Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Man kann auf verschiedene Weise leben: tolldreist, tollkühn. Bei ihm ist vor allem die Tolle kühn. Also geht er, zunächst, ein hohes Risiko ein: Er verführt die Leute dazu, ihn nach seiner Frisur zu beurteilen. Immer wieder. Als suche er geradezu einen Kampf. Den Kampf, den er natürlich gewinnen will. Den er gewonnen hat. Den Kampf darum, nicht nach seinem Kopf bewertet zu werden, sondern nach dem, was drin ist. Drin sind Geist, Witz und Musik.
Götz Alsmann und seine Tolle. Es hat 1971 begonnnen, als er 14 war. Da trug er alte Sakkos und formte sich mit Pomade einen Haar-Turm. Dazu Hillbilly-Koteletten, eine Krawatte und Button-down-Hemd. Er sagt, das sei damals „das Abgesagteste, was man sich vorstellen konnte“. Manchmal trug er auch Anzug oder eine Ledermontur.
Da wagte ein Mensch den Selbstversuch: Wie wirke ich auf andere, aber noch wichtiger – wie wirke ich auf mich selbst? Wie sehr ist man Ich, wie viel an einem ist Kopie, und: Hilft das Kopieren eines anderen, das äußere Nachgestalten einer Popgröße etwa oder eines Modetyps, selber mehr und mehr zum Original zu werden? Wie viel schräge Blicke hält man aus?
Alsmann hielt aus, er hielt sogar aus, sich wie ein Bilderbuch-Proletarier zu kleiden, weiche dunkelblaue Arbeitermütze mit glänzendem Schirm (Sonderbestellung im Hutladen in Münster), dazu die Arbeiterlederjacke. So wird man zu einem Schüler, der „sehr lange einsam war“. Bis die großen Beat-Messen aufkamen und er in der Schule auf der großen Kirchenorgel spielte. Das war der Konterschlag gegen diejenigen, die sich bis dahin spöttisch an seiner Unsportlichkeit geweidet hatten.
Er lebt wie der Wanderer, der auf seinen Wegen nach Franken kommt und ein Mütterchen am Straßenrande fragt, wie man denn nach Bayreuth komme. Sie schaut ihn an und sagt nur: Üben, üben, üben
Das Schwierige war besagte Tolle. Die Pomade: reines Fett, jeden Tag musste ein neuer Kissenbezug aufs Bett. Die Pomade von Götz Alsmann hieß „Kölnisch Portugal“ und roch nach Zitrusfrüchten. Er berichtet von der Plage jedes Sommerwetters: Insekten schwirrten um ihn herum. Die Tolle ist geblieben, die Pomade natürlich nicht. Man könne damit zwar, sagt der Musiker und Entertainer, eine Frisur bauen, aber sie stürze nach fünf Minuten ab. Alsmann moderiert mit Christine Westermann „Zimmer frei“, eine Sendung, die mit großem Erfolg in allen dritten Fernsehprogrammen läuft. Er moderierte auch andere TV-Shows, landete mit einer Jazz-Cover-Version eines Depeche-Mode-Songs sogar mal in einer Hitparade, er spielte in mehreren Bands (seine erste Band hieß „Heupferd Jug Band“), ist Schauspieler und Buchautor, tourt mit seinen CDs durch die Lande, ist Jazzer und Komiker.
Und er kommt trotz allem noch dazu, daheim den Rasen zu mähen oder nachts zu joggen. Vor allem pflegt er die ganz andere Art von Deutschland-Tourneen. Nicht den üblichen Kurs Hamburg, Berlin, München, sondern Auftritte „in Orten, wo die Sonne noch nie hingeschien“. Meschede, Bernkastel-Kues, Lippstadt, Bad Vilbel, Cloppenburg. Ein Allround-Talent, der den Erfolg, wie jeder Begnadete, aufs intensive Training zurückführt. Immer schon übte Alsmann, er übt heute noch. Und er macht in der Ernsthaftigkeit des Trainings keinen Unterschied zwischen Klavierspiel und dem Erzählen von Witzen. Acht Jahre lang hatte er Klavierunterricht, ab seinem 16. Geburtstag wurde der Plattenspieler sein eigentlicher Lehrmeister. Jeder Pfennig ging für die schwarzen Scheiben drauf; der gierige Götz hörte, sortierte, legte Listen und Discografien an, er besitzt nun weit über 10.000 Platten – was auch ein wenig über seine Wohnsituation in Münster aussagt, seiner Heimatstadt. Manchmal würden alte Menschen dem Pförtner beim WDR alte Platten vor die Tür legen, „eingewickelte Schellack-Platten, wie Findelkinder liegen die da.“
Seine erste Platte war das Weihnachtsalbum der Beach Boys 1968, später promovierte er über die populäre US-amerikanische Musik von 1943 bis 1963. In einem Interview wurde Alsmann auf eine Erfahrung des britischen Schriftstellers Nick Hornby angesprochen, der meinte, Männer mit gigantischen Plattensammlungen zeichneten sich vor allem dadurch aus, ein Problem mit Frauen zu haben. Bei über 10.000 Platten müsse dann ja nicht nur die Sammlung, sondern auch das Problem groß sein.
Alsmann ist glücklich verheiratet, freilich habe er immer wieder die leise Frage gehört, wie man denn so viel Geld für so einen Unsinn ausgeben könne. Da ist er wieder: der Test, wie viel Eigensinn die Welt aushält – und wie viel Welt man selber aushält, wenn dieser Eigensinn stets etwas belächelt wird. Am Ende steht ja immer die weit schlimmere Frage:
Wie lange hält man den eigenen Eigensinn aus, wenn immer mehr fremde Finger zur Stirn gehen und man stets nur eines gezeigt bekommt: den Vogel. Alsmann reagiert wie ein Vogel: Er pfeift drauf.
Zu seiner Musikleidenschaft gehört auch die Konsequenz, Lieder, die nach den 50er- Jahren entstanden sind, abzulehnen. Kein Vorsatz steckt dahinter, das ist eine geradezu vegetative Reaktion: „Ich fühle einfach: Ich bin nicht gemeint.“ Da zeigt sich in einer scheinbaren Nebensächlichkeit die schönste Philosophie, nach der ein Leben aufgebaut sein kann: nur das tun oder hauptsächlich das tun, womit man selber gemeint ist.
Nicht fremdgehen in anderen Interessen und sich also nicht den Gründen beugen, die uns von uns selbst entfernen. Das Problem kennt jeder, der Geld verdienen muss und dabei nicht Herr seiner selbst sein darf. Vielleicht gibt es deshalb Komödianten wie Alsmann, Botschafter der Unbeschwertheit, die uns wenigstens die Illusion verkaufen, man könnte im Leben mal weit ausgiebiger, als es in Wahrheit leider möglich ist, die Spur ins Leichte und Lockere wechseln.
Seine Vorliebe für „alte“ Musik hat ihn übrigens nie dazu verführt, sich für die konfektionierten „Oldie“-Sendungen im Fernsehen herzugeben, die routiniert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt switchen und dabei immer die gleichen Klischees bedienen. Er müsse bei so etwas nicht mittun, und er müsse so etwas auch nicht sehen, den Quatsch etwa, die Stones seien die Rebellen, die Beatles die „Elternband“ gewesen. „Unsinn, die wurden in konservativen Familien genauso abgelehnt. Es war doch alles ganz anders.“
Den ersten „Beat Club“ habe er als 8-Jähriger gesehen, der sei damals vom späteren „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben noch wie eine Entschuldigung des Senders angekündigt worden. Heute sei Rockmusik eine „humorlose und pathetische Kunst“.
Die zornige Pose sei weg, unerreicht „die knalligen Riffs der Kinks – das sei durchaus Musik der Nach-50er-Jahre gewesen, die ihn erreicht habe. Überhaupt sei die gesamte Unterhaltungskunst schwer überholungsbedürftig. Aus jedem Wetterbericht werde inzwischen eine Show gemacht, und auch der Stil der Nachrichtensendungen beginne mit einem Grinsen, das mehr aussage als die zu vermittelnde Information. Das sei wie ein Kommentar vor jedem wirklichen Kommentar. Unerträglich seicht und anbiederisch ans niederste Niveau. Harte Worte fand er schon für diesen Zustand:
„Sie sind nicht sicher, woran man Formatradio erkennt? Sobald Ihre Ohren anfangen zu kotzen, hören Sie Formatradio. Es ist ein Brechbeutel. Die darin frei marodierenden Kotzbrocken sind krankhaft gut gelaunte Moderatorendarsteller.“
Solche Polemik kommt nicht aus Nostalgie, aber aus einer durchaus altmodischen Einstellung. Alsmann weiß, dass andere Zeiten auch nicht besser waren, aber er weiß auch, dass dies kein Grund ist, Verluste einfach so abzutun und das für wundervoll modern zu halten. Götz Alsmann, 1957 im bereits erwähnten westfälischen Münster geboren, hält sich für einen Typus, der in Freizeitklamotten unsichtbar wird. Er trägt die große Hornbrille, als habe er damit besser die Marktlücke sehen können, die auf ihn wartete. Er sagt, er habe sich seine Nische gleichsam mit den Fingernägeln gegraben. Für einen Klavierspieler ein hemmungslos gefährliches Bild. Er hat es geschafft. Er hat es überstanden, wegen geringer Quote bei vielen Sendern wieder rausgeflogen zu sein. Bei Rias TV sagte man ihm: „Guck mal in den Spiegel, wir machen Jugendfernsehen.“ Er hat sich selbst stilisiert und gibt damit ein Beispiel: Stets muss man sich im Leben selber erfinden. Manchmal gegen das Leben. Das tut jeder, denn jeder ist – nach Andy Warhol – ein Künstler, denn jeder muss, wenn er frühmorgens aufsteht, seine Existenz gestalten, formen, zum Ausdruck bringen. Jeder ist vom Zähneputzen an Autor, Regisseur, Hauptdarsteller, Statist just dieses Tages, der da anbrach, und am Abend werden wir sehen, was das heute für ein Stück war, wie wir gespielt haben, wie die Inszenierung „Ich“ so lief ...
Das nennt Alsmann die wahre Freiheit: sich zu erfinden, das zu finden, was einen von anderen unterscheidet. Er sei, gegen das Klischee seiner Erscheinung, eher häuslich und brav. Was aber überhaupt kein Gegensatz sei zum erwähnten Eigensinn. So habe er sich entschlossen, keine Songs in Englisch mehr aufzunehmen. Es sei doch paradox, dass die Japaner krank werden, weil sie sich unbedingt europäisch ernähren wollen, und wir hierzulande, um etwas für die Gesundheit zu tun, uns einen Wok kaufen. Diese Art Austausch sei idiotisch, das sei völlig falsch verstandene Globalisierung: „Alle sehen die gleichen Fernsehsendungen, alle lesen die gleichen Bestseller, die ganze Welt der sogenannten Individualisten sieht mit ihren Handys und Laptops furchteinflößend gleich aus.“
Wenn Alsmann von der Nische redet, in der er arbeitet, dann spricht aus ihm auch der Realist, der sehr genau unterscheiden kann zwischen Erfolg und Popularität. Eigensinn verpflichtet, aber das Publikum, das er anzieht, ist eher Gemeinde als Masse. Das weiß Alsmann, und seine Intelligenz besteht darin, dass er es genießt. Jazz und Kabarett hält er für Kunstformen, die es einem Künstler erlauben zu altern: „Selbst ein ganz berühmter Pianist kann vor 250 Leuten spielen und niemand würde sagen: Mann, ist der aber heruntergekommen!“
Alsmann sagt, man müsse sich irgendwann entscheiden und dürfe nicht den Punkt verpassen, da man aus dem Krampf, seine Jugendlichkeit festzuhalten, in die Infantilität rauscht. „Kurze Hosen sollten wirklich nur diejenigen tragen, die Dienst auf den Bahamas tun.“ Man müsse sein Alter annehmen, es nicht wehleidig zu einem Thema machen, bei dem alle anderen ständig in die Pflicht des Satzes genommen werden: Ach, sieht du jung aus!
Es gibt einen Satz von Götz Alsmann, der zu seinen schönsten, größten gehört. Der Satz begründet seine Liebe zum Jazz und ist fast so etwas wie der Weisheit letzter Schluss: „Es kommt darauf an, dass man in Würde groß und wieder klein werden kann.“*
Schade, dass dieser Satz nicht an den Schluss dieses Porträts gesetzt ist, aber vielleicht auch gut so: Was Alsmann da sagt, das muss beizeiten begriffen und gesagt werden, um als weise zu gelten. Es ist der Anfangssatz eines sinnvollen Lebens, nicht der Schluss-Satz. Den Satz schaffen nicht alle, man will ja meist nur in Würde groß werden, man verzichtet dabei sogar auf Würde, wenn nur die Größe stimmt. Dann fehlt sie freilich, wenn‘s wieder bergab geht. Ich denke jetzt also an Alsmann – und zugleich an eine Erfahrung des Bergsteigers Reinhold Messner:
Die meisten Abstürze passieren nicht beim Aufstieg, sondern beim Abstieg. Beim Bergsteiger, weil dann die Konzentration nachlässt; er meint, alles geschafft zu haben. Beim Künstler, weil es auf dem Gipfel so schön war.
Aber Gipfel sind wie alle hohen Ebenen: klein. Da haben nicht alle Platz, da hat man nicht viel Zeit, sondern nur eine Frist, da muss man abtreten können, wenn der Nächste kommt. Götz Alsmann möchte diesen Gedanken verkörpern, möchte ihn vermitteln, auch in alle Existenzen, die vordergründig nichts mit Kunst zu tun haben. Nimm‘s leicht – ein Satz aus der Werbung fürs wertvollste Produkt: das Leben. Der ganze Kerl ist also Stil. Er pflegt, wie er betont, besonders die hohe Reisekultur. Wobei sich seine Lust, außerhalb des eigenen Lebenskreises umherzutoben, sehr gelegt hat.
Er kennt die Welt, war für seine Doktorarbeit in den USA, vorher als Jugendlicher im Kaukasus. Muss mehr Ausland denn sein? Es reicht, zentralasiatische und kaukasische Reisebücher zu sammeln (wegen Dschingis Khan!). Ansonsten begnügt er sich mit zwei Wochen Nordsee im Jahr. Urlaub mit Frau und Sohn auf Sylt. Die vielen Konzerte in solchen Wunderwelten wie Burgdorf oder Borken seien auch so etwas wie Fernreisen – in fremde Gemüter. Nat King Cole, Fats Wallet, Bill Haley, Fats Domino und Charles Brown nennt er Vorbilder, „richtig gut waren Jazz-Pianisten immer, wenn sie eine beiläufige Eleganz hatten“
Sein öffentlicher Auftritt ist durchkomponiert. Mit Konsequenzen: Das Privatleben ist auch Stil – nur ist der nicht öffentlich. Und hinaus dringt höchstens, dass Alsmann auch Jeans und Norwegerpullis besitzt und so auch schon mal im Supermarkt gesehen wurde, „aber im Stadtbild möchte ich so nicht vorkommen.“ Brav, bieder – das ist gewiss übertrieben, aber Alsmann verbirgt nicht seine frühe Sehnsucht, wirklich aufmüpfig zu sein. Es gelang ihm, außer im Textilen, nie wirklich. Wahrscheinlich, weil er es zu Hause nie sein musste. Er musste seine Interessen nie gegen seine Eltern durchsetzen. Sie freuten sich über seine frühen künstlerischen Neigungen. Nie erfuhr er jenen Generationskonflikt, bei dem kindlich-jugendlicher Überschwang auf elterliche Vernunftmahnungen trifft. Er bekam mit 8 Jahren das erste Klavier. Auch eine weitere Erfahrung, die er ebenfalls schon als Kind machte, unterschied ihn von Gleichaltrigen: Wenn andere Jungs am Sonntag zum Spaziergang feingemacht wurden, empfanden sie das als eine Folter. Der kleine Götz fühlte sich ausgesprochen wohl.
Er mag sein eigenes Gesicht nicht, wenn er frühmorgens erwacht. Er gesteht, dass Eitelkeit ihn vorantreibt – wunderbar, als die Berichterstattung über ihn eines Tages von der lokalen Popmusikseite der Heimatzeitung ins Feuilleton wechselte!
Als Kind wollte er Marco Polo, Mozart oder Paulchen Kuhn sein, auch mal Willy Brandt und Hans-Joachim Kulenkampff.
Oskar Sima und Paul Klinger sind seine Lieblingsschauspieler. Er zappt leidenschaftlich, beim Autorennen zappt er am schnellsten weiter. Götz Alsmann ist der heitere Weltfremdling, er bezeichnet sich als Romantiker, der im „Windschatten der neuen Mitte“ segelt. In einem Traum wünscht er sich eine „Radiowelle, die für jeden etwas hat. Damit man nicht dauernd den Sender wechseln muss, wenn man morgens beschwingte Musik, mittags zwei Stunden Information und abends ein Hörspiel haben möchte.“ Man kann das auch als Sehnsucht nach dem farbigen, nicht uniformierten Leben nehmen, in dem alle menschlichen Eigensinne nebeneinander Platz haben. Toll!, könnte man jetzt sagen. Statt: Tolle. Denn Götz Alsmann ist längst verlässlich und anregend anders. Wie einer, den man nicht nach seinem Kopf, sondern nach seinem Profil beurteilt.