Die Farben des Frühlings
Draußen wird die Welt bunt. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir Farbe auch ins Haus bringen? Aber bitte die richtigen.

Farben interessieren Menschen von alters her und von klein auf. Wie kommt das?
Axel Venn: Farben lösen in uns Empfindungen wie kalt und warm, schwer und leicht und so weiter aus. Aus ihnen entstehen Gefühle, also eine qualitative Bewertung wie angenehm oder unangenehm, freundlich oder unfreundlich, stressig oder entspannend. Solchen Gefühlen folgen intuitiv Vorstellungen, die eine Suche nach bereits empfundenen Gefühlen mit Erlebnis-Charakteristiken enthalten. Erst am Schluss kommt das Denken.
Sie haben das Kompendium „Farben der Gesundheit“ herausgegeben, das Sie als „Planungshandbuch für Gestalter im Gesundheitswesen“ einstufen. Wenn das möglich ist, müssten sich auch positive oder negative Wirkungen vom Farbklang in Wohnräumen bestimmen lassen?
Axel Venn: Und ob! Wir wissen, dass bestimmte Farben gleiche kollektiv wirksame Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster auslösen. Das gilt in ähnlicher Weise übrigens für die meisten Kulturen und Stammeszugehörigkeiten.
Erklärt sich damit, weshalb Blau bei einer repräsentativen Untersuchung zu „Lieblingsfarben der Welt“ in vielen Ländern vorn liegt – in Deutschland mit 29, Holland mit 31, China mit 19, Finnland mit 25 oder den USA mit sogar 44 Prozent?
Axel Venn: Durchaus. Trotzdem vermittelt das noch kein vollständiges Bild. Eine gänzlich blaue Umgebung beispielsweise löst Kaltempfindungen aus, macht uns frösteln. Rottöne bewirken das Gegenteil. Sie vermitteln Wärme. Versuche ergaben, dass Messergebnisse zwischen gefühlter und gemessener Temperatur bei Verwendung sogenannter Kalt- und Warmtöne eine Schwankungsbreite von bis zu vier Grad aufzeigen. Die Puls- und Blutdruckfrequenzen gehen bei Blautönen in die Tiefe, die Herzfrequenzen bei Rotorange dagegen nach oben.
Die Farbe tut mir gut, jene stößt mich ab?
Axel Venn: Ja, es existiert da eine innige Komplizenschaft biologischer und psychologischer Parameter. Farben können Wohlbefinden befördern oder beeinträchtigen. Es macht einen Riesenunterschied, ob man inmitten schadstoffbelasteter oder natürlicher Farben wohnt. Und es ist auf anderer Ebene ebenso wichtig, sich mit bekömmlichen – anregenden und appetitlichen, aufbauenden oder entspannenden, heilenden oder hoffnungsvollen – Farben zu umgeben.
Wird die Raumbildungskraft von Farbe im Haus über- oder unterschätzt?
Axel Venn: Weder noch. Sie wird negiert. Viele Bauherren sind farbfeindlich gestimmt.
Wie das?
Axel Venn: Sie halten das Thema für rein emotional, weil es nicht in Meter und Kubikmeter zu messen und somit für sie nicht
erfassbar ist. Ich verstehe das, weil für uns zunächst nur das auszurechnende erkennbar scheint. Dabei ist das genaue Gegenteil richtig: Vor dem Kopf steht der Bauch, vor dem Denken stehen die Sinne.
Wie lauten Ihre Faustregeln für den Umgang mit Farbe?
Axel Venn: Erstens: Vermeide starke Kontraste. Kontrastgebung steht in der Raumgestaltung mit Farbe immer am Ende, nie am Anfang. Bei einem Mehr-Gänge-Menü fängt man auch nicht mit starken Geschmacksnoten wie Roquefort oder Knoblauchzehen an. Zweitens: Suche nach Harmonien und Qualitätsgleiche – nach Farben ähnlicher Reinheit, Helligkeit oder Getrübtheit. Drittens: Bedenke, dass jeder Raum zwei Gesichter hat – und braucht: ein extrovertiertes, das unser Verlangen nach Anregung stillt und ein introvertiertes, das unseren Wunsch nach Geborgenheit erfüllt.
Wie erklären Sie sich, dass so viele auf weiße Räume stehen?
Axel Venn: Mit mangelnder Wagnisbereitschaft und mit Abneigung gegen Farben. Namentlich Intellektuelle halten bunt für wenig geistreich, Weiß und Schwarz dagegen für „reine“, klärende Farben. Sie dulden allenfalls noch natürliche Materialfarbigkeit – Braun von Holz oder Grau von Stein. In meinen Augen ist das eine Riesenintoleranz gegenüber den 9.999.999 anderen Farbtönen, die das menschliche Auge zu unterscheiden vermag.
Wie sollten Hausherren die passende Farbfamilie für ihre Räume suchen?
Axel Venn: Am besten für drei Euro einen Farbkasten kaufen und testen, was einem zusagt. Das ist ein wunderbarer Selbsterkennungsprozess und eine Übung voller Spaß, besonders für Erwachsene, die das seit ihrer Schulzeit nicht mehr gemacht haben. Und man sollte sich unbedingt ein Weiß-Verbot erteilen und Nuancierungen zum Weiß suchen: Eierschalenweiß, Leinenweiß, Wolkenweiß und so weiter. Wie sonst auch sind es vor allem die Abstufungen und Schattierungen, die das Leben interessant machen. Weiße Decken im Raum sind in Ordnung, weiße Wände jedoch „tragen“ nicht, weiße oder sehr helle Böden neigen „zum Kippen“.
Ein weiterer Tipp: Ähnliche Farbtöne in den einzelnen Räumen wieder aufnehmen, jedoch in einem Raum nicht mehr als vier oder fünf von ihnen verwenden.
Nennen Sie ein paar abschreckende Gestaltungsbeispiele.
Axel Venn: Erdrückende Kontraste oder Buntheit, niederdrückende Weißtonigkeit oder andere Farbleere, physiologisch falsche Farbsetzungen wie die Paarung von schwarzer Decke und weißem Boden oder grüner Decke, brauner Wand und blauem Boden. Selbst wenn dies gemacht wird, um augenzwinkernd zu verblüffen – ironisierendes Täuschen von Räumen klappt fast nie.
Welche drei Farben tun uns besonders gut, welche beeinträchtigen unsere Gesundheit?
Axel Venn: Obwohl so viele Menschen Blau als Lieblingsfarbe nennen, sage ich: Besonders gut tun uns Gelb, Orange und Grün. Besonders belastend sind: Schwarz – die Farbe des Verlustes, Braun wegen seiner allzu erdigen Verwandtschaft, und Magenta, weil es Gemeingefährlichkeit signalisiert.
Wo wiegen Farbentscheidungen besonders schwer: Decke, Wände, Fußboden oder Möbel, Vorhänge, Leuchten?
Axel Venn: Allen voran im Kinderzimmer: Kinder, die in rein weißen Zimmern heranwachsen, verarmen emotional. Sie brauchen zumindest teilweise Farbigkeit. Das regt ihre Fantasie und experimentelle Lust an. Schlafzimmer, die ja auch einen gewissen Unterhaltungswert haben dürfen, sollten nicht unbedingt in Blau oder Grün, sondern lieber in sanften Gelb- oder Orangetönen gehalten sein. Für Wohn- und Essräume will ich keine Rezepte geben, außer dass das Essen in blauen Räumen selten schmeckt.
Welche Farbflächen im Raum drängen sich am stärksten auf?
Axel Venn: Wände, dann der Fußboden und – irgendwann – die Decke. Alle anderen fixen und mobilen Merkmale fallen erst später ins Auge. Doch es gibt eine große Ausnahme: Blumen. Die bemerken wir sofort. Darum besitzen sie Vorrechte im Raum. Sie dürfen auch stehen, wo sie eigentlich stören – zwischen Torten, Sektkübeln oder mariniertem Hering. Blumen sind in ihrer Farbwirkung frisch und fürsorglich, heilend und hoffnungsvoll, friedlich und lebendig.