Am liebsten Blau
Farben sind nicht nur schön, sondern können uns gesundheitlich sogar richtig gut tun, weiß Experte Axel Venn.

Farben besitzen geheime Kräfte: Sie beherrschen unseren Alltag, beeinflussen unsere Gesundheit und manipulieren unsere Stimmung. Jeden Tag, jede Minute steuern Farben unser Denken, Handeln und Fühlen, denn unsere Welt ist farbig!
„Ob aber eine Farbe gemocht wird, ist abhängig vom subjektiven Empfinden, vom kulturellen Hintergrund und letztlich von den persönlichen Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen. Aus diesem Grund sind Farben auch immer etwas sehr Persönliches“, gibt die Expertin zu bedenken. Und so kann niemand je sicher sein, dass seine Mitmenschen eine bestimmte Farbe genauso sehen wie er selbst.
Apropos sehen: Der Mensch kann zwar mehrere Millionen von Farbtönen unterscheiden, er hat aber kein farbliches Erinnerungsvermögen. „Probieren Sie mal, den Rotton der untergehenden Sonne am Strand von Ibiza oder das Terrakotta des Feriendomizils in der Toskana nach Hause zu transportieren“, so Petra Ruhnau. Deshalb erarbeiten Farbdesigner wie sie Systeme mit genauen Bezeichnungen für die verschiedenen Töne, um diese eindeutig zu kommunizieren.
„Soll ein Farbton festgehalten werden, muss er anhand von Farbtonkarten genau bestimmt werden.“ Doch da lauert auch schon wieder das nächste Hindernis: Farben entwickeln ein Eigenleben. Was auf der Karte der perfekte Ton ist, kann an der Wand voll daneben sein. Ein Grund ist seine räumliche Wirkung. Amerikanische Wissenschaftler fanden bei einem Versuch heraus, dass Testpersonen eine schwarze Box schwerer schätzten als eine weiße derselben Größe, weil dunkle Farben einen Gegenstand kompakter und größer erscheinen lassen. Grundsätzlich gilt: Kühle Farben erscheinen fern, warme kommen auf den Betrachter zu.
Eine weiterer Grund: die Lichtverhältnisse. Ein und derselbe Farbton kann an zwei Wänden völlig unterschiedlich aussehen, nur weil die eine direkt von der Sonne angestrahlt wird und die andere kaum Tageslicht bekommt. Eine Akzentwand in Blau, die zwar auch mit wenig Tageslicht wirkt, wird in der Dunkelheit mit gelbem Glühlampenlicht grün bis gräulich verfälscht erscheinen. Zu guter Letzt verändern dann auch noch die Bodenbeläge, Möbel und Accessoires die Wirkung der Wände, denn ein Farbton wird niemals alleine wahrgenommen, sondern immer im Gesamtbild der angrenzenden Farben, die ihn steigern, mildern oder ergänzen können.
Hieraus den Schluss zu ziehen, Weiß auf allen Flächen wäre das Optimum, ist allerdings fatal. Reinweiß gilt nämlich als die unnatürlichste aller Farben. Ein reinweißer Raum wirkt ungemütlich und steril. „Weiße Wände, weiße Möbel, weiße Accessoires – das ist wie Erbsensuppe ohne Speck“, sagt auch Petra Ruhnau. „Das Auge bekommt keine Anregungen, kann sich nirgendwo festhalten und verliert sich im Raum.“ Und wer will schon auf Speck verzichten. Damit Ihr Raumrezept die richtige Würze bekommt, hier ein paar handfeste Regeln:
Auf keinen Fall sollten Töne aus allen Farbrichtungen ( Rot, Gelb, Blau, Grün) für die Wände gewählt werden. Das überfordert den Menschen in seiner Wahrnehmung, der Raum erhält eine uneindeutige, beliebige und damit unharmonische Wirkung.
Wählen Sie eine Haupttonfarbe als Basis. Diese darf von ein bis zwei Akzenttönen begleitet werden – inklusive der Farbtöne, die die Einrichtung schon mitbringt.
Bei der Farbgestaltung sind nicht nur die vorhandenen Materialien, sondern auch die Funktion des Raumes auf das Farbkonzept abzustimmen. Fragen Sie sich, welche Stimmung und Funktion dem Raum zufällt. Das Wohnzimmer soll zum Verweilen einladen – dann wählen Sie Rot-Orange-Töne, die eine heimelige Atmosphäre schaffen. Das Arbeitszimmer ist zum Denken – Blautöne wirken erfrischend und steigern die Konzentration.
Mit Farben spielen lernen
Weniger ist mehr – das gilt auch für die Farbgestaltung: Eine intensive Farbe in großen Mengen überpowert andere Töne. Dagegen wirkt sie gut dosiert als raumwirksamer Höhepunkt.
Wer anhand einer Farbkarte im Baumarkt meint, seine Wandfarbe gefunden zu haben, wird wahrscheinlich sein blaues Wunder erleben. Denn je größer die Fläche, desto farbiger wird der Ton. Also in jedem Fall: Farbe an großen Flächen ausprobieren.
Farben reflektieren das Licht. Das gleiche Gelb sieht an der Fensterwand im Gegenlicht dunkler aus als die gegenüberliegende Sonnenseite, und wiederum anders erscheinen die Seitenwände. Am besten werden Farben vor Ort und gleich an der Stelle betrachtet, wo sie später eingesetzt werden.
Natürliches Licht enthält alle für den Menschen sichtbaren Farben. Bei künstlichen Beleuchtungen fehlen Teile des Spektrums. Wenn eine Glühlampe etwa nur wenig blaue Lichtwellen aussendet, kann das Auge auch nur wenig „Blau“ produzieren. Die Wand wirkt grau. Deshalb sollte man die künstlichen Lichtquellen im Raum bei der Farbwahl mit berücksichtigen.
Verputzte, strukturierte Wände streuen das Licht. Teile des Lichtstrahls gehen dann an den Augen vorbei und lassen Farben dunkler wirken, als sie auf glatten Wänden erscheinen.
Eine dunkelrote Wand hinterm Sofa – schön, aber duster. Selbst künstliche Beleuchtung kann die fehlende Reflektionsfläche für das Licht nur sehr schwer ausgleichen.