Wie gut ist perfekt?

Gut ist besser als perfekt

Perfekt. Vollkommen. Nichts kann mehr verbessert werden. Wer, bitte, hat sich diesen Zustand ausgedacht?

Die gesamte Evo­lutionsge­schichte baut auf ständiger Ver­besserung auf, wobei hier wiederum Fragen offen bleiben wie: Warum wur­­de beim aufrechten Gang nicht gleich unsere Wirbelsäule mit einem neuen Update versorgt? Warum wissen wir als einzige Lebe­wesen, was wir der Umwelt antun – und ma­chen trotzdem so weiter? Einer Kuh kann man ihren Methanausstoß beim Ver­dau­en schließlich nicht vorwerfen, auch wenn sie damit mehr CO2 pro Jahr in die Luft pustet als ein Auto.


Der Hunger nach neuen Kicks und Le­bens­enter­tainment in Urlaub und Freizeit, verbunden mit krank machendem Zeitmangel auf der einen Seite und dem Be­wusstsein, dass Körper und Geist eine ge­sunde Le­bensweise honorieren, auf der anderen Seite, werfen die Frage auf: Wie viel Verbesserung tut uns überhaupt noch gut? Und was ist der Preis dafür? Doris Märtin stellt in ihrem Buch „Gut ist besser als perfekt“ fest, dass wir seit den 90er-Jahren statistisch gesehen mehr Stunden für unsere Freizeit als zum Arbeiten haben, trotzdem Überarbeitung, Depres­sion und Burn-out zur Volkskrankheit mutiert sind. Weltweit übrigens. Sie rät zum inneren und äußeren Aufräumen. Zum Verab­schie­­den von Erinnerungsstücken, die als Staub­fänger nur für den Putzlappen von Be­deu­tung sind, spricht vom Ent­schleu­nigen und Ausdünnen unserer täglichen „to do list“.


Da­zu gehört auch ein prüfender Blick auf den Freundeskreis: Wer mir gut tut, dem widme ich meine kostbare Zeit, wer nicht, für den habe ich weniger. Das klingt hart, scheint aber der einzige Weg hin zu mehr Le­bens­qualität und damit innerer Ausge­glich­en­heit.


Für ein Leben in subjek­t­i­­vem Perfek­tio­nismus gibt es, wie beim Haus­halten mit unserer Le­bens­ener­gie, einen Trick. Ver­än­de­rungen, bei­spiels­weise den be­­ruf­­lichen Wechsel in eine an­­­de­re Stadt, können wir auf zwei­­erlei Art reflektieren: Es ist toll, die Chance auf andere Men­schen und neue Heraus­for­de­rungen zu bekommen, sagt die eine innere Stimme. Die andere empfindet solch einen Umzug als Schlag ins Gesicht: weg von vertrauter Umgebung, Freunden, Verwur­ze­lung.



Per­fektion im Alltag scheint also weniger eine Frage von äußeren Gegeben­heiten als vielmehr eine eher subjektive Wahr­neh­­mung­ gegebener Zustände und selbstverantworteten Handelns. Wie wir komplexe Aufgaben in die Hand nehmen, hängt zum großen Teil von der eigenen Prägung und damit von einer positiven oder negativen Grundeinstellung selbst ab.


Frau Märtin, gehört das Streben nach mehr Ge­sell­­schaft, Infor­mati­on, Erleb­nis­­ zur Na­tur des Menschen, ist es genetisch verankert?

Doris Märtin: Dieses Streben ist ja an sich et­was Positives, es hat sich nur im Mo­ment sehr überdreht. Jedes Kind soll ins Gym­nasium, wir wollen immer erreichbar sein, Hochglanzzeit­schrif­ten führen uns das perfekte Leben, den perfekten Körper, den perfekten Garten und das perfekte Weihnachts­fest vor. Die Konkurrenz untereinander be­schränkt sich längst nicht mehr darauf, wer den größten beruflichen Erfolg und das teuerste Auto hat. Sich diesem Druck und diesen ja sehr verführerischen Optionen zu entziehen, ist schwer und bedarf bewusster Ent­schei­dung­en. Ich denke, ideal ist es, zwischen den Polen wechseln zu können und beides im Reper­toire zu haben: das Streben, die eigenen Potenziale auszuschöpfen, sowie die Fähig­keit, bewusst einen Gang runterzuschalten, kürzerzutreten und Dinge bleiben zu lassen.


Sie fordern sinngemäß, sich seiner eigenen extrovertierten und introvertierten Persön­lich­kei­ten zu besinnen, da beide Eigen­schaf­ten verborgene Talente ans Licht holen. Ha­­ben Sie schon erlebt, dass sich Menschen dadurch wirklich verändern? Oder sind wir eben von Natur aus mufflig oder gut ge­launte Typen?


Doris Märtin: Der Hang, sich mehr nach außen oder mehr nach innen zu wenden, ist sicher genetisch bestimmt. Wir haben aber die Möglichkeit, die eigenen brachliegenden Eigenschaften zu fördern, wenn wir es wollen. Motivieren­der und realistischer als den Gedanken, sich verändern zu müssen, finde ich die Vorstellung, das eigene Verhaltens­repertoire zu bereichern. Ein introvertierter Mensch, der ungern Präsentationen hält, soll­te sich trotzem überwinden, dies zu tun. Da­mit er diese Erfahrung sammelt und im bes­ten Fall vielleicht sogar Gefallen daran fin­det – genau das verändert ihn dann schon.



Legt ein intellektueller Anspruch, der die ei­ge­­nen Möglichkeiten überschätzt, auch die Latte der Perfektion in unerreichbare Höhen?

Doris Märtin: Von William James stammt die Formel: Selbstachtung = Erfolg geteilt durch Anspruch. Die bei uns so deutlich ausgeprägte Jagd nach dem Glück ist sicher eine Erklärung für die unterschiedlichen Glücks­ge­fühle. Eine andere ist, dass sich Wohl­­standsgesellschaften immer weiter von dem entfernen, was Erfolg und Konsum nicht er­­setzen können: Zeit, Natur, Carpe diem, Bei-sich-Sein.


Was wäre ein motivierender 10-Punkte-Plan, um so gut zu werden, dass die eigene Zufriedenheit als innere Perfekt­ion empfunden wird?

Doris Märtin: Das klingt wie eine Fangfrage. Perfekt wäre es, den schönen Samstagnach­mittag zu nutzen, um einen 10-Punkte-Plan zu entwickeln. Zufrieden macht es, den Rech­­ner abzuschalten, Tee zu trinken, Tulpen­­zwie­beln zu stecken und einfach mal vor sich hin ­­zu ­­trödeln.


Auf den Punkt gebracht...

Ist Perfektion für Sie wichtig?

Ja, leider, denn sie geht oft auf Kosten der Gelassenheit. Andererseits bringt sie mich meinen Zielen näher.

Hat Perfektion ein Verfallsdatum?

In gewisser Weise ja. Daran sind die Zeit und die Moden schuld, aber auch die eigene Gewohnheit – was man ständig hat oder leistet, wird zum Standard und erscheint dann nicht mehr als perfekt.

Welche drei Dinge sind für Sie perfekt?

Richard Strauss‘ „Vier letzte Lieder“, Neuschnee, so weit das Auge reicht. Im für mich eher negativen Sinn: Möbel von Le Corbusier & Co.


Mehr zum Thema Einrichtungsideen für Zuhause

Raum gewinnen und für alles den richtigen Platz finden. Wir zeigen wie das geht.

Raum gewinnen!

Sie haben das Gefühl, es fehlt an Platz für die vielen großen und kleinen Dinge? Sie haben ihn! Wir zeigen Ihnen, wo.

Im ganzen Haus macht sich ein gemütlicher East-Coast-Style breit.

Wohnen wie die Kennedys

Der Ostküstenstil, in dem sich Meer, Ungezwungenheit und Lebensfreude vereinen, übt seine Strahlkraft bis in unsere...

Mehr zum Thema Wissenswertes

Fleckenteufel – Was wirklich hilft (Foto: Markus Bormann, Fotolia)

Flecken entfernen – Was wirklich hilft

Das Leben mit Kindern ist lustig, abenteuerlich und oft ziemlich fleckig. Um den Aufkleber vom neuen Lacktisch zu...

Berühren unsere Sinne – die neuen Sitz- und Tischmöbel, mit denen wir diesen Beitrag illustrieren, stammen vom italienischen Hersteller Bonaldo.

Hinknien und Lächeln

Sinnliches Leben ist mehr als Sehen und Gesehenwerden: Wenn du über das Leben lächelst, ist die Hälfte des Lächelns...

Zeitschrift: Mein Schönes Zuhause³ – Hier bestellbar.

Mein Schönes Zuhause³

Schöne Häuser, schöne Gärten, schöner Leben. Hatte Ihr Mann nicht versprochen, dass Sie es schön haben werden …?