Wert des Stils

Moderne: Dekorativ, traditionsbewusst, repräsentativ

Man kann ihn nicht übersehen: Der neueste Entwurf von LUXHAUS steht in Hessdorf direkt an der A 3. Moderne Hingucker-Architektur lädt zu stilbewusster Fortsetzung im Inneren ein. Aber wie? Ist Purismus das alleinige Maß aller Moderne? Ansichten und Alternativen von Gabriela Kaiser, Trendagentur Futurize

Stilvoll zu leben, stilbewusst zu wohnen, ist ein schönes Selbst-Versprechen und Herausforderung zugleich. Stillos, weiß man, ist schlecht. Unentschlossenheit zum Stil zu erheben, riskant. Patchwork, als wild-spontaner Mix aller möglichen Elemente, geht auch (fast immer) in die Hose. Und um in der Königs­disziplin des gekonnten Stil­bruchs zu punkten, muss man erst mal Stil haben, den man dann brechen kann….


Zum Glück muss Stil nicht erfunden werden. Ob die Klassifizierung sinnvoller Grund­rich­tungen zu acht Lifestyle-Gruppen oder sechs Stil-Welten führt, hängt von der Frage­stel­lung ab. Und von der Intensität, mit der Wohn- und Lebensstile verwoben werden. Die Trend­­agentur Futurize von Gabriela Kai­ser und Mara Michel hat bei ihren Markt­- und Feld­studien vier große Trend-Grup­pen herausgefiltert:


Zahlenmäßig mit 34 Prozent an der Spitze behaupten sich die Designorientierten, die „Op­­­ti­­mi­zer“. Dicht gefolgt von den Natur­­ori­entierten, den „Reformern“, mit 32 Prozent. Zu den eher Traditionellen, den dekorativen „Sta­bilizern“, rechnen sich 22 Prozent. Die restlichen 12 Prozent sind Trendhopper, „Surfer“, junge Ausprobierer, die sich noch niemandem und nichts verpflichtet fühlen. Und die wir als Hausherren hier mal vernachlässigen können.


Mit der Formulierung solcher Lifestyle-Gruppen ist selbstverständlich keine qualitative Wertung verbunden. „In welcher Wohnat­mo­­s­­phäre fühlen Sie sich wohl?“, lautet die Sinn­frage bei der Pilgerfahrt zum per­­sönlichen Stil. Versuchen wir es im LUX-Haus.



Moderne (1): Puristisch, unfarbig, designt

Erdgeschoss mit Tages­licht. Hellgraue Fliesen und weiße Wände ziehen sich fast durch die gesamte Ebene und verwischen die Grenzen zwischen den Räumen.


Vor den Fenstern hängen geradlinige Flä­chenvorhänge ganz in Weiß oder mit verhaltenem Muster. Soll viel Licht ins Haus, schieben Sie die Flächenvorhänge einfach hintereinander und verschaffen sich so freie Sicht nach draußen.


Im Koch- und Essbereich dominieren Weiß, Grau, Schwarz und Chrom. Die Küche ist kan­­tig, funktional mit glatten Oberflächen, die Edelstahlfronten setzen schöne Kontraste.


Im Essbereich haben Tisch und Sessel abgerundete Formen. Die geben dem Raum trotz der reduzierten Farbigkeit eine emotionale No­te. Ein großer gläserner Leuchter scheint über dem Tisch zu schweben. Alles wirkt elegant, designt und exklusiv.


Die Möbelstücke an sich, gleichfalls in vornehm zurückhaltendem Weiß und Grau, sind in ihrer Aus­sage schon so wirkungsvoll, dass ihnen Pflanzen und Accessoires nur sparsam an die Seite gestellt werden. Letztere im modischen Beerenton. Ein hochflo­riger Tep­pich bringt Gemütlichkeit ins Spiel.


Im Wohn­bereich sind die beiden großen Fens­ter­fron­ten der Vermittler zur Außenwelt, sie holen die Natur ins Haus. Das tut auf ihre Weise auch die grün tapezierte Wand.


Im großzügigen Bad ist eine Wand mit einer Steinmauer verkleidet – man möchte sie na­hezu reflexhaft berühren. Sie bildet einen wunderbaren Kontrast zu der XXL-Glasfront der Dusche. Eine gerundete, elegante Wanne, nahezu frei im Raum stehend, ist ein nächs­ter Blickfang. Das Holzschränkchen und ein brauner Teppich geben dem Bad eine warme At­mosphäre.


Die Galerie im Obergeschoss macht sich als gemütlicher Rückzugsort beliebt. Es dominieren dunkle Braun­töne, die den Ort stark erden. Im langen Regal finden Literatur und Dekoration den ihnen gebührenden Platz. Das ist der ideale Platz für stille Abend­stun­den, um zu lesen oder einfach nur runterzutouren.


Bei der für dieses LUX-Haus gewählten Einrichtung wird augenscheinlich demons­triert, wie klug es ist, sich bei der Grundein­rich­tung auf zeitlose Farbigkeit, also auf Weiß, Grau, Schwarz und Beige-Braun-Töne, zu konzentrieren und mittels Accessoires und Heimtextilien Farbe – und damit modische Touchs – ins Haus zu holen. Auf diese Weise lässt sich öfter und unaufwendig Ab­wechslung, sprich: eine neue Optik beim In­te­rieur schaffen.“



Wir sind uns mit Gabriela Kaiser aber einig, dass minimalistischer Purismus nicht das al­­lein selig machende Maß des Modernen ist. Ein weiterer Vorschlag von ihr für diese präg­­nante Architektur:


Moderne (2): Natürlich, harmonisch, authentisch

„Für den Naturliebhaber sind Beige, Braun und Grüntöne wichtig. Er mag authentische Materialien wie Holz, Kork und Keramik, sowie stark strukturierte Oberflächen“, be­schreibt die Trendexpertin den Natur-Stil. „Wände werden auch innen begrünt – we­gen der außergewöhnlichen Optik, und we­gen des frischen Raumklimas. Vor den Wän­den dürfen Matten aus verwebten Ästen hän­gen, die zugleich als Raumteiler dienen. Auch vor den Fenstern finden sich Flä­chen­vorhänge aus Bambus oder mit bedruckten Naturmotiven – ein Wald, stilisierte Äste oder einfach nur organische Strukturen.


Holz wird gerne so gezeigt, wie es in der Na­tur gewachsen ist. Das kontrastiert dann mit sehr glatten Holzflächen oder Glas. Ich denke an Wurzeln, die als Tischbeine herhalten, oder ausgehöhlte Holzstämme und dicke Äs­te, die zu Vasen oder Blumentöpfe um­funk­tioniert werden.

Möbel bestehen meist aus Holz, Bambus oder Rattan, ihre Formensprache ist eher reduziert. So lässt sich zum Beispiel ein Eisen­gestell mit Naturseilen umwickeln und gibt dann einen Beistelltisch ab.


Handwerkliche Optiken sind stets willkommen. Zum Beispiel bei grob gewebten Dec­ken oder handgefilzten Accessoires. Den Boden bedecken hochflorige, weiche Tep­pi­­che, in die sich die Füße so richtig schön eingraben können, oder Fellimitate – die Na­tur wird geschont und nicht ausgebeutet. Wich­­tig bei der Ausstattung ist das Licht im Ess­bereich. Neben indirekter Beleuchtung und Kerzen liegen Lampen aus Astgeflechten im Trend, die bizarre und doch sehr sinnliche Mus­­ter auf den Tisch werfen.


Ein Kamin, in dem Tannenzapfen prasseln und ihren unnachahmlichen Harzduft verströmen, runden die gemütliche Stimmung ab. In der Natur können viele Menschen sehr gut entspannen, sich aus der Welt nehmen und Ener­gie tanken. Es ist also naheliegend, dass sie sich die Natur nun auch ins Haus holen und sich so eine Chill-out-Zone im eigenen Heim gönnen.“



Moderne (3): Dekorativ, traditionsbewusst, repräsentativ


Die Stilexpertin der Trendagentur räumt auch der dritten großen Lifestyle-Gruppe gute Er­folgs­chancen ein: moderne Architektur­spra­che mit Einrichtungsvorlieben für Deko­ratives und Schmückendes.


Für „Traditionalisten“ sind Vertrautheit, Bo­den­­ständigkeit und Heimatverbundenheit elementare Werte, die ihr Stilgefühl prägen, ohne deshalb alt und unmodern daherzukommen.


Gabriela Kaiser rät, von allzu viel Farbigkeit ab­zusehen und sich lieber auf die Neu­tral­töne von Creme über Beige bis Braun zu konzentrieren: „Tapezieren Sie einige Wände mit ornamentalen Mustern, aber eben nur einige. Gerade der Kon­trast von Uniwänden in Creme oder einer anderen Farbe zu gemusterten Wandflächen belebt einen Innenraum und bringt Spannung.


Besonders empfehlen sich dekorative Ta­peten, die in der Farbigkeit tonig und da­durch zu­rückhaltender sind.

Bei den Heimtextilien wird eine ähnliche Des­sinierung wieder aufgegriffen, um das Bild ab­zurunden. Ganz neu ist es, diese prachtvollen Stoffe in reduzierter Farbigkeit wie Creme oder Beige-Tönen zu zeigen.



Die Fenster schmücken zarte, leichte, seidig schimmernde Gardinen. Bei den Kissen sollten es ruhig ein paar mehr sein, sie dürfen in Satin glänzen oder in Seide schimmern. Auf dem Fliesenboden liegen hochwertige Tep­piche, die eine wohlige, gemütliche Atmo­sphäre verbreiten.

Wer etwas modischer agieren will, kann sich beispielsweise einen Leder-Laminat­bo­den in den Wohnbereich le­gen – eine sehr wertige repräsentative Optik.


Bei den Möbeln sollten sich wagemutig puris­­tische Formen mit aufwendigeren abwechseln: der Esstisch eher geradlinig, die Stühle dazu in der Rückenlehne mit feinem Händ­chen dekoriert. Im Wohnbereich würde ich eher schlichte Sessel und Sofas, die üppig mit Kissen ausstaffiert sind, zu einem vom Barock inspirierten niedrigen Tisch stellen.


Im Schlafzimmer sind die Möbel von schlichter Kastenform, besitzen aber dekorative Leisten. Das Bett zeigt in der Rückfront die vertraute geschwungene Treppenform, ist aber ansons­ten schnörkelfrei. Diese Kontraste von dezent und dekorativ gel­­ten als sehr modern und trotzdem repräsentativ. Weiße und cremige Farben leisten ih­­ren Beitrag zu diesem abgerundeten Bild.


Vasen, Geschirr und Accessoires dürfen verspielter und romantischer sein, ruhig auch üppiger in der Anzahl. Und wegen der Har­monie möglichst in Weiß oder Creme."


Erstaunlich, welch unterschiedliche Wohn­welten die Trendexpertin für ein und denselben Entwurf von LUXHAUS maßschneidert. Gabriela Kaiser wirbt leidenschaftlich für den mutigen Selbst­versuch, unter professioneller Beglei­tung, versteht sich: „Lassen Sie sich auf un­gewöhnliche Perspektiven ein, befreien Sie sich von selbst auferlegten Zwängen, probieren Sie neue faszinierende Möglich­keiten des Woh­nens.“ Es klingt nur scheinbar wie ein Widerspruch, wenn die Stilberaterin dabei immer wieder betont: „Lassen Sie sich nichts einreden. Blei­­­ben Sie immer Sie selbst. Wenn Sie sich von einer Raumsituation sofort angesprochen und wohlfühlen – das ist es!“


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