Kleines Bad, große Ideen
Manchmal geraten Bäder kleiner als gewollt. Aber es gibt diverse Tricks, selbst solche Miniräume in funktional...

Idee/Umsetzung
Abweichend von einer rein technischen Einteilung des Baderaums in verschiedene Funktionszonen, die oftmals durch die Gegebenheiten der jeweiligen „Hardwareanforderungen“ vorgegeben sind, orientiert sich unser Raumkonzept an den fünf Wahrnehmungssinnen des Menschen: die visuelle, auditive, olfaktorische, gustatorische und haptische Wahrnehmung.
Mittelpunkt des Raums ist ein von Wasser umgebener Steg als abstrakte Form. Dieser, aus der Natur bekannte, permanente Zugang zum Wasser ermöglicht es, den sinnlich-körperlichen Aspekt in den Vordergrund des Badeablaufs zu stellen. Im ersten Schritt unserer Designuntersuchung werden auf dem Steg die fünf Wahrnehmungsbereiche skizzenhaft aufgezeigt. Jeder Zone werden über die jeweilige Sinneswahrnehmung die entsprechenden Funktionen und Tools im Baderaum neu zugeordnet und auf das Wesentliche reduziert.
Die Gestalter
Nicolas Markwald (Halbfranzose, 31) und Nina Neusitzer (32) lernten sich während ihres Designstudiums kennen und gründeten 2008 Markwald & Neusitzer Kommunikationsdesign. Sie konzipieren und gestalten im Spannungsfeld Design, Produkt und Architektur grundlegende Identitäts- und Kommunikationsprozesse für Unternehmen und Institutionen.
Im Interview: Nicolas Markwald und Nina Neusitzer
Was ist das bis zur Einmaligkeit Besondere dieser Coco Chanel?
Nina Neusitzer: Dass und wie radikal sie sich von Fremdbestimmungen, überkommenen Vorgaben und Normen befreite, ihre Wünsche und Bedürfnisse als selbstbewusste Frau kompromisslos zum obersten Kriterium all ihrer Entscheidungen erhob – und sich damit Erfolg verschaffte.
Nicolas Markwald: Die wunderbare Selbstverständlichkeit und Kreativität, mit der diese Frau alle Konventionen hinter sich ließ.
Die Faszination unkonventionellen Herangehens sieht man Ihrem Entwurfskonzept eines Bades für Coco Chanel an.
Nina Neusitzer: Konkreter Ansatzpunkt für uns war die Reise mit ihrem Geliebten Arthur Capel nach Deauville. Natürliches Baden im Meer war damals verpönt; See und Strand gaben nur die Kulisse für das Schaulaufen der Gesellschaft, was sich in Kleidung und Verhalten spiegelte. Wie sich die Chanel darüber hinwegsetzte und ihren legeren, schlicht funktionalen Look als neue Eleganz kreierte, befreite nicht nur von der Einschnürung des Korsetts – die neue Sinnlichkeit der Frauen führte zu einer neuen Körperlichkeit, mit der sie sich gesellschaftlich emanzipierten.
Nicolas Markwald: Unser Raumkonzept „Die 5 Sinne der Coco Chanel“ greift diesen Gedanken auf. Es geht uns dabei nicht um die Gestaltung eines konkreten Baderaums, sondern um die Fragen nach unserer Sinneswahrnehmung.
Nina Neusitzer: Der Körper steht als sinnlich wahrnehmende Schnittstelle zwischen Architektur/Bad, Kleidung und Baderitual im Mittelpunkt. Die fünf Sinne des Menschen werden in Raumzonen sinnbildlich visualisiert: Tasten, Sehen, Schmecken, Riechen, Hören.
Nicolas Markwald: Vielleicht würde Coco Chanel auf die heutigen Bäder bezogen erneut die Frage nach dem „richtigen Weg lassen“ stellen – drücken sich Eleganz und Luxus im Bad durch Formenreduzierung aus? Welche Rolle spielen unsere natürlichen Sinne in einem kosmetisch so überstrapazierten Lebensbereich?
Es gab Zeiten, in denen wohlriechende Seife als Luxus im Bad erlebt wurde. Was entspricht dem heute?
Nina Neusitzer: Ungekünstelte, ungezwungene Natürlichkeit. Das Phänomen der um sich greifenden Selbstinszenierung für andere macht die Zeit wertvoller, in der man nichts darstellen, nicht irgendwelche tatsächlichen oder eingebildeten Erwartungen erfüllen muss, sondern ganz relaxt so sein kann, wie man ist.
Privates, Intimes wird wieder wichtiger, auf neue Art ernst genommen – stufen Sie das als beginnenden Sinneswandel ein?
Nicolas Markwald: Die Frage nach den eigentlichen Zielen und Prioritäten, nach dem, was für den Einzelnen wirklich zählt, was seine Identität bestimmt, wird tatsächlich immer wichtiger. Interessant ist, dass materielle und finanzielle Sicherheiten und Perspektiven keineswegs so dominierend sind, dass man nahezu jeden Preis dafür zu zahlen bereit ist. Selbstbestimmtheit und das Recht auf Privates rücken wieder stärker nach vorn.
Ist der nüchterne Verstand etwa nicht mehr der hammerharte Prellbock tief empfundener Emotionen?
Nina Neusitzer: Dass sich unsere Gefühle am Verstand wundlaufen müssen, ist jedenfalls kein Naturgesetz.
Nicolas Markwald: Ich sehe es eher als Aufgabe, allen Verstand einzusetzen, um unseren Sinnen wieder mehr Zeit und Raum zu verschaffen.