Sitzprobe!

Vater, Mutter, Kind – wer sitzt wie und wo am liebsten?

Vater, Mutter, Kind – wer sitzt wie und wo am liebsten? Eine Berliner Familie durfte im Exil-Wohnmagazin einen ganzen Tag lang nach Herzenslust probesitzen.

„Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen, als einen Wolkenkratzer", wusste schon Ludwig Mies van der Rohe (1886 –1969). Formholz oder Kufen, Sprossen oder Schalen – es gibt wohl kaum eine Technik, mit der nicht irgendwann jemand versucht hat, einen Stuhl zu bauen. Doch was ist überhaupt ein "guter" Stuhl? Wann sind Sofa und Sessel bequem?


Wir machen es ständig: Am Frühstückstisch, auf dem Weg zur Arbeit, im Büro, zum Mittagessen, daheim: Sitzen. Dabei sitzt noch nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung so, wie wir es tun: Sie hockt, kauert, liegt, kniet. Anders die (anspruchsvollen) Kinder einer modernen Großstadtfamilie. Für Hannah (6) und Talitha (14) ist die Sache schnell klar: Der drehbare "Ball Chair" soll es sein. "Der chillt! Sieht aus wie eine Raumkapsel", schwärmt die Große. "Wie ein Riesenfußball, der über den Boden rollt und in dem man einschlafen möchte", sinniert die Kleine. Außen weißes Plastik, innen rote Polsterung. Hier fühlen sich alle Altersgruppen gleich geborgen. Ein Designstück, edel und bequem. Zwei Eigenschaften, die sich nicht unbedingt ausschließen müssen.



Drin sitzen, nicht drauf


"Stühle sollten mit dem Po, nicht mit den Augen gekauft werden", meint Michael Hillmer, Geschäftsführer des Exil-Wohnmagazins. Und: Ob man wirklich bequem sitzt, merkt man erst nach 20 Minuten. Doch was heißt das eigentlich, "bequem"?, sinniert die Dame des Hauses, derweil sie auf dem "Marlon"-Sofa mit extra hoher Sitzlehne versinkt. Anschmiegsam. Gefügig. Am Abend wollen wir keinen Widerstand.


"Das Sofa ist zum Fläz-Element geworden", bestätigt Michael Hillmer. Im Laufe der Jahre entstanden ganze Wohnlandschaften. Als Bezugsstoffe werden immer öfter gewebte Stoffe mit strukturähnlichen Oberflächen, zuweilen auch Naturleder gewählt. Wir wollen DRIN sitzen, nicht DRAUF sitzen. Darin sind wir uns als Probesitzer alle einig. Das Sofa muss heute als Spielwiese für die ganze Familie herhalten. Von hier aus wird ferngesehen, gelesen, das Baby gewickelt, die Kissenschlacht entschieden.


Meine Lieben weiß ich neben mir, ich muss sie dabei nicht unbedingt im Blick haben. Das Sofa als intimer Rückzugsort. Die Schwiegermutter flätzt oder lümmelt hier nicht.


VIP für alle: rund um den Esstisch


Früher saß man mit seinen Gästen am Esstisch, irgendwann stand die Runde auf und zog zum Sofa. Anschließend ging es in den Keller, zur "Bilderleiste" mit Fotos aus dem Urlaub. Helmut Schmidt hat es mal so formuliert: "Wenn es oben zu komisch wurde, sind wir nach unten in den Keller gezogen." Heute findet geselliges Beisammensein am liebsten am Esstisch statt. Der kann ruhig etwas rustikaler sein. Oder von Michael Hillmer anders, auf Berliner Art beschrieben: "Eine wilde Sau."



Kratzer oder Kleckereien können dem Herzstück des Raumes nichts anhaben. Hier sitzen die Leute am längsten. Faustregel: Die Sitzhöhe muss etwa 30 Zentimeter unterhalb der Tischkante liegen. Seitenlehnen dürfen auch in der Höhe nicht als Einengung empfunden werden und sollten sich unter den Tisch schieben lassen.


Design-Ikone oder No-Name, Original oder Kopie? Wohl letztendlich eine Einstellungssache – und auch eine Frage des Alters. Wer wohnen wichtig findet, merkt irgendwann, dass man mit Billigem, Austauschbarem auf Dauer nicht billiger fährt. Weniger, aber wertiger, lautet das Credo. Dabei sitzen wir "auf dem höchsten Thron der Welt auch nur auf unserem Arsch", wie der Philosoph Michel de Montaigne zu bemerken pflegte.


Apropos Thron: Der thronähnliche Samtsessel "Telefonzelle" hat es meiner jugendlichen Tochter angetan. "Wenn schon, denn schon … Oberstylish!" Spricht’s und hockt da wie Nofretete höchstselbst.


Der Männerklassiker: Schwarzes Leder


Das Sitzen war früher tatsächlich den gottgleichen Herrschern vorbehalten. Im alten Ägypten durften die Pharaonen als einzige Auserwählte auf einem Thron sitzen. Die Untertanen machten es sich auf dem Boden bequem. So wie heutzutage nur noch die kleinen Kinder. Viele höfische Rituale drehten sich ums Sitzen. Erhob sich zum Beispiel ein König beim Essen, war das Mahl für den Hofstaat beendet.


Und auch heute noch gilt: Sag mir, worauf du sitzt, und ich sage dir, wer du bist. Ein Chefsessel ist anders designt als ein normaler Bürostuhl. Sitzen in der ersten Klasse, in der Opernloge, am Kopf des Tisches ist Status und Privileg. Unser Familienoberhaupt steuert zum Abschluss der Probierrunde ganz standesgemäß – wie die meisten Männer, so Michael Hillmer – den Klassiker an: den schwarzen Ledersessel, Modell "Heimathafen".


"Passt zu meinem chinesischen Sternzeichen, dem Drachen", witzelt er. Anlehnen, Beine hoch, entspannen und den Tag ausklingen lassen. Oder, wie es der gute alte Fontane beschrieb: „Ruhe, Stille, Sofa – und eine Tasse Tee gehen über alles.“



Interview mit Michael Hillmer, Geschäftsführer Exil-Wohnmagazin


Sie bieten im Exil auf 6 Etagen und über 5.000 Quadratmetern viele außergewöhnliche Sitzmöbel an. Welches sind die beliebtesten?


Michael Hillmer: Ein Magnet ist der „Ball Chair“. Es gibt kaum einen Kunden, der dort nicht probesitzen will und begeistert ist. Solche Sessel kennen viele aus Filmen. Für knapp 6.000 Euro können sich jedoch nur wenige so ein Designstück leisten. Wer ausreichend Geld übrig hat, greift gern auf die klassischen „Lounge Sessel“ von Le Corbusier zurück. Grundsätzlich geht der Trend eher zum schmalen Modell – als Beistell-Sessel zum Sofa. Der klassische Ohrensessel ist aus der Mode gekommen.


Männer oder Frauen, wer ist der Oberbestimmer beim Kauf?

Michael Hillmer: Die Frauen haben klar das Sagen. Sie nehmen sich auch mehr Zeit beim Schauen. Die Herren der Schöpfung wollen den Möbelkauf so schnell wie möglich über die Bühne bringen.


Sind die Geschmäcker bei den Geschlechtern verschieden?

Michael Hillmer: Ja. Männer bevorzugen noch immer den traditionellen Ledersessel mit verstellbarer Rückenlehne, bei dem sie nur noch die Beine hochlegen müssen. Charles Eames, einer der einflussreichsten Designer des 20. Jahrhunderts, hat nach wie seine Anhängerschaft. Frauen mögen es kuschelig mit vielen Kissen. Sie mögen ganze Wohnlandschaften, vorzugsweise aus Stoff mit hoher Rückenlehne – und in dezenten Farben. Firmen wie Machalke, Brühl und Signet liegen bei ihnen vorn.


Welche Sitzmöbel stehen in Ihrem Haus?

Michael Hillmer: Ich habe bayerische Stühle, allerdings in Weiß, weil das moderner wirkt. Besonders stolz bin ich auf mein Sofa von Silva, einem spanischen Architekten. Es ist ein „fliegender Teppich“, der mit Klettband an einer Kunststoff-Schale befestigt ist. Wenn ich ihn abnehme, habe ich einen tollen Tigerteppich. Ich brauche nicht viele Möbel. Weniger Stücke wirken oft besser.


Was hat bei Ihnen Hausverbot?


Michael Hillmer: Billigmessing mit Buche, womöglich noch mit grünen Stoff bezogen! Man schaue sich nur mal in angeblich modernen Hotels um – grauenvoll!


www.exil-wohnmagazin.de


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