Dänisch für Sitzplatz: siddeplads
Unangestrengt, lässig, mit einem Hang zur Klassik und sich niemals für subtilen Humor zu schade. Die skandinavischen...

In einer Gegend, in der man im Hochsommer von einem Schneeschauer überrascht werden kann, in der es monatelang nur wenige Stunden am Tag hell ist, in der dafür aber tagelang die Sonne nicht untergeht, muss man die Wirrungen und Irrungen der Natur wahrscheinlich mit viel Humor ertragen.
Vielleicht bewegen gerade diese meteorologischen Umstände die Skandinavier zu ihrer sprichwörtlichen Toleranz, nicht nur die Wetterkapriolen zu ertragen und zuzulassen, sondern auch dem Leben mit der gleichen gelassenen Haltung zu begegnen. Eine Einstellung, die den Menschen gut tut. Denn obgleich nicht vom schönen Wetter verwöhnt, gehören sie laut einer Untersuchung des britischen Psychologen Adrian White zu den zufriedensten und glücklichsten Leuten auf der Welt.
„Das Leben ist schön. Man muss es nur genießen.“ Kein Lippenbekenntnis, sondern eine Lebenseinstellung. Wo man etwa hierzulande selbst dann an der Sonne etwas auszusetzen hat, wenn sie zwei Wochen am Stück scheint, wird in Skandinavien alles daran gesetzt, die kurzen erfreulichen Momente nach neun dunklen, kalten Wintermonaten einzufangen.
Während es bei uns zum guten Ton gehört, dass der Chef gestresst von einem Termin zum nächsten Gespräch hetzt, kann es in Skandinavien schon mal vorkommen, dass der Boss nicht zu erreichen ist, weil „der gerade in den Fjord springt“. So wie Timothy Jensen, Sohn des legendären Jacob Jensen. „Viele Firmen bei uns in Dänemark arbeiten nach der Devise: Acht Stunden Büro am Tag sind genug. Der Rest der Zeit gehört unserer Familie und unseren Freunden“, bestätigt Nanna Brinkler, PR-Assistentin von Normann Copenhagen die Regel.
So viel Muße und Zeit, um sich dem Sinn des Lebens zu widmen und seine Wahrnehmung inmitten reichhaltiger Natur zu schärfen, ebnet ganz offensichtlich das sichere Gespür fürs Schöne. Wohndesign aus dem hohen Norden strahlt durch seine Muster, Farben, Texturen oder Formen Wärme und Optimismus aus. Gesellschaftliche Grundwerte, wie Toleranz, Engagement und Innovation, spiegeln sich in den Einrichtungsgegenständen wider. Humor und Tiefgründigkeit stecken in den kleinen Details von Regalen, Leuchten und Spielzeugen.
Alle Welt scheint derzeit nach genau diesen Werten zu rufen: Die bunten Blumenmuster von Marimekko, die an Sommerwiesen an klaren Seen erinnern, rühren uns genauso an wie die an Meereslebewesen angelehnte Leuchte „Norm 03“ von Normann Copenhagen. Mit selbstverständlicher Leichtigkeit verstehen es Künstler, Handwerker und Designer, auch die alltäglichsten Gebrauchsgegenstände in natürliche, schlichte Schönheit zu packen.
Und wie gesagt: Sie treffen den Nerv der Zeit. Schon wird die Stockholmer „Formland“-Designmesse als ernste Konkurrenz zur Mailänder „Salone del Mobile“ gehandelt. Eine große Reederei schmückt sich mit einem Reiseführer durch die Designwelt von KostaBoda über Royal Copenhagen bis zu Georg Jensen. Und die junge Szene, die das Funktionale und Schöne noch mit einer ordentlichen Prise an Dekorativem und Darstellendem würzt, darf sich selbstbewusst mit Designauszeichnungen schmücken.
Trotz des Hypes: Skandinavische Entwürfe bleiben immer zurückhaltend, ja fast schon scheu. „Wir Dänen leben nach dem Jantegesetz“, sagt Nanna Brinkler. „Es beschreibt den kulturellen und politischen ,Code‘ des Umgangs miteinander. Danach ist es verpönt, sich selbst zu erhöhen oder sich besser und klüger zu dünken als andere. Vielleicht lässt uns das etwas zurückhaltender erscheinen. Aber wir wissen, was wir können.“
Nämlich volksnahe Möbel und Accessoires entwerfen, bei denen die Kluft zwischen Kunsthandwerk und Industrieproduktion mit Charme und Witz überbrückt wird. Und das macht „skandinavisches Design authentisch, glaubhaft, fair, freundlich und verantwortlich“, so die Ansicht von Timothy Jensen. Eines, so betont er, ist es jedoch auf keinen Fall: unerschwinglicher Luxus oder elitäres Statussymbol. Gottlob!