Entspannte Ideen

Die Sitzkissen „Kivikko“ sind bunt und bequem. Von Marimekko

In den 80ern klebte an skandinavischem Design das Etikett: sexy wie Knäcke und schick wie ein Klapp­stuhl. Die wegweisenden Arbeiten der Dänen Verner Panton, Arne Jacobsen und des Finnen Alvar Aalto? Lange her. Doch es tut sich wieder was in Stock­holm, Oslo und Helsinki. Mit Humor und hand­werklicher Detail­liebe machen sich Gestalter daran, skandinavisch-elegantes Interieur zu entwerfen.

In einer Gegend, in der man im Hoch­som­mer von einem Schneeschauer überrascht wer­den kann, in der es monatelang nur we­ni­ge Stun­den am Tag hell ist, in der dafür aber ta­gelang die Sonne nicht untergeht, muss man die Wirrungen und Ir­run­gen der Natur wahrscheinlich mit viel Hu­mor ertragen.


Vielleicht bewegen gerade diese meteo­ro­lo­gischen Umstände die Skandinavier zu ihrer sprichwörtlichen Tole­ranz, nicht nur die Wet­ter­­ka­priolen zu ertragen und zuzulassen, sondern auch dem Leben mit der gleichen gelassenen Haltung zu begegnen. Eine Ein­stel­lung, die den Menschen gut tut. Denn ob­­gleich nicht vom schönen Wetter verwöhnt, gehören sie laut einer Untersu­chung des britischen Psychologen Adrian White zu den zufriedensten und glücklichs­ten Leuten auf der Welt.


„Das Leben ist schön. Man muss es nur ge­nießen.“ Kein Lippen­be­kenntnis, sondern eine Lebensein­stellung. Wo man etwa hierzulande selbst dann an der Sonne etwas auszusetzen hat, wenn sie zwei Wochen am Stück scheint, wird in Skandinavien alles daran gesetzt, die kur­zen erfreulichen Momente nach neun dunklen, kalten Wintermonaten einzufangen.


Während es bei uns zum guten Ton gehört, dass der Chef gestresst von einem Termin zum nächsten Gespräch hetzt, kann es in Skandinavien schon mal vorkommen, dass der Boss nicht zu erreichen ist, weil „der ge­rade in den Fjord springt“. So wie Timothy Jensen, Sohn des le­gendären Jacob Jensen. „Viele Firmen bei uns in Dänemark arbeiten nach der Devise: Acht Stunden Büro am Tag sind genug. Der Rest der Zeit gehört unserer Familie und unseren Freunden“, bestätigt Nan­na Brinkler, PR-Assistentin von Normann Copenhagen die Regel.


So viel Muße und Zeit, um sich dem Sinn des Lebens zu widmen und seine Wahrneh­mung inmitten reichhaltiger Natur zu schärfen, ebnet ganz offensichtlich das si­che­re Gespür fürs Schöne. Wohndesign aus dem hohen Norden strahlt durch seine Mus­ter, Farben, Texturen oder Formen Wärme und Opti­mismus aus. Gesellschaftl­iche Grund­werte, wie Toleranz, Engagement und Inno­vation, spiegeln sich in den Einrich­tungs­gegenständen wider. Humor und Tief­grün­dig­keit stecken in den kleinen Details von Regalen, Leuchten und Spielzeugen.



Alle Welt scheint derzeit nach genau diesen Werten zu rufen: Die bunten Blumen­muster von Marimekko, die an Som­merwiesen an klaren Seen erinnern, rühren uns genauso an wie die an Meereslebewesen an­gelehnte Leuchte „Norm 03“ von Nor­mann Copen­ha­gen. Mit selbstverständlicher Leichtigkeit verstehen es Künstler, Hand­wer­ker und Designer, auch die alltäglichsten Ge­brauchsgegenstände in natürliche, schli­ch­te Schönheit zu packen.


Und wie gesagt: Sie treffen den Nerv der Zeit. Schon wird die Stockholmer „Form­land“-Designmesse als ernste Konkurrenz zur Mailänder „Salone del Mobile“ gehandelt. Eine große Ree­derei schmückt sich mit einem Rei­se­führer durch die Designwelt von KostaBoda über Royal Copenhagen bis zu Georg Jensen. Und die junge Szene, die das Funk­tionale und Schöne noch mit einer or­dent­lichen Prise an Deko­rativem und Dar­stel­lendem würzt, darf sich selbstbewusst mit Desig­n­aus­zeich­nun­gen schmücken.


Trotz des Hypes: Skandina­vische Entwürfe bleiben immer zurückhaltend, ja fast schon scheu. „Wir Dänen leben nach dem Jante­ge­­setz“, sagt Nanna Brinkler. „Es be­schreibt den kulturellen und politischen ,Code‘ des Um­gangs miteinander. Danach ist es verpönt, sich selbst zu erhöhen oder sich besser und klüger zu dünken als andere. Vielleicht lässt uns das etwas zu­rückhaltender erscheinen. Aber wir wissen, was wir können.“


Nämlich volksnahe Möbel und Accessoires entwerfen, bei denen die Kluft zwischen Kunst­­handwerk und Indus­trie­pro­duktion mit Charme und Witz überbrückt wird. Und das macht „skandi­na­vi­sches Design au­thentisch, glaubhaft, fair, freundlich und ver­antwort­lich“, so die Ansicht von Timothy Jensen. Eines, so betont er, ist es jedoch auf keinen Fall: unerschwinglicher Luxus oder elitäres Statussymbol. Gottlob!


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