Kinder an die Macht

Ein Haus planen mit Blick auf die Bedürfnisse der Kinder – eine anspruchsvolle Aufgabe. (Fotolia.com)

Kinder sind ein guter Grund zu bauen. Doch die Ansprüche kehren sich im Laufe der Jahre um: Aus dem Bedürfnis gegenseitiger Nestwärme wächst die Forderung nach abgesteckter Privatsphäre im Teenie-Alter. Wie bekommt man solche Wachstumsschübe im Haus am besten auf die Reihe? Architektin Vera Martinez hat Wohn-Lösungen für alle Altersgruppen.

Ein eigenes Zimmer für jedes Kind – heute eine Selbstverständlichkeit – war noch zu Großmutters Zeiten undenkbar. Eigene Rückzugsmöglichkeiten gehören für Eltern und Kind heute zu den Basics eines harmonischen Miteinanders. Bei der Planung eines Einfamilienhauses ist für diese Konstellation Weitsicht gefragt, denn der Status quo bei Einzug mit einem Kleinkind wird in 15 Jahren mit dem Teenie so nicht mehr funktionieren: Das Raumkonzept, das anfänglich größtmögliche Nähe zwischen Kleinkind und Eltern herstellt, wird mit dem Wunsch des Heranwachsenden nach einem separierten Lebensbereich kollidieren.


Auch wenn Lebenskonzepte, Charakter und Temperament in jeder Familie unterschiedlich sind, eine vorausschauende Grundrissplanung vermeidet später nervende Kompromisse, weiß Architektin Vera Martinez.


Die Lösung: Flexibilität


Die am häufigsten anzutreffende Variante ist das Kinderzimmer im Ober-/Dachgeschoss in unmittelbarer Nähe zum Schlafzimmer der Eltern. Und das ist auch gut so. In Reichweite fühlen sich Kleinkinder geborgen und die Eltern können bei nächtlichen Wach- oder Angstphasen des Nachwuchses sofort reagieren.


Tipp: Tagsüber sollte man den Kindern im Wohnzimmer oder in der Küche eine Spielfläche zugestehen. So sind sie auch bei der Hausarbeit beaufsichtigt.



Kritisch wird diese Zimmeraufteilung spätestens dann, wenn Kinder anfangen, laut Musik zu hören, häufig Freunde einladen und nicht bei jeder Aktion kontrolliert werden möchten. Die Architektin: „In vielen Häusern sind Arbeits- oder Gästezimmer eingeplant. Sie sollten sich nicht in derselben Etage wie das Kinderzimmer befinden.


Tipp: Planen sie Ihr Arbeits-/Gästezimmer direkt neben der Eingangszone mit einem kleinen, aber vollwertigen Bad. Dies könnte der spätere Bereich werden, an dem sich Ihr Kind ungestört und wohl fühlt.


Zwei Fliegen mit einer Klappe


Ist die Möglichkeit vorhanden, eine kleine Einliegerwohnung in das neue Haus zu integrieren, kann die von doppeltem Nutzen sein: Dem Jugendlichen dient sie als autarker Trakt, in dem er gleich mal lernen kann, selbstständig zu „wirtschaften“. Später könnten die Großeltern dort einziehen. Barrierefreies Wohnen und eventuell Hilfe von den eigenen Kinder wären gesichert. „Eine Separierung kann auch in einem kleinen Einfamilienhaus ohne großen Aufwand geplant werden. Dazu reicht ein etwa 15 Quadratmeter großer Raum, mit eigenem Wasseranschluss in der Wand für eine spätere Küche, mit Zugang zum Bad sowie einer separaten Eingangstür“, so Vera Martinez.


Licht und Farbe


Ihre dezidierte Meinung zur Platzierung und Farbgebung: „Weil das Kinderzimmer am intensivsten belebt wird, hat es eine Bestlage im Haus verdient. Es sollte deshalb nach Süden oder Westen ausgerichtet sein. Ist das nicht möglich, lässt sich mit der richtigen Wandfarbe die Reflexion des jeweiligen Tageslichtes unterstützen: Rot- oder Orangetöne betonen die warme Farbtemperatur der Nachmittagssonne. Das kühlere Lichtspektrum der Morgensonne kann durch Blau- und Grüntöne in ostwärts gelegenen Zimmern betont werden.“



Die optimale Größe


Vera Martinez: „Eine quadratische Form ist der eines schmalen, langen Zimmers immer vorzuziehen. Kinder fühlen sich in 8 bis 10 Quadratmetern sehr wohl. Ein gemeinsames Kinderzimmer hat mit etwa 20 Quadratmetern eine ideale Größe. Kinder, die in den ersten Lebensjahren zusammen in einem Zimmer aufwach(s)en, erlernen schneller soziale Kompetenz und Rücksichtnahme und werden früher selbstständig. Später lässt sich das eigene Reich zum Beispiel durch eine Raumbox im Zimmer schaffen. Was für uns Erwachsene beengend wirkt, ist Kindern eine gemütliche Kuschelhöhle, in der sie sich sicher und geborgen fühlen.“


Mitbestimmung erlaubt


Selbstverständlich sollen Kinder selbst entscheiden, wie ihr Zimmer aussieht. Aber nicht alle Folgen von Ideen können sie auch ausreichend abschätzen: Eine Farbe, die auf einer Probe toll aussieht, kann an der großen Wand eine „erschlagende“ Wirkung entfalten.


Tipp: Mischen sie die vom Kind ausgesuchte Farbe mit etwas mehr Weißanteilen. Das wird gar nicht auffallen und alle werden mit dem Ergebnis glücklich sein. Außerdem: Kinder lieben Wandtattoos, es gibt viele schöne Motive!


Bei der Einrichtung empfiehlt es sich, den Spiel- vom Arbeitsbereich zu trennen. Da die wenigsten Kinder gern aufräumen, ist ein Schrank mit ausreichend Schubladen sinnvoll, in denen schnell und mit geringem Aufwand Autos, Lego oder die herumliegenden Zubehörteile des Kaufmannsladens verstaut werden können.


Nicht alles ist vorhersehbar


Hobbys wie Musik machen werden von Eltern immer begrüßt, können aber auch schnell mal zur akustischen Belastungsprobe avancieren.


Tipp: Schallschutz-verstärkte Wände kosten weniger, wenn sie bereits bei der Planung des Hauses berücksichtigt werden. Die sind sinnvoll, wenn sich das Kinderzimmer in der Nähe des Wohn- oder Schlafbereiches der Eltern befindet.


Wenn Ihr Kind dann erwachsen in die Welt zieht, wird es sich irgendwann auf seine schöne Zeit im Elternhaus besinnen und selbst bauen. Sagt jedenfalls die Statistik.



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