Der feine Unterschied

„Antibody“-Liegen aus Filz der Spanierin Patricia Urquiola

Ob Sessel oder Teetasse – jedes Ding hat ein Geschlecht. Die erste und einzige Professorin Deutschlands für Design und Gender der Köln International School of Design widmet sich seit Jahren der Frage, wo und wie viel Geschlecht im Design steckt. Ein Thema mit Überraschungspotenzial. Und den besten Beweis dafür liefert sie am liebsten bei sich zu Hause.

Klack, klack, klack. Die Absätze auf dem hellen Steinboden in ihrem Zuhause in der Kölner Innenstadt sind lange schon zu hö­ren, bevor ihr knallroter Schopf hinter einem großen Buchregal um die Ecke biegt: „Typisch männlich“, sagt Uta Brandes und streift kurz mit der Hand am Regal des De­sig­ners Wolfgang Laubersheimer entlang: „Ver­schweißtes Metall, roh und kühl.“


Frau Brandes, was, bitte schön, hat Design mit Ge­schlecht zu tun?

Uta Brandes: Wir alle haben genaue Vor­stellungen davon, was wir als männlich oder weiblich ansehen. Ob diese Ansichten stimmen, ist eine andere Frage. Aber wir kommen aus diesen Kategorien nicht heraus.


Das bedeutet, jeder ist in seinem Ge­schlecht gefangen?

Uta Brandes: Ja. Wir sind nicht ein Ge­schlecht, sondern wir stellen Ge­schlecht je­den Tag sozial her, wie die Kulturwis­sen­schaft­lerin Judith Butler treffend be­schrie­b. Selbst wenn eine Frau bewusst an­­ders sein will, als man es von ihr als Frau erwartet, handelt sie in ihrer Ge­schlecht­er­kategorie. Auch wenn je­­mand androgyn ist oder als Frau versucht, ganz hart zu sein oder als Mann ganz weich. Es gibt biologisch einen klaren Unter­schied zwischen Männern und Frauen. Das struk­­tu­riert un­sere Kom­munikation – und nichts an­de­res ist Design.


Wo werden die Unter­schiede sichtbar?

Uta Brandes: Einerseits an den Produkten selbst, die weisen nämlich vorgeschlechtliche Merkmale auf. Zum Beispiel Handys, de­ren „Körperbau“ Bodybuilder, Wespentaille oder Waschmaschine assoziiert. Andererseits differieren die Umgangsweisen und das Ge­brauchsverhalten von Frau und Mann.


Sie haben neben Handys und Taschen auch Sitzmöbel unter dem Geschlechteraspekt un­­tersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?

Uta Brandes: Bei Stühlen etwa wird normalerweise nur von der Ergonomie gesprochen, dabei findet bei ihnen auch eine Verge­schlecht­­­lichung statt, meist unbewusst, manch­mal bewusst. Der Klassiker „Up 5 Donna“ von Gae­tano Pesce etwa sieht aus wie eine italie­nische Mama mit Riesen­brüsten. Sehr prägnant, finden Sie nicht?


Und der Stuhl „3107“, der Klassiker von Arne Jacobsen, auf dem wir sitzen?

Uta Brandes: Der besitzt eine typisch weibliche Form: Rundungen und Kurven werden ja ten­denziell als weiblich empfunden. Zudem hat er eine sehr schlanke Taille und wird am Gesäß breiter. Wenn man anfängt, Produkte auf diese Wei­se zu betrachten, kann man viel ent­decken.



Bringen Sie Ihren Studenten bei, wie ein Pro­dukt aussehen muss, damit es Sie oder Ihn anspricht?

Uta Brandes: Nein, ich will die Wahr­neh­mung schärfen und aufzeigen, wie viel von diesen Geschlechter­kategorien in völlig alltäglichen Objekten steckt und dass dies bisher nicht beachtet worden ist. Diejenigen, die sich mit Gestaltung befassen, sollten den Geschlechteraspekt kennen, damit er endlich als selbstverständlich in den Entwurfs­pro­zess integriert wird.


Hat sich das Interesse produzierender Un­ter­­nehmen für dieses Thema über die Jahre verändert?

Uta Brandes: Es ist deutlich stärker ge­worden. Je präziser die Zielgruppen abgesteckt werden, desto wichtiger wird es zu wissen, welches Design Männer und Frauen anspricht. Ein gutes Beispiel ist die Bult­haup-Küche „Werkbank“: ein Korpus, zwei Schubladen, kein Stauraum. Für Frauen eine Katastrophe. Doch Männer würden hier am liebsten die Ärmel hochkrempeln und mit gro­ßen japanischen Messern sofort loslegen.


Sie sagen, dass Männer und Frauen in ihrer Ein­­richtung nicht zusammenpassen.

Uta Brandes: Für Frauen ist die Wohnung ein Schutzraum. Sie wollen sich wohlfühlen, mar­­kieren ihr Territorium. Männer sind da prag­ma­ti­scher. Nehmen wir nur einmal das Bett oder das Sofa: Für Männer ist das ein Ort zum Schla­­fen. Frauen hingegen verzieren es mit Kis­sen, statten es mit Kerzen, Büchern, kleinen De­ko­rationen aus. Außerdem be­setzen sie es mit mehreren Tätigkeiten, wie Lesen, Es­sen, Telefonieren. Män­ner nicht.


Ist das nicht Klischee?

Uta Brandes: Natürlich gleichen Paare mit der Zeit ihre Gewohnheiten an. Das hat oft mit Resignation zu tun. Denn auch unserere neue Studie über die Wünsche von geschäftsreisenden Män­nern und Frauen an Hotels be­legen: Frauen achten auf guten Geruch, an­genehme Far­ben, sie wollen einen Raum, in dem sie es sich kuschelig machen können, und Wellness im Bad – samt flauschigem Ba­de­­mantel und Pantof­feln. Männer hingegen interessiert das nicht. Viel dringender ist für sie, ob es einen Inter­net­zu­gang gibt.


Also ist auch die Aufmerksamkeit für die Dinge in Räumen geschlechtsspezifisch?

Uta Brandes: Ja. Salopp gesagt: Während der Blick der Männer vor allem auf die Tech­nik fällt, achten Frauen auf Deko­­ratives. Beim Möbelkauf können sich Männer beispielsweise spontan für ein weißes Sofa entscheiden. Die Frau hingegen denkt pragmatisch: Ein weißes Sofa? Und die Rot­wein­flecken?



Ihr zweiter Schwerpunkt untersucht die Her­an­gehensweise der Designerinnen und Designer an den Entwurf. Wo lässt sich da weiblich und männlich ausmachen?

Uta Brandes: Bei den Problemlösungs­an­sät­zen. Wenn man es einmal generalisiert, ist es auffällig, dass Designerinnen komplexer denken. Männer dagegen nähern sich der Sa­che experimenteller, frei nach dem Prinzip: entwerfen, verwerfen, wieder neu anfangen. Der Ho­cker des spanischen Designers Xavier Maris­cal ist dafür ein Beispiel. Beim ersten Ver­such hingeworfen – und funktioniert.


Frauen gehen also pragmatischer vor?

Uta Brandes: Genau. Ihre typischen Fragen beim Entwurf einer Vase: Brau­­cht man überhaupt eine neue? Wie steht es um die Ökologie? Das hängt damit zusam­men, dass Frau­en immer noch viel mehr für all das verantwortlich sind, was Haus und Familie betrifft.


Klingt nach Innovationsbremse.

Uta Brandes: Im schlimmsten Fall. Doch wenn ein Wurf gelingt, ist er perfekt. Wie das Ge­schirr „URBINO“ der Bauhäuslerin Trude Pe­tri. Diese klassische Form, die filigrane Ver­arbeitung ist bis ins Kleinste durchdacht. Total, da wackelt nichts. Oder die Gum­mivase von Hella Jongerius, die mit Was­ser gefüllt Stand­festigkeit gewinnt. Auch wenn sie um­gestoßen wird, geht sie nicht kaputt. Genial.


Frauen setzen sich in Entscheidungspo­siti­o­nen noch immer schwer durch. Und im Design?

Uta Brandes: Hier existiert die Auf­splittung in „hartes“ Industrie-, Produkt- und Medien­design und in „weiches“ Textil-, Schmuck-, Mode- und Grafik­design. Bis heute bleibt Ke­ramik deutlich Fra­u­en­sache. Das sehe ich auch bei den Studenten, die alle Bereiche be­­legen müssen. Doch wenn sie wählen können, verfallen sie ins vertraute Rollenspiel.


Bleibt auch das Möbeldesign fest in Män­ner­hand?

Uta Brandes: Noch, ja. Obwohl es löbliche Aus­nahmen gibt, wie aktuell die Spanierin Pa­­tri­cia Urquiola. Kompetenz­ wird De­sig­ne­­rinnen vor allem im häuslichen Bereich, im Spielerisch-Kreativen, Dekorativen zugebilligt. Und falls sie dann doch in der Au­to­­­­mo­bil­industrie arbeiten, sind sie für die Textilien und Farben der Autositze zuständig.


Ein Manko.

Uta Brandes: Absolut. Dies bedeutet aber nicht, dass alles viel toller wäre, wenn mehr Frauen im Design tätig wären. Ich halte sie nicht für das bessere Geschlecht. Ich beobachte nur.


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