Weiß lügt gut: Eine Farb-Kritik
Auch Sie halten Weiß für die schönste denkbare Farbe für Tisch und Wand, Bett, Stuhl und Schrank? Dann machen Sie...

Klack, klack, klack. Die Absätze auf dem hellen Steinboden in ihrem Zuhause in der Kölner Innenstadt sind lange schon zu hören, bevor ihr knallroter Schopf hinter einem großen Buchregal um die Ecke biegt: „Typisch männlich“, sagt Uta Brandes und streift kurz mit der Hand am Regal des Designers Wolfgang Laubersheimer entlang: „Verschweißtes Metall, roh und kühl.“
Frau Brandes, was, bitte schön, hat Design mit Geschlecht zu tun?
Uta Brandes: Wir alle haben genaue Vorstellungen davon, was wir als männlich oder weiblich ansehen. Ob diese Ansichten stimmen, ist eine andere Frage. Aber wir kommen aus diesen Kategorien nicht heraus.
Das bedeutet, jeder ist in seinem Geschlecht gefangen?
Uta Brandes: Ja. Wir sind nicht ein Geschlecht, sondern wir stellen Geschlecht jeden Tag sozial her, wie die Kulturwissenschaftlerin Judith Butler treffend beschrieb. Selbst wenn eine Frau bewusst anders sein will, als man es von ihr als Frau erwartet, handelt sie in ihrer Geschlechterkategorie. Auch wenn jemand androgyn ist oder als Frau versucht, ganz hart zu sein oder als Mann ganz weich. Es gibt biologisch einen klaren Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das strukturiert unsere Kommunikation – und nichts anderes ist Design.
Wo werden die Unterschiede sichtbar?
Uta Brandes: Einerseits an den Produkten selbst, die weisen nämlich vorgeschlechtliche Merkmale auf. Zum Beispiel Handys, deren „Körperbau“ Bodybuilder, Wespentaille oder Waschmaschine assoziiert. Andererseits differieren die Umgangsweisen und das Gebrauchsverhalten von Frau und Mann.
Sie haben neben Handys und Taschen auch Sitzmöbel unter dem Geschlechteraspekt untersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?
Uta Brandes: Bei Stühlen etwa wird normalerweise nur von der Ergonomie gesprochen, dabei findet bei ihnen auch eine Vergeschlechtlichung statt, meist unbewusst, manchmal bewusst. Der Klassiker „Up 5 Donna“ von Gaetano Pesce etwa sieht aus wie eine italienische Mama mit Riesenbrüsten. Sehr prägnant, finden Sie nicht?
Und der Stuhl „3107“, der Klassiker von Arne Jacobsen, auf dem wir sitzen?
Uta Brandes: Der besitzt eine typisch weibliche Form: Rundungen und Kurven werden ja tendenziell als weiblich empfunden. Zudem hat er eine sehr schlanke Taille und wird am Gesäß breiter. Wenn man anfängt, Produkte auf diese Weise zu betrachten, kann man viel entdecken.
Bringen Sie Ihren Studenten bei, wie ein Produkt aussehen muss, damit es Sie oder Ihn anspricht?
Uta Brandes: Nein, ich will die Wahrnehmung schärfen und aufzeigen, wie viel von diesen Geschlechterkategorien in völlig alltäglichen Objekten steckt und dass dies bisher nicht beachtet worden ist. Diejenigen, die sich mit Gestaltung befassen, sollten den Geschlechteraspekt kennen, damit er endlich als selbstverständlich in den Entwurfsprozess integriert wird.
Hat sich das Interesse produzierender Unternehmen für dieses Thema über die Jahre verändert?
Uta Brandes: Es ist deutlich stärker geworden. Je präziser die Zielgruppen abgesteckt werden, desto wichtiger wird es zu wissen, welches Design Männer und Frauen anspricht. Ein gutes Beispiel ist die Bulthaup-Küche „Werkbank“: ein Korpus, zwei Schubladen, kein Stauraum. Für Frauen eine Katastrophe. Doch Männer würden hier am liebsten die Ärmel hochkrempeln und mit großen japanischen Messern sofort loslegen.
Sie sagen, dass Männer und Frauen in ihrer Einrichtung nicht zusammenpassen.
Uta Brandes: Für Frauen ist die Wohnung ein Schutzraum. Sie wollen sich wohlfühlen, markieren ihr Territorium. Männer sind da pragmatischer. Nehmen wir nur einmal das Bett oder das Sofa: Für Männer ist das ein Ort zum Schlafen. Frauen hingegen verzieren es mit Kissen, statten es mit Kerzen, Büchern, kleinen Dekorationen aus. Außerdem besetzen sie es mit mehreren Tätigkeiten, wie Lesen, Essen, Telefonieren. Männer nicht.
Ist das nicht Klischee?
Uta Brandes: Natürlich gleichen Paare mit der Zeit ihre Gewohnheiten an. Das hat oft mit Resignation zu tun. Denn auch unserere neue Studie über die Wünsche von geschäftsreisenden Männern und Frauen an Hotels belegen: Frauen achten auf guten Geruch, angenehme Farben, sie wollen einen Raum, in dem sie es sich kuschelig machen können, und Wellness im Bad – samt flauschigem Bademantel und Pantoffeln. Männer hingegen interessiert das nicht. Viel dringender ist für sie, ob es einen Internetzugang gibt.
Also ist auch die Aufmerksamkeit für die Dinge in Räumen geschlechtsspezifisch?
Uta Brandes: Ja. Salopp gesagt: Während der Blick der Männer vor allem auf die Technik fällt, achten Frauen auf Dekoratives. Beim Möbelkauf können sich Männer beispielsweise spontan für ein weißes Sofa entscheiden. Die Frau hingegen denkt pragmatisch: Ein weißes Sofa? Und die Rotweinflecken?
Ihr zweiter Schwerpunkt untersucht die Herangehensweise der Designerinnen und Designer an den Entwurf. Wo lässt sich da weiblich und männlich ausmachen?
Uta Brandes: Bei den Problemlösungsansätzen. Wenn man es einmal generalisiert, ist es auffällig, dass Designerinnen komplexer denken. Männer dagegen nähern sich der Sache experimenteller, frei nach dem Prinzip: entwerfen, verwerfen, wieder neu anfangen. Der Hocker des spanischen Designers Xavier Mariscal ist dafür ein Beispiel. Beim ersten Versuch hingeworfen – und funktioniert.
Frauen gehen also pragmatischer vor?
Uta Brandes: Genau. Ihre typischen Fragen beim Entwurf einer Vase: Braucht man überhaupt eine neue? Wie steht es um die Ökologie? Das hängt damit zusammen, dass Frauen immer noch viel mehr für all das verantwortlich sind, was Haus und Familie betrifft.
Klingt nach Innovationsbremse.
Uta Brandes: Im schlimmsten Fall. Doch wenn ein Wurf gelingt, ist er perfekt. Wie das Geschirr „URBINO“ der Bauhäuslerin Trude Petri. Diese klassische Form, die filigrane Verarbeitung ist bis ins Kleinste durchdacht. Total, da wackelt nichts. Oder die Gummivase von Hella Jongerius, die mit Wasser gefüllt Standfestigkeit gewinnt. Auch wenn sie umgestoßen wird, geht sie nicht kaputt. Genial.
Frauen setzen sich in Entscheidungspositionen noch immer schwer durch. Und im Design?
Uta Brandes: Hier existiert die Aufsplittung in „hartes“ Industrie-, Produkt- und Mediendesign und in „weiches“ Textil-, Schmuck-, Mode- und Grafikdesign. Bis heute bleibt Keramik deutlich Frauensache. Das sehe ich auch bei den Studenten, die alle Bereiche belegen müssen. Doch wenn sie wählen können, verfallen sie ins vertraute Rollenspiel.
Bleibt auch das Möbeldesign fest in Männerhand?
Uta Brandes: Noch, ja. Obwohl es löbliche Ausnahmen gibt, wie aktuell die Spanierin Patricia Urquiola. Kompetenz wird Designerinnen vor allem im häuslichen Bereich, im Spielerisch-Kreativen, Dekorativen zugebilligt. Und falls sie dann doch in der Automobilindustrie arbeiten, sind sie für die Textilien und Farben der Autositze zuständig.
Ein Manko.
Uta Brandes: Absolut. Dies bedeutet aber nicht, dass alles viel toller wäre, wenn mehr Frauen im Design tätig wären. Ich halte sie nicht für das bessere Geschlecht. Ich beobachte nur.