Der Bad-Versteher

Maximalismus durch Mini­malismus. So entstehen Klassiker. Bei Wahl in Stuttgart.

Der Name: Sanitär-Wahl, Stuttgart. Der Stil: Ein Mix aus Exklusivität, Eleganz, Purismus. Der Ehrgeiz: Klassiker von morgen zu kreieren. Der Status: Premium-Anbieter.

Der Stuttgarter Westen soll das dichtbesiedelste Gebiet Europas sein. Angeb­lich. Auf jeden Fall ist es das mit den wohl besten Bäder-Verstehern hierzulande. Die Heimstatt von Aktivisten gegen Bad-Scha­blonen.


Die meisten sagen zu Bädern: „Raum.“ Bei Wahl sagt man lieber: „Ort.“ Ein Raum ist drei­­dimensional. Länge mal Höhe mal Breite. Ein Ort ist mindestens vierdimensional. Orte be­sitzen Magie, erzählen Geschichten, stiften Sinn. Deshalb kehren wir an manche Orte liebend gern zurück, andere streichen wir von unserer Liste. Die Bäder von Wahl ge­hö­ren zu den Sehn­suchts­or­ten. Weil sie ihr Ver­sprechen halten, Zu­fluchts­stätte für die watteweichen Mo­men­te in unserer kantigen Welt zu sein.


Ein Vollbad in einer Wanne, die von unten angestrahlt wird, ist eben mehr als Herumliegen im Wasser. Das ist wie Schweben. Eine Dusche ohne Glaswände ist mehr als eine Einrichtung zur Körperreini­gung. Die ist wie ein Wasserfall in den eigenen vier Wänden. Eine Wand aus satiniertem Glas und mit integriertem Fern­seher, die sich nach Bedarf vor das WC oder die Wanne schieben lässt, ist mehr als ein schickes Spiel­zeug. Die ist ein Raum­ver­zau­berer.


Genau genommen haben Geschäftsführer Harald Wahl und sein Team von zwei Innen­architekten, einer Projektplanerin und sieben Ausstellungsfachverkäufern ein Heim-Spiel. Wir baden gern (Frau­en), du­schen regelmä­ßig (Männer), Zahn­pflege und Toilettengänge schreiben Zivilisation und Bio­logie vor. Umso verwunderlicher für Wahl und Co., wie gedankenlos, nachlässig, unprofessionell wir oft mit unserem wichtigsten Be­sitzstand umgehen: un­serem eigenen Kör­­per. Seele inklusive.


„Wie­so lieben Leute ihr 80-Quadratmeter-Wohn­zimmer und wie­so zwängen sich dieselben Leute in ein 10-Qua­drat­meter-Bad?“ Da soll man nicht stutzig werden? Da darf man stutzig werden. Aus Harald Wahl spricht nicht nur die Pro­fession, sondern auch der Privatmann, wenn er sagt: „12 bis 20 Qua­drat­meter und ein Bad lässt sich in den schönsten Le­bensort verwandeln.“



Sein privates misst 36. Hinter einer Schie­betür vom Schlafzimmer ab­getrennt (wegen der verschie­denen Temperatur- und Feuch­tig­­keits­ver­hältnisse), mit viel, viel Licht, das ein 15 Meter langes Fensterband einfängt, mit Putz an den Wänden, der den Raum weich macht, mit gelbem Naturstein auf dem Boden, der das Licht wundervoll reflektiert, mit einer Dampfdusche, mit einer frei stehenden Ba­de­­wanne, von der aus der Blick auf stattliche Bäume fällt, mit einem abgetrennten WC, mit zwei sich mitten im Raum gegenüberstehenden Waschtischen, zwischen denen ein Spiegel den Partner vis à vis abschottet. Die­ses Bad bietet zwei viel beschäftigten Men­schen wie dem Ehepaar Wahl jeden Tag ein Zugewinn von jenen kostbaren Mo­menten, die man Zweisamkeit nennt. Als tägliches Ritual. Rituale streicheln unsere Seele. Wo ein Ritual ist, ist kein Platz für Ablenkung.


Wer nach dem gemeinsamen Nenner der Wahlschen Bad-Unikate sucht, wird schnell fündig: Eleganz, Schnörkellosigkeit, Harmo­nie. Ein Statement wird gleich am Eingang der Stutt­garter Ausstellung abgegeben. Ein fast drei Meter langer rechteckiger Korpus aus weißem Domovari, einem Mineralwerk­stoff, in den eine bequeme XXL-Wanne eingelassen ist. Gegen­über das Pendant: ein Rie­­gel mit zwei Waschbecken. „Die Leute setzen sich auf die Fläche neben der Wanne wie auf eine Bank, manche lesen sogar.“


Unter der Wanne lässt sich eine Schub­lade herausziehen, in der man alles Mögliche verstauen kann. Eine Wanne ist ein Wasserbassin ist eine Bank ist eine Kom­mode ist eine Raum­skulptur. Solche Verket­tungen gefallen Ha­rald Wahl, die machen den Unterschied zwischen Belie­bigkeit und Extravaganz. Die ma­chen auch den himmelweiten Unter­schied zwischen dem abendlichen Du­schen und Zähneputzen als Pflicht­übung und der Lust, seinem Körper etwas Gutes anzutun.


Für viele Badgestalter ist Eleganz die Summe aus Edelstahl und Marmor. Eine Allerwelts-Eleganz. Der Luxus der Wahlschen Bäder

Ruhe lautet deshalb das große Thema. Wand­­lange, großflächige Kubaturen, auch über Eck, für Wanne und Waschbecken, als Sitz­gele­gen­heit und Ablage (Letzteres beides in einem Bad genauso nötig wie Sanitär­ob­jek­te). Das WC als Nischenlösung, versteckt hinter einer beleuchteten Glaswand mit einem Regal für Bücher. Die in der Wand pla­ne Glas­abtrennung, deren Schwarz sich in den gleichfalls planen Scharnierverbindern der Duschabtrennung wiederholt. Keine Ecken und Kanten, über die das Auge holpern, nichts Überflüssiges, in dem es sich ver­­fan­gen könnte. Auch Understatement ist ein State­ment.


Freiheit für die Sinne ist ohne Liebe zum De­tail undenkbar. An der Stelle kommen die Ge­­werke ins Spiel. Der ansonsten eher verbal bescheidene Geschäfts­führer greift ausnahmsweise ins Fach der Super­­lative. „Wir ar­beiten nur mit Premium-Handwerkern zu­sam­men, den besten, die Sie sich vorstellen können.“ Allein in der Stuttgarter Aus­stel­lung finden sich endlose Beweise für deren Kunst­fertigkeit. Der Glaser ritzt Ornamente in Trennwände, die abwechselnd stumpf und glänzend sind und millimetergenau den Schwung der Tapete aufnehmen. Der Elek­tri­ker bringt eine Glaswand zum Leuch­ten, ohne dass sich auch nur ein Stück Ka­bel zwi­­­schen den Punktlämpchen zeigt. Der Mau­rer erfindet Styropor­podeste mit Mar­morplatten, die wie aus dem Boden ge­wachsen wirken. Diese deutsche Wert­ar­beit ist kein Privileg exklusiver Ausfüh­run­gen, sie ist auch bei kleineren Budgets selbstverständlich.



Die Wahlsche Agenda sieht vor: Visionen le­ben. Starre Konzepte aufbrechen. Sinnliche Qualitäten schaffen. Formale Kleinkariertheit vergessen. Am Detail feilen. Manche Idee trägt auch einen pä­da­gogischen Fingerzeig in sich. Stichwort Besucherbäder. Verwun­derlich, welche Notbehelfe liebenswürdigste Gastgeber ihrem Besuch da häufig zumuten. Die Stuttgarter verwandeln selbst solche Kleinst­räume in Ereignisse. Beispiel: Eine Spie­­­gel­wand mit floralem Muster weitet das Bad optisch. Möbel würden diesen Effekt wie­der zunichte machen. Deshalb haben sich die Pla­ner eine Wand ausgedacht, die sich auf leichten Druck hin öffnet und einen Schrank freigibt. Falls jemand weitere Raffinessen erwartet – kann er haben: Die Tür zu diesem Bad ist stumpf anschlagend, die Zargen sind selbstverständlich plan eingebaut. Das Auge soll ruhen dürfen.


Wiederum bei den ge­mein­samen Denkrunden mit dem Ausstellungsteam sind Ideen im Em­bry­­onal­­stadium auch ausdrücklich er­laubt. Matthias Freimuth: „Wir denken das Ma­ximum. Die praktische Um­setzung für den Ausstellungsraum in Böblingen ist nicht Grenze und Hindernis, sondern Be­standteil der Aufgabe.“


Kein Wun­derland schöner Attrappen, die Gene­ral­­ansage lautet vielmehr: „Al­les, was wir zeigen, muss 1:1 funk­tionieren.“ Auch das Was­ser­fall-Wasch­be­cken „Liquid 54“ (von Bohner-Design), erstmal ein Prototyp, muss also seine Da­seins­­be­rech­tigung in der Aus­stellung in Ge­stalt eines lupenreinen Was­ser­vorhangs –?ein 30 Zen­timeter breiter Schwall – beweisen. Die neue 2,80 Meter lange Wanne haben sie zu fünft an ihren Platz getragen. Harald Wahl wollte sich die Gewissheit verschaffen: „Die 300 Kilo lassen sich komplikationslos auch in jedes andere Bad bugsieren.“ Und die selbst entworfenen Blu­menkästen in dem Bad mit der begehbaren Wanne werden natürlich mitverkauft, wenn sie jemand wünscht.


Maximalismus durch Mini­malismus. So entstehen Klassiker. Bei Wahl in Stuttgart.


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