Salone di Mobile 2009

Gaby Wenning

Vom 22. bis 27. April setzten 300.000 Menschen ein eindeutiges Zeichen gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise in dem sie die 48. Wiederholung des Salone del Mobile life miterleben wollten und nach Mailand reisten. Die lombardische Hauptstadt, geübt in der Inszenierung von Design, konnte sich auch in diesem Jahr auf ihre natürliche Ausstrahlung verlassen und behauptete erneut ihre Bedeutung als Designmetropole.

Vor der Kulisse moderner Wolkenkratzer, einer historischen Altstadt und dem prächtigen gotischen Mailänder Dom verwandelte sich die ganze Stadt in eine Bühne für Neuheiten, Inspirationen und einen Design-Diskurs, der sich der Frage stellte, schafft Produktdesign den Absprung von der experimentellen Provokation hin zu einer neuen zeitgemäßen Aussage.


Und bewegt diese die Möbelindustrie so, dass sie in einer sich verändernden Welt überleben kann? Die Besucherzahl widersprach der Befürchtung Design stecke in einer wirtschaftlichen Sinnkrise. Viele Inszenierungen verliehen dem kommerzielleren Produkttreiben eine künstlerische oder intellektuelle Tiefe. Umgeben von dem Flair historischer Monumente in dieser Stadt wie z.B Leonardo da Vincis weltberühmtes Fresko »Das Abendmahl« im Kloster Santa Maria della Grazie oder das Teatro della Scala eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt stellte sich die Designwelt der diesjährigen Bodenständigkeit als Ausdruck einer industriellen Zähmung mit ausreichend Selbstironie.


Autorenprinzip statt Trendsetting


Betrat man die Metro, das Messegelände oder den kreativen off-Bereich Zona Tortona war von der Krise erst einmal wenig zu spüren: Erwartungsvolle Menschen schoben über die Messe bzw. durch die Straßen beflügelt von der Sonne und dem Wunsch „alles sehen zu wollen“ und der Gewissheit über die Unmöglichkeit dies zu tun. Die wichtigste Voraussetzung war damit erfüllt: Viele waren da, die Großen der Designszene wie Konstantin Grcic, Antonio Citterio, Patricia Urquiola, Stefan Dietz ebenso wie die dazugehörigen Labels angefangen bei den Heimatmarken wie B& B Italia, Molteni und Cassina über e15 hin zu Dedon und Swarovski.


Einen gemeinsamen roten Messeleitfaden hatten sie allerdings nicht ausgerollt. Allgemeingültige Trends ordneten sich den Einzeldarstellungen der Marken unter. Jeder Stand, jeder Designer hatte sein eigenes Designstatement in diese Welt inszeniert. Die Produkte erschienen eher wie Verbündete, die den Gedanken des Künstlers in ihrer Gestalt sichtbar werden lassen. In diesem Jahr löste sich der Produktentwurf aus seiner gestalterischen Isolation und kommunizierte auch den Kontext von Produktionsidee und Technologie. Der Designentwurf wurde zum ersten Mal zum Werkzeug und fand seine Bedeutung erst in dem Erkennen des Betrachters. Dieser neue Bedeutungsansatz von Design zollte sicher den krisengestressten Zeiten seinen Tribut.


Einen der schönsten und kreativsten Auftritte lieferte auch in diesem Jahr wieder Moroso. Im Mittelpunkt eine großzügige Sitzlandschaft. Ein Entwurf von Patricia Urquiola, der Mut zu Ethno-Kitsch zeigte.



Leichtigkeit und Freude


Nicht nur die Sushi Collection „Joy“ von Edward van Vliet für Moroso sorgte dafür, dass Freude und Leichtigkeit als Stimmungsmacher auftraten. In diesem Jahr zeigte Design nicht immer einen Bezug zu Innovationen, sondern versteckte sich eher zurückhaltend in Details und der Wahl der richtigen Materialien. Leder scheint ein solches zu sein. Nicht nur Poltrona Frau, selbst Outdoor Möbel hatten den Mut zu einem ledernen Outfit. Längst hat dieses feine, schmeichelnde Material Couch und Sessel verlassen und sich auf Tischplatten, Tabletts und an Schrankfronten niedergelassen.


Selbst die Arbeitswelt bekam einen heiteren Helfer, der den Arbeitsalltag erleichtern soll: Konstantin Grcic entwarf für das italienische Unternehmen Magis die Arbeitsmöbelfamilie „360°“, die eine rundum Beweglichkeit selbst in sitzender Position gewährleistet. Schmale, sattelähnliche Sitzflächen erleichtern den permanenten Wechsel zwischen Sitzen, Aufstehen und sämtlichen Körperhaltungen dazwischen. Tisch und Rollcontainer ergänzen das Programm und in vielen Details die Programmidee. Und damit der Arbeitsplatz kein düsterer Ort wird gibt es die Möbel nicht nur in schwarz und grau, sondern auch in grün und orange. Magis überzeugte auch in diesem Jahr mit einem weiten Potpourri an Stuhldesign, einer der schönsten Protagonisten für moderne Klassik in neuer Auseinandersetzung möglicher Details ist das Modell Déjà-vu Chair von Naoto Fukasawa.


Design nimmt gerne Platz


Nach wie vor nimmt Design gerne auf Stuhl und Couch Platz und möchte als Statement zu einer bestimmten Haltung Raum einnehmen. Einzigartigkeit und Deutlichkeit mit soziokultureller Reichweite haben allerdings in den letzten Jahren stark abgenommen. Stefan Diez bekam für seinen erstaunlich einfachen Stuhl „Houdini“ für e15 viel Aufmerksamkeit und wegen der raffinierten Produktionsidee auch viel Lob. Extrovertiert gaben sich mal wieder die brasilianischen Campana-Brüder mit einem flauschigen Langhaarkunstfellsofa in einer rosa bunt gescheckten Farbkomposition auf dem Stand von Edra. Ein kuscheliges Sitzerlebnis als Gegenmittel für frostige Zeiten.



Dass die Outdoor Edelmarke Dedon eine besondere Flechtoptik liebt, weiß und schätzt die Designwelt sehr. Doch in diesem Jahr wurden Leder, PVC-Schnüre oder Paketbänder allerorten verflochten, verwebt oder verknüpft. Paola Navone flocht aus Riesencalamus-Rattan für Gervasoni eine Riesen-Couch, Moroso zeigte ovale Lederpoufs während Roda und Emu mit geflochtenen Seitenwänden eine filigrane Optik an ihre Sofas zauberten.


Optische Effekthascherei versus inhaltlicher Tiefe


Mailand als Spielwiese fröhlicher Designstatements, die nicht Stellung beziehen, sondern der Zeit nur ein Bild schenken wollten, wirkte erfreulich positiv trotz aller wirtschaftlicher Herausforderungen. Scheinbar ohne gemeinsame Mission haben sich die Möbelhersteller diesen neuen Zeiten gestellt und schüchternes Produktdesign gezeigt. Auf den ersten Blick eine eher reduzierte Dimension eines solchen Mega-Events. Wäre da nicht noch die geheime Zukunfts-Botschaft gewesen. Wenn auch nicht als mahnendes Postulat laut an die Inszenierungen gemalt, so war das Thema „Nachhaltigkeit“ doch durchgängig präsent. Dabei ging es nicht mehr um die Frage, wie Mensch noch besser leben kann, sondern wie Mensch sicher überleben kann. Wahrscheinlich war dies auch ein Grund, warum an keiner Stelle inhaltloser glitzernder Glamour zur Schau gestellt wurde. Selbst Swarovski verzichtete auf eine strahlende Installation und entlieh sich die Wertigkeit von Edelsteinen.



Das von Arik Levy entworfene Standkonzept war an den Rand der Zona Tortona ins Magazzini die Porto Genova gezogen, trug den Titel „Osmosis“ und machte es den Besuchern schwer die wahre Identität der Marke Swarovski zu finden geschweige denn zu fühlen. Eco-Design hat die rein sichtbare Ebene verlassen. Die neue Nachhaltigkeit schleicht sich tiefer ins Bewusstsein und verzichtet auf laute Maketingparolen und baut auf neue ressourcen-schonende Produktionsverfahren. Ökologisches Bekennen sucht weniger eine provozierende Formensprache, als vielmehr langfristig neue Verhaltensweisen.


Ruhiger Auftritt in stürmischen Zeiten


Der Salone di Mobile 2009 war trotz stürmischer Zeiten ein Design-Event der Superlative. Vielleicht nicht mit Blick auf Innovationen und experimentelles Design, aber mit Blick auf die gezeigte Willenskraft der Kreativen und Hersteller in geschwächten Zeiten. Und ein paar schöne Highlights gab es ja doch, auch solche die vielleicht als Klassiker in die Designgeschichte eingehen werden. Und einen ganz klaren Wohntrend haben die Besucher auch mit nach Hause nehmen können: Die Multi-Einsetzbarkeit von Möbeln und Leuchten: drinnen und draußen, zu Hause und im Objektbereich.


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