Im Profil: Joanne K. Rowling, Großmeisterin der Sehnsucht

© Daniel Ogren (Creative Commons CC BY 2.0)

Ihre Potter-Saga erobert als erfolgreichste Kinderbuchserie aller Zeiten weltweit auch hochgerüstete Multimedia-Kinderzimmer.

Die schreibende Magierin brachte nicht nur Buch auf Buch zur Welt – sie litt, sie weinte oft beim Schreiben, schien als Urheberin aller gefährlichen Abenteuer Harry Potters stets auch selbst gefangen zu sein von dem, was ihr die eigene Eingebung zutrieb. Im Juni 1990 befand sich Joanne K. Rowling auf der Zugfahrt zurück nach London. Sie hatte eine Zeit lang bei Amnesty International gearbeitet, schrieb nun an einem Roman für Erwachsene, soeben war sie für ein Wochenende nach Manchester gefahren, Wohnungssuche mit einem alten Freund.


Plötzlich, während dieser Zugfahrt, sie weiß exakt die Minute, in der es geschah, soeben hatte der Schaffner die Fahrkarten kontrolliert: die Idee der Zauberschule. Später wird sie sagen, sie habe körperlich gespürt, wie gut diese Idee war, denn „mir sprang das Herz im Leibe“. Und schon spazierte ihr dieser kleine schwarzhaarige Junge durchs Hirn, „von dem ich nur wusste, dass er nicht wusste, wer er war“.


Die Harry-Potter-Welterfolgsmaschine hat neben den Büchern selbst jene schöne Geschichte der arbeitslosen Lehrerin aus Edinburgh hervorgebracht, die sich zur Millionärin emporschrieb. Geschiedene, alleinerziehende Mutter, schiebt sie die kleine Tochter im Wagen durch die Stadt, bis das Kind schläft. Jetzt kann sie schreiben. Anderthalb Stunden lang, meist im immer gleichen Lokal, bei Espresso und einem Glas Wasser. Bis Jessica wieder aufwacht.


Fünf Jahre schreibt sie am ersten Harry-Potter-Buch. Zwölf Verlage lehnen das Manuskript ab. Aber sie beugt sich den Lektoren nicht, die verlangen, die Geschichte zu straffen; angeblich würden Kinder keine dicken Bücher mehr lesen. Bloomsbury sagt eines Tages zu und zahlt umgerechnet 2.200 Euro Vorschuss. Am Ende werden allein in den ersten 24 Stunden des Erscheinungstages eines neuen Potter-Bandes weltweit über sechs Millionen Bücher verkauft. Die Autorin ist heute reicher als die Queen.



Zu den großen Traurigkeiten dieser Erlösung zählt Rowling, dass ihre Mutter das Erscheinen des ersten Bandes nicht erlebte. Sie starb mit 45 Jahren an multipler Sklerose. Erstaunlich, wie autobiografisch grundiert plötzlich die Potter-Geschichte wirkt – Harry verliert als Kleinkind beide Eltern, er verfügt über merkwürdige Fähigkeiten, kommt auf die Zaubererschule Hogwarts, jene geheimnisvolle Parallelwelt mit dem Fiesling Voldemort und all den anderen farbigen Figuren.


Erst an seinem elften Geburtstag erfährt Harry, dass seine Eltern Zauberer waren, denn eines Tages entdeckt er einen Spiegel, der dem Hineinblickenden zeigt, was er am liebsten sähe. So sieht der Junge Vater und Mutter wieder – die Literaturwissenschaft spricht von aufwühlenden Momenten, die man in einem Kinderbuch eigentlich nicht erwartet. Die Schriftstellerin selbst empfindet immer öfter die Peinlichkeit, so viel von sich selber preisgegeben zu haben. Wirklich gute Werke sind stets klüger, weiser, tiefer als das Bewusstsein ihrer Autoren.


Joanne K. Rowling ist es gelungen, einer offenkundig immer größeren Sehnsucht etwas Handhabbares zuzuliefern: der Sehnsucht, inmitten moderner Bedrängungen eine Fluchtsphäre zu haben. Eine Sphäre, in der die Grundfragen des jungen Lebens auch die Fragen des alten Lebens bleiben, weil niemand sie beantworten kann: Wie verhält sich das Gute zum Bösen? Welche Macht, welche Grenze hat die Liebe?


Den Zauberer, der das weiß, wird es nie geben. Aber die Poesie verführt uns zum Glauben daran. Joanne K. Rowling ist eine Botschafterin dieses Glaubens.


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