Kleines Bad, große Ideen
Manchmal geraten Bäder kleiner als gewollt. Aber es gibt diverse Tricks, selbst solche Miniräume in funktional...

Bernd Hollin über Bäder und Andy Warhols Talent zur Selbstvermarktung als Objekt vieler Begierden
Was fasziniert Sie am meisten am Künstler Andy Warhol?
Bernd Hollin: Die Chuzpe, mit der er sich schon zu Lebzeiten als Legende, als lebende Ikone inszenierte. Und seine geniale Art, vollkommene Kunstlosigkeit zu predigen und zu praktizieren, dabei alle Grenzen zwischen Kunst und Kommerz bewusst zu ignorieren – und genau dies als wahre Kunst zu vermarkten. Seine Kunstwerke waren genau betrachtet Produkte einer Manufaktur. Denn wie die Produkte, die sie zeigen, wollen auch Warhols Werke vor allem Seriengegenstände sein, Massenkultur des radikalen Verbrauchs.
Was ist „Warhol-Stil“?
Bernd Hollin: Warhol arbeitete bevorzugt mit den Stilmitteln Repetition, Quantität, plakative Colorierung und Medien (Polaroids, Film, Print). Isolierung, Vergrößerung, Reihung von Elementen der Massenmedien oder Massenartikeln des amerikanischen Konsums fokussiert die Wahrnehmung auf das spezifisch gewählte Objekt und entwertet es gleichzeitig durch die Wiederholung. Indem Warhol bewusst alle Regeln missachtet, entlarvt er sie als Bildhülsen, in die eine vielfältige, lebendige Wirklichkeit gepresst wird.
Was hat denn zu Ihrer Vision eines Bades für Andy Warhol geführt?
Bernd Hollin: Unsere Arbeit reflektiert und interpretiert sein Konzept, Alltägliches und Vertrautes in einen neuen Kontext zu setzen. Bei uns verschmelzen Waschbecken und Badewanne zur frei stehenden Skulptur im Raum. Der Waschtisch ist hier tatsächlich auch Tisch, wird so in seiner Nutzung erweitert. Die Sanitärobjekte werden in einer extrovertierten Geste frei in den Raum gestellt und gleichzeitig über die wohnlichen Zusatzfunktionen (Waschtisch als Sekretär, Wanne als Möbel mit Tisch, Medienwand im Spiegel) in ihrer kruden Offenheit zurückgenommen – Neues im Vertrauten.
Man denkt an ein Loft, oder?
Bernd Hollin: Die Badskulptur kann im Loft genauso stehen wie in einem Badezimmer, frei im Raum oder in einer Nische. Es geht nicht darum, das Bad „wohnlich“ zu machen.
„Wohnbad“ ist doch aber angesagt.
Bernd Hollin: Ich wäre damit vorsichtiger. Ein Bad hat in erster Linie ganz archaische Aufgaben: Dusche, Wanne, Waschbecken, WC. Die Annehmlichkeiten seiner Funktionen sind es, die uns diesen Raum angenehm machen. Punkt. Jetzt erst kommt die Frage: Was noch? Ich zum Beispiel mag Sonne beim Duschen über alles. Also habe ich mir einen Lichtdom darübergesetzt, der das Spiel der Sonnenstrahlen für mich einfängt.
/Noch mal zum Warhol-Bad: Ist die Wandscheibe vor WCDusche als Galerie gedacht?
Bernd Hollin: Sie enthält vier Flat-Fernseher, die hinter dem großflächigen Spionspiegel montiert werden, durch den die Projektionen hindurchtreten. Im Wechsel mit Filmen oder Porträts entsteht Raumlicht über das monochrome Leuchten der Screens. Die für Warhol typischen Farben und Kombinationen Hellblau, Rosa, Gelb, Rot, Schwarz und Weiß, die Reihung, die Veränderung von Vertrautem, Radikalität und ungeschönte Offenheit sind gewissermaßen unsere Metaphern für die Ikone Andy Warhol.
Lesen Sie hier unser Portrait von Andy Warhol.
Hollin Radoske Architekten
Bernd Hollin (*1964; Foto) und Alexander Radoske (*1966) studierten an der TU Darmstadt und gründeten 1997 ihr Büro in Frankfurt. Mit 15 Mitarbeitern gestalten sie Bauten, entwickeln Innenraumkonzepte und Produktdesign. Ihr Design ist minimalistisch und emotional, es spiegelt ein hohes Maß an Qualität und Authentizität.
Referenzen (Auswahl): Villa J, Frankfurt 1999; Hon Circle Lounge und Terminal, Airport Frankfurt 2004; Deutsche Lufthansa First Class Bord-Equipment 2009; Hugo Boss-Stores Frankfurt, Paris, New York, Hongkong 2009–2010