Einrichtung - Wie lebe ich meinen Typ?

Merkmale des puristischen Einrichtungs-Stils: Klare Formen, Chrom, Glas und eine „Bauhaus- Farbigkeit“ mit viel Weiß, Schwarz und Grautönen.

Alle Jahre wieder werden neue Wohntrends ausgerufen. Entziehen oder mithalten? Beides, meint Trendberaterin Gabriela Kaiser, ein Zuhause muss leben, sich verändern. Aber bleiben Sie sich treu. Eine praktische Orientierungshilfe.

Sind vorgegebene Stile nicht das Gegenteil von der viel beschworenen Individualität, die unser Zuhause bieten soll?


Gabriela Kaiser: Trends geben eine Hilfestellung im dem Meer von Eindrücken und Produkten, mit denen wir jeden Tag „konfrontiert werden. Natürlich will jeder individuell und unverwechselbar sein, andererseits sind wir „Herdentiere“. Wir möchten einer Gruppe angehören und keine Außenseiter sein. Das ist einer Gründe, weshalb Trends so greifen. Wird ein Stil rund präsentiert, sind auch Menschen dafür empfänglich, die eigent- lich anders wohnen. Einfach weil sie spüren: Da passt alles. Einen Stil in Reinheit darzustellen ist einfacher als Stilbrüche mit einer überzeugenden Ästhetik.


In welchem Maß darf ich mich überhaupt von Trends verführen lassen?


Gabriela Kaiser: Die Trends sind zurzeit so vielfältig, dass für jeden was dabei ist. Wenn ein Stück super toll gefällt, obwohl es eigentlich mit dem Stil zu Hause fremdelt, sollte es wenigstens farblich mit den „Bestandsobjekten“ harmonieren. Stilbrüche sind spannend und belebend, müssen aber bewusst inszeniert werden, um gut auszusehen.


Wie kann ich feststellen, was zu mir passt?


Gabriela Kaiser: Der Wohnstil drückt sich über Materialwahl, Farbigkeit, bevorzugte Formensprache der Produkte und das Styling aus. Darauf basiert auch die Selbstbefragung: Sehe ich mich eher als natürlich, minimalistisch oder romantisch? Welche Materialien bevorzuge ich? Eher natürlich anmutendes Holz, cleanes Chrom und Glas, gemusterte Stoffe? Liebe ich als Basisfarben natürliche Beige-, Braun-, Grün- und Gelbtöne, eine „Bauhaus-Farbigkeit“ mit viel Weiß, Schwarz und Grautönen oder dürfen es romantisch-verspielt auch Rosa und Lila sein? Sind die Dinge im Haus eher organisch weich geformt, symmetrisch geradlinig oder vorzugsweise verspielt, verschnörkelt? Für mich gibt es im Wesentlichen drei Designpräferenzen: puristisch, natürlich und dekorativ. Jeder trägt von jedem ein bisschen in sich, aber ein Vorliebe ist meist besonders ausgeprägt.


Nehmen wir die schöne Situation: Das Haus ist bezugsfertig, der Möbelwagen darf anrollen. Jetzt wäre die seltene Chance auf eine völlig neue Wohnwelt.


Gabriela Kaiser: Ich würde raten, nicht zu radikal vorzugehen, sondern behutsam. Den eigenen Stil zu finden, ist ein Prozess, der sich nicht über Nacht erledigt. Neue Räume sollten erst einmal erkundet, erlebt werden: Ihre Dimensionen, Alltagsabläufe der Familie, Lichteinfälle, Geräuschpegel – ein Wohnstil, der gut tut, berücksichtigt solche Faktoren. Ich ermuntere gern dazu, seinem eigenen Geschmack zu vertrauen. Weshalb soll unser Zuhause perfekt wie aus dem Katalog aussehen? Stilbrüche und souveräne Unperfektion sind meist besonders charmant – und persönlich. Ich finde beispielsweise einen Mix von modern reduziert und Vintage vom Trödel äußerst spannend. Wichtig ist, Farben maßvoll zu verwenden, sonst wird es unruhig. Selbst unterschiedlichste Stühle um einen Esstisch herum bilden ein stimmiges Ensemble, wenn alle über die gleiche Farbe zusammengehalten werden.



Wie schaffen es starke Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Stilvorlieben, ein Haus so einzurichten, dass es jedem gefällt?


Gabriela Kaiser: Das Leben in der Gemeinschaft ist immer von Kompromissen geprägt. Wenn zwei sehr verschiedene Stile aufeinandertreffen, ist es am einfachsten, wenn sich jeder einen Lieblingsraum zuweist. Wer gern kocht, sieht die Küche als sein Reich an, der Wellness-Freak das Bad. Diesem Raum darf dann jeder seine persönliche Note geben. Ein anderes partnerschaftliches Arrangement: Inseln im Raum schaffen.


Wenn ein Purist und ein Romantiker zusammenleben, steht dann in einem schlicht eingerichteten Esszimmer beispielsweise eine Vintage-Kommode, mit verspielten Vasen und Schüsseln bestückt und vielen Bildern drumherum. Die Farbigkeit sollte mit dem restlichen Inventar harmonieren, darf aber ruhig etwas üppiger ausfallen. In einer anderen Ecke im gleichen Raum wird dann vielleicht ein alter Ohrensessel platziert, bezogen mit einem bunten Patchwork-Stoff und mit gemütlichen Kissen drapiert.Die verschiedenen Stile sollen sich also nicht durchgängig mischen, sondern selektiv.


Welche Wirkung haben Jahreszeiten auf die Einrichtung?


Gabriela Kaiser: Mehr, als mancher meint. Das Zuhause muss leben, sich verändern dürfen. Wenn die Grundausstattung eher neutral ist, also entweder in warmen Beige-Braun-Tönen oder kühlen Weiß-Grau-Tönen, kann ich mit Heimtextilien und Accessoires schnell, einfach und kostengünstig verschiedenste Atmosphären zaubern. Mit dem beginnenden Herbst wünschen wir es uns gemütlich, kuschelig, wärmend. Also her mit den Wolldecken, Fellen und Filzprodukten – die würden im Sommer stören. Auf die Tische gehören viele Kerzen, sie sorgen für eine warme Farbstimmung im Haus.


Bei Vasen und Schüsseln werden in kalten Zeiten eher Keramik und schwere Metall-Accessoires als wohltuend empfunden. Im Sommer dagegen sorgen leichte Glas- und Porzellanprodukte und Gitterkörbe für eine luftige, frische Stimmung. Eher kühle Farben – frische Mint- und Bleutöne – bewirken, dass der Raum um ein paar Grad kühler wahrgenommen wird als er tatsächlich ist. Kissen, Heimtextilien und Accessoires in warmen Farben wie Ocker, Orange und Braun lassen ihn dagegen um einiges wärmer erscheinen. Bei Accessoires sollte man sich öfter mal mutig zu einer neuen Trendfarbe hinreißen lassen. Die sind bezahlbar und das Zuhause wirkt häufig wie neu eingerichtet.


Gibt es eine goldene Regel für das Verhältnis von zeitlos-klassischen Möbeln und modischen Trend-Solisten?


Gabriela Kaiser: Ich finde eine eher klassische Grundeinrichtung vorteilhaft für solche gegensätzlichen Pole. Zum einen lässt sich schon durch wenige neue Zutaten die Optik spürbar verändern. Zum anderen fällt dann der witzige knallrote Sessel oder der überfärbte Patchwork-Orientteppiche tatsächlich als Solitär ins Auge. Sehr stark sogar, da diese Ausreißer nicht in einem Meer von Eindrücken untergehen.


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