Weiß lügt gut: Eine Farb-Kritik
Auch Sie halten Weiß für die schönste denkbare Farbe für Tisch und Wand, Bett, Stuhl und Schrank? Dann machen Sie...

Dreißig Minuten. Eine kurze halbe Stunde. Die beansprucht Antonio Citterio am Morgen für sich. Alleine, in seinem Badezimmer. „Ich glaube an die Familie. Deshalb trennen sich unsere Wege an der Badezimmertür“, verkündet der Architekt. So grenzt in der Mailänder Stadtwohnung der Familie an das Zimmer eines jeden Citterio-Mitgliedes das eigene Badezimmer. Eines für jedes Kind, eines für seine Frau, eines für den Hausherrn. „Warum auch sollte ich es riskieren, dass meine Ehe an einer zerknautschten Zahnpastatube zerbricht“, lautet die Lebenserfahrung des 57-Jährigen.
Man könnte stutzen, angesichts der Tatsache, dass Antonio Citterio bei diesem Satz gerade in seinem Echt-Modell eines Badezimmers gegensätzlicher Art steht: Offen zum Schlafraum, mit Blick durch bodentiefe Fenster hinaus ins pralle Leben, gibt es sämtliche Privatheit preis. Von wegen für sich allein ...
„Dieses Badezimmer ist eine Provokation“, gesteht Antonio Citterio. „Es soll die Menschen wachrütteln, diesen wunderbaren Ort der Entspannung und Ruhe nicht in ein Kabuff mit winzigen Fenstern zu verbannen. Es soll zeigen, was möglich ist.“
Wie immer, wenn Antonio Citterio, wie jetzt für Axor, Einzelprodukte gestaltet, sind der Raum und die Gesamtarchitektur dem Designer Ausgangspunkte seines Schaffens. „Gute Gestaltung ist keine Frage von Luxus“, sagt der Italiener. Charakter, so seine Überzeugung, bekommt ein Objekt erst durch eine harmonische Kombination von Funktion, Nutzen und schöner Zeitlosigkeit. „Braucht man ein schickes, hippes Bücherregal, wenn man nicht liest? Und was, bitte, soll ein riesiger Designertisch mit vielen Stühlen – aber die Besitzer laden kaum Gäste ein?“, fragt sich Antonio Citterio. Da nehme man doch besser eine robuste Tafel und benutze sie zum Pingpongspielen und Hausaufgabenmachen mit den Kindern. So zumindest handhabt es der Designer selbst.
Wahrscheinlich schwebte ihm dieses Bild auch beim Entwurf des Esstischs „Angiolo“ vor: eine Holzplatte auf Metallfüßen, die mit 2,40 Metern knapp unter dem Turniermaß einer Tischtennisplatte liegt. „Ich produziere kein Design zu Marketingzwecken. Ich entwerfe die Dinge für mich selbst. Wenn ich diesen Stuhl, jenen Schreibtisch, diese Pfeffermühle nicht selbst benutzen würde, sehe ich keinen Sinn darin, sie zu entwerfen“, sagt Antonio Citterio. Und so hatte er auch seine Familie im Kopf, als er ein Sofa ersann, das eher an eine Liegewiese denn an eine Sitzgarnitur erinnert. „Mein Sohn und meine Tochter dürfen sich nicht einfach vor den Fernseher setzen. Wenn, sehen wir uns alle gemeinsam einen Film an“, erzählt der Vater. Dann packt seine amerikanische Frau Terry Dawn, selbst Architektin, die Chips und Dips aus und alle kuscheln miteinander.
In seinem Studio in der Mailänder Via Cerva und in seinem Zuhause findet man konsequenterweise fast nur Citterio-Kreationen. Was nicht heißt, er schätze die Arbeit seiner Kollegen nicht. Er verehrt Charles Eames, die „Tolomeo“-Leuchte auf seinem Schreibtisch zeugt von der Freundschaft und Bewunderung gegenüber Michele De Lucchi. „Bei einem so gelungenem Objekt wie der ,Tolomeo‘ könnte ich fast neidisch werden. Da denke ich, warum bin ich nicht darauf gekommen?“ Die Entwürfe des Stardesigners sind nicht spektakulär. Lösungsorientiert und analytisch macht sich Antonio Citterio an eine Aufgabe. Und findet dabei dann zum Beispiel den optimalen Wohlfühlraum für das städtische Alltagsleben. Und weil er die ersten Momente des Tages mit sich selbst verbringen will, an einem Ort der seine Stimmung positiv beeinflusst, erinnern seine Entwürfe gottlob nicht mal ansatzweise an die Nasszelle von einst.
Vita: Antonio Citterio
Antonio Citterios Werdegang war durch seine Herkunft begünstigt. Sein Vater besaß eine Möbelwerkstatt in Meda. So kam der Junge früh in Berührung mit Möbeln und Designern. Im Teenageralter entwarf er seine ersten Prototypen, mit 18 erhielt er bereits eine Auszeichnung für ein Schranksystem. Nachdem er sein Architekturstudium abgeschlossen hatte, eröffnete er 1972 in Lissone ein eigenes Büro. 1986 entwarf Antonio Citterio für B&B Italia das Sofa „Sity". 1990 entstand in Zusammenarbeit mit dem Designer Glen Oliver Löw die Bürostuhl-Serie der „Antonio Citterio Collection" für Vitra. Vier Jahre später folgte für Kartell der fahrbare Container „Mobile" aus transluzentem Kunststoff – zu der Zeit eine aufsehenerregende Neuheit.
1999 gründete Citterio zusammen mit Patricia Viel das Mailänder Büro für Architektur und Industriedesign: „Antonio Citterio and Partners“. Ein Jahr später öffnete die Dependance in Hamburg. Zu den Projekten der Fima gehören private Wohnbauten ebenso wie Hotels, Büros, Einkaufszentren und Showrooms. Flagship-Stores wie das von Cerruti, Emanuel Ungaro, Stefanel und Esprit entsprangen seiner Feder.
Als Industriedesigner arbeitet der 57-Jährige außerdem für Firmen wie Flexform, AXOR Hansgrohe, Iittala und JCDecaux. Für Hermann Miller entwirft er Büromöbel sowie zahlreiche Leuchten für Ansorg, Flos, Belux und Artemide.
Der Mailänder wurde für seine Ideen mit so begehrten Preisen wie „Compasso d'Oro“ und „Hall of Fame Award“ des „Interior Design Magazines“ ausgezeichnet. Vor einem Jahr erhielt Antonio Citterio eine Professur an der Akademie für Architektur an der Universität in Mendrisio.
Eine hohe Ehre wurde ihm außerdem gerade zuteil: Die „Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures &?Commerce“ in London zeichnete den Mailänder als „Royal Designer for Industry“ aus.