Küchen-Spezial 2011: FARBEN-LEHRE

Im Gespräch mit Axel Venn, international geachteter Fachmann für Farbe, Oberfläche, Trend und Design

Bunt schmeck besser? Im Gespräch mit Axel Venn, Professor an der Hochschule für angewandte Farbwissenschaft und Kunst Hildesheim, international geachteter Fachmann für Farbe, Oberfläche, Trend und Design

Wo gehören die lauteren Farben in der Küche hin: an die Wände oder an die Möbel?


Axel Venn: Die schönen und sanften, saftigen und appetitanregenden Farben sollen zuallererst die Möbel zieren. Mehrfarbigkeit bis Vielfarbigkeit ist gefragt, das Ende der frugalen Eintönigkeit vorbereitet, die Puristen erhalten ihre Kündigung. Die Wand-, Boden- und Deckenfarben müssen mit den Möbel- und Gerätetönen eine konzertante Einheit bilden. Divertimenti wie Harmoniebetonungen sind erlaubt.


Die Küche ist ein Aktionsraum mit einer Anhäufung von Materialien und Farben – allein durch die Lebensmittel –, von Stimmungen und Aktivitäten. Braucht sie überhaupt noch Farbunterstützung?


Axel Venn: Gerade weil Aktion, Spaß und Palaver unsere Küchenkultur bestimmen, diese Tugenden als wesentliche Anspruchsfaktoren wiederentdeckt werden, müssen Küchenräume farbig sein und so ein narratives Hintergrundrauschen erzeugen helfen. Küchen ein laborhaftes, technokratisches Outfit wie übermotorisierten Rennmaschinen zu geben, fand ich immer absurd und dem Genuss an guten Dingen wenig dienlich. Koch-Chemie-Laboranten anstelle von leckermäuligen Suppen- und Saucen-Zauberern haben mir nie gefallen. Gourmets und Gourmands, Genießerinnen und Wohlfühlenthusiasten schon.


Farbvorlieben verändern sich. Von der Küche wird eher eine längere Lebensdauer erwartet. Ist das eine mögliche Erklärung für Weiß als bevorzugte Farbe?


Axel Venn: Mit Weiß wird nicht Langlebigkeit assoziiert, sondern hygienische Sauberkeit. Außerdem ist es Ausdruck eines paralysierenden, mangelnden Muts zur Farbigkeit. Weiße Küchen würden auf einer Skala von 100 bis 0 – also höchsten emotionalen Wertanspruch bis zum unteren emotionalen Tiefpunkt, sprich: absoluter Nichtbeachtung –, maximal bei 20 bis 25 Zählern landen. Die Freude an einer gänzlich weißen Küche bewegt sich meinen Beobachtungen nach auf dem Niveau eines verpatzten Urlaubs, einer schmerzhaften Magenverstimmung, eines permanenten Familienkrachs – die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden.


Jeder Lebensabschnitt besitzt seine eigenen Farbvorlieben und formalen Zuwendungen. Ihnen nicht zu folgen, ist unsinnig. Und ebenso unverständlich und unbekömmlich wie etwa wichtige Lebenszeit in unpersönlichem Weiß zu verbringen. Weiß ist die Summe aller Farben, keine Farbe selbst. Weiß zu wählen bedeutet, auf alle sichtbaren der rund 10 Millionen Farben, die wir erkennen können, zu verzichten.



Es werden regelmäßig Farbtrends ausgerufen. Ist das Reaktion auf tatsächlich veränderte Bedürfnisse oder blankes Marketing?


Axel Venn: Moden und Trends werden eindeutig über Farben definiert. Neue Trends entwickeln sich aus Überdrusshaltungen zu bestehenden Trends. Und Farben sind die eingängigsten Merkmale von Veränderungen, denn sie sind emotional, empfindungs- und gefühlsbeladen. Farben entziffern wir nicht über systematisches Denken. Sie zeigen nie Realität, sondern ausschließlich Wirkung: Kaum ist das Licht aus, ist Farbe unexistent. Unsere Farbvorlieben sind äußerst wechselhaft, launenhaft und von Untreue geprägt. Selten habe ich erlebt, dass zuvor genannte Lieb- lingsfarben bei der endgültigen Farbwahl siegreich waren.


Der Inbegriff von „behaglich" ändert sich in Wellenbewegungen. In den 60ern beispielsweise galt Braun als das Nonplusultra an Gemütlichkeit. Wie erklären sich solche gemeinschaftlichen Farb-Angepasstheiten?


Axel Venn: Nach meinen Untersuchungen deuten die genannten Begriffe stets auf gefühlvolle Warmtonigkeit hin. Wenn rustikal-folkloristische Stilrichtungen vorherrschen, stehen rotbraune, braune und olivgrün getönte Farben im Fokus der Trends. Danach folgen eher Orange-, Mais- oder Terrakottatöne, die auf mediterrane Einflüsse verweisen. Ihnen folgen wiederum schokobraune, umbra- und leinenweiße Nuancen, die ostasiatische Wohlfühl-Atmosphäre verbreiten. Augenblicklich sind wieder die heimischen, eher süddeutsch geprägten Schwarzwald- und Bayern-Idyllen gefragt, die rustikale Authentizität vermitteln.


Welche Farben haben Ihrer Meinung nach in einer Küche keinen Zutritt?


Axel Venn: Ich kann mir genauso wenig vorstellen, in dunkelbraunen und nachtblauen Räumen zu kochen wie in Jasmin-violetten oder magentafarbigen. Das trifft auch für die Farben von Teller und Tasse zu. Von Stahlgrau, Quietschgelb und Rotzgrün möchte man nicht speisen. Alles zu Laute, Eigenwillige, Grelle ist kaum lebensmitteltauglich.



Jüngere Leute leben oft eine Frida-Kahlo-Mentalität, sie lieben es bunt in der Küche. Ältere neigen zu dezenten Tönen. Ist die Farb- wahl alters- und bildungsabhängig?


Axel Venn: Farben sind immer eine Rezeptur auf Zeit. Mal ist die Farbwahl fremdbestimmt, ausgelöst durch Trends, mal Eigengewächs individualisierter Geschmacksvorgaben. Natürlich gehen jüngere Leute häufig unkonventioneller und experimentierfreudiger, aber auch chaotischer mit Farben und formalen Inhalten um. Es wird zwar stets behauptet, dass Farbvorlieben bildungs- und einkommensabhängige Korrelationen aufzeigen. Das kann ich so aber nicht bestätigen. Tatsache ist, dass kulturelle und landschaftliche Prägungen die Farbwahl beeinflussen. Im Übrigen gibt es auch in dieser Frage die „jungen Alten“ und die „alten Jungen“.


Kann man sich mit Farbe gefühlsmäßig selbst manipulieren?


Axel Venn: Die Frage nach der Automanipulation betrifft das Wesen der Farben an sich. Jede Farbe, die ich nutze, besitzt zwei Fundamente: Sie signalisiert eine Botschaft, und sie ist Echo auf den Appell. Beispiele: Nirgendwo mundet ein frischer Gartensalat aus Grün, Rot und Gelb besser als in einer parallelen Farbumgebung, ein schwereloses Fischgericht am Meer besänftigt uns durch das Weiß der Wolken, das Grün des Tangs und das belebende Türkis des Wassers. Curry-Wurst und Pommes schmecken dann besonders gut, wenn die Erkennungsmelodie der würzigen Farbigkeit sich im Interieur spiegelt.


Welche Perspektiven würden Sie der Küche aufzeigen?


Axel Venn: Wir werden eine rigide Abkehr von der durchgestylten, fest installierten Küche erleben. Sie wird mobil, also beweglich sein. Desorganisation tritt an die Stelle von Durchorganisation. Harte Fronten bekommen weibliche Rundungen, Bolidisches und Bionisches, Bauchiges und Muskulöses bereichern die Formensprache. Einton-Farbe trifft auf Mehrfarbigkeit und Muster. Materialmultiplizität wird bestehende Uniformität ablösen. Stauraum, Arbeits- und Essplatz ist überall. Der Platz auf dem Kühlschrank wird genauso begehrt wie der auf dem Sideboard. Das Modell Küche sieht in drei, vier Jahren ziemlich anders aus als heute. Der asketische, großtuerische Geist inszenierter Professionalität wird von kennerschaftlicher, liebevoller Schmackhaftigkeit verspeist werden.


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