Design-Show "100 % Design" in London: Zehn ausgewählte Stücke
„100% Design“, einmal im Jahr in London, ist die wichtigste britische Design-Schau mit Kreativköpfen aus aller Welt.

Die einst ungezähmte Zona Tortona ist mittlerweile...?
Gaby Wenning: Vor einigen Jahren noch überraschte die Zonte Tortona als Off-Event mit Originalität, Spektakulärem und unausgetretenen Pfaden neuen Designs. Das Ungewöhnliche als Präsentationskodex wurde vor allem von einer internationalen Szene Jung-Designer genutzt, um sich frei jeglicher Messe-Konventionen - und sicherlich auch Kosten - Gehör im Design-Mailand zu verschaffen. Heute hat die Zona Tortona stark an Designqualität eingebüßt. In das Flair ungestümen Designs und die Stimmung der Non-Konformisten haben sich immer mehr etablierte Hersteller eingenistet. Das Superstudio Piu weist mittlerweile in vielerlei Hinsicht Erkennungsmerkmale und Habitus einer klassischen Ausstellungsmesse auf. Die großen Showrooms in der Zona Tortona sind vergeben an Traditionsfirmen des Interior Designs. Wer das Ungewöhnliche sucht, muss sich intensiver als früher auf Hinterhofgestöber einlassen und auch hier findet man nicht nur Originelles. Durch die Kommerzialisierung hat die Zona Tortona an Originalität eingebüßt.
Was war das größte Überraschungsmoment?
Gaby Wenning: Dass sich auch ein lifestyliges Sportlabel wie Adidas einen prominenten Platz im Superstudio Piu gesichert hat. Mit „Liquid-Story“ zeigte addidas ein cross-mediales künstlerisches Konzept, das mit digitaler 3D-Animation, elektronischer und akkustischer Musik, elektromagnetischen und Video-Elementen arbeitete. Eine Inszenierung, die Kreativität mit flüssigen Mitteln erzählte und die Originalität einer unerwarteten Idee transportierte. Und vielleicht ein Beweis dafür, dass immer mehr Marken mit dem Verbindungselement Kunst‘ neue Präsentationsformen suchen.
Der neue Lieblingsdesigner heißt ?
Gaby Wenning: Ein ganz klares Votum für - David Trubridge. Der Neuseeländer zeigte mit seinen „Three Baskets of Knowledge“ Balsamico für die Designseele. In seiner Lichtinstallation lehnte er sich an einen neuseeländischen Maori-Mythos an. Drei Lichtkörper aus Holz, die tropfenförmig von der Decke hingen, symbolisierten Kete Aronui – das Wissen von der Erde und der natürlichen Welt, das für alle da ist. Kete Tuauri – unser rationales Wissen, das wir selbst im Geist haben und Kete Tuaatea – das Wissen der spirituellen Welt. Seine Botschaft, nicht mystisch, sondern schonungslos deutlich: Wenn es im Design heute nicht um einen besseren Weg zu leben geht, ist es irrelevant und verantwortungslos. Die Installation zielte darauf, einen Denkanstoß zu geben. Eine Präsentation im Superstudio Piu, die die LA Times übrigens mit dem Titel Best in Show‘ bedachte.
Die faszinierendste Messe-Performance zeigte ?
Gaby Wenning: Nachhaltig am meisten beeindruckt hat mich der Stand von Moroso auf dem Messegelände Rho Pero. Moroso ist dem eigenen Versprechen treu geblieben ästhetische diversity‘ zu zeigen. Mit einer ausgewählten Riege von Top-Designern hat Moroso wieder Produkten Leben eingehaucht, die technische Lösungen zeigen, funktionell und ästhetisch stark sind. Beeindruckend: collezione rift‘ und fergana‘ von Patricia Urquiola. Conträr: der plüschige Stuhl paper cloud‘ von Tokujin Yoshioka. Oder von Ron Arad: do-lo-rez. Einprägsam auch das Statement von Tord Boontje für Moroso mit seinem Tisch: flower table‘ – Holz und Blumen werden zurück geführt auf ihren Ursprung.
Gibt es einen Hidden-Champion des Salone 2009?
Gaby Wenning: Wahrscheinlich nur für kurze Zeit hidden‘, aufregend auf jeden Fall. Der junge Lifestyle des Modelabels Diesel ist übergeschwappt von der Welt der Mode auf die Möbelwelt. Nach Armani, Kenzo, Fendi und Joop besetzt Diesel eine ganz neue Nische der Home-Collections. Die Inspiration der Kollektion: ein informelles Lifestyle-Konzept fokussiert Konsumenten, die eine einfache Formgebung mögen und einen modernen Style suchen produziert aus High-Quality mit einem distinkten Design für pure Linien. Sehr jung, fetzig und unkonventionell holt Diesel mit Moroso und Foscarini als Lizenzpartner ein neues Lebensmodell ins Wohnzimmer.
Welches Stimmungsbild zeichnete der Salone?
Gaby Wenning: Let‘s Joy – Zu sehen war eine bunte Spielwiese des Designs. Für bunte Leichtigkeit, leichte Formen und fröhliche Farben hat so mancher aus der Mailander-Designer-Elite sein Bestes gegeben. Zu Recht – in einer wirtschaftlichen Welt, in der die Krise tobt, wird das Zuhause mehr denn je Zufluchtsort. Bei Cappelini zeigten Jasper Morrison und Werner Aisslinger ihre Spielwiese bunten Designs. Cassina bettete seine Innovationen gar in großformatige Leinwand-Inszenierungen mit barocken Carpe-Diem-Motiven ein. Eine weniger bunte, dafür aber weiße Leichtigkeit transportierte Patricia Urquiola mit ihrem night & day‘ Programm oder sequence‘ – einem modularen Buchregal.
Die schlanke, moderne Linie hat insgesamt bei Molteni ein neues Zuhause gefunden, wie z.B. mit honey‘, dem Bett von Arik Leviy. Molteni gibt zu Design im Jahr der Krise ein starkes Statement: Know-how als Stärke, die niemand stehlen kann. Direkt angedockt an das neue Lebensgefühl der Lebensfreude haben sich die Outdoor-Kollektionen vieler Hersteller. Während im vergangenen Jahr die Who ist Who des Interior Designs mit ersten Outdoor-Kollektionen den Salone in eine edle Gartenschau verwandelten, gab es nun die zahlreiche Weiterentwicklungen, die belegen: Der Sommer ist keine Jahreszeit mehr, sondern eine neue Lebenseinstellung. In- und Outdoorwelt verschmelzen miteinander.
Hat sich der Salone di Mobile den alten Ruhm neu verdient?
Ulrike Feierabend-Hoffmeier: Der Salone di Mobile als Inspirationsquelle des modernen Möbeldesigns sprudelte dem internationalen Designpublikum eher verhalten entgegen. In diesem Jahr wurden deutlich weniger „innovative“ Projekte gezeigt, experimentelles Design fehlte ganz. Der Pfad zwischen Business Trip und Urban Design Event war deutlich breiter angelegt und oftmals bestand die Brücke zwischen beidem aus Ironie, Sarkasmus oder überzeichneter Albernheit. So präsentierte Nils Holger Moormann 12 neue Produkte, denen er selbstironisch den Titel „Our best nonseller collection 2009“ gab und damit modernes Design ein ungewolltes wirtschaftliches Spiegelbild zeichnete. In der Zona Tortona, dem kreativen Off-Bereich der Mailänder Messetage, schien es fast als hätte der Widerspenstigen Zähmung stattgefunden.
Die Werkstattinszenierungen waren wenig revolutionär und fanden nur selten eine nachvollziehbare Verankerung im Spiel der Gegensätze, wie Öffentlichkeit und Privatheit, Funktion und Ästhetik oder Tradition und Modernität. Als Kreativinsel verdiente sich das Superstudio Piú neuen Ruhm. Hier führten gegensätzliche Weltanschauungen Regie. So missionierte Tom Dixon mit alten Werten wie Langlebigkeit, Robustheit und Ehrlichkeit seine Produkte und befreite die Dinge von oberflächlicher Schönheit mit dem Postulat der Nützlichkeit. Schräg gegenüber traten sensible Lichtskulpturen von David Trubridge für den achtsamen Umgang mit dieser Welt ein, während Adidas schlichtweg auf visuelle Überraschungseffekte setzte.
Marcel Wanders traute sich jedoch ästhetisch lächelnd der wirtschaftlichen Krise zu begegnen. Seine Vase „The killing of the piggy bank“ in Form eines Sparschweins, das den goldenen Hammer gleich mit liefert, darf ganz individuell interpretiert werden. All diese Zeitzeugen von modernem Design müssen im nächsten Jahr sicher für neuen Ruhm sorgen, wenn Mailand sich als Designadresse Nummer eins weiter behaupten möchte.
Gab es einen roten Trendfaden auf dem Salone?
Ulrike Feierabend-Hoffmeier: In diesem Jahr war der rote Faden die Gegenwart. Es gab keine großen Designtrends, die sich auf Ständen und Inszenierungen wiederfanden. Natürlich bleibt das Farbthema weiß ein aktuelles, natürlich wird die Möbelsprache wieder etwas bunter und leichter, weicher und femininer, aber einen großen neuen Trend gab es nicht zu entdecken. Dafür gab es jede Menge Hinweise auf aktuelle Themen, die die Welt bewegen. „Experimentelles Design“, das wirklich Neues schaffen wollte, hatte einem sehr archaischen Konzeptansatz Platz gemacht.
Viele Produkte zeigten sich in einer oberflächlich leichten Ästhetik, die allerdings einer konventionellen Machart entspringt. Die Überraschungsmomente lagen eher in Details oder optischen Illusionen. Zeitgenössisches Design hat sich an dieser Stelle sehr mit einer handwerklichen Sichtweise verbunden und die Gegenwart damit eher gespiegelt als verändert. Themen wie Nachhaltigkeit, Industrialisierung haben sich optisch zu Wort gemeldet, aber keine neue Ästhetik geschaffen. Ähnlich wie in der Computer- und Automobilbranche muss sich auch das Möbeldesign in seinem konzeptionellen Wesen zeitgemäß weiter entwickeln. Künftig wird das nostalgische Wiederaufgreifen alter Werte nicht ausreichen.
Ist Weniger mehr oder ist es wieder Zeit für mehr Mehr?
Ulrike Feierabend-Hoffmeier: Alte Werte in modernen Kleidern stehen für eine große Verunsicherung, die natürlich auch aus der aktuellen Krise heraus entstanden ist. Alberto Alessi beschreibt das Wesen zeitgenössischen Designs mit den Attributen Einfachheit, Ehrlichkeit, Echtheit. Einem solchen kreativen Kern unterstellt man nicht, dass ihm spritzige Kombinationen von Material und Formen erwachsen, die die Welt verändern. Spätestens jetzt stellt sich die Frage „Hat Design Angst vor der Zukunft?“ Wo kam dann jedoch die Freude her, die von Anfang an zu spüren war. Diese neue Leichtigkeit, die sich der Schwere der Zeit entgegen zu stellen versuchte.
Die eine oder andere Neuheit erweckte den Anschein als suche Design in der eigenen Geschichte nach Lösungsvorschlägen. Paola Navone, Patricia Urquiola spielen mit kulturellen Zitaten und verleihen ihren Produkten wie der Sitzlandschaft „fergana“ eine nostalgische Anmutung. Das Gegenprogramm zeigen die Schwedinnen der Gruppe „Front“ die für Moroso die „Moment Collection“ entwarfen. Sie erzeugen eine Materialsuggestion und erst beim Berühren löst sich die Illusion einer harten Holzbank oder eines Faltenwurfs auf. Für Skitch kreierten sie ein Regal mit einem Geheimfach. Insgesamt aber präsentierte sich die Design Avantgarde eher bieder konservativ mit einem „Mehr“ an gemütlicher Fülle.
Und es gab doch einen Trend . . . ?!
Ulrike Feierabend-Hoffmeier: Zugegeben ein nicht mehr ganz so neuer, aber einer, der Marktspuren hinterlässt. In Mailand sorgte ein prominenter Protagonist für seine aufmerksamkeitsstarke Präsenz, in dem er sich auch gleich die passenden Kooperationspartner gesucht hatte: das Fashionlabel Diesel präsentierte zum ersten Mal seine Home-Collection auf dem Stand seines honorigen Lizenznehmers Moroso. „Successful Living from Diesel with Foscarini hieß es dagegen im Leuchtenbereich. Die Idee, dass Modemarken auch Räume einkleiden ist nicht neu. Fendi, Kenzo, Missoni, Armani und Versace, sie alle haben bereits Möbelkollektionen mit dem Lebensgefühl ihrer Modewelt versehen und blieben dabei oftmals in dem Attribut Glamour und luxuriösem Pomp hängen.
Die Dieselkollektion u.a. bestehend aus Sofa, Sessel, Stuhl, Lounge Chair und Sideboard schaffte einen eigenen emotionalen Transfer von Life Style zu Living Style, verließ die bürgerliche Bodenständigkeit und lud im Blue Denim Feeling zu ungezügelter Lebensfreude ein. Unter dem Motto mit dem Leben per „du“ blieb die Marke unverfälscht in ihrem Spirit. Einzige Frage, die der Hersteller sich gefallen lassen muss, ob die anvisierte junge Zielgruppe der „lebensfrohen Wilden“ die kommerziell ungezähmten Möbelstücke auch bezahlen kann.
Das größte Versäumnis . . .?!
Ulrike Feierabend-Hoffmeier: Den Werkstatt Showroom von Rossana Orlandi nicht besucht zu haben. Wenn in diesem Jahr Grenzgänger zwischen Kunst und Design zu finden waren, dann sicher auch dort. Der Innenhof und die Räume von Rossana Orlandi sind übrigens ein Platzwunder und eine Offenbarung für alle Designfans. Rossana Orlandi ist eine ungewöhnliche Grand Dame des Designs, die vor sechs Jahren auf eine ehemalige Fabrikhalle in der Nähe von Mailand aufmerksam wurde und dort eine Galerie einrichtete, in der sie aktuelle Design-Trends zur Schau stellt. Eine Muss-Adresse für die nächste Mailand-Reise . . .