Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Er hatte ein bleiches, uraltes Kindergesicht; die gespenstisch erstarrte Erscheinung des jungen Greises offenbarte Abgründe. Er sagte beizeiten von sich, er wolle die Dinge der Welt nicht mehr anfassen, auf die Liebe und das Leben sei gut und gern zu verzichten. Lieber betrachtete er beides im Kino: sich auf Menschen wirklich einzulassen, sei zu hart und zu schwierig. Sein Lieblingsspruch war: Alles ist hübsch und gleichgültig. Im Grunde eine Grauenswahrheit.
Er wollte eine Maschine sein, ein Automat („Jeder sollte wie jeder sein“) – und lebte sich hin zum Homunkulus einer Weltfremdheit, die er selber nicht wahrnahm. Er hielt sich sehr fern von dieser Welt, der bürgerlichen, sich in fortwähren- den Steigerungen verlierenden Welt. Er brauche keinen Psychiater, sagte er, er sei schließlich gesund. Er befestigte seinen Ruhm und seinen Mythos, indem er ihn fortwährend dementierte, enttarnte, zerstörte.
Er hat es fertiggebracht, dass sich die Katastrophen der Welt in seinen Bildern in unser Gedächtnis brannten oder dass wir das Warendesign plötzlich mit ganz anderen Augen sahen, es mit einem Male schön fanden. Auf seltsam berührende Weise vollzog er die ästhetische Mumifizierung von Stars, aber auch gewöhnlichen Menschen, Gangstern und Todeskandidaten. Die Monroe ist nirgends schöner, der elektrische Stuhl nirgends bedrohlicher als auf seinen Bildern.
Das Kind tschechischer Emigranten besuchte die Hochschule in Pittsburgh und stieg in den 50er-Jahren in New York zum begehrten, mit Preisen bedachten Werbegrafiker auf. Spezialität Schuhe und Schmuck. Aber es gab schon ein Frühwerk: den exquisiten und linienstarken Zeichner und Entwurfsmagier, der zwischen Kitsch, überzüchtetem Können und dem Leitbild Matisse jonglierte. Er versah die Porträts von Personen und Objekten mit schickem Make-up, gab ihnen mit Edelmetall-Staub Glanz und Glamour aus der Rottteppich-Szenerie, mit ein paar wenigen Pinselstrichen simulierte er Handgemaltes.
Er starb an den Folgen einer Gallenblasenoperation und wäre so gern weit früher gestorben. Zum Beispiel an den Folgen jenes Attentats, das 1968 eine wütende Feministin auf ihn verübte und das ihn schwer verletzte. Auch der Tod löste die zahlreichen Widersprüche dieses wahrhaft amerikanischen Lebens nicht. Bis zum Ende hielt Warhol die Rolle der Sphinx durch. Das Werk konnte noch so banal werden, anfassbar für viele, verstehbar für die Massen der popgewöhnten Kultur – der Künstler indes blieb undurchdringlich, für Europäer mit ihrem Sinn für Eindeutigkeit und ihrer Sehnsucht nach Übereinstimmung von privater und poetischer Persönlichkeit sogar unheimlich.
Wo andere mit ihrer Kunst gegen die Trivialisierung der Bilder protestierend und kritisch anstürmten, ging Warhol den anderen, den gegensätzlichen Weg. Er ließ sich von der Realität gleichsam aufsaugen, nahm sich zurück, neutralisierte sich, er versuchte geradezu, sein Ich in seinen Werken auszulöschen, er propagierte Antriebslosigkeit, sein aufreizendes Thema war die freche Anpassung. Die Kunst dieses Fachmanns für Publizität führt vor Augen, was die poetische amerikanische Malerei hinter sich gelassen hatte: nämlich simple Dinge, Konsumgüter des Alltags – Dollarscheine, Campell-Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen, und das alles in fotografischer Abbildtreue.
Bald nicht mal mehr handgemacht, sondern technisch reproduziert auf dem Weg über die Sofortbildkamera und das Siebdruckverfahren. Nie hat ihn gestört, dass seine Desaster-Bilder, in denen er den täglichen Tod, das Unglück zum Wiederholungsmotiv machte, in gleicher Weise verkauft wurden wie seine knallbunten Blumenbilder.Zu dem bereits erwähnten „Großen Elektrischen Stuhl“ von 1967 sagte er später: „Man glaubt gar nicht, wie viele Leute sich ein Bild mit dem ,Elektrischen Stuhl' ins Zimmer hängen – vor allem, wenn die Farbe des Bildes mit den Vorhängen übereinstimmt.“