Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Josefine von Krepl besitzt eine große, wenn nicht gar die größte Privatsammlung der Welt an modischen Juwelen aus der Vergangenheit. „Ich kann lediglich ein Zehntel meiner Sammlung zeigen. Trotz der 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche platzt das Schloss aus allen Nähten“, konstatiert die Modespezialistin.
„Für meine Sammelleidenschaft bedarf es“, wie Josefine Edle von Krepl sich ausdrückt, „des Rettersyndroms.“ Das dann gepaart mit Kennerblick zutage tritt, wenn Frau von Krepl 1975 an einem sonnigen Nachmittag beim Kinderwagenschieben mit Paul, ihrem 1-jährigen Sohn, ein vermeintliches Stück Fetzen im Schuttcontainer entdeckt. Sie bittet eine Passantin kurzerhand, auf den kleinen Paul aufzupassen. „Das Sammeln wird nie aufhören, aber heute werden Sie mich nicht mehr in Schuttcontainern antreffen. Damals aber zögerte ich nicht einen Augenblick und stieg in Minirock und Plateauschuhen in den Container, um ein völlig verdrecktes, roségraues Tanzkleid mit aus Metallfäden gewebtem Blütenmotiv von 1925 herauszufischen.“
Auslöser für ihre Passion war ein schwarzes kunstseidenes Kleid. Als Teenager trägt die in Fürstenwalde bei Berlin geborene und in Pankow aufgewachsene Josefine zur Abiturfeier ein schwarzes Kleid aus den 30ern, ein Geschenk der Großmutter zu diesem feierlichen Anlass. Wie sich herausstellt, ein haarsträubender Missgriff für ihre Mitschülerinnen und der Beginn einer leidenschaftlichen Berufung. Fortan durchstöbert Josefine von Krepl systematisch Entrümpelungen, Müllkippen und Altstoffhandel nach ihren „Darlings“, wie sie liebevoll manches Kleid mit außergewöhnlicher Geschichte nennt. „Meine Familie konnte sich meine Sammelwut nicht erklären, keiner sammelte“, erinnert sie sich.
Kopfschüttelnd nehmen die Eltern wahr, was die kleine Josefine so nach Hause schleppt. Die macht auch nicht vor alten Möbeln halt. „Ich galt als Außenseiterin bei meinen Mitschülerinnen, und die Jungs hatten Schiss vor meinem ausgeprägten Selbstbewusstsein“, erzählt sie schmunzelnd. „Das habe ich erst vor Kurzem von einem ehemaligen Schulkameraden erfahren“.
Die Familie von Josefine von Krepl zieht wegen der Dienstverpflichtung des Vaters, einem Ingenieur für Schwermaschinenbau, von Wien nach Fürstenwalde. „Zu Hause ging es musisch zu, mein Vater spielte wundervoll Klavier und komponierte, meine Mutter sang.“ Auf Wunsch der Eltern soll Josefine wie ihre Schwester Medizin studieren. „Für mich war schnell klar, dass das nicht meine Welt ist, ich entschied mich für eine Schneiderlehre und studierte danach Mode und Kostüm in Berlin.“
Nach dem Studium wird die Designerin Moderedakteurin bei der Frauenzeitschrift „Für Dich". Unter dem Label „Josefine“ eröffnet sie eine eigene Boutique in Ost-Berlin, in der sie ihre fantasievoll-witzigen Entwürfe anbietet. Kurz vor dem Mauerfall wird ihrem Ausreiseantrag stattgegeben. Sie verlässt mit ihren beiden Söhnen Paul und Felix sowie einer tollkühn gepackten Fracht die DDR. Ihr kostbares Ladegut setzt sich nicht aus dem in Kisten befindlichen Familienporzellan zusammen, sondern aus dem das Geschirr schützenden Drumherum: Ihre samtig-seidige Kleidersammlung wird von ihr als Verpackungsmaterial des Hausrats deklariert und passiert so unbemerkt die Grenze von Ost nach West.
Josefine von Krepl übernimmt in Westberlin einen Antikmodeladen, den sie nach dem Mauerfall in den Osten Berlins transferiert. Sie organisiert historische Modeschauen und Ausstellungen, bis Meyenburg auf sie aufmerksam wird. Das zu DDR-Zeiten als Internat, Kindergarten und Schulküche genutzte und mit EU-Fördermitteln sanierte Renaissance-Schloss Meyenburg wird der Expertin für Schnitt und Material für ihre fantastische Sammlung mietfrei angeboten. „Nun habe ich ein Modemuseum, ein erklärtes Ziel, das bereits vor 45 Jahren in meinem Kopf herumspukte.
Mein Ausstellungskonzept beinhaltet das komplette Drum-und-Dran eines Looks“, erklärt Frau von Krepl. „Ich zeige nicht nur das Kleid einer bestimmten Epoche, sondern präsentiere auch die passenden Accessoires dazu: den auf das Kleid farblich abgestimmten Hut, die Handschuhe, den Schmuck, die Handtasche, die Schuhe bis hin zur perfekten Hutnadel.“ Die Kleiderarrangements werden mit Möbeln, Briefen, Fotos und Musik des jeweiligen Jahrzehnts in wirklichkeitsnahen Situationen inszeniert. Josefine von Krepl möchte kein Museum im herkömmlichen Sinne: „Ein Ort des bloßen Bewahrens ist mir zu wenig, ich will Kultur lebendig vermitteln. Natürlich möchte ich mein minutiös gesammeltes Kulturgut der Nachwelt erhalten, handwerkliches Können, die Liebe zur Detailgenauigkeit, die Technik vermitteln, jedoch auf meine Art und Weise.“
Der von ihr gegründete Förderverein macht sich zur Aufgabe, Kunstgattungen zu verknüpfen, Lesungen und Musikabende zu veranstalten, Ausstellungen zeitgenössischer Mode zu konzipieren. Seit dem 6. Dezember werden beispielsweise fantastisch witzige Kleider aus unterschiedlichsten Materialien von Olga von Moorende gezeigt. Frau von Krepl organisiert ständig wechselnde Sonderausstellungen: Brokatkleider der 50er oder Schürzenmode des 19. und 20. Jahrhunderts. Ihre Kleider verschwinden nicht auf ewig hinter gläsernen Vitrinen, sie werden „gebraucht“, auf Modeschauen deutschlandweit zum Leben erweckt. Sie hält Modeseminare ab, erklärt Fach- und Hochschulstudenten den Faltenwurf, die Abnäher, die, wenn am richtigen Platz, die weibliche Form vorteilhaft unterstreichen, lehrt an Schulen und bietet in ihrem kleinen Museums-Café einen Teil ihres Fundus zum Verkauf.
Ihre Kleiderkollektion stellt sie chronologisch nach Jahreszahlen, aber auch farbthematisch geordnet vor. Der Gang durch die Modehistorie des 20. Jahrhunderts beginnt in den weiß getünchten Kellergewölben des Schlosses mit Gesellschaftskleidern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und endet im ersten Geschoss mit den peppig-knalligen Entwürfen der 70er-Jahre. Oft muss die fachkundige Schneiderin reinigende und restaurierende Hand anlegen, bevor das Kleid als würdiges Exponat befunden wird.
Ihre Lieblinge aus Stoff müssen nicht immer ein spektakuläres Erscheinungsbild aufweisen. „Es sind eher die Unscheinbaren, die hinreißende Geschichten zu erzählen haben“, meint Josefine von Krepl. „Wie die Kleider aus Kriegs- und Notzeiten, die immer wieder nach der Devise: „Aus zwei mach eins“ umgenäht wurden und die Kreativität der damaligen Trägerinnen zeigt: aus nichts Bonbons drehen. Oder das rotbeige, in Stilstich-Technik bestickte Tageskleid aus den 30er-Jahren, das sich ein Schneiderlehrlingsmädchen aus Stoffresten eines Modesalons in mühsamer Kleinarbeit zusammennähte.“
Die Fachfrau der Kostümtheorie äußert sich kritisch über das zeitgenössische modische Straßenbild: „Meine Lieblingszeit sind die 30er- und 40er-Jahre, ein Schick, der heute noch seine Gültigkeit hat und tragbar ist. An der heutigen Mode und ihren Trägerinnen vermisse ich den Spaß, den Witz, die Fantasie und das Ausprobieren. Sie folgen Modediktaten und definieren sich über Markennamen. Warum nicht über Einfallsreichtum?“
Ihr neues Projekt ist ein ganz persönliches: Frau von Krepl steht ein Umzug bevor. Gerade hat sie ein Pfarrhaus in der Nähe von Pritzwald erstanden mit 5.800 Quadratmeter großem parkähnlichen Gelände, auf dem Obstbäume, ein Kirche und ein Kriegerdenkmal stehen. „Demnächst werden Sie mich auf einem Traktor erleben, um der Rasenpflege nachzukommen und einen Skulpturenpark anzulegen. Meine neue Heimat wird ein offenes Haus für Künstler sein, die dort arbeiten können“, schwärmt Frau von Krepl.
Allein wird sie den Umzug nicht managen, ihr Lebensgefährte, ein Berliner Physiker, der in der Schweiz arbeitet, wird beim Möbeltragen mit anpacken. Von Berlin wird sie jedoch nie lassen können. Dort besucht sie ihre Söhne Paul (33), der Erzieher wird, und den Lebenskünstler Felix (25), der studiert und Musik macht. Und natürlich ihre Freunde. „Ich halte mir schon einige Tage im Monat frei, um nach Berlin zu fahren und kulturell aufzutanken, mein Kiez fehlt mir.“
Ihr kultureller Höhepunkt wird am 6. Juni 2009 stattfinden, dann feiert das Modemuseum Meyenburg 3-jährigen Geburtstag. „Wir feiern doppelt“, freut sie sich schon heute auf die Schlossparty. „Es wird durchgefeiert in ,der Nacht der 20er-Jahre‘ mit dem angesagten Berliner Star Henry de Winter– hinein in meinen 65.