Pro + Kontra: Handy, Segen oder Sucht?

Pro + Kontra: Handy, Segen oder Sucht?

Die Vorstellung, die Männer vom Telefonieverhalten des weiblichen Geschlechts haben, ist einer von der "mobilkom" in Auftrag gegebenen Studie zufolge zumindest teilweise überholt. Männer reden mehr. Sie führen durchschnittlich täglich 14 Gespräche am Handy, Frauen dagegen telefonieren lediglich achtmal am Tag.

KONTRA

Haben Sie ein Handy?

Nein. Ich sage immer scherzhaft: Ich bin nicht unwichtig genug.


Warum sperren Sie sich gegen etwas, das so viele Menschen als Erleichterung empfinden?

Ich fühle mich permanent umstellt von Leuten, die telefonieren. In der Bahn, in der Buchhandlung, im Restaurant – überall. Die meis­ten machen den Eindruck, an einer Sucht erkrankt zu sein. Ohne Handy mag heute manches mühevoller und zeitaufwändiger sein - aber es gibt eben noch eine Art des intensiven Lebens, bei der ich mich frage, warum die Mühe ausgeschlossen sein soll.


Welche Mühen?

Etwa eine Telefonzelle zu suchen. Einen Brief zu schreiben. Ab und zu auch mal allein oder gar einsam zu sein – ohne die Möglichkeit, sofort eine SMS loszuschicken. Ich habe jedenfalls noch in jedem Hotel eine Möglichkeit gefunden, meinen Mann anzurufen. Es gibt einen natürlichen Rhythmus zwischen Gespräch, Beieinandersein, Tren­nung und neuer Erwartung aufeinander, und diesem Rhythmus möchte ich mich hingeben können.


Und lieber weiter altmodisch bleiben?

Ja. Mich stößt auch diese neue, niedrige Schamschwelle ab: Jeder belästigt jeden laut und ungeniert mit seinen Banalitäten. Die Men­schen verlieren das Maß. Mit dem Handy wächst in vielen eine Gier nach Aufmerksamkeit. Man sieht manchen im Bus oder in der Bahn regelrecht an, wie sie auf einen Anruf lauern, und wenn der Anruf dann kommt, geht ein Leuchten übers Gesicht, ehe dann mitgeteilt wird, dass man im Zug sitzt und gleich in Kassel-Wilhelmshöhe an­kommt. Nein, danke.

(Gabriela-Maria Hilbig (40), Grafikerin, Kassel)



PRO


Was macht Ihr Handy?

Es schweigt.


Sie klingen, als sei das etwas Seltenes.

Stimmt. Ich käme ohne Handy nicht mehr aus.


Haben dabei auch die Gespräche mit Ihrer Frau eine völlig neue Dimension angenommen?

Ich bin oft unterwegs, und ich mag es, meine Frau einfach so, ohne besonderen Anlass anzurufen. Das geht im Moment ganz gut, denn sie ist wegen der Kinder zu Hause, ich störe sie also nicht bei der Ar­beit. Handy oder SMS – ich empfinde es als einen Teil einer schönen Nähe, wenn man so im Laufe des Tages in Kontakt bleibt.


Sie sagten eben, Sie würden Ihre Frau nicht stören wollen. Ihre Mitreisenden im Zug schon eher?

Meistens gehe ich auf den Gang, wenn ich im Zug telefoniere. Ich bin aber eh kein Typ, der öffentlich rumbrüllt.


Ist das Handy für Sie die moderne Variante der Zettel-Ehe?

Zumindest ist es mir angenehmer, als tote Zettel schreiben zu müssen. Meine Frau und ich wissen, dass wir füreinander jederzeit erreichbar sind. Man muss ja nicht gleich an Notlagen denken, aus denen das Handy retten kann – nein, es geht darum, Entfernung zu überwinden, irgendwie beieinander zu bleiben, auch wenn man jeweils an einem anderen Ort ist.


Könnten Sie mitten auf belebter Straße vernehmbar ins Handy flöten: „Ich liebe dich"?

Warum nicht? Ich habe keine Hemmungen, gewissermaßen öffentlich privat zu werden. Scheute man sich davor, dürfte man in kein Restaurant mehr gehen. Wir sind doch überall und laufend Ohren­zeuge irgendwelcher Gespräche, die nicht für uns bestimmt sind. Das geht doch alles im normalen Geräuschpegel unter. Man darf sich freilich nicht zu wichtig nehmen und meinen, alle Welt lauere auf das, was man zu sagen hat.


Machen Sie einen Unterschied zwischen beruflichen und privaten Handy-Gesprächen?

Wenn ich unterwegs bin, bin ich unterwegs und nicht im Büro. Die Erreichbarkeit muss auch mal begrenzt sein dürfen. Aber ich gebe zu, dass das Handy natürlich eine Verlockung ist, tote Zeit auszufüllen, zu nutzen, nicht nur so herumzusitzen im Zug oder im Auto. Man muss nur aufpassen, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit angerufen wird oder selber anruft.


Nehmen Sie das Handy auch in den Urlaub mit?

Selbstverständlich!

(Daniel Hartung (37), Ingenieur, Stuttgart)


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