Jahren für das Magazin mein schönes zuhause°°°.

Ästhetische Designs, Schönes und Außergewöhnliches, inspirierende Begegnungen: all das liebe ich. Allen voran meine kleine Tochter. Als Redakteurin darf ich viel unterwegs sein – in modernen Domizilen, auf interessanten Messen oder in schicken Hotels. Hier möchte ich über meine Lieblingswohnideen, über Architektur und den Hausbau bloggen. Über Dinge, die mich begeistern oder Erinnerungen wach werden lassen.

P.S.: Es kann ironisch werden. Ich verzichte aber auf Smiley-Zwinker oder Smiley-Lach. Sonst macht Ironie keinen Spaß... Ich freue mich auf unseren Austausch!



Melina Rost

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