Gefühl für Stil: Rhythm & Blues
Woody Allen hat es in "Midnight in Paris" vorgemacht: Man beamt sich in sein goldenes Zeitalter, wann immer das ist....

Der Wohn-Ess-Bereich
Ulrike Brandi ist überzeugt, dass „die Leuchte der Zukunft natürliches Licht spendet“. Und schränkt ein: „Das freilich bleibt insofern eine Vision, als natürliches Licht immer nur nachgeahmt werden kann.“ Gewiss ist dies einer der Gründe, weshalb sich die Lichtplanerin selbst als Verfechterin des Tageslichts sieht.
Das gilt namentlich für den Wohn-Ess-Bereich. Er ist in aller Regel in punkto Lichtangebot der freundlichste, manchmal sogar verschwenderischste. Frau Brandi kommt sogleich auf einen wesentlichen Punkt, der die beiden zusammenwachsenden Bereiche dennoch unterscheiden sollte: „Der Essbereich erhält ein zentrales Licht, der Esstisch wird so zur ,Lichtinsel‘. Der Wohnbereich besitzt besser viele dezentrale Lichtquellen, den Nutzungen entsprechend.“
Die Frau vom Fach warnt: „Im Wohnbereich ist das zentrale Deckenkabel ein leider vielgesehenes Übel.“ Ihre Abneigung hat Gründe: „Hohe Lichtpunkte schaffen ein eher ungemütliches, anonymes Licht. Man denke nur an das Extrem: Große Kreuzungen oder Fußballstadien haben hohe Lichtpunkte. Downlights hingegen, also Deckenleuchten, die ihr Licht nach unten oder auf die Wand richten, schaffen eine wohnliche Atmosphäre.“
Wo empfiehlt sich flächige, wo Punkt-Beleuchtung? Ulrike Brandis Antwort wird den meisten einleuchten, auch wenn man bei Hausbesuchen oder andernorts immer mal wieder Verstöße sehen kann: „Wände, auf die ich zugehe, Wände mit Gemälden machen den Raumeindruck großzügig, wenn sie großflächiges Licht erhalten. Punktuelles Licht wirkt schön und atmosphärisch, wenn ich es auf einzelne Objekte oder Pflanzen richte. Das Leselicht neben dem Sessel kann punktuell sein.“
Wieder gibt die Hamburgerin, die schon vor über 20 Jahren ihr Unternehmen gründete und Gastprofessuren an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und der Hochschule für Gestaltung Linz hatte, Tipps, die über den engen Gegenstand hinausgehen: „Um gutes Licht zu setzen, braucht man eine gute Beobachtungsgabe. Was gefällt uns am warmen Sonnenuntergang oder an der brillanten Wintersonne mit dem Schneeglitzern? Eine Tischplatte aus Holz reflektiert Licht warm und weich, eine Glasplatte eher kühl und spiegelnd – das Licht interagiert mit den Materialien im Raum. Ausprobieren ist da noch immer wohl der beste Trick.“
Bei farbigem Licht rät sie zur Vorsicht. „Ich mag die Nuancen von weißem Licht, also warmweiß, neutralweiß und tageslichtweiß sehr – da bestehen für mich bereits viel Differenzierung und Spielraum.“ Im Klartext: Nichts ist am Ende so dezent wie weißes Licht.
Die Küche
Wo sich fast alles um Geschmack und Genuss dreht, darf man auch von der Begleitbeleuchtung ein paar Glanzpunkte erwarten! Wo der Umgang mit scharfen Messern und heißen Töpfen manchmal nachts noch an der Tagesordnung ist, freut sich auch das beste Auge über gutes Licht. Womit ein erstes Licht-Rezept für den heimeligsten Raum des Hauses steht: Gutes Licht in der Küche muss eine gute Allgemeinbeleuchtung mit schneller Orientierung im gesamten Raum gewährleisten – und darf trotzdem variantenreich sein.
Ulrike Brandi gewinnt der Frage nach sowohl zweckmäßig als auch schön beleuchteter Küche noch einen Aspekt ab: „Das hängt zuerst davon ab, ob Hausherr oder Hausherrin kocht. Kocht der Hausherr, sollte man das Licht gut runterdimmen können, damit man zum Schluss das Chaos nicht so sieht. Da hat das Licht eine befriedende Wirkung ...“
Die moderne Küche ist immer öfter kein separierter Raum, sondern fließender Teil des Wohn-Ess-Bereichs, welche Folgen ergeben sich daraus für Lichtplanung und -ausführung? Frau Brandi: „Auch das Küchenlicht soll wohnlich sein, warm. Gerichtetes Licht über den Arbeitsflächen, montiert unter eventuellen Oberschränken, ist notwendig. Wer hier Leuchtstofflampen benutzt, sollte das warmweiße Licht einsetzen. Halogenglühlampen sind gut.“
Skeptisch ist sie gegenüber einer Lichtquelle, der zweifellos die Zukunft gehört, am Herd heute aber noch nicht die beste Lösung darstellt: „LEDs sind schlecht in der Küche, sie haben noch keine ausreichend gute Farbwiedergabe. Die jedoch ist wichtig bei der Essenzubereitung. Arbeits- und Essbereich sollen differenziert schaltbar sein, das nützt den Funktionen, der Gemütlichkeit und spart Energie. Zum Essen möchte keiner die Deckenleuchte von oben strahlen lassen, die beim Saubermachen gebraucht wird. Über dem Esstisch eine Pendelleuchte – auf dem Tisch eine Kerze –, und die Küche ist der anziehendste Ort des Hauses. Wie wir ja bei Partys immer wieder feststellen.“
Auch in der Küche gibt es gelegentlich Bereiche, die unterbelichtet sind – manchmal mit schmerzhaften Folgen für das Personal. Ulrike Brandi: „Das Licht über dem Herd, oft etwas lieblos in die Dunstabzugshaube integriert, ist meist zu schwach. Ein zusätzlicher Spot kann da rasch Abhilfe bringen und dafür sorgen, dass man die Töpfe gut überwachen kann.“
Richtige Beleuchtungsstärke auf den Arbeitsflächen verlangt nach jeweils mindestens 500 Lux. Die Leuchten sollten daneben so beschaffen und platziert sein, dass harte Schatten auf den Arbeitsflächen vermieden und unter Hängeschränken möglichst flache, einzeln schaltbare Leuchten montiert werden.
Viele Frauen haben eine Abneigung gegenüber Neonlicht an Kochtopf und Pfanne. Frau Brandi: „Diese Frauen meinen in der Regel Leuchtstofflampen, die oft als Neonröhren laufen. Hier vergreifen sie sich häufig und kaufen die neutralweiße oder tageslichtweiße Leuchtstofflampe. Warmweiße und ,Luxus‘-warmweiße sind dagegen viel angenehmer.“
Ein anderer Punkt ist die Materialwahl bei Leuchten. Generell erleichtern glatte Oberflächen die Reinigung. „Wer viel frittiert und brutzelt, hat weder Textil- noch Papierleuchten in der Küche. Die stinken sonst schnell.“ Also lieber Stahl oder Aluminium, Plastik oder Glas.
Doch die Lichtplanerin aus Hamburg ist noch mit einem weiter reichenden Rat zur Stelle: „Erster Schritt bei der Leuchtenauswahl sollte sein, den Lichtcharakter zu betrachten: Breit strahlend, eng bündelnd, diffus oder brillant, wärmer oder kühler, heller, dunkler, dimmbar. Erst der zweite Blick sollte dem Design gelten. Die meisten machen es leider umgekehrt und stellen dann frustriert zu Hause fest, dass der Raum, anders als erhofft, plötzlich ganz ungemütlich wirkt.“
Mut macht Frau Brandi experimentierfreudigen Geistern: „Eine High-Tech-Küche verträgt technisches Licht genauso wie freche Design-Leuchten oder Klassiker, eine rustikale Küche sehe ich eher mit traditionelleren Leuchten. Aber ein Stilmix ist ja auch Ausdruck des individuellen Geschmacks, da gibt‘s doch in jeder Richtung oft stimmige Überraschungen, die keiner Regel folgen. Auch die Materialien können so vielfältig sein. Spots über dem Herd empfehlen sich beispielsweise in Metall mit glatten Oberflächen, möglichst klein und gern mit Glas geschlossen. So lassen sie sich am besten reinigen und sind am robustesten.“
Ganz große Stücke hält sie auf eine weitgehende Nutzung von Tageslicht in der Küche. „Eine Arbeitsfläche mit Blick aus dem Fenster – oder der Esstisch in Fensternähe, das ist herrlich! Tageslicht auf der Arbeitsfläche hilft Strom sparen und ist meist viel heller als das Kunstlicht. Helle Flächen im Fensterbereich reflektieren zudem das Tageslicht in den Raum. Auch die Küchenkräuter lieben es und holen auf diese Weise gleich noch den Garten ins Haus.“
Das Bad
Anders als alle anderen Räume im Haus – von Sauna oder Schwimmhalle abgesehen – ist das Bad ein Nassraum. Das macht auch für die Lichtplanung einen Unterschied. Der allgemeine Sicherheitsaspekt für den Umgang mit elektrischem Strom verschärft sich hier um den Feuchtigkeitsfaktor.
Inzwischen geläufig ist: Gutes Licht im Bad setzt gute Allgemeinbeleuchtung und vor allem ideales Licht am Spiegel, warme Lichtfarbe und eine gute Farbwiedergabe voraus. Letztere ist namentlich für die Schönheitspflege wichtig. Alles zusammen klingt so, als sei eine optimale Beleuchtung im Bad besonders schwer herzustellen. Ulrike Brandi antwortet darauf als Expertin – und Frau: „Wir betrachten uns besonders kritisch im Bad. Sieht das Spiegelbild gut aus, sind wir zufrieden und gut gelaunt.
Gerade am Morgen sollte es uns freundlich begrüßen. Deshalb ist es oberste Priorität, dem Benutzer zu schmeicheln. Durch eine Kombination aus Allgemein- und Spiegelbeleuchtung kann das erreicht werden.“ Den Weg zum Optimum hält sie für gar nicht so schwer: „Oft übernimmt eine zentrale Deckenleuchte die Allgemeinbeleuchtung, so wird der Raum gleichmäßig erhellt. Doch glücklicherweise gibt es eine Vielzahl ästhetischer und zugleich atmosphärischer Leuchten, die das traditionelle Grauen ablösen können.“
Wie sollte ideales Spiegellicht beschaffen sein? Ulrike Brandi: „Warmes, weiches Licht von vorn verhindert starke Schattenbildung im Gesicht und schmeichelt dem Teint. Dabei sollte das Schminklicht möglichst nah am Spiegel montiert sein. Ideal sind hier Glühlampen in Stabform.“ Ausdrücklich zur Vorsicht rät sie bei der Wahl der Lichtfarbe, „denn bei grellem Tageslichtweiß im Bad ist die schlechte Laune am Morgen programmiert. Leuchtstofflampen sind möglichst zu vermeiden!“
Überraschend hält sie die Uhr für die traditionelle Glühbirne gerade im Bad nicht für abgelaufen. Deren „kontinuierliches Spektrum und somit gute Farbwiedergabe“ komme „dem Tageslicht am Spiegel beispielsweise am nächsten. Leuchtstofflampen sind dagegen keine Hilfe.“
Überhaupt meldet sie Widerstand gegen den behördlich eingeleiteten Abgang der Glühbirne an. Die Frage, wie man der beginnenden Ablösung der Glühbirne bei der Lichtplanung im Bad schon heute Rechnung tragen kann und soll, lässt sie impulsiv reagieren: „Kreisch – Protest – Kreisch: Die Glühbirne bleibt, besonders im Bad! Man muss sie nur gezielt einsetzen.“
Ihre Warnung hat auch mit ihrem Vorbehalt gegenüber den derzeit begrenzten Anwendungsmöglichkeiten der Leuchtdioden zu tun. Von der Zukunft der LEDs überzeugt, schränkt sie für heute ein: „Im Bereich des Spiegels machen sich LEDs eher schlecht, da ihre Lichtfarbe den Betrachter blass und krank aussehen lassen. Vorstellbar sind sie zur Dekoration bei der Badewanne.“ Verallgemeinernd fügt sie an: „Obgleich zukunftsträchtig, sind LEDs bisher technisch oft nicht ausgereift. Ihre gezielte Anwendung ist sinnvoll, doch in vielen Bereichen noch nicht zu empfehlen.“
Kaum ein Raum wandelt sich im Charakter derzeit so stark wie das Bad: von der rein funktionalen Nasszelle hin zum Freizeit- und Lebensraum. Welche Änderungen, wollen wir von der Lichtplanerin wissen, sind nach ihrer Erfahrung die wichtigsten, welche davon begrüßenswert, welche fragwürdig?
„Menschen lieben es, Licht zu variieren. Schon mit zwei bis drei unterschiedlichen Lichtquellen können verschiedene Atmosphären geschaffen werden, von gemütlich romantisch über gutes Schminklicht bis hin zu gezielt gerichteten Spots zur Erkennung von Details.“ Besonders angenehm wirkt nach ihrer Überzeugung „auch im Bad das Tageslicht. Wer Luxus liebt, soll sich diesen gönnen.“
Das Tageslicht
Zu wenig und zu spät denkt mancher Bauherr bei der Lichtplanung an das Nahe-, nein, das Nächstliegende: an die optimale Einbeziehung des Tageslichts. Dabei ist unter allen Lichtarten gerade das Tageslicht einzigartig – unübertroffen in seiner Güte für Auge und Gemüt, ein Gute-Laune-Macher schlechthin, absolut umweltschonend und außerdem kostenlos. So gesehen, ist es ein Star, der beim Bauen noch auf seine Entdeckung wartet.
Ein Grund, weshalb das Tageslicht in der Lichtplanung gern unterbelichtet bleibt, dürfte darin liegen, dass es einfach für selbstverständlich genommen und gar nicht als Bestandteil der Lichtplanung gesehen wird. Gewissermaßen wie die Luft zum Atmen. Auch die nimmt man meist erst dann für voll, wenn sie knapp zu werden droht. Wie wichtig Tageslicht für uns ist, blitzt schlaglichtartig manchmal in den Tagesnachrichten auf: Wenn daran erinnert wird, dass es ein Muntermacher par excellence ist, der das Schlafhormon Melatonin verjagt und Glückshormonen Einlass verschafft. Wenn Tageslicht als „hochintelligentes“ Licht bezeichnet wird oder wenn die Abendnachrichten mitteilen, dass jährlich rund 80.000 Deutsche an Winterdepression erkranken – ausgelöst durch Lichtmangel. Nicht einfach zu wenig Licht löst den „Winterblues“ aus. Zu wenig Tageslicht ist der Verursacher. Wer diesen Zusammenhang kennt, ist nur noch halb überrascht, dass die Depressionsquote in Ländern und Regionen mit schwacher Sonnenscheinbilanz besonders drückend ausfällt.
Selbst ein bedeckter Himmel in unseren Breiten produziert tagsüber mehr Lichtstärken als künstliche Beleuchtung. Tageslicht und künstliches Licht sind keine Konkurrenten. Sie ergänzen einander.
Licht.de – die Fördergemeinschaft Gutes Licht mit ihrem Sitz in Frankfurt am Main ist ein praktischer Ansprechpartner, wenn es um gute Beleuchtung geht. Auch sie hebt die Schlüsselrolle des Tageslichts und seiner intelligenten Einbeziehung in Hausplanung und -bau hervor.
Ihre Tipps für Bauherren sind ebenso einleuchtend wie umsetzbar:
Es sind viele Kleinigkeiten am und im Haus, die den Licht-Unterschied machen. Und auch hier gibt es ein paar Faustregeln, die (tag-)helle Köpfe bedenken und die für schöne und preiswerte Lösungen sorgen können:
Worauf unsere Wünsche im Einzelnen auch zielen, wir sollten das Tageslicht mit auf der Rechnung haben. Oder wie die Lichtgestalt an unserer Seite, die Hamburger Lichtplanerin Ulrike Brandi sagt: „In meiner Arbeit ist Energieeffizienz ein ganz wichtiger Aspekt. Schon aus meiner inneren Haltung heraus achte ich beim Gestalten von Räumen darauf, mit einem geringen Einsatz an Mitteln, das heißt mit wenig Licht, eine große Wirkung zu erzielen. Darin liegt das eigentliche Kunststück der Lichtplanung.“