Landhaus mal fünf

Städtisches Leben ist funktional, schlicht und reduziert. Dieser Strenge folgt man am besten auch beim Interieur, indem man den Raum optisch nicht bis an die Grenzen füllt.

Anna Lambert hat die Gabe, Stim­mungen in Räume zu zaubern, Möbeln Leben ein­zuhauchen und das Ambiente mit Stil zu veredeln. Ihre Gestaltung ist mehr als pure Dekora­ti­o­n. Sie ist Installa­tion – und setzt die Bewohner in ihrem Zuhause gekonnt in Szene, ohne unnatürlich zu wirken. Immer wieder anders

Fantasien haben in jedem Zimmer von An­na Lambert Platz. Puppenköpfe lugen über den Rand handgeschliffener Gläser im Flur. Ein chinesischer Arbeiter er­hält seine verdiente Auszeit im Bade­zimmer, und ein diebischer Affe trägt den Schmuck der Haus­­herrin. „Ich liebe skurrile Dinge. Für mich gibt es nichts Ungemütlicheres, als in einem Raum zu sitzen, der so langweilig anzusehen ist, wie Soße aus der Tüte schmeckt“, so die ausgebildete Tänzerin und Schauspielerin.


Anna Lamberts große Liebe gilt der Gestal­tung von Räumen. Sie ist immer auf der Jagd nach authentischen Stücken, die einem Zim­mer oder einem Lieblingsplatz eine individuelle Aura verleihen. Stoffe, Möbel und Acces­soires entfalten bei ihr zweckentfremdet und in einem völlig neuen Kontext ein eigenwilliges Leben. Un­ter­schiedliche Farben, Mate­rialien, stilistische Antipoden oder Größen­verhältnisse prallen aufeinander, fügen sich zum selbstverständlichen Ganzen und schaffen Harmonie inmitten einer privaten Welt.


Um das richtige Stück für ihre jeweiligen Insze­nie­rungen zu finden, scheut die Gestal­terin keine Mühen. „Ich suche manchmal mo­­­na­telang nach einem Spiegel, klappere dafür ausdauernd Flohmärkte und Antiqui­tä­tenhändler ab“, erzählt Anna Lambert. Weil sie weiß, dass sie für die Rennerei belohnt wird: „Ein alter Spie­gel hat positive Patina, Geschichte, Wert. Das Licht wird von einem alten Stück wärmer reflektiert als von nachgemachten Scheuß­lich­keiten. Sie sehen so­­fort, dass die Präsen­tation authentisch ist und kein Panoptikum.“


Ihr Händchen für guten Geschmack in den vier Wänden prägt nicht nur die private Welt. Neben Theaterengagements leitete sie zu­sammen mit ihrer Mutter ein Mün­ch­ner Ein­­richtungsgeschäft. Als sie nach der Schei­dung von ihrem ersten Mann, einem Bühnenbildner, mit dem sie zwei Söh­­ne hat, mit Gunther Lambert einen Neu­be­ginn startet, bringt sie ihr Können in dessen Einrichtungshaus mit ein. Anna Lam­bert ist neben ihrem Mann der Kopf hinter einer un­­gewöhnlichen Erfolgsgeschichte, die das Unter­nehmen Lambert zu einer Insti­tution in der Ein­richtungsbranche machte.



Gemütlichkeit, Traditon und Stil sind der In­be­griff für Landhausstil à la Lambert. Und auch das Credo von Privatperson Anna Lam­­bert. „Ob in unserem Landhaus in Frankreich oder in der Stadt­­wohnung in Düsseldorf – der Land­haus­stil prägt unsere Domizile“, so die Weitgereiste.


Für Anna Lambert stellen das City-Leben und der Wunsch nach ländlicher Idylle keine un­­überwindbaren Gegensätze dar: Da stehen edle Designklassiker wie der Eames-Chair „La Chaise“ vor einer rohen Ziegel­stein­­mauer und wirken wie Skulpturen im Raum. Oder sie stellt Korbmöbel selbstbewusst in ein szeniges Loft. „Erst die Unterschiede“, findet Anna Lambert, „laden ein Zimmer mit positiver Spannung auf“.


Bei ihr können Besucher immer mit etwas Unerwartetem rechnen. Farb- und Material­wahl sind gegensätzlich, ziehen sich aber an, wie die Pole eines Magneten. Holzdielen zu Eisenrohren, glänzender Edel­stahl zu rostigem Blech, feinster Brokat zu Plastik, euro­­päische Antiquitäten zu asiatischen Devotio­na­lien. „Wir sind viel durch Asien gereist. Von dort haben wir alte Buddhas mitgebracht und die typischen Plakate, die den Arbeiter porträtieren. Die Souvenirs sind Dokumente unseres Lebens und finden selbstverständlich ih­ren Platz auf unserem 200 Jahre alten Landsitz.“Und eben das macht die Stilbrüche authentisch.



Stilbrüche sind keine Sünde – solange man von ihnen überzeugt ist. „Mit Möbeln ist es wie mit der Mode: Wenn man sich in die Tasche auf dem Flohmarkt un­sterblich verliebt hat, trägt man sie mit stoischer Selbst­­verständlichkeit zum De­signer­-Kleid“, meint Anna Lambert. Wenn eine Statue aus dem Asien-Urlaub ei­ne Bedeu­tung für den Haus­herren hat, ist es egal, was Designer, Ein­richter oder Freunde sagen.


Dennoch gibt es auch bei der Gestaltung von Wohnräumen Tabus. Anna Lambert: „In­ves­tieren Sie in gutes Material. Gute Stoffe etwa können durchaus verschossen sein. Sie sehen aber niemals gammelig aus, sondern gefallen durch ihre Patina.“ Außerdem passiert es schnell mal, Räume mit Accessoires zu überladen. „Ein geordnetes Chaos hat etwas sehr Sympathisches, Le­ben­­diges. Doch zu viel wirkt wie zu viel Make-­up, nämlich ganz schnell schlampig“, so die Ansicht der Einrichterin.


Am wichtigsten aber sei es, die Lust am Ge­stalten nicht zu verlieren. Spaß haben beim Einrichten. Frei sein von Zwängen und sich mit Liebe zu Kunst und Kreativität ausprobieren – das sind ihrer Meinung nach die Schlüs­sel zu geschmackvollem Wohnen. „Ich habe immer Lust, aus der Reihe zu tanzen, mich keinem Schema zu unterwerfen und damit eine unbekannte Seite meiner Per­sön­lichkeit zu offenbaren“, sagt Anna Lam­bert. Und die ist in jedem ihrer Räume zu finden.


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