Diamanten für die Ewigkeit

Chronoswiss: Diamanten für de Ewigkeit; Chronoswiss-Modell „Régulateur“

Streben nach Perfektion kann krank machen, ist aber vor allem etwas sehr Gesundes. Eine Erkundung mit Gerd-Rüdiger Lang (66), Uhrmachermeister, Gründer und Eigentümer der mechanischen Edeluhrenmarke Chronoswiss, über Wege zur Vollkommenheit diesseits und jenseits von Mode, Quarz und anderem flüchtig Schönen

Sehen Sie Perfektion als Ergebnis einer konkreten Tätigkeit oder eher einer Haltung?

Gerd-Rüdiger Lang: Beides. Ohne entsprechende Haltung wird sich das scheue Reh Perfektion nicht fangen lassen. In meiner Arbeit gebe ich mich mit dem Ge­wöhn­­lichen nicht zufrieden. Und ich habe festgestellt, dass mich auch dann, wenn mir etwas gelungen ist, sehr rasch wieder geradezu kind­liche Neugier packt: Was könnte ich noch besser ma­chen? Ohne solchen Impuls, der aus vorangegangenem Er­folgs­­­­­erleben wächst, wird der Weg zur Perfektion versperrt bleiben.


Ist der Trieb nach Unübertroffenem grund­sätzlich etwas Gutes oder wegen der letztlichen Unerreichbarkeit des Ziels etwas potenziell Krankmachendes?

Gerd-Rüdiger Lang: Ich bin mir ganz si­cher, dass ein solcher Trieb – und jawohl, ein Trieb ist es – für den Menschen Berei­che­rung bedeutet. Sich heute an einer Leis­tung erfreuen und sich morgen fragen: Gibt es nicht noch was zu verbessern? – das ist eine Einstellung, die zur Perfektion füh­ren kann. Menschen, die so ticken, sind ja meist introvertiert. Das hängt mit fortwährender Selbstbefragung zusammen. Ferdinand Porsche beispielsweise war so ein Typ.

Doch in diesem Punkt liegt heute vieles im Argen. Große Unternehmen jagen nicht dem sprichwörtlichen Diamanten für die Ewig­keit – diamonds are forever ... – und der Frage nach: Wie geht es besser?, sondern zynisch: Wie geht‘s billiger, wo können wir Leute loswerden? Das ist ein Verhängnis, oder mit Os­car Wilde gesprochen: Zyniker sind Men­schen, die von allem nur den Preis, aber nicht den Wert kennen.


Ein erfolgreicher Unternehmer, der seinesgleichen die Leviten liest?

Gerd-Rüdiger Lang: In meiner Familien­­fir­ma bin ich Chef. Das heißt, hier kann ich solchen Verhaltensweisen vorbeugen. Mei­ne Ar­beit hilft mir dabei: Wir wollen Uhren schaffen, die Freude bereiten, Freunde fürs Le­ben und sogar darüber hinaus werden. Blei­bender Wert ist unser Ziel, nicht vergäng­liche Schönheit. Das hilft auch auf der Suche nach dem Ein­ma­ligen.


Wie findet der Einzelne für sich die Grenze zwischen gesundem Drang und krank ma­chendem Druck?

Gerd-Rüdiger Lang: Nach meiner Erfahrung ist es oft der Zeitdruck, der Menschen belas­tet und sie daran hindert, Streben nach Per­fektion gewinnbringend zu erleben. Das führt zu Ineffektivität. Man muss in sich ruhen, um locker zu bleiben und mehr als nur den kleinsten Nenner zu erreichen. Für meine Tä­tigkeit heißt das: Ich will Produkte machen, die einmal zeitlos werden. Gelingt es, bin ich auf dem Weg zur Perfektion ein Stück vorangekommen. Dinge, die Moden überdauern, haben das Zeug, einmal als ästhe­­tisch eingestuft zu werden. Die Akro­polis, die Pyramiden oder die Architektur der Mayas sind Beispiele solch zeitloser Ästhe­­tik, nicht kurzzeitiger Mode.



Welche zwei, drei Wesensmerkmale verbinden Sie spontan mit Perfektion?

Gerd-Rüdiger Lang: Qualität im Sinne von bleibendem Wert. Ästhetik als Gegenstück zu modischer Schönheit. Schönheit hat in meinen Augen vor allem mit Erregung zu tun, Ästhetik mit Bestand. Schließlich geht es mir um bedien­freundliche Hand­habung. Pro­dukte und Dinge, an denen sich Benutzer nicht freuen können, sondern über die sie sich ärgern müssen, sind Vollkom­men­heits­verhin­derer. Funkte­lefone, die im Zug ständig versagen, und Hoteldu­schen, die die Gäste in Verlegenheit und erst mit Mühe zur Erfrischung bringen, mögen mit Designprei­sen behängt worden sein – handhabbar für jedermann und also menschenfreundlich sind sie nicht.


Macht erst der Drang nach Vollkommenheit den Mensch zum Menschen?

Gerd-Rüdiger Lang: Weniger der Drang als der Wunsch.


Welche Rolle spielen Genauigkeit, Echtheit und Ehrlichkeit für Perfektion?

Gerd-Rüdiger Lang: Genauigkeit verbinde ich mit Qualität, Echtheit mit Einmaligkeit. Ehrlichkeit bedeutet für mich im Unter­neh­­men unter anderem, eine Uhr erst dann auf den Markt zu bringen, wenn ich selbst mit ihr zufrieden bin. Deshalb trage ich immer gleichzeitig zwei Uhren: eine frühere und die neueste, bei der ich – unabhängig von allen Qua­litätskontrollen per Computer – eine Wei­­le selbst teste, wie sie geht, sich verhält und sich auf der Haut anfühlt.


Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen. Ist das Voraussetzung für vollkommene Ergebnisse?

Gerd-Rüdiger Lang: Diese Beschreibung gefällt mir. Ja, der Pfad zur Per­fektion hält Quälerei und Selbstzweifel bereit. Nur glatte Stra­ßen mit Rüc­ken­wind führen nicht zur Per­fektion. Wichtig ist aber vor allem, dass man losgeht und handelt. Wenn dabei Feh­ler begangen werden, ist das kein Unglück, sondern Erkenntnisge­winn für neuen Anlauf.


Trotz Ihrer Vorbehalte gegenüber Schönheit: Ist das ewige Streben nach Perfektion nicht eigentlich der ewige Wunsch nach Schönheit?

Gerd-Rüdiger Lang: Mir fällt dazu eine kleine Ge­schichte ein, die ich in der Türkei erlebt habe. In einem Restaurant trug eine Frau ei­ne Uhr von mir. Ich fragte sie, woher sie sie habe. Sie: Von einem Freund. Ich: Wie heißt er? Sie: Weiß ich nicht. Aber ich habe jeden Tag so viel Freude an ihr, dass ich mir sage, die kann nur ein Freund gemacht haben...



Weshalb tragen Sie im Unternehmen stets Ihre Lupe auf der Stirn?

Gerd-Rüdiger Lang: Weil ich stolz auf den Uhr­macherberuf bin und darauf, zu seinem Erhalt beigetragen zu haben. Vor 30 Jahren sah es aus, als hätte im Gefolge der Quarz­uhr-Revolution das letzte Stündchen für die­­sen Beruf geschlagen. Heute werden wieder Uhrmacher ausgebildet.


Auf den Punkt gebracht


Ist Perfektion für Sie wichtig?

Sie ist Ziel meines Daseins, ist Lebens­be­stim­mung.


Hat Perfektion ein Verfallsdatum?

Lebensziele haben kein Verfalls­datum.


Welche drei Dinge sind für Sie perfekt?

Das Ei – wegen seiner vollendeten Form. Der Baum – ein Kunstwerk der Natur. Und drittens das Rad. Der Mensch hat es geschaffen und damit etwas Gutes ge­tan. Es ist ästhetisch, harmonisch und nützlich. Dieser Dreiklang ist selten.


Chronoswiss-Gründer Gerd-Rüdiger Lang, der Uhren nach hochwertigsten Schweizer Normen fertigt, wurde 2006 vom „Diners Club“ mit der Auszeich­nung „Visionär des Jahres“ geehrt. Auf unsere Frage, wofür genau ihm dieser Preis ver­liehen wurde, erwiderte der Wahl-Münchner: „Weil wir einer tot-gesagten Industrie zum Weiter­leben beziehungsweise zur Wiedergeburt verholfen haben. Ich selbst hätte nie gedacht, dass die mechanische Uhr solch eine Renaissance erleben würde.


Wenn Sie heute auf der ,Basel­world‘ die Uhren-Neuheiten betrachten, ist ein großer Teil von ihnen Mechanik. Dies ist umso bemerkenswerter, als auch die besten mechanischen Uhren ja nicht ganz so exakt gehen wie eine billige Quarz-Wegwerf-Uhr. Was ich daraus schließe? Menschen suchen verstärkt wieder Inseln bleibender Werte, nicht nur vergängliche Schön­heit. Eine gute Mechanik­uhr kann solch eine Insel sein.“


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