Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Man hat sie schon als deutsche Variante der Barbra Streisand bezeichnet. Aus Gitte wurde Gitte Haenning. Einen Cowboy wollte sie zum Mann, dieser deutsche Schlager machte sie berühmt, die Liebe hat sie in Monte Carlo verspielt, und der Weisheit letzter Schluss lautete: „So schön kann doch kein Mann sein.“ Das alles steigerte ihre Popularität, aber diese Lieder, die ihren ersungenen Ruhm begründeten – sie hat sie stets mit einem stolz-charmanten Rest von Reserviertheit präsentiert, als habe sie immer schon gewusst, dass sie noch weit anderes wollte und konnte. Während in Deutschland die ältere Generation Gitte als wikingerblonde Schwiegertochter in spe und die jüngere Generation das Beatgirl liebte, genossen ihre Landsleute in Kopenhagens Musikklubs eine aufatmende Jazzsängerin. Wer besonderes Glück hatte, hörte sie „Stormy weather“ singen, so guttural und verzweifelt, wie sie es schon als 14-Jährige gesungen hatte, begleitet von Louis Armstrong. Die Aufnahme ist heute eine Rarität ...
Sie ist Künstlerin – und Produzentin. Und: eine Lebenskünstlerin. Gern trägt sie eine umgedreht aufgesetzte Basecap überm berühmten Struwwelhaar; leger, dezent alternativ, dynamisch, wenig Make-up – so war sie schon immer, eine Sympathisantin der Frauenbewegung und musikalisch ein großer Verehrer von Arnold Schönberg, dem Zwölfton-Musiker, den sie den „größten Komponisten des 20. Jahrhunderts“ nennt.
In vielen Jahren Showgeschäft hat die Dänin mit der trotzigen Erotik in der Stimme leise oder aggressiv ihre Identität gefunden und bewahrt – in einer Branche, in der Stars oft in rabiater Geschwindigkeit kommen und gehen. Hat sich mit kräftiger und variantenreicher Stimme, mit frecher Eleganz und mit Charakter aus den Fesseln der biederen Schlagerkultur befreit.
Gitte Haenning, Ihre Lieder sprühen vor Lebenslust und Lebenskraft: „Ich bin stark“, „Ich will alles“ – es sind Songs einer rebellischen Frauennatur, die sich nicht, wie Sie es selbst einmal gesagt haben, in ein „lauwarmes“ Verhältnis zum Dasein zwingen lässt. Da mag es unhöflich sein, wenn ich Sie frage: Wie gelingt Ihnen das Altern, was nimmt sich ein lodernder Charakter, wie Sie einer sind, fürs Altern vor?
Gitte Haenning: Sehr charmante Frage, würde jetzt eine bestimmte Art von Damen sagen – und damit andeuten, dass sie so etwas doch lieber nicht gefragt werden möchten. Ich finde am allerwichtigsten, dass man heiter bleibt. Es gibt nichts Schlimmeres als böse alte Menschen. Krankheit kann einschränken und leise und traurig machen, dagegen gibt es kein Mittel – aber das Gemüt, der Blick in die Welt, die Verantwortung, die man mit seiner eigenen Ausstrahlung auf diese Welt hat, das ist etwas, das bleibt einem als fortwährende Aufgabe. Heiterkeit und Freundlichkeit als Lebenseinstellungen, die möchte ich durchhalten. Da hilft mir eine gewisse natürliche Ausgelassenheit, aber um heiter und freundlich zu sein, muss man auch eine gewisse Kraft zur Disziplin haben. Ich denke, ich habe diese Kraft.
Stets hatte man bei Ihnen das Gefühl, Sie erhöhten nach einem Erfolg das Tempo. Sie sind firm im Jazz, sie machten dänische Volksmusik, sie sangen Schlager und Rock, sie traten solo auf, begeisterten mit der Show „Gitte, Wencke, Siw“, füllten die Bühnen furios mit Bigband. Muss man sich Gitte Haenning als einen glücklichen Menschen vorstellen?
Gitte Haenning: Unbedingt. Ich lebe hundertprozentig, ich fühle mich als ein total erfüllter Mensch, ich lebe die Dinge voll aus. Und weil ich in dem Gefühl lebe, nichts auszulassen, kann ich auch mit Leichtigkeit diszipliniert sein. Sich auszuleben, das heißt nämlich auch: sich durchaus mal was entgehen zu lassen, nicht zu verkrampfen beim Ansteuern eines Ziels ...
Sie hatten in Ihrem Leben Beziehungen und Beziehungskrisen. Kurze Zeit waren Sie auch verheiratet. Aber im Großen und Ganzen bekommt ein Fremder den Eindruck, Sie liebten nichts mehr als ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben. Sind Sie ein Gemeinschaftsmensch?
Gitte Haenning: Ja, wenn das Leben in der Gemeinschaft nicht die Individualität behindert. Allein schon von meinem Beruf her bin ich auf Gemeinschaft angewiesen. Ich arbeite in einer Geselligkeitssparte. Ein Konzert ist das Werk vieler Menschen. Aber: Den Individualismus liebe ich über alle Maßen. Eine Gesellschaft wird doch erst interessant durch die vielen unterschiedlichen Menschen. Wo alle gleich sind, wird es öde und langweilig. Das ist doch das Schönste, was ein Mensch haben und in sich entwickeln kann: den Eigensinn.
Und den Egoismus?
Gitte Haenning: Natürlich: einen gesunden Egoismus! Ich kann nicht in fremden Interessen aufgehen, ich habe doch schließlich meine eigenen Interessen. Warum lebt man? Ich will mir selber Gutes tun, das ist wahrscheinlich das Beste, was ich der Welt an Gutem tun kann. Der gesunde Egoismus weiß also immer, wo die Grenzen liegen: Meine Interessen stoßen an die Interessen vieler anderer Menschen. Es gibt Konflikte. Wie sich diese vielen Egoismen vertragen, das macht für mich den Wert einer Gesellschaft aus. Von gesunden Egoisten bekommt man im Leben viel zurück.
Sie begannen Ihre Karriere in Ihrer Heimat Dänemark, mit dem Lied „Ich heirate Papi“ wurden Sie dort ein Kinderstar.
Gitte Haenning: Das Lied hatten in Deutschland Conny Froboess und Camillo Felgen gesungen. Der Produzent meines Vaters meinte, das könne auch in Dänemark ein Erfolg werden, er solle es doch mit einer seiner Töchter aufnehmen. Meine Schwester war damals schon 12, also zu alt, ich war 8 – genau passend.
Der biologische Zufall brachte mich in die Öffentlichkeit, und meinem Vater war das Lied peinlich. Aber wir brauchten das Geld, und es wurde ja tatsächlich ein Hit. Übrigens habe ich meinem Vater, da war ich 13, unumwunden gesagt: Ich finde nicht, dass es besonders gut aussieht, wenn du auf der Bühne ständig neben mir stehst. Wenn man so will, war das meine erste Emanzipation. Ich glaube, es hat ihn damals verletzt. Aber es musste sein. Und ich kam mir als die Mächtige vor – na ja, und es stimmte ja auch: Ich verdiente das Geld ...
Und Sie brauchen die Natur?
Gitte Haenning: Unbedingt! Ich brauche vor allem das Meer. Das Salz auf der Haut, das Wilde in den Stürmen, das Raue in den Lüften. Das mag ich. In bunte Herbstblätter könnte ich mich sofort hineinlegen und liegen bleiben. Man kann ja nicht behaupten, ich sei sehr zurückhaltend oder mache mich klein – aber wenn ich zum Beispiel vor dem Meer stehe, so ganz allein am weiten Strand, dann empfinde ich mich als sehr klein, und ich habe dabei ein gutes Gefühl. Es tut gut, sich auch mal ganz ohnmächtig, schwach, gering zu empfinden; ja, ich stehe vor der unendlichen Natur und fühle meine Kleinheit. Das alles, den Wind, das Wasser, die salzige Luft, die ziehenden Wolken, das wird es auch lange nach mir noch geben, das ist die Unendlichkeit, du kannst sie greifen, und ich denke, manchmal ist es gut für den Menschen, wenn er seine Kleinheit spürt. Manchmal ist es gut, wenn wir spüren, wie wir in der Welt verschwinden.
Sie haben mir die Frage nach dem Altern so überhaupt nicht übel genommen, dass ich Ihnen nun auch diese Frage stellen darf: Wie möchten Sie sterben?
Gitte Haenning: Im Tanz umfallen. Wobei ich im Zusammenhang mit Tanz natürlich viel lieber vom Leben spreche. Wenn ich zum Beispiel von einer Idealwohnung träume, dann ist es immer eine, in der man tanzen kann, ohne irgendwo anzustoßen.
Im Jahre 1963 wurden Sie gleichsam „verkuppelt“ – an den deutschen Schlagersänger Rex Gildo.
Gitte Haenning: Das war der NDR-Unterhaltungschef, der besaß ein Sommerhaus in Dänemark, und eines Tages sah er im Fernsehen eine Sendung mit mir. Sofort hatte er die Idee, einen Film über den Alltag eines Teenager-Fernsehstars zu drehen. Aber ich war einfach nur ein junges Mädchen, das war zu wenig für einen Film. Zuallererst musste ein Mann her. Ich wurde gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn mir ein sympathischer junger Mann an die Seite gestellt würde, das könne nur nützlich sein für den Erfolg so eines Films beim deutschen Publikum. Was sollte ich dagegen haben? Dann wurde noch ein bisschen an mir herumgebastelt, meine Haare waren existenzialistisch lang, so richtig nach dem Gebot des Zeitgeistes, außerdem quetschten die mich in ein Kleid, damit ich Taille bekäme, und so war ich plötzlich eine schnieke junge Frau. So begann meine Karriere in Deutschland.
Das Traumpaar Rex Gildo und Gitte gab es aber nur auf der Bühne.
Gitte Haenning: Natürlich. Ich habe dann ja auch erlebt, wie Roy Black oder eben Rex Gildo zerbrochen sind an dem Konflikt zwischen Image und wirklichem Leben. Auch in diesem Punkt bin ich dankbar: Ich hatte noch andere Interessen, und ich pendelte zwischen skandinavischer und deutscher Kultur, das hat mich vor falschen Einflüssen bewahrt. Rex Gildo und ich, wir hatten ein gutes Verhältnis miteinander, aber noch einmal: Wir waren kein Paar. Ich konnte bald diese Magazin-Geschichten über uns nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich in meinem wichtigsten Empfinden verletzt: der Glaubwürdigkeit, der Authentizität. Dauernd wurden wir fotografiert, das Bild von uns wurde immer bunter und falscher. Ich kriege jetzt noch einen dicken Hals, wenn ich daran denke. Wir wurden zur Ware gemacht, und nach zwei Jahren hatte ich die Nase voll und stieg aus diesem Rummel aus.
Noch einmal zu jener Begeisterung, mit der Sie noch immer auf die Bühne gehen ...
Gitte Haenning: Ich hatte stets Schwierigkeiten, mich zu begnügen. Eine Sänger-Kollegin hat einmal zu mir gesagt: Wenn ich dich so erlebe, dann wünschte ich dir manchmal, dass du dich selber ein bisschen mehr genießen kannst. Sie hat das sehr gut beobachtet. Ich habe immer zwei, drei Spuren gleichzeitig verfolgt. Ich wollte mich nie in einen Rahmen pressen lassen. Ich war immer froh, dass meine Experimentierlust nicht nachließ. Nur Schlagersängerin, das wollte ich nicht sein. Aber das ist keine Kritik an denen, die Schlager mögen, und auch nicht an allen, die Schlager singen. Es ist eine Sache meines persönlichen Geschmacks. Diese Experimentierlust kommt vielleicht von der Kindheitserfahrung eines schnellen Erfolgs, bei dem ich merkte, dass man ihm gewissermaßen ausgeliefert ist. Den Leuten gefiel, was ich sang, also war ich gegen die Folgen machtlos. Das war eine frühe Stigmatisierung, die ja nicht unangenehm war – und trotzdem bin ich meinem Schicksal dankbar, dass sich in mir was gegen diese vorgegebene Richtung gesperrt hat und ich fähig war, andere Wege zu gehen.
Authentizität ist die einzige Chance, die man hat?
Gitte Haenning: Man muss versuchen, ganz bei sich selber zu bleiben. Mit 15 bin ich im Schulkabarett für ein anderes Mädchen eingesprungen, sie hatte einen Autounfall. Aber, sagte ich, ich kann doch nicht ihre Lieder singen, ich bin eine ganz andere. Aber du hast doch Fantasie!, wurde mir entgegengehalten, und das war ein ganz entscheidender Ratschlag. Du selber, das ist nicht nur dein Körper, das ist auch deine Fantasie, die auf ganz unverwechselbare Weise Welt erfinden kann.