VerwandlungsKunst - Moderne Fliesen

Serie 'Natural Glamour'. Von Jasba

Es war einmal eine Fliese, die musste sich mit dem Bad bescheiden. Mittlerweile hat sie ihren Kokon verlassen. Sie hat sich in allen Räumen verteilt. Um uns zu faszinieren, Materialien neu zu interpretieren oder große Handwerkskunst zu zelebrieren Zeit, ihr einen Besuch abzustatten.

Raffinesse, Sehnsucht nach Wärme, Wertigkeit sowie Abkehr von kurzlebiger Effekthascherei sind im aktuellen Wohndesign angesagt. Die Fliese erobert in diesem Zusammenhang neues Terrain – mit einer neuen Qualität an Oberflächen, Formaten sowie ihrer Fähigkeit, Materialien wie Holz, Naturstein, Metall oder Leder täuschend echt zu interpretieren. Vorbei die Zeiten, in denen sie mit Unbehaglichkeit, Kälte assoziert wurde oder sich ihr Dasein auf „praktischer Zweckbelag“ reduzierte.


Dieses keramische Baumaterial mit jahrtausendealter Tradition, das aus den reinen Naturprodukten Ton, Kaolin und Feldspat besteht, besticht durch vielfältige Schönheit, konkurrenzlose Langlebigkeit sowie Robustheit. Eine neue Rolle spielt die Fliese inzwischen auch bei der Raumgestaltung: Praktisch als Fensterbank, edle Kaminverkleidung oder sogar als Hifi- und TV-Konsole im Wohnzimmer - die Fliese des Jahres 2011 lädt zum Experimentieren in allen Räumenein. Jens Fellhauer, Geschäftsführer des Industrieverbands Keramische Fliesen + Platten e. V. sprach mit uns über ihre Evolution und ihren Status „made in Germany“.


Welche Eigenschaften ermöglichen der Fliese die Eroberung des gesamten Wohnbereiches?

Jens Fellhauer: Dank neuer Herstellungsverfahren bieten Fliesen inzwischen eine unendliche Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten über Design, Farben und Formate. Neue, strukturierte Oberflächen verschaffen eine aufregende Haptik, verführen uns damit geradezu zum Berühren und zaubern durch verschiedenste Reflexionen und Lichteffekte Atmosphäre in jeden Raum. Im Bedürfnis nach einer gesunden Wohnumgebung sehe ich einen weiteren Grund für die zunehmende Beliebtheit. Die Fliese dünstet keinerlei Chemikalien aus, ist baubiologisch empfehlenswert und „ökologisch korrekt“.


Wie behauptet sich die deutsche Fliese derzeit im internationalen Vergleich?

Jens Fellhauer: Deutsche Hersteller ernten inzwischen berechtigte Aufmerksamkeit über die europäischen Grenzen hinaus: Auf der „Cersaie“, der wichtigsten internationalen Fliesenmesse, öffnete vor allem das neue deutsche Fliesendesign neben höchster Qualität, technischem Anspruch und zertifizierter Nachhaltigkeit wichtige, internationale Märkte. Apropos: Dass die Fliese auch zum Designobjekt taugt, beweist ein ganzer Schwung renommierter Auszeichnungen – vom „reddot“ über den „if-Award“ bis zu verschiedenen Nominierungen für den „Designpreis der Bundesrepublik 2011“.



Fliesen können vielerlei Gestalt annehmen. Brauchen wir eine, die sich als Dielenfußboden tarnt?

Jens Fellhauer: Dank innovativer Herstellungsverfahren wie der Ink-Jet-Glasur ist die Fliese tatsächlich kaum noch von natürlichen Vorbildern wie Granit, Limestone, Marmor oder Schiefer zu unterscheiden. Aber nicht nur deshalb überzeugen Natursteininterpretationen oder keramische „Holzböden“ – sie vereinen außerdem das Beste beider Welten: die gemütliche Optik des Originals mit den Vorteilen der Keramik, wie hoher Gebrauchskomfort dank geringstem Putz- und Renovierungsaufwand. Eine „Holzfliese“ muss nicht abgeschliffen oder nachlackiert werden und sieht trotz intensiver Nutzung in zehn Jahren noch aus wie am ersten Tag. Keramik ist dank hervorragender Wärmeleitfähigkeit der ideale Belag für die Fußbodenheizung, wesentlich unanfälliger gegenüber Kratzern oder anderen Gebrauchsspuren und benötigt keine aggressiven Reinigungsmittel.


Aber gereinigt werden muss Keramik trotzdem noch.

Jens Fellhauer: Natürlich. Fliesen sind jedoch, egal ob auf der Terrasse, im Eingangsbereich, in der Küche oder im Wohnraum, extrem pflegeleicht. Mit der High-Tech-Veredelung der Oberfläche produzieren deutsche Hersteller Fliesen, die von Haus aus eine noch pflegeleichtere oder rutschhemmendere Oberfläche besitzen. Diese funktionalen Vorteile sorgen überall, wo es feucht oder nass zugeht, für mehr Sicherheit.


Haben Sie ein paar „goldene Regeln“ für die Raumgestaltung mit Fliesen?

Jens Fellhauer: Starre Regeln sind überholt. Heute ist alles erlaubt, was gefällt. Angesagt ist das Zusammenspiel von Wand- und Bodenfliesen. Für die Wand empfehlen sich beide Extreme: In schmalen Fluren oder Gäste-Toiletten sorgen großformatige Fliesen für optische Ruhe und Weite. Andererseits kann eine Wand mit flächiger Mosaikgestaltung ein absoluter Hingucker im Wohnzimmer sein. Optische Höhe schafft eine Hochkant- oder Vertikalverlegung von Rechteckformaten, den Raum in der Breite streckt am effektivsten eine Querverlegung mit großen Rechteck- oder Riegelformaten. Auf dem Boden ist das Format 30 x 60 Zentimeter heute Standard, aber auch XXL-Fliesen mit Kantenlängen von 60 Zentimetern aufwärts erfreuen sich steigender Beliebtheit.


Fliesen dienen inzwischen als Hifi-Rack und sind sogar im Schlafzimmer als edel verfliestes Betthaupt salonfähig geworden. Machen sie dem klassischen Möbeldesign Konkurrenz?

Jens Fellhauer: Ganz im Gegenteil. Ich sehe das als Bereicherung. In erster Linie schaffen Fliesen Atmosphäre und bilden den idealen Rahmen für hochwertiges Mobiliar. Die Innenarchitekten entdecken die Fliese als „3D- Raumgestalter“: Ob als Wohnzimmerwand mit offenem Kamin oder als Sitz- und Ablagebank in der Dusche – Fliesen schaffen Harmonie zwischen Wand und Boden und erlau- ben die stilistisch gekonnte Beschränkung auf wenige, hochwertige Materialien. Es ist keine Frage des Preises, sondern der Fantasie, der Fliese im schönsten Sinne des Wortes „mehr Raum“ zu verschaffen.


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