Wohnpsychologie: Was bleibt, ändert sich

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„Je älter wir werden, desto mehr nähern wir uns dem Wohnstil unserer Eltern an“, beobachtet Wohnpsychologe Uwe Linke. Wir haben genauer nachgefragt.

Würden sie der Behauptung zustimmen, dass in jedem von uns Sehnsucht nach früher steckt?


Uwe Linke: Wenn mit „früher“ eine schöne und unbeschwerte Kindheit gemeint ist, in der wir sorglos aufwachsen und uns altersgemäß entwickeln konnten, dann haben alle Menschen tatsächlich Sehnsucht danach. Sehnsucht ist aber sehr persönlich geprägt von Wunschträumen und Idealen, die nicht vorhanden waren, oder einer Realität, die verklärt wird. Insofern steckt in vielen Menschen kaum Sehnsucht nach früher, sondern die Sehnsucht nach einer heilen Welt, liebevollen Menschen und einer fördernden Sozialstruktur. Außerdem ist es viel einfacher, die Vergangenheit zu beschönigen, weil wir für die Gestaltung des JETZT schließlich selbst verantwortlich sind.


Wo ziehen Sie bei alten Möbelstücken die Grenze zwischen „erhaltenswert“ und „nostalgischer Verklärung“?


Uwe Linke: Erhaltenswert meint alles, was einem ans Herz gewachsen ist und was man mit positiven Erinnerungen verbindet. Eine Kommode der lieben Oma muss dann auch nicht mehr einwandfrei sein, da die Erinnerung an die geliebte Person überwiegt und nicht die Perfektion oder die Praktikabilität.


„Nostalgisch“ dagegen bedeutet, nicht nur einzelne Stücke von früher aufzubewahren, sondern ein komplettes Museum daraus zu machen. Die „gute alte Zeit“ gerät schnell zur Verklärung von Werten und Tugenden, deren Verfall oft schon damals beklagt wurde. Verhängnisvoll wird es übrigens, wenn die Eltern oder Großeltern es „gut meinen“ mit geschenkten Möbelstücken oder Andenken, die sie dann gerne in der Wohnung des Beschenkten sehen würden.


Ist ein konträrer Einrichtungsstil zu dem elterlichen ein Ausdruck des „Andersseins“? Oder will man sich einfach nicht ertappt fühlen beim nacheifern?


Uwe Linke: Das kommt ganz auf das Verhältnis zu den Eltern an. In der psychodynamischen Entwicklung eines Menschen spielt beim Erwachsenwerden die Abgrenzung eine entscheidende Rolle. Das heißt nicht, dass wir uns nicht mehr mit den Eltern vertragen, im Gegenteil. Es bedeutet nur, dass wir ihnen nicht unbewusst alles nachmachen und ihren Stil übernehmen. Wer seine Eltern als ehrliche, selbstbewusste, achtbare Menschen schätzt, wird feststellen, dass im Laufe der Jahre unbewusst immer mehr von ihrem Wohnstil bei sich einzieht.



Als Jugendlicher empfand ich die Wohnung meiner Großeltern als sehr gemütlich, obwohl mir ihr Einrichtungsstil gar nicht zusagte.


Uwe Linke: Der größere Abstand zu den Großeltern lässt uns einfach weniger kritisch sein. Sie müssen nicht so streng zu Kindern sein wie die Eltern und setzen seltener Konsequenzen durch. Deshalb fühlen wir uns bei ihnen wohl und verbinden mit dem Interieur Wärme und Geborgenheit. Dieser Effekt wird auch in einem anderen Zusammenhang deutlich: Moden und Trends, die wir selbst bereits einmal mitgemacht haben, wollen wir einfach nicht noch einmal aufgewärmt erleben. Bunte „Pril“-Blumen auf Tapeten oder 70er-Jahre-Diskodekorationen finde ich nicht schön, weil das Design für mich abgelaufen ist. Wer allerdings jung ist und diese Zeit nicht miterlebt hat, kann diesem Revival-Trend was abgewinnen.


Interieur entwickelt also erst mit zeitlichem Abstand seinen Charme?


Uwe Linke: Wenn Interieur ein Zeitzeugnis darstellt, neigt man dazu, es nach einiger Zeit als charmant zu betrachten. Richtet man sich aktuell ein, wählt man nach Gefallen und funktionellen Gesichtspunkten, Charme steht dabei nicht so im Vordergrund. Ich finde, dass jede gut gemachte und durchdachte Gestaltung Charme hat. Er ist vielleicht nur nicht für jeden ersichtlich.


Wie gehen Sie selbst mit Erinnerungsstücken ihrer Eltern oder Großeltern um?


Uwe Linke: Ich habe von meiner Mutter einige Dinge, die ich gern mag und die eine warme Erinnerung für mich darstellen. Trotzdem verwende ich sie nicht, weil sie nicht in meine Wohnung passen. Geradlinigkeit und Klarheit sind für mich und auch für meine Eltern, beide moderne Architekten, wichtige Werte. Das schließt eine gemütliche Einrichtung nicht aus. Wärme geht von Textilien und Farben aus. Eine alte Kommode besitzt nicht automatisch Ausstrahlung, sie kann ebenso verloren und unpassend wirken. Es kommt auf den Zusammenhang, die Geschichte dahinter und die Intention des Bewohners an.


Es gibt nichts, was sie später gern weitergeben würden?


Uwe Linke: Wenn meinen Nichten etwas von meinen Sachen gefällt, dann gerne. Mir wäre aber wichtiger, einige schöne Fotoalben weiterzugeben. Der Wert von Erbstücken liegt hauptsächlich in der warmen Erinnerung, also der emotionalen Verknüpfung. Das erwarte ich nicht von den Nachfahren, sie haben ja meine Vorfahren nicht kennengelernt. Aber ein kleines Schmuckstück werde ich zu den Fotos legen – ganz ohne Erwartungen.


Das Gespräch führte Frank Siebold

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