Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Die großen Augen erzählen von den Welten, die zwischen Würde und Anpassungsnot liegen können.
Nehmen wir an, es gäbe einen Film über sie selber, über die Schauspielerin Martina Gedeck. Wer soll Regie führen? Sie hat, als ihr im Interview diese Frage gestellt wurde, nur gelacht. Eine lustige Vorstellung: „Das Leben der Gedeck". Dann hat sie, irgendwann nach langen Sekunden, als ihr wahrscheinlich alle Großen des Kinos durch den Kopf gegangen waren, den Regisseur benannt: Billy Wilder. Größer geht es kaum. Und gesagt: „Es soll ja schließlich eine Komödie werden."
Martina Gedeck ist eine der meistbeschäftigten deutschen Schauspielerinnen. Sie ist schön, aber diese Schönheit behält stets etwas Unergründliches, offenbart sich nicht als forsche Bestätigung einer Mode, eines gerade gängigen Frauen- oder gar Weibsbildes. Wahre Schönheit ist immer eine Feier der kleinen Abweichung, und die Abweichung der Gedeck besteht in einem steten Anflug von Trauer, deren Grund wir wahrscheinlich nicht erfahren sollen. Die Züge ihres Gesichts haben etwas bevorzugt Ernsthaftes, das die Künstlerin so sichtbar wie unangetastet lassen möchte, auch wenn sie lächelt oder in freche Heiterkeit hinüberwechselt.
Sie ist schön, aber nicht zu schön, um nicht mehr wahr(haftig) zu sein. „Nacktsein entzaubert den Menschen", hat sie einmal gesagt; die Äußerung bezog sich aufs Ausziehen im Film, Szenen, die sie nicht drehen würde, selbst wenn ein Regisseur wie Francis Ford Coppola sie drum bitten würde. „Ich habe auch eine Bette Davis oder Meryl Streep nie nackt gesehen". Aber diese Entzauberung durch Nacktheit scheint bei Martina Gedeck eine grundsätzliche Lebens-Gefahr zu sein, der sie sich entzieht, und das ist nicht nur eine Frage des Instinkts, sondern – gerade in ihrem grell ausgeleuchteten Beruf – eine Frage der Klugheit, des Charakters.
Ihr Angesicht mit den großen Augen hinterlässt einen Anspruch: Machen wir es uns nicht zu leicht. Das prägt ihre Figuren. Sie geben sich hin, aber sie geben sich nicht unbedingt preis. Martina Gedeck ist als Schauspielerin eine Schutzbeauftragte des Gleichgewichts zwischen Glanz und Lebensgrau, zwischen Gefahrensuche und Gefährdetsein, zwischen Scham und Schamlosigkeit.
Man kann es auch kurz machen und guten Grundes sagen: Sie hat ein Geheimnis, und ihre Kunst weckt in uns Zuschauern den Wunsch, es möge behütet bleiben. Geboren wurde sie in München. Aufgewachsen ist sie in Landshut, „einer wunderschönen, mittelalterlichen Stadt". In einem Zeitungsgespräch schwärmte sie von den Kindheitserinnerungen, den Mutproben auf dem Gelände einer Isarbrücke, der Burg auf einem Berg, „die mich fasziniert hat, weil sie einmal brannte und man noch die Brandspuren sehen konnte – jemand hatte ein Bügeleisen angelassen!"
Diese Kindheitserzählungen sind Erzählungen über eine fernsehlose Zeit, nur Schlager im Radio – und ansonsten wenige Einbrüche von Welt, die erste Rolle als Mutter Gottes im Krippenspiel an der Schule. Ab der dritten Klasse ging Martina in eine Mädchenschule, Protestanten und Katholiken in den Bankreihen streng voneinander getrennt. Es war eine Zeit der Ängstlichkeit. „Ich war evangelisch. Sonntags hatten alle in die Kirche zu gehen, und wenn man mal fehlte, wurde gefragt, wo man war. Wenigstens musste ich nicht beichten. Ich könnte mir vorstellen, dass im Beichtstuhl die Angst vor Strafen nicht gerade gelindert wird."
Ihr Geburtsdatum verrät sie nicht. Wer sich im Forschen nach diesem Datum auf Porträts in Zeitungen und Zeitschriften verlassen will, stößt immer wieder auf die sechziger Jahre. Was hinter dieser Verschwiegenheit steckt, ist nicht Koketterie, sondern Ehrlichkeit: Bestimmte Dinge gehen niemanden etwas an, und wenn die Medien Klischees wollen, so mögen sie die selber produzieren und nicht noch auf die Beteiligung der Betroffenen rechnen dürfen. Vielleicht liegt in der Beschaulichkeit und Stille der Kindheitswelt ein Grund verborgen für ihr Sehnen nach Stille. Seit dem zehnten Lebensjahr ist ihr Wohnort Berlin.
Mit sechzehn geht sie für ein Jahr in die USA. Eine Pubertätsflucht. Eine Reise nicht schlechthin zu irgendeiner Kultur, sondern eine Reise ausschließlich zu einer Lebensart. Ins Land, wo Schüler wie Menschen behandelt werden und nicht wie kleine schadhafte Maschinen, die man den Lehrern zum Reparieren bringt. Als Martina zurückkommt, macht sie ihr Abitur fertig, mit Fleiß, begleitet vom erhöhen Respekt der Eltern und einer starken Disziplin: Eine Zeit lang trägt sie Zeitungen aus, muss frühmorgens um vier Uhr aufstehen und fällt somit ohnehin für abendliche Feten aus.
Wenn man von einer Schauspielerin erfährt, dass sie so viel arbeitet wie Martina Gedeck, in Dutzenden von Spiel- und Fernsehfilmen über all die Jahre – dann wird man meistens schnell misstrauisch: Denn Menge, so die landläufige Erfahrung, zerstört allzu schnell und unweigerlich die Qualität. Aber es ist das Faszinierende an dieser Künstlerin, wie sie gegen Wiederholung kämpft, gegen die Müdigkeit des routinierten Zugriffs. Das Erstaunliche ist ihre Fähigkeit für den Nullpunkt, diese Gabe, für eine neue Rolle leer zu werden, bereit zu sein für den Widerspruch, der in Frage stellt, was den Weg der bisherigen Arbeit ausmachte. Aufs sanfte Wegfließen eines Gesichtszuges antwortet sie alsbald garantiert mit Kantenschärfe – es muss dies als Lebenshaltung genannt werden: radikal bereit zu sein, aufzunehmen, wegzuwerfen, Selbstbewusstsein zu verbinden mit kulturvoller Zurückhaltung.
Viele Jahre lebte Martina Gedeck mit einem der größten deutschen Schauspieler zusammen: Ulrich Wildgruber, einem Protagonist des rabiaten, unberechenbaren, feinnervigen, dann wieder gauklerisch herzenstollen Theaters von Peter Zadek. Man darf nicht über Gedeck schreiben und an Wildgruber vorübergehen. Er, der Stämmige, ganz aus dem wilden Natürlichen, dem natürlich Wilden kommend, ein Schrank von Feinnervigkeit. Martina Gedeck hat über Wildgruber gesagt, er sei sehr frei gewesen. Er war dreiundfünfzig und „ein Meister", als sie ihn kennen lernte – bei gemeinsamen Dreharbeiten zu einer Serie des Norddeutschen Rundfunks. Er hat sie darin bekräftigt, im Beruf oder überhaupt im Leben niemals einem kleinkarierten Ehrgeiz zu verfallen, damit lande der Mensch immer nur verlässlich im Mittelmaß. Nein, rausgehen auf die Bühne des Lebens und machen, was man will. Das allein ist es. Rücksichtslos tapfer und selbstbewusst sein, wenn man in einer Arbeit, in einer Situation das Gefühl hat, sich selber jetzt ganz genau zu spüren, ganz bei sich zu sein.
Über Rollen und den Weg, sie zu spielen, haben sie nie direkt miteinander gesprochen. „Aber er hat auf jeden Fall mein Spiel beeinflusst." Beide hatten stets sehr viel zu tun, waren auf Tourneen oder zu Dreharbeiten unterwegs, die Liebe zueinander bezog ihre Kraft also aus ganz anderen Wurzeln als denen eines ständigen Zusammenseins. Nach dem befragt, was aus ihm strahlte, was überging auf sie, sagt sie sehr oft nur ein Wort, das aber alles sagt: „Lebensfreude." Das ist die Lehre, die von diesem wunderbaren Schauspieler Wildgruber ausging, diesem großen Kind: Lebensfreude muss kein Gegensatz sein zur Ohnmacht gegenüber diesem Leben, kein Gegensatz dazu, dass man mit der Welt nicht fertig wird. Ende November 1999 fährt Ulrich Wildgruber nach Sylt; er hatte beschlossen, in der kalten Nordsee zu ertrinken.
Der Freitod sagt viel über Ulrich Wildgruber, nichts über das Leben mit Martina Gedeck. Liebe bietet keinen allumfassenden Schutz vor den Dingen, die uns übersteigen.
Niemals sprach Martina Gedeck in der Öffentlichkeit über den Freitod ihres Lebensmenschen. So, wie sie überhaupt niemals ihr privates Dasein in den Medien ausbreitet. In dieser Hinsicht ist sie eine der entschiedensten Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie ist bekannt durch ihre Arbeit, aber sie hat es nicht nötig, auch noch populär zu werden. Sie will nichts mit diesem Markt der Aufmerksamkeit zu tun haben, auf dem es keine Anteilnehmende, sondern nur Mitwirkende gibt. Man muss das bei dieser Künstlerin so prinzipiell anmerken, weil man sonst nicht den Grund ihrer Öffentlichkeit erfasst – dieser Grund ist Arbeit, nicht Public Relations. Sie kann Talkshows nicht ertragen, diesen Drill des Vorübergehenden, diese unendliche Kette von oberflächlichen Berührungen, bis letztlich alles mit allem in Kontakt gerät. Man könnte auch von einer Infektion sprechen.
Selbstbestimmung wäre etwas, das ohne dies alles auskommen kann, und so lebt diese Künstlerin. Auch dafür hat die Mediengesellschaft ihre Schubladenbegriffe: „schwierig", „überkompliziert". Als wäre es ein großes Lob für einen Menschen, bezeichnete man ihn als unkompliziert, pflegeleicht.
Wahrscheinlich geht sie sehr leise, sehr verantwortungsvoll mit dem Begriff der Meisterschaft um. Aber wenn man sie spielen sieht, begreift man etwas von der Sehnsucht nach dem professionell Unangreifbaren. Wenn sie sich wünschte, vielleicht lieber Dirigentin geworden zu sein, wenn sie sich zum Spaß in ein zweites Leben hineinträumt und dort Opernsängerin würde –dann haben diese Projektionen etwas mit harter Arbeit zu tun, mit Perfektion, die aus zehrendem Training am Talent erwächst. Wort für Wort eine Rolle einstudieren – das ist wie: Note um Note lernen; auch beim Schauspiel darf kein falscher Ton die psychologische Schlüssigkeit gefährden.
Ist sie eine Diva? Auch diese Frage ist ihr oft gestellt worden, und sie spricht dann von Abgründen und dem Mut, in sie hineinzuschauen.
Nicht weit ist es von hier bis zum geflügelten Wort, dass man nur genügend lange und ausdauernd in Klüfte hinabzuschauen brauche – irgendwann schauen sie dann zurück. Da genau beginnt sie, die Seelenarbeit der Schauspielerin, und dieser Mut, Abgründen offen entgegenzutreten, macht diese besondere Aura der Gedeck aus. „Zeitlos" nennt sie ihr Gesicht, und dieses Zeitlosigkeitsbemühen ist ein Anspruch an den Zuschauer, mit eigener Fantasie Leben in den Bildern zu erzeugen, die ihm Martina Gedeck anbietet. Sie überwältigt nicht mit Eleganz und Melancholie, sie fordert damit heraus, verleitet nicht zu schnellen, fertigen Urteilen über eine Gestalt. Sie ist Projektionsfläche für Verlockungen und Ängste. Eine Frau, die sinnlich und zerbrechlich ist, geschunden wirken kann und doch auch lebenszugewandt, energisch und von großer Sanftheit; eine mit Lust Komische, die doch ebenso im Leid ungeschminkt die Zerstörungskraft der Schmerzen offen legt.
Gespielt hat sie am Frankfurter Theater am Turm, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, in Basel und am Deutschen Theater Berlin (hier ist sie eine unkokette, modern-melancholische Minna von Barnhelm, bodenständig und doch erschütterbar).
Die Filmkarriere begann in Dominik Grafs „Löwe, Tiger, Panther"; es folgten der Kinostreifen „Bella Martha" und der TV-Film „Romeo" (Grimme-Preis). In Matti Geschonnecks Psychokrimi „Die Mutter" spielte sie eine Frau, die durch das Verschwinden ihrer Tochter in eine tiefe Lebenskrise gerät. In Jo Baiers „Verlorenes Land" war sie die Bäuerin Maria, und sie gab die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann: „Hunger nach Leben". Jüngst schließlich war sie in Oskar Roehlers Film „Elementarteilchen" zu sehen. Wenn die Gedeck über ihren Beruf spricht – und, wie gesagt, sie spricht in der Öffentlichkeit nur über ihren Beruf –, dann kommt doch zum Vorschein, was diese Frau unter Lebenssinn versteht: „Endlich sind wir so weit, das Frauen im Kino auch erwachsen sein dürfen– aber trotzdem müssen sie am Ende meist geopfert werden. Den Frauen muss etwas passieren, damit die Läuterung des Mannes in Gang kommt und er sich verwandelt, leidet und Reue empfindet. Das ärgert mich, dieses Moralinsaure, besonders in Deutschland."
Das sind vordergründig Gedanken zu Filmen wie „Elementarteilchen" und „Das Leben der Anderen", aber es sind vor allem wohl Gedanken über das, was man schlechthin Emanzipation nennt und was bei Martina Gedeck bedeutet:
Der Mensch braucht einen Raum, der nur ihm gehört, in dem er nicht bloß brav, gestylt und genormt sein muss.
Von der dreiundzwanzigjährigen, berühmten Eleonoe Duse gibt es die Niederschrift einer schrecklichen, schönen Weltauffassung als Schauspielerin: „Was bedeutet es, ob ich jung oder alt, schön oder hässlich bin, ob die Wirkung, die ich habe, auf diese oder jene Weise entsteht? Und warum sollte ich euch mehr sagen als das, was ihr mit euren eigenen Augen seht? Im Grunde ist von uns Künstlern nichts wirklich außer dem, was sichtbar wird. Oder vielmehr, es sollte sonst nichts da sein."
Das sind Sätze über die Kunst, aber es sind gleichermaßen Sätze über eine Lebensart, die jener der Martina Gedeck entspricht. Man ist nicht, was man von sich erträumt, man ist das, was man tut. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das trifft auf Berufe zu – und aufs ganz private Leben. „Ich habe nie erwartet, Geld zu haben, und ich fand es immer unangenehm, mich in Abhängigkeit zu begeben. Auch wenn ich kein Geld hatte, wollte ich mich nicht davon unterdrücken lassen. Der eigentliche Feind ist die Angst. Man muss sich von der Angst befreien, nicht erfolgreich zu sein, kein Geld zu haben, allein zu sein." Sagt Martina Gedeck und weiß, wie jeder Mensch, dass man die Ängste nie loswird. Aber man kann lernen, mit ihnen umzugehen. Man sieht dem Spiel dieser Künstlerin an, dass sie helfen möchte, es zu lernen. Nicht lehrend, sondern erzählend. Sagen lassen sich die Leute nichts, erzählen alles. Das ist das Geheimnis jeder Kunst.