Warum sind wir nur so rational? Sinnlichkeit macht Sinn

Rudolf Schricker (53) ist Präsident des Bundes Deutscher Innen­archi­tek­ten und Design-Professor an der Hochschule Coburg.

Natürlich ist es ein bisschen schäbig, wenn man sich als Laie über einen großen Irr­tum eines großen Auskenners so herzlich freuen kann: Der Professor hatte in einem Anfall von jugendlichem Sturm und Drang allen Ernstes einst versucht, den akademisch korrekten Nach­weis zu führen, dass Feng-Shui Quatsch sei …

Rudolf Schricker nutzt diesen merkenswerten Fehlversuch, um sein Anliegen exem­­pla­risch zu beschreiben: Es gibt nichts Erstre­bens­werteres, Angenehmeres, Wichtigeres, als mit sich und seiner Umgebung in Ein­klang zu kommen. Physiker würden sagen: auf eine Wellenlänge. Vielleicht stellt man sich das wirklich am besten als Zweiklang von Senden und Empfangen, Geben und Neh­­men vor, der unser gesamtes Umfeld ein­­schließt: die Mitmenschen, das Haus, die Natur.


Was wir in unserem eher logisch geprägten Abend­land an den asiatischen Hochkulturen mit Recht bewundern, ist die ausgeprägte Fä­­higkeit, Le­bens­­qualität vor allem als tiefe innere Zufriedenheit zu zelebrieren. Inter­es­san­ter­weise weniger durch Verdrängung von Ma­te­riellem und Körperlichem als durch eine besonders ausgeprägte Kunst bewusster Wahrnehmung. Professor Schricker sagt es nicht so unhöflich, meint aber genau das: Wir ticken nicht richtig!


Die Küche sei ein ideales Beispiel. Dass sie wie kein anderer Raum (neben dem Bad) der sinnlichste, angenehmste Genüsse vieler Art verschaffende Ort sein könnte, wissen wir zwar. Wenn es aber an die konkrete Planung der Küche geht, verdrängt die stolze Freude an unserer Begabung zu vernünftigem Han­deln gern die Tatsache, dass unsere Genuss­fähigkeit auch im Computer­zeitalter immer noch auf animalische Art funk­tioniert. Der Appetit verginge uns, wür­de frisch gebackener Kuchen nicht so verführerisch duften, die krosse Haut der Weih­nachtsgans nicht in so unwiderstehlichem Braungold glänzen, der Zwiebelring nicht so vielversprechend zischen, wenn er sich in die heiße Pfanne stürzt … Dass bei solchen Vorstellungen das Wasser im Mund zusammenläuft, gehört dazu.


Die hohe Schule der Küchengestaltung, sagt Professor Schricker, kann sich daher selbst mit der perfekten Aufteilung der schicksten Schränke, Borde, Schubläden nicht genügen. (Küchen-)Lebensqualität beruhe auf Syn­äs­thesie, dem Zusammenspiel sinnlicher Wahr­­nehmungen. Wir haben zum Glück von Na­tur aus ein paar prima empfindsame Sinnes­or­gane fürs Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken verfügbar, die uns mit ein wenig Schulung und Erfahrung bereitwillig die Türen in die Welt angenehmster Genüsse auf­tun. Da wir uns sowieso ernähren müssen, ist die Neigung zu kulinarischen Ver­gnügungen besonders sympathisch.



Was ist gut und was ist schön?


Es macht Spaß, mit dem Professor zu streiten, welchen Stellenwert beim Gestalten ei­ner Küche rationale und emotionale As­pek­te haben, was wohl in welcher Frage wovon dominiert wird. „Licht ist die Dimension des Wissens“, sagt Rudolf Schricker, „aber das Sehen täuscht am meisten. Es ist der jüngste der menschlichen Sinne. Der Spürsinn ist der älteste. Dann folgt der Hörsinn. Der bleibt selbst, wenn wir schlafen, auf Empfang…“


Spätestens seit der Zeit der Aufklärung ha­­ben wir uns einigermaßen festgelegt, was richtig, schön und gut ist. Nämlich?


„Richtig“ ist das, was funktioniert, seinen Zweck erfüllt. Es ist allgemein gültig. Das Schöne ist die ästhetische Komponente.

Und was man darunter versteht, bleibt selbst in massenhaft geteilter Form subjektiv. Das Schöne ist (seltsamerweise) auch keine wissenschaftliche Diszi­plin.

„Gut“ sei eine eher emotionale Kategorie, ei­gentlich die Kurzversion von „es tut mir gut“.


Dass dabei trotz aller analytischen Tre­n­nungs­­versuche Vernunft und Gefühl stets miteinander verwoben sind, versteht sich.

Die Bauhäusler, legt sich der Design-Pro­fes­sor fest, seien, bei allem Respekt, „von Ratio­na­­lität regelrecht übermannt“. Ihr Versuch, ei­ne Demokratisierung des Schönen und Gu­­ten durch in­­dustrialisierten Massenstil in den Alltag zu tra­­gen, ist aller Ehren wert, liefert aber zu­gleich den Beweis, dass es auf Dauer nicht reicht, „nur“ funktional alles richtig zu ma­chen, statisch perfekt, in einem über jede Kritik erhabenen Einheitsstil…



Was fehlt dem rein Rationalen?


Dass rational fixierte Planungen die berühmte „Frankfurter Küche“, als Urbild eines allein auf schnelle Nahrungszubereitung konzentrierten quadratisch-praktisch-optimierten, entsprechend kleinen Raums mit der Philo­so­phie der U-Boot-Küche, hervorbrachten, war zu Zeiten der Wohnungsnot zweifellos nützlich, reicht aber für heutige Ansprüche nicht aus. Professor Schricker behauptet streitlustig, zeitgemäße Küchengestaltung sei weder eine Frage der Raumgröße noch eines üppigen Budgets.

Sondern?


Der Kreativität. Der Neugier. Typisch Innen­ar­chitekt. Aber deshalb reden wir schließlich miteinander.

Vielleicht waren es weniger Termingründe als vielmehr die Überzeugungskraft des gu­ten Beispiels, dass uns der Professor zu sich nach Hause, in seine eigene Küche eingeladen hat. Die besitzt nämlich auch nur be­scheidenste 8,5 Quadratmeter.

Küchen im XXL-Format, bei deren Planung man auch finanziell aus dem Vollen schöpfen kann, mögen nach strengem Qualitäts­maß­stab eine andere, aber keine leichtere Auf­ga­be sein.


Trotzdem: 8,5 Quadrat­me­ter sind arg wenig für einen ideensprühenden Kreativen. Der mit seinen Vorstellungen von einer modernen Küche nicht nur vor sich selbst bestehen, sondern schließlich auch Zustimmung, ach was: Begeisterung von seiner Frau Su­san­ne und den beiden erwachsenen Söhnen ernten will.


Der Traum vom flexiblen Raum


Als Design-Professor vertritt er die These von der flexiblen Küche. Die „atmet“, lebendig ist, sich öffnet und schließt. Die alte, unveränderbar in sich erstarrte Küche sei tot – so mo­dern sie sich auch formal kaschiere.


Was sich im ersten Moment vermessen, über­­hoben, sehr theoretisch anhören mag, hat ei­nen fröhlich-bodenständigen Kern: Wir sind doch auch nie dieselben. Schwanken mit unseren Stimmungslagen und Wün­schen im Stundentakt. Haben morgens andere Gelüste als abends. Lassen uns gern von himmelblauer Frühlingssonne die Laune aufstecken und versuchen, uns gegen endlos trübes Novembergrau irgendwie zu wehren. Das alles in ein und derselben Küche. Allein. Zu zweit. Gemeinsam mit den Söhnen. Na­tür­lich auch in noch größerer Runde mit Gäs­ten. Die Liste der Anforderungen an diese Küchen, selbst auf die wichtigsten Si­tuationen begrenzt, ist ellenlang, belegt aber freilich an­schau­lich die Grundforderung des erfahrenen Innenarchitekten: Wir brauchen in diesem Raum unbedingt mehr Fle­xi­bilität!



Da bei allem Gestaltungswillen Schränke und Schübe, Spüle und Dampfgarer normalerweise vor Ort unverrückbar montiert sind, wird man neugierig, wie sich der Design-Professor das vorstellt mit der Flexibilität in seiner Küche. Nun gilt Rudolf Schricker nicht von ungefähr als einer der Lichtspezialisten un­ter den renommierten Raumdesignern. Er forscht und ar­beitet seit vielen Jahren in diesem The­­men­­­­be­reich. Oft hat er schon bewiesen, wie Räume allein durch andere Beleuch­tun­gen ihre Wirkung verändern, nicht nur ihren Cha­­rakter, sondern auch die Stimmung der Men­schen darin unmittelbar beeinflussen und verändern können.

Licht ist ein großer Verführer. Es kann Räume größer oder kleiner, freundlicher oder sachlicher, wärmer oder kühler erscheinen lassen – bis man glaubt, an zwei völlig verschiedenen Orten gewesen zu sein.


Die lebenskluge Bemerkung, dass etwas „plötzlich in ganz anderem Licht“, also als etwas völlig Neues erscheine, deutet die Chance an, auf die der Professor baut: Wenn er schon seine Küchenmöbel nicht seiner Stimmungs­lage anpassen kann, dann können sie sich doch bitte schön in ihrer Aus­strahlung flexibel präsentieren!

Das funktioniert tatsächlich.


Leuchte, Küche, leuchte…


Im Haus des Professors ist zu erleben, was gute Lichtinszenierung kann. Die Möbel selbst sind eine Maßanfertigung. Baujahr 2007. Die Lackfronten im Weißton Camé, kom­biniert mit dunkel gemasertem Eben­holz. Sieben Lichtinstallationen hat Professor Schricker auf seinen 8,5 Quadratmetern Kü­che untergebracht. Wo es nötig ist, helle Spots zum Arbei­ten. Licht­de­sign-Ele­men­te, wie die strahlend blau leuchtenden Kanten, die formale Linien der Mö­bel­­anordnung eindrucksvoll nachzeichnen und dem Ganzen Kontur geben.


Bestimmend aber ist die große LED-Fläche auf der Rückseite des Technikblocks mit Dampfgarer und Backofen, die sich dem Sitz- und Essbereich zu­wendet und mit ihren leuchtenden Farben gewissermaßen die Stimmung in beiden Teilen des Raums bis hin zur offenen Treppe und dem Übergang zum Wintergarten prägt.


Wir probieren es aus: Der Professor hat nicht übertrieben mit seiner Behauptung, allein mit Licht Seele und Charakter eines Raumes verändern zu können. Sogar das kräftige Blau seines großformatigen Lieblingsbildes an der Wand hinter dem Essplatz ändert in verschiedenem Licht seine Intensität und Wirkung.…



Blau, sagt Rudolf Schricker, berühre ihn sehr. Es beruhige ihn. Freilich gebe es auch feurige blaue Farbschläge, die mit ihrem hohen Rot­­anteil stimulierend wirken. Vor Rot solle man stets Respekt haben. Es könne ungeheuer aufwühlen, sogar aggressive Stimmung erzeugen. Gelb wiederum, auch als Orangeton Lieb­lings­­­farbe von Susanne Schricker-Schön, wirke als klassische Sonnen­farbe stets positiv, lebendig, angenehm.


Grün sei in seiner Wirkung jahreszeitabhängig. Das Frühlingshafte, Frische sei uns jetzt sehr willkommen, hole uns gewissermaßen den zart-schönen Aufbruch der Natur mit dem Versprechen der bevorste­hen­­den warmen Tage ins Haus…

Susanne Schricker-Schön bestätigt, dass nicht nur die Beredsamkeit ihres Mannes die Wunderwirkung farbigen Lichts auslöse: Sie funktioniere sehr wohl im Alltag. Die Fern­bedienung ist der Schlüssel zu einer flexiblen, der aktuellen Gemüts­lage an­­gepassten Wahr­nehmung der eigenen Küche und des Essbe­reichs da­vor.


Selbstverständlich sind das Beleuch­tungs­spektrum und die Farbwirkung kein Ersatz für veränderbare Einrichtungselemente wie be­wegliche Wände, Möbel oder Küchenblöcke. Die inzwischen etablierte Öffnung der Küche zum Wohn- und Essbereich hin bedeutet der­­zeit ein mehr oder weniger harmonisches Nebeneinander von Wohn-, Ess- und Kü­chen­­­möbeln. Der lo­gisch folgende zweite Schritt, die Ent­wick­lung neuartiger Ein­rich­tungs­ge­gen­stände für diesen neuen „Living-room“, steht noch ganz am Anfang. Bislang gibt es nur erste Entwürfe kreativer Sitz-Ess-Koch-Arbeits-Mö­bel, die vielfältig und sehr verschie­den verwendbar sind.


Wenn meine Küche mich mag


Nichts weniger als der Aufbruch zu einem wirklich neuen Verständnis von der Küche des 21. Jahrhunderts steht auf der Agenda. Das beschreibt in etwa den Hin­tergrund der Gespräche des Design-Professors Rudolf Schricker mit DER KREIS, der europaweiten Gemeinschaft mittelständischer Kü­chen­spezialisten. Wenn sich praktische Alltags­er­fah­rung versierter Küchenplaner mit kompetentem Raumdesign verbündet, ist ein vi­­si­o­närer Anspruch an Küchenerlebnisse neuen Typs nicht hochgestapelt…

Stellen wir uns nur mal kurz eine Küche vor, die vor Freude aufleuchtet, wenn wir sie betreten. Immer dasselbe Spiel: Sie versteht mich, sie mag mich – sie weiß ge­nau, in welcher Stimmung ich gerade bin. Ko­chen darf ich aber noch alleine.


Fantasterei?

Abwarten.


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