Charlie Chaplin - Der Dandy als Vagabund
Die Geburt des Films aus dem Geist der Pantomime – Chaplin hat unsere Welt verändert. Wo sein Charlot hinlatschte,...

Jeder Mensch hat einen Traum. Der Traum setzt sich fest – just dies macht den Menschen frei. Und in dieser Freiheit des unbeirrten Strebens erfüllt sich der besagte Traum. Eines scheint also logisch und klar aus dem anderen hervorzugehen. Aufstieg als Vorbestimmtheit. Berühmtheit und Erfolg beinahe als genetische Mitbringsel. So entstehen Stars, so entwickeln sich Karrieren.
Und so formiert sich unser aller Staunen gegenüber ungewöhnlichen Charakteren, meist der Kultur und des Sports; so wächst, was sich Verehrung nennt – angesichts der Leichtigkeit und scheinbaren Unausweichlichkeit, mit der sich diese Auserwählten auf die Höhe ihres Anspruchs hinaufleben. Aber so automatisch leicht, so konfliktfrei unausweichlich ist gar nicht, was sich im öffentlichen Bild oft genug als beneidenswertes Geschenk des Schicksals zeigt. Das Beispiel Veronica Ferres steht dafür in exemplarischer Weise.
Sämtliche Superlative des Weiblichen sind inzwischen so verbraucht, dass es nicht einmal mehr Freude macht, sie zu wiederholen. Doch das bisherige Leben gerade dieser Schauspielerin offenbart, dass ihre Erscheinung („Newsweek“: „die deutsche Sharon Stone“), die im wahrsten Sinne des Wortes auf den Hochebenen des deutchen, aber mehr und mehr auch internationalen Film- und Fernsehmarktes gehandelt wird, ziemlich wenig mit dem zu tun hat, was von dieser Frau an Erfahrung, an Durchsetzungskraft, an innerer Stärke, an wahrlich derber Sturheit und geduldiger Einsteckfähigkeit in die Waagschale geworfen werden musste, um dorthin zu gelangen, wo aus Veronica F. – die Ferres wurde.
Während einer der Vorstellungen des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen sitzt sie auf einem klapprigen Stühlchen hinter den Kulissen und gibt in einer Mischung aus wacher Beobachtung und uneitler Aufgeschlossenheit das Interview.
Sie hat ihre große Szene im Stück bereits hinter sich. Erst die schöne Notwendigkeit, später den wahrlich starken Schlussapplaus entgegenzunehmen, beendet das Gespräch. Die Ferres noch im Kostüm der Buhlschaft, der Geliebten des Jedermann – jenes reichen Mannes, dessen Sterben Hugo von Hofmannsthal zum moralintensiven dramatischen Gedicht erhob, das sich durch die Jahrzehnte hindurch als Ikone der sommerlichen Festspiele in Mozarts Geburtsstadt behauptet.
Neben der Titelgestalt ist es besonders jene Buhlschaft, die immer wieder Anziehungspunkt für Größen der Schauspielkunst wurde: Judith Holzmeister, Lola Müthel, Heidemarie Hatheyer, Ellen Schwiers, Nadja Tiller, Christiane Hörbiger, Nicole Heesters, Senta Berger, Elisabeth Trissenaar, Sunny Melles, Sophie Rois, Dörte Lyssewksi. Nun sie, die Ferres.
„Vor einigen Tagen hatten wir die 500. Vorstellung seit Bestehen des ,Jedermann‘, und ich stand während der Feier oben an einem Fenster und schaute auf den Domplatz herunter, und mir ging durch den Kopf, wer hier schon alles gespielt hat. Ein Gefühl der glücklichen Leere packte mich, quasi einer Erschöpfung, die man immer spürt, wenn man meint, sekundenlang etwas von dem erwischt und erahnt zu haben, was sich Glück nennt.“
Veronica Ferres ist sparsam im Umgang mit diesem Begriff. Wir reden plötzlich darüber, dass das Dichterwort Recht hat: Das Glück schreibt weiß. Man kann und soll nicht lesen, was es uns ins Buch des Lebens notiert. Was Glück wirklich bedeutet, entzieht sich der Fest-Schreibung, der Interpretation, der Gewissheit von Spuren, die man möglicherweise nur dingfest machen muss, um sie ins Gefängnis einer sicheren Wiederholungsformel sperren zu können. „Wenn man übers Glück redet, hat es sich meist schon auf und davon gemacht“, sagt die Schauspielerin, „der Versuch einer Besitzergreifung scheitert immer.
Glück ist höchstens eine Ahnung, nämlich: dass es wahrscheinlich soeben vorüberhuschte. Man muss in jedem Moment möglichst bewusst leben. Glück ist nicht aufschiebbar und nicht zu definieren.
Und vor allem ist es nicht dort zu haben, wo wir uns gar zu ernst und überwichtig nehmen. Ich habe das Privileg, in meinen Rollen gegen die Vergänglichkeit zu spielen, aber es bleibt eine Fiktion – wer die Vergänglichkeit des Realen mitdenkt, ist vor Selbstüberschätzung geschützt.“ Sagt die Frau, die nach eigenen Worten in den letzten Jahren (Tod der Mutter, Geburt der Tochter) gelernt hat, dass es nicht darum gehen kann, Leben aufs Spiel zu setzen – im Sinne einer blind ehrgeizigen, einseitigen Auslieferung an die Hektik und Maßlosigkeit des Berufs.
Veronica Ferres lebt mit ihrem Mann, einem Werbemanager, und ihrer kleinen Tochter Lilly bei München, und sie strahlt die gelingende Gewissheit aus, darstellerische Sehnsucht „nach möglichst vielen Leben“ gut verbinden zu können mit Freude am Familiären. „Natürlich wäre es am schönsten, könnte ich beides in einer Gleichzeitigkeit leisten, die weder dem Spielen noch dem Zu-Hause-sein Energie wegnimmt – aber das gehört schon ins Reich der reinen Fantasie.“
Und so kann man im Gespräch etwas von der klugen Ökonomie einer im Alltag fest verwurzelten Frau erahnen, die Filmrolle und Mutterrolle mit ausgeprägter Durchhaltefreude zu vereinen weiß: „Texte lerne ich oft nachts, und zu dem, was ich unter Lust verstehe, gehören übrigens auch meine Pferde – bevor meine Tochter am Morgen aufwacht, so gegen sechs oder sieben, reite ich gern; wer so wie ich in freier Natur aufgewachsen ist, der braucht frische Luft für die tägliche Aufklärung von Kopf, Herz und Seele.“
Einiges von dieser Thematik des genussfreudigen Herzens der Veronica Ferres, die auch leidenschaftlich gern Ski auf Schnee und Wasser fährt – dies steckt auch in der Rolle jener Buhlschaft, die sie an der Seite Peter Simonischeks in diesem Jahr zum zweiten Mal in Salzburg spielte: eine orgiastisch-barocke Jedermann-Geliebte von besonderer Weibskraft, die Schenkel und Schönheit zeigt und sich wahrlich bejahend und sinnenfreudig in die Welt wirft und auf Festtische, als wären es Lustbetten. Dann plötzlich die Kralle des Todes über Jedermanns Leben, und jetzt hat die Ferres eine Szene wie keine Buhlschaft vor ihr. Sie ist ganz Schweigen, ganz Innehalten, ganz Erschütterung. Hier vollzieht sich ein Lebensschnitt, eine Loslösung. Eine Frau rettet sich zwischen Schmerz und Kalkül, zwischen Kälte und Wundheit ins weitere Dasein, während ihr Geliebter sehr allein jener anderen, der unheimlichsten aller Dimensionen ausgeliefert sein wird.
Veronica Ferres bewegt sich auf der Szene, eben noch ein Ausbund an Leidenschaft, ganz langsam von links nach rechts, fast ohne körperlichen Ausdruck, aber in intensiver Präsenz. Das Gesicht eine Maske, doch sichtbar bis in die letzte Reihe des übergroßen Areals auf dem Domplatz. Es ist wie in einem Film, bei dem alle Gestalten gleichsam zur Totale verurteilt sind, aber die Ferres schafft in der sich geradezu verlierenden Weite der Bühne, die doch alles erbarmungslos schluckt, den Eindruck einer einprägsamen Großaufnahme. Eine Viertelstunde lang, ohne jeden Text! Das kann nur, wer ein ungebrochenes Vertrauen in sich selber hat und von Wirkungen weiß, die einem von woanders zuwachsen als nur aus dem Wissen um handwerkliche Präzision.
Da sind wir wieder beim Traum eines Menschen und jenen Kräften, die in einer sozialen Erfahrung keimen und auch über Hindernisse vorantreiben. Veronica Ferres kommt aus der Familie eines Solinger Kartoffel- und Kohlenhändlers. Sie ist „bei den besten Eltern der Welt“ in einer Liebe aufgewachsen, „gegen die Armut keine Chance hatte“.
Was trotzdem nicht verhinderte, dass sich der Hunger mit an den heimischen Tisch setzte. „Meine Mutter kaufte Fleischwurst, panierte sie, und das waren halt meine ersten Schnitzel.“ Sie sagt es ohne Koketterie, aber auch ohne Verstiegenheit ins ach so Tragische. Veronica Ferres ist weder ein Mensch der Verklärungen noch jemand, der im Bitterbad von Mitgefühl umspült sein möchte. „Ich bin neben meinen Brüdern in einer Jungenwelt aufgewachsen, in der Schule riefen sie mich ,Fettes‘ statt Ferres, ich musste Kartoffeln mit verkaufen, ich schleppte Säcke, und ich bekam davon ein starkes Kreuz.“
Und wohl auch ein starkes Rückgrat – für die Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben. Freiheit bedeutete ihr immer sehr viel. Mit fünf Jahren schüttete sie die Fische des heimischen Aquariums ins Klo, auf dass sie den Weg fänden hinaus auf den weiten Ozean.
Die Schülerin Veronica wusste, sie würde Schauspielerin werden, und vielleicht gehört zu den entscheidenden Erkenntnissen dieser willensbewussten Frau: Nur was man manchmal gegen das Leben lernt, hat man fürs Leben gelernt. Mit siebzehn Jahren, nach dem Abitur, geht sie nach München, in der Tasche nur ein bisschen Geld und einen Stadtplan, im Kopf aber jene unantastbare Sehnsucht nach der Bühne.
Zwölf Schauspielschulen werden sie ablehnen, und so wird sie privat Unterricht nehmen, das Geld dafür mühsam verdienen, später Theaterwissenschaften, Germanistik und Psychologie studieren. „Ich habe mir gedacht: Ich lass‘ mich doch nicht von meinem Weg abbringen, nur weil ich denen ein paar Zentimeter Bein zu viel hatte! Man muss an sich glauben, man muss jede Erfahrung ernst nehmen, aber gegen die Erfahrung immer auch etwas Höheres setzen, etwas Weitergreifendes. Das Leben kann uns gehörig mitspielen, aber wir dürfen nicht zulassen, dass es den Plan vernichtet, der in gewisser Weise in jedem von uns angelegt ist.“
Der Plan der Veronia Ferres führte über Rückschläge und Mühsal: „Für meine ersten Rollen in Kellertheatern musste ich noch Geld mitbringen, um Kostüme und Bühnenbild zu finanzieren. Wir haben im Winter gespielt, arschkalt alles.“
Durch alle Demütigungen und Abweisungen hindurch („Tschechows wunderbar melancholische Frauen wurden immer nur von den zarten, kleinen Dunkelhaarigen gespielt, nicht von so einer großen Blonden wie mir“) und gegen alle Oberflächlichkeiten späterer Zeit, bei denen die Künstlerin stets nur als „Superweib“ gesehen wurde, hat sich Veronica Ferres als Persönlichkeit durchgesetzt. „Schtonk“, „Rossini“, „Late Show“ – das waren gleichsam die Trojanischen Pferde, mittels derer sich diese Schachspielerin, damals verheiratet mit „ihrem“ Regisseur Helmut Dietl, der gewollten Wirkungen ihres Typs, des prononciert popularisierten Weibs-Bilds bediente, um als Partisanin der Wahrhaftigkeit vom Kommerz in die Kunst zu gelangen. Und eben auch in Filme mit Jeanne Moreau, John Malkovich und Gérard Depardieu.
Die Ferres lebt souverän mit den Klischees, die man sich von ihr gemacht hat. Sie bilden gewissermaßen den Treibsatz, um ihnen mit überzeugender Kunstausübung immer wieder aufs Neue zu entkommen.
„Ich bin eine Schauspielerin, die schließlich nicht erst gestern aus der Ackerfurche entflohen ist.“ Dass sie es unumkehrbar geschafft hat, auf einem gnadenlosen Markt der Eitelkeiten, in einem ebenso unbarmherzigen Kulturbetrieb der permanenten Reizvernutzungen – es ist eine der großen Charakterleistungen jüngerer Zeit. Zwei Höhepunkte: die Alkoholikerin Nelly Mann in Heinrich Breloers TV-Ereignis „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ und die Christiane Vulpius in Egon Günthers Kinofilm „Die Braut“: Zarte Mädchenhaftigkeit mischte sich mit geradezu kerlkräftiger Entschiedenheit, das Leuchten der eigenen Natur zurückzunehmen in Verschattung und Bekümmerung.
Überzeugend wechselte sie zwischen Unbedingtheit und Resignation; das war die Erotik nackter Mägdefüße im nassen Gras – das Sentimentale stand ihr so gut wie die robuste Frische des schönen Weibs. Was viele (Kritiker) irritierte, störte, war gewissermaßen der Schmutz unter den Fingernägeln einer Vorzeige-Schönheit, dieser wunderbare Mut zum Plebejischen, der da das herzogliche Weimar der Goethezeit durcheinanderbrachte. Und landläufige Vorstellungen von der Haltbarkeit des Ferres-Images – was sich vorzugsweise immer wieder gern und ausdauernd in Deutschland abspielt, wo Stars nicht in schönen Häusern wohnen, sondern eingesperrt sind in Schubladen.
Hoch bewegend in diesem Jahr, im arte-TV-Film „Annas Heimkehr“, ihre Kinderfrau Anna, die im Nazi-Heimatort 1942 ein jüdisches Mädchen durch die finstere Zeit rettet. Die Ferres geht als starke Fremde durch den Film. Die Maske der Schönheit, die einem Ufa-Film entstiegen sein könnte, als Schutz gegen das wahre Lebensgefühl in einer verhassten Welt. Wie die Ferres unterdrücktes Empfinden spielt, wie sie ein Wesen verkörpert in ständiger Anspannung; die Augen zwei ewige Wachtürme über der Gefahr, als Judenretterin überführt zu werden – das hat ganz aus dem Stillen, Nervgebändigten heraus eine zwingende Kraft die ihresgleichen sucht. Und es gehört zu den schönen Sturheiten dieser Schauspielerin, dass sie selbst sich für die Finanzierung gerade dieses Films einsetzte, der wenig zu tun hat mit den Programmen der Quotenjägerei und des allzu eingängigen Fernsehkonsums.
Wieder sind wir da bei der störrischen Beharrungsfähigkeit dieser Frau, die durch Erfahrungen mit einer Blondinen-Philosophie, die man auch unbedenklich, stillos und schlagzeilengierig gegen sie selber anwandte, nicht bitter geworden ist, sondern klüger; nicht ängstlicher, sondern schlauer; nicht verunsicherter, sondern sicherer. „Ich weiß, was ich von mir selber erwarte, ich weiß, was mir Familie bedeutet, ich kenne das Geschäft, und ich vergesse nicht, woher ich komme.“
Wenn Veronica Ferres über ihre Familie spricht, über ihr Leben jenseits von Bühne und Set, so tut sie es mit bedachtsamem Selbstschutz: Es muss eine Gegenwelt geben zur totalen Öffentlichkeit, wie sie unser gegenwärtiges Leben beherrscht. „Sobald man ,draußen‘ ist, wird man Objekt einer allumfassenden Kaufkraft, die bunte Bilder und schnelle Statements will. Aber zu innerem Frieden, zu Gelassenheit und einer unantastbaren Harmonie zwischen Geist und Körper kann man nur in verkaufsfreien Räumen gelangen. Wir sind umzingelt von Kauf und Verkauf, das Zuhause aber ist ein ganz entscheidender verkaufsfreier Raum.“
Schauspieler haben zur Verschönerung der Welt, die sie Film oder Theater nennen, nur ihr Ich. Das bedarf der Ausbildung. Veronica Ferres macht in aller Feinheit und Schönheit den sehr selbstverständlichen Eindruck, neben der Schule vor allem vom Leben ausgebildet worden zu sein. „Wenn man es ganz genau nimmt, hat mich stets eines gerettet: Instinkt, weibliche Eingebung und tiefe Überzeugung von mir selbst. Das ist nicht mit Hochmut zu verwechseln, sondern es ist ein Wissen, das mir in den unglücklichsten Lagen zugute kommt.“