Lichtspiele sind auch Liebesspiele

Steh­leuchte „Snow“ (2.695 Euro) wurde von der Dänin Louise Campbell für den Hersteller Louise Poulsen entworfen und mit dem „Red Dot Design Award 2009“ ausgezeichnet.

Schönes Licht macht gute Gefühle, schlechtes nichts als Ärger, und gar kein Licht ist manchmal die beste Beleuchtung. Wenige Alltagsbegleiter sind solche Stimmungsfabrikanten.

In welchem Licht uns eine Sache erscheint, bestimmt maßgeblich unser Urteil über die Sache – und unser Gefühl. Das gilt auch fürs Licht selbst. Schönes Licht macht ein gutes Gefühl, schlechtes ärgert, irritiert, nervt. Aber warum hängt unsere Gefühlswelt derart direkt von der Art des Lichts ab, in dem wir uns bewegen?


Bernhard Uske, Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Wuppertal, auf die Frage, warum Licht Gefühlsspender ist: „Weil der Mensch es dazu gemacht, weil der Mensch sich sensuelle Anziehungspunkte geschaffen hat. Gefühle sind abgeleitete, hochgestufte Bedürfnispakete, die ein so instinktunsicheres Wesen wie der Mensch sich als eine Art instinktive Ersatzvornahme zu packen wusste. Diese ursprüngliche Schwä­­che hat ihn so stark, so flexibel, so autonom gemacht und ihm eine eigene, veränderliche Gefühlswelt geschaffen, die er ständig weiter bearbeitet.“ Der Mensch teile das Bedürfnis nach Licht mit vielen Lebewesen.


„Aber die gefühlten und entsprechend gebildeten Resonanzvorgänge machen ihn im Gegensatz zu Tier und Pflanze zu einem Gefühls-Bildner, lassen ihn Licht schaffen, um Gefühle zu haben, lassen ihn Stimmungen machen. Der Mensch ist eben keine Eidechse. Wenn er, wie sie, etwa stundenlang in der Hitze liegt, tut er das nicht, weil er ohne das nicht seine Bio-Kinese hätte, sondern weil er das gern hat oder weil er sich bräunen will, um sich zum Beispiel einen sozialen Anerkennungsvorteil zu verschaffen.“


Dass uns Licht beflügelt oder bedrückt, hängt mit der Entwicklung des Menschen zusammen. Professor Uske: „Verfolgen wir die zu­rück, so ist natürlich der Bereich des Dunk­len für ein so instinktarmes und -schwaches Wesen wie den Menschen grundsätzlich problematisch. Als stark tagesvisuell orientiertes Lebewesen ist er bei dürftigem Licht besonders unsicher, bei starkem Licht wiederum durch Hitze und Blendung gehandicapt.“



Deshalb seien für den Menschen „modulierte Lichtverhältnisse die bekömmlichsten. Deswegen sucht er solche und fängt früh an, sie als den ihm genehmen Normalzustand zu erzeugen“. Das freilich heiße nicht, dass in bestimmten Situationen Dunkelheit und gro­ße Helligkeit nicht auch große emotionale Anziehungskraft ausüben können und deshalb gesucht werden – „der Schauer des Grauenhaften, Heiligen, Außergewöhnlichen ...“.


Gestritten wird gelegentlich darüber, ob und inwieweit uns die emotionale Empfänglichkeit sogar genetisch in den Knochen steckt. Professor Uske spricht davon nicht, „aber von einem vorbewussten Komplex leicht stimulierbarer Bilder und Vorstellungen oder neutraler: vom kulturellen Gedächtnis, das immer aktualisierbar und wie so vieles beim Menschen auch verschiebbar, abstrahierbar ist – in diesem Fall etwa hin zum flackernden Lichtfenster im nach neuesten ökologischen und energieeffizienten Gesichtspunkten konstruierten Hightech-Ofen.“


Große Veränderungen in der Licht- und Lichtquellen-Produktion haben Folgen für die Gefühls-Produktion. Auf längere Sicht wird es für unsere Gefühlswelt ein Unterschied sein, ob wir uns unter der Haube des Glühfadens von Alva Edison befinden oder in der immer selbstverständlicher werdenden Nachbarschaft der Leuchtdiode (LED). Diese Revolution hat erst begonnen, aber es darf als sicher gelten, dass neue Sehgewohnheiten auch neue Gefühlsechos auslösen.


Bernhard Uske sieht es so: „Die unendliche Plastizität des menschlichen Sondervermögens ,Gefühlsbildung‘ lässt Entwöhnungen/Ge­­wöh­nungen immer mit einer emotiven Konsequenz einhergehen. Die detaildifferenzierte Beleuchtung, besser: Belichtung durch LED, passgenau und stärkemoduliert, erzeugt neue Ansprüche, die jetzt schon die normale Schein­­werfer-Beleuchtung als grobe, ja primitive Licht-Ästhetik erscheinen lässt.“



Aber: Wird die Leuchtdiode auch die Faszination des Menschen für das flackernde, lebendige Licht einer Kerze, einer Fackel, eines offenen Kamins brechen? Man kann es nicht ausschließen, und man möchte es nicht hoffen. Professor Uske strahlt diesbezüglich vor Zuversicht: „Flackerndes Licht – das ist die Magie der alles verzehrenden Flamme mit den zuckenden Schatten, der hellen und dunk­len Lichtgestalten, die wesenlos, aber brennend kommen und gehen. Die Flamme auf dem Fackelstiel ist einerseits gebändigt, aber jederzeit auch zum Brand-Entfachen bereit. Sie ist lichtbringend und gefahrbildend in einem. Das ist ein Opferszenarium, ein Darbringungsakt, eine ideale Synthese aus prometheischer Selbst- und Fremdfeier.“


Unterschiede in der Lichtempfindlichkeit und -empfänglichkeit von Mann und Frau hält der Wissenschaftler für erwiesen, doch für ihn ist dabei „die geschlechterunterschiedene Perspektive unklarer als die pathologische. Lichtempfindlichkeit durch Einnahme bestimmter Medikamente, bei Migräne-At­ta­cken, während der Chemotherapie. Die Ursachen scheinen im Stoffwechsel und in immunsystemischen Veranlagungen zu liegen. Ein Überwiegen weiblicher Patienten ist in der Literatur beschrieben.“


Die grundsätzlich stärkere Reaktion von Frauen auf Licht, so Professor Uske weiter, gehöre „zu tiefsitzenden anthropologischen Veranlagungen im sogenannten sexuellen Dimorphismus. Er beinhhaltet auch die Sorge um die Formen der Ernährung, der Bekleidung, der Hege und Pflege, des Schmucks und der Gestaltung – also heute den Gesamtkomplex der Mode, als Kernbereiche des genuin heimischen Feldes und der Auftrittsmöglichkeiten.“


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