Vollendung, Design, Bedürfnis?

Berg mit Wolken; Foto: K. Hupe

Der Deutsche Designer Club e. V. ist eine Initiative, die gute Gestaltung ebenso wie gute Gestalter über die Grenzen einzelner Disziplinen hinaus mit­einander verbindet. Zu den Mitgliedern des Clubs gehören Designer, Archi­tekten, Innenarchi­tek­ten, Werber, Gra­fiker, Kom­mu­nika­tions­­de­sig­ner, Foto­gra­fen und Illustra­toren.

Der Begriff „Perfektion“ leitet sich ab von dem lateinischen Verb perficere und bedeutet ursprünglich Ausführung, Vollendung, Vollständigkeit, Vollkommenheit. Etwas wird als „perfekt“ bezeichnet, wenn es nicht weiter verbessert werden kann („vollständig“), wenn es keiner weiteren Entwicklung fähig („vollendet“), wenn es fehlerfrei und makellos („vollkommen“) ist. Da im lateinischen Verb das Wort für „machen“ enthalten ist, bezieht es sich auf vom Menschen Geschaffenes im weitesten Sinne, im Gegensatz zu den Dingen der Natur.


Im normalen Sprachgebrauch sind die Begriffe „Perfektion“ und „perfekt“ im Allgemeinen positiv belegt. Ein „Perfektionist“, eine „Perfektionistin“ bezeichnet jemanden, der oder die alles immer genau, passend, zuverläs­sig, korrekt macht und das Gleiche auch von anderen erwartet. Perfektionisten stellen höchste Anforderungen an sich und ihre Mitmenschen. Dies gilt als typisch deutsche Tugend. Die Psychologie versteht „Perfektionismus“ als pathologisch übersteigertes Streben nach Perfektion, das zu inneren Belastungen und Störungen führt. Der Anspruch auf Perfektion kann also auch als einengend, dogmatisch und gefährlich gewertet werden. Und: Die akkurate Erfüllung einer zugrunde gelegten Norm hat Vorrang gegenüber spielerischem Experimentieren, dessen Ergebnisse nicht immer vorhersehbar sind – was aber eine Voraussetzung ist für Freiheit und Kreativität.


Tiefer und genau betrachtet, ist „Perfektion“ eine theoretische Größe, die sich auf ein Ideal bezieht. In der Wirklichkeit menschlicher Existenz wird dieser Zustand nicht erreicht. Es gibt nur Annäherungen. Alles Lebende, der Mensch und das Dasein auf dieser Erde sind sich wandelnden Prozessen unterworfen. Der Begriff der Perfektion impliziert aber eine statische und endgültige Lösung.


Ist Perfektion im Umfeld des Menschen also überhaupt erstrebenswert? Was wollen wir damit erreichen? Ist es Perfektion, wonach wir Menschen uns wirklich sehnen?


Bei der Beschäftigung mit dem Thema habe ich festgestellt, dass ich in meiner Gedankenwelt den Begriff der Perfektion zunehmend ersetzt habe durch die Begriffe „Harmonie“ und „Schönheit“. Nach meinem Empfinden sind diese Begriffe für den eigentlich auszudrückenden Sinn passender und führen bei genauerer Betrachtung eher zum Kern menschlicher Bedürfnisse.



Wir sind empfindende Sinneswesen. Der Begriff der Harmonie hat den Vorteil, dass wir das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein in uns selbst überprüfen können. Wir spüren ganz einfach, ob etwas stimmig ist, ob wir uns wohlfühlen in einer bestimmten Umgebung, mit einer bestimmten Kleidung, in einem bestimmten Sessel und so weiter.


Das Gefühl, das ein gutes, also „harmoniefähiges“ Ding in mir auslöst, umfasst in jedem Fall tiefe Ruhe, Anziehung und eine andauernde Faszination. Es spricht meine Sinne in erfreulicher und diskreter Weise an.


Wenn wir unser Leben nach dem Gesichtspunkt der Harmonie einrichten, richten wir uns nach unseren inneren Wertmaßstäben.

Einzelne oder eine Gruppe mit Führungsanspruch innerhalb einer Gruppe können die inhaltliche Füllung von Perfektion dominieren und manipulieren. Dies können wir beobachten. Beispielsweise bei Modetrends. Auch bei vielen Diskussionen über Design...Die Wahrnehmung von Harmonie ist nicht fremdbestimmbar.


Der Begriff der Schönheit ist – nicht nur unter Designern – ein viel diskutierter, umstrittener, wenn nicht gar ein Tabu. Warum? Weil es so schwerfällt, feste Kriterien dafür zu finden, die auch nach wissenschaftlichen Methoden Bestand haben.


Ich habe für mich entschieden, dass ich ohne Schönheit und die Suche nach ihr, auch als Fotografin, nicht leben will und nicht kann. Sie ist die Antriebsfeder, die Inspiration, die Nahrung für die Seele. Meine Beobachtung: Wenn ich mich innerlich harmonisch und schön fühle, kann ich das im Äußeren besser wahrnehmen. Je ausgeprägter dieses Gefühl ist, desto offener und großzügiger kann ich mit meiner Umgebung sein. Dies ist entscheidend für mich beim Fotografieren, da ich nur fotografieren kann, was ich sehe beziehungsweise in der Lage bin zu sehen.



Beim Fotografieren von Menschen ergeben sich besonders deutlich Wechselwirkungen. Ein mit Wohlwollen und wahrem Interesse betrachteter Mensch bewegt sich freier, schaut entspannter.


Soetsu Yanagi (1889–1961), Mitbegründer der japanischen Mingei-Bewegung, schrieb 1954 in einem Aufsatz mit dem Titel „Gedanken über einen Maßstab für Schönheit“:


„Ich würde gerne Grund für den Glauben haben, dass Schönheit von großer Bedeutung für unser modernes Zeitalter ist. Zweifel-los ist es der Sinn von Ethik, Philosophie und religiösem Glauben, der Menschheit Hoffnung, Freude, Frieden und Freiheit zu bringen, aber in unserer Zeit hat die Religion ihre Überzeugungskraft verloren. Der Intellektualismus hat bei den meisten Menschen das spirituelle Verlangen ausgehöhlt. In dieser kritischen Situation möchte ich die Frage stellen, ob nicht vielleicht die Schönheit und die Liebe zum Schönen Frieden und Harmonie vermitteln können. Könnten sie uns nicht zu neuen Vorstellungen vom Sinn des Lebens führen? Würde das nicht eine neue Auffassung von Kultur begründen? Und würde die Schönheit dadurch nicht auch als Friedenstaube zwischen den vielen unterschiedlichen Kulturen der Menschheit wirken?"


Literatur: Soetsu Yanagi. Die Schönheit der einfachen Dinge. Mingei – Japanische Einsichten in die verborgenen Kräfte der Harmonie. Bergisch Gladbach 1999.


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