Dänisch für Sitzplatz: siddeplads

'VIVA' - die Selbsterfahrungs-Röhre für Kinder

Unangestrengt, lässig, mit einem Hang zur Klassik und sich niemals für subtilen Humor zu schade. Die skandinavischen Designer entkrampfen selbst bei so ernsthaften zivilisatorischen Themen wie Sitzen. Die Frage: Wie inszeniert man das SITZEN? ließ uns in Kopenhagen bei Tine Mouritsen, einer der führenden dänischen Designerinnen, anklopfen.

Was inspiriert Sie zu einem Sitzmöbel wie zum Beispiel der „Qo2“-Kollektion, die Sie anlässlich des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen entworfen haben?


Tine Mouritsen: Zwei Faktoren sind im Vorfeld der eigentlichen Kreation wesentlich: Ist es ein Entwurf, den ich für eine spezielle Firma entwickle? Oder möchte ich eine Idee als unabhängiger Designer realisieren? Wenn ich für eine Firma kreiere, beginne ich mit der Recherche über ihre Geschichte, über die geläufige Farb- und Formensprache, die Philosphie und die Designer. Ich erkunde gewissermaßen die DNA eines Unternehmens. Rein technisch betrachtet sind die Produktionswege mein Ausgangspunkt. Bei „Qo2“ entwarf ich ein Sofachair und trat dann mit dem Hersteller Erik Jørgensen in Verbindung. In der Manufaktur in Svendborg erforschten wir gemeinsam, auf welche Weise man einen nachhaltigen Sessel herstellen kann. „Qo2“ ist ein Sofa für eine Person, ein Sessel für zwei Personen. Für Menschen, die in Stadtwohnungen leben, in denen sie nicht den Raum für eine komplette Sofagruppe haben. Denen wollte ich einen Raum-Chair anbieten, der nicht Zugeständnis, sondern innovativer Kompromiss ist.


Wie mobil sollten wir sitzen? Biologisch sind wir fürs Hocken, Stehen, Liegen, Laufen prädestiniert, aber wir sitzen immerzu.


Tine Mouritsen: Ich liebe das Bild des „Hockens“, in dieser Position stelle ich mir die Leute vor. Es gibt ein bekanntes Foto einer Besucherin des Klimagipfels „COP15“, die, sichtlich erschöpft, ihre Stiefel ausgezogen hat und mit Pressemitteilungen auf dem Schoß zusammengekauert auf dem „Qo2“ schläft. Ein Sessel sollte seinem Be-Sitzer alles zwischen Kommunikation mit dem Umfeld und Rückzug in schützende Geborgenheit bieten. Ich finde es sehr wichtig, mobil zu sitzen, jederzeit Bewegungs-Freiraum zu haben. Wir sitzen heute mehr, als die Menschen es je getan haben – bei der Arbeit, vor dem Computer, vor dem Fernseher, selbst wenn wir spielen. Deshalb müssen uns unsere Sitzmöbel Raum geben, mit unserem Körper zu experimentieren oder ganz einfach zu „hocken“. Wie es Kinder tun. Meine rote Sitz-Spiel Röhre „VIVA“ ist ein Möbel, das Kinder einlädt, ihre Sinne und Haltungsvorlieben zu entdecken. Die Röhre zwingt ihnen keine vorgegebene Sitzposition auf.


Sitzen wir auch mit unseren Augen? Wie sehr bestimmt die optische Anziehungskraft das Gefühl beim Sitzen selbst?


Tine Mouritsen: Einer meiner dänischen Lieblingsdesigner, Verner Panton, sagte einmal: „Man sitzt besser in einer Farbe, die man mag“! Wir sitzen genauso viel mit unseren Augen und unserem Kopf wie mit unserem Körper. Kandinsky hat mal sehr schön formuliert: „Die Farbe ist die Tastatur, die Augen sind die Harmonien, die Seele ist der Klangkörper mit vielen Saiten. Der Künstler ist der Virtuose, der mit seinen Griffen die Seele zum Vibrieren bringt.“



Was ist für Sie die Todessünde eines Stuhlentwurfs?


Tine Mouritsen: Todsünde, nein, das ist ein zu extremer Begriff – ausgenommen die Kopie oder der Diebstahl, selbstverständlich. Man kann über Entwürfe erstaunt oder verblüfft sein. Wenn jemand wirklich ein neues Design produziert, verdient das Achtung. Ich kenne die schöpferische Freude, die harte Arbeit, auch die Schmerzen des Entstehungsprozesses von der Skizze bis zum Produkt, darum betrachte ich Design unter dem gleichen respektvollen Blickwinkel wie Kunst und Architektur.


Was entwerfen Sie neben Sitzmöbeln besonders gern?


Tine Mouritsen: Leuchten. Die sind eine neue, aufregende Herausforderung für mich. Meine erste wird hoffentlich noch vor Weihnachten fertig, die zweite gleich im nächsten Jahr.

Außerdem arbeite ich weiterhin mit größtem Interesse an Möbeln für Kinder. Im Augenblick skizziere ich eine Reihe von Möbeln und Accessoires für das moderne, städtische und nomadische Elternteil mit Kind. Neue Sachen, die ihren Ursprung in der Tradition und im klassischen Handwerk haben, aber durch die Interpretation und ihre Formgebung den Kunden herausfordern.


Was halten Sie von der Option, Sitz-Solisten zu gruppieren und damit Situationen im Raum zu inszenieren?


Tine Mouritsen: Es ist wichtig, sich bei der Arbeit immer wieder den Kontext zu vergegenwärtigen: vom Raum zur Gruppe zum Sitz. Oder, wie es an der Königlichen Akademie der Schönen Künste gelehrt wurde, vom Gebäude, zum Raum, zu den Möbeln ... Genau das ist mein Leitfaden, wenn ich Ausstellungen und Innenarchitektur plane: das Objekt in eine Beziehung zum Umfeld zu setzen, eine Idee von der Skala möglicher Proportionen zu vermitteln.


Sie betonen, wie wichtig es Ihnen ist, Geschichten zu erzählen.


Tine Mouritsen: Oh ja, als Möbeldesigner wie auch als Innenraumplaner gewinnen wir Herausforderungen und lösen Probleme durch Geschichten. Marken sind wie Menschen, sie haben eine Persönlichkeit und wir müssen ihre Geschichte – oder meine Geschichte, wenn ich die Möbel kreiere – suchen und finden. Wir müssen uns schmutzig machen, berühren und fühlbar sein, den Kunden jedes Mal herausfordern. Design handelt von Menschen – nicht von Sachen. Mit unserem Wirken möchten wir die guten Geschichten all unseren Freunden erzählen.


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