Katharina Thalbach: In weiten Kleidern wohnt die Lust am liebsten.

Der Trick wahrer Schönheit liegt im Ma­kel. Denn Ebenmaß ist wie das Gleich­­maß: einfach nur langweilig. Erst die Ab­weichung macht doch den schönen Men­schen, man könnte auch sagen: der Fehler, der Defekt, kurz: alles, was einer Norm herrlich lebendig in die Parade fährt.

Katharina Thalbach ist klein, sie kräht, sie stakst, sie liebt knittrige weite Kleider, sie ist längst Oma, aber unablässig bleibt sie Kind, und mag sie unabweislich als klein gelten – ihre Vollmond-Augen steuern eine wunderbar kullernde Größe bei, die alles überstrahlt.


Die Thalbach ist in einem höchst eigenen Sinne schön, aber sie gerät in schön gespielte Rage, wenn man unablässig diese Klischees der Kindfrau bemüht. Indes wird sie es nicht ändern können: Sie erinnert an Giu­­letta Masina in Fellinis Film „La Strada“. Sie ist das stachlige Kunststück zum Knud­deln. Sie ist ein Clown, und ein Clown ist bizarr, extravagant. Der Clown in dieser Schauspie­­­lerin beherbergt in der Weite seiner Lumpen manche Tragödie, aber in weiten luftigen Kleidern wohnt auch die Lust am liebsten; der Clown holt aus den Tiefen seiner Taschen viele Dinge, stolpert über sich selbst, über sämtliche Requisiten dieser Welt, atmet die Verlassenheit aller einsamen Menschen, strahlt im Stolz des Außenseiters.


Ein richtiger Clown ist sentimental und gibt sich witzig – so dürfen wir lachen und weinen zu­­gleich. Er ist zornig – so dürfen wir mit ihm rebellieren. Er kennt das bittere Leben – so dür­­fen wir ihm vertrauen. Er ist bunt – so ruft er die Sehnsucht in uns wach. Und er ist mutig – darum macht er auch uns Zuschau­ende mächtig und weit und großzügig. Und der Clown kann vor allem etwas, das wir nicht können – so dürfen wir ihn bewundern. Immer noch, immer neu ist hier die Rede von Katharina Thalbach.


Sie gehört zu den populärsten Schauspie­lerinnen Deutschlands, in der DDR begründeten starke, tolldreiste Aufführungen an der Berliner Volksbühne sowie Filme wie „Lotte in Weimar“ oder „Die Leiden des jungen Werthers“ ihren Erfolg, später, im Wes­ten nach dem Mauerfall, waren es Streifen wie „Sonnenallee“ (mit Henry Hübchen), „Harte Brötchen“ (mit Uwe Ochsenknecht), „Gefährliche Freundin“ (mit Corinna Har­fouch), „Die Manns“, „Strajk“ oder der ZDF-Krimi „Die Quittung“ – es wird da gemordet und gekocht; die Thalbach als laute, ruppige, durchdringende Kommissarin, die in der Kü­­che eines Gourmet-Restaurants herumwuselt, als stünde eine Currybude mitten im Fünf-Sterne-Etablissement.


Die Thalbach sagt von sich, sie sei schon immer „ein altes Kind“ gewesen, und sie wis­se mehr, als sie leben könne. „Manchmal denke ich, eigentlich kann ich jetzt sterben. Es reicht.“ Das ist raffiniert kokett und doch auch mehr. In solch besagten Momenten, sagt sie, komme sie sich uralt vor, sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben. Spricht dann von ihrer Liebe zu alten Ufa-Filmen, in denen fühle sie sich gleichsam „zu Hause, obwohl ich diese Zeit ja gar nicht miterlebt habe“.


Sie fühlt sich also nicht alt im Sinne jener körperlichen Kraftlosigkeit, die zum natürlichen „Verwittern“ gehört, „nein, ich sage nicht: ich kann nicht mehr, sondern fühle, dass ich schon so lange auf der Welt bin. Es sind plötzlich so viele Zeiten in mir. Aber das wird glücklicherweise immer wieder abgefangen vom Gedanken, nach wie vor an einem Anfang zu stehen.“



Sie ist Berlinerin, 1954 geboren. Ihr Vater war der berühmte Regisseur Benno Besson. Sie war zwölf, als ihre Mutter starb, die Brecht-Schauspielerin Sabine Thalbach, „und da habe ich offenbar einen Schock gekriegt und bin einfach nicht mehr gewachsen.“ Das er­innert an Grass‘ Oskar Matzerath in der „Blech­­­trommel“, in Schlöndorffs Verfilmung spielte die Thalbach die Stiefmutter und Lieb­haberin des kleinen Blechtrommlers. Kleine Frau ganz groß. Da war die Zeit längst vorbei, in der Katharina – längst aus dem Schü­lerin­nen-Alter heraus – mit den höchsten Stö­ckel­­­absät­zen, die sie bekommen konnte, durch Berlin wackelte.


Besson hatte Kinder mit zwei weiteren Ehe­frauen, eine davon war die Schauspie­lerin Ur­sula Karrusseit. Katharina Thalbach hat fünf Geschwister. Eine Theaterdynastie. Bis zum Urgroßvater mütterlicherseits, der Hof­­opernsänger beim „verrückten König Lud­wig“ war, sind die künstlerischen Gene nachweisbar. Thalbach ist ein Dorf in Bayern. Aber eigentlich wollte Katharina ja Archäologie studieren, „ich wollte reisen und buddeln“, am liebsten hatte sie nach Schätzen der Re­naissance oder des alten Ägypten gegraben. Aber schon mit vier Jahren spielte sie Kinder­rollen auf der Bühne. Ein Theatermensch durch und durch. Und eine leidenschaftliche Bekennerin zu ihrer Geburtsstadt.


Berlin sei zwar nicht sehr gemütlich, eher abweisend, aber doch eine ehrliche Stadt, die ihre Nar­ben nicht übertüncht und der Baustelle nä­her steht als der Schaustelle. Hier sei alles pur, das Schmutzige poche auf sein Lebens­­recht, „hier kenne ich viele Ecken und Geschichten“, hier lebte sie 33 Jahre mit dem Dichter Thomas Brasch zu­sammen, war mit ihm 1976 in den Westteil der Stadt gegangen, gewissermaßen „vertrieben ins eigene Vaterland“, wie Brasch es nannte. Der Mann, der ihr „wie ein wildes Tier“ vorkam, unbezähmbar in seiner Lebensgier, so leidenschaft­lich, so unbedingt, so wunderbar poetisch. Im Jahre 2001 starb der Schriftsteller. Ge­meinsam mit Fritz J. Raddatz gab Katharina Thalbach Gedichte aus dem Nachlass heraus, einen Band mit dem wunderbaren Titel „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“.


Mit 15 gab sie am Berliner Ensemble die Polly in Brechts „Dreigroschenoper“. In der Insze­nierung spielte sie da bereits zwei Jahre, gab die jüngste Hure, die Baby Doll, und hatte lediglich zwei Sätze zu sagen: „Immer noch die schwarzen Paspeln. Ach Mac.“ Noch heu­te erinnert sich die Thalbach an die ers­ten Proben: Sie war zu leise, wurde angeschrien und zur Sprecherziehung geschickt. Und dann plötzlich das Angebot: die Polly, weil Kollegin Angelika Waller krank wurde. Die große Helene Weigel fragte: Pupperl, traust du es dir zu, die Rolle in drei Tagen zu übernehmen. „Und ich habe frech Ja gesagt. Da­­­rauf sie: Pupperl, du weißt, das ist ein Ritt über den Bodensee.“ Die Thalbach ritt – und gewann.


Und wer immer sich an jene Kind-Sensation erinnert: In Rede steht beständig die Be­schei­­­­denheit und Bodenständigkeit der Thalbach, sie hob damals nicht ab, sie wurde nicht übermütig, sie blieb eine gierig Neugierige, die noch heute vom Glück der guten Kritiken in jener Zeit spricht. Denn wenn es schiefge­gangen wäre, so glaubt die Schauspielerin, hätte sie wahrscheinlich nicht die Kraft ge­­habt, am Theater zu bleiben. „Ich weiß nicht, ob man das verträgt, wenn man sich vor 700 Leuten blamiert.“


Sie wurde da­mals unversehens zum Shoo­ting Star, betont aber die Gnade, eine gute, sorgsame Theater­schule, eben das Berliner Ensemble, erfahren zu haben. Im Gegensatz zu heutigen jungen Leuten, die im Fernsehen ebenfalls schnell zu Erfolg kommen, „aber ohne Chance, verantwortungsbewusst damit umzugehen. Wenn man nicht erkennt, dass viele Produktionen auf einen kurzfristigen Ge­brauchswert zugeschnitten sind, der sehr brutal mit Men­schen­­­material umgeht, dann halte ich das für sehr gefährlich.“



(H)ausgfragt: Katharina Thalbach

Katharina Thalbach, in welcher Geistes- und Gemütsverfassung gehen Sie noch auf eine Bühne?

Katharina Thalbach: Ich spiele, wie immer, sehr, sehr gern. Spiel, das ist meine Form des Überlebens geblieben, es ist meine Art zu geben und zu nehmen. Es ist meine Form, Welt zu begreifen und etwas mit Leuten zu tun zu haben. Da ich seit vielen Jahren auch Regie führe, ist jede Arbeit als Schauspielerin wie eine zweite Ankunft in diesem Beruf. Das genieße ich. Was freilich den Stellenwert des Theaters in der Gesellschaft betrifft, bleibt die Situation weiter schwierig. Es ist eine geistige Not­si­­tu­­ation, man kann sich nur von Produktion zu Produktion hangeln. Die allgemeine Orien­tie­­rungslosigkeit hat die Horizonte verkleinert.


Zitat Katharina Thalbach: „Ich kann nur hoffen, dass sich immer wieder genügend fantasievolle, humorvolle und intelligente Menschen finden, um gemeinsam etwas zu erzählen.“ Wenn man auf der Bühne das Gefühl hat, verstanden zu werden, dann macht Arbeit glücklich.


Sind Sie ein durch utopische Leicht­gläu­bigkeit gefährdeter Mensch?

Katharina Thalbach: Wer inmitten kalter Welt einer humanen Idee nachhängt, muss sich von niemandem be­arg­­wöhnen lassen, er sei gefährdet! Aber bleiben wir bei Ihrem Begriff: Nein, leichtgläubig im geistigen Sinne bin ich nicht. Dazu bin ich viel zu neugierig auf Dinge rechts und links des Weges. Alles andere wä­re mir zu ideologisch. Ideologien sind Fein­­de der Neugier. Sie richten den Blick straff geradeaus – und das geht nur mit Scheuklappen. Was die Ansichten über Lebensfülle und die Unberechenbarkeit des Menschen betrifft, ist mir Shakespeare näher als Marx.


Leben wir am Ende der geschichtlichen We­ge?

Katharina Thalbach: Wir Künstler liebäugeln ja gern mit dem schö­­­nen, geheimnisvollen, legendenumwobenen Begriff der Anarchie, ich denke, dass sie auch irgendwann kommt – aber ich weiß nicht, ob wir sie dann noch so lustig finden. Ob nicht gerade wir dann wieder die ersten sind, die nach Ruhe und Ordnung rufen. Aber ich will mir andererseits auch meine Träume von der guten Welt nicht wegnehmen lassen.


Ohne Brecht ist Katharina Thalbach nicht denkbar.

Katharina Thalbach: Ja, ohne ihn wäre ich künstlerisch wirklich nicht denkbar. Am Berliner Ensemble bin ich ganz praktisch großgeworden mit seinem Theater. Auch wenn ich mir jetzt überlege, was ich später alles gespielt und inszeniert habe: Da spielt Brecht eine ebenso große Rol­le wie Shakespeare.


Ist Schauspielkunst für Sie à priori eine Kunst?

Katharina Thalbach: Jeden Abend findet in bestimmtem Maße Reproduktion statt. Es ist ein wunderschöner Beruf, so künstlerisch, wie es eine Kunst ist, einen Tisch zu produzieren. Nur ist das, was wir machen, weit vergänglicher als ein Tisch. Das ist ein sehr trauriger Punkt. Aber die Vergäng­lich­keit ist zugleich der ehrlichste, der äußerst lebensnahe Aspekt von Schauspielerei. The­a­ter ist wie Sterben. Die Geburt eines Aus­drucks ist identisch mit seinem Vergehen. Nur die Sekunde zählt, aber in dieser Sekun­de muss alles passieren.


Überall wird über das Ende des Ensemble­theaters geredet.

Katharina Thalbach: Ich habe den großen Vorteil, auch durch das Regieführen und durch verschiedene Orte, an denen ich tätig sein kann, mir wichtige Leute immer wieder zu treffen. Es ist kein fes­­­tes Ensemble, wohl aber so etwas wie eine Familie. Diese Familie brauche ich.



Familie auch im engeren Sinne. Sie kommen aus einem Theater-Clan.

Katharina Thalbach: Ja. Ich verstehe nur nicht, warum dem im Deutschen immer so ein merkwürdiger Bei­geschmack untergemischt wird: Arbeitete jeder von unserer Familie allein, war alles in Ordnung, kamen wir zu einer gemeinsamen Inszenierung zusammen – Vater, Kinder, Frau­en, Mütter –, kriegten wir vom Feuil­le­ton eins auf den Deckel.


Ende des Ensembles heißt auch: nur noch bestehen wollen und bestehen dürfen mit Events und Highlights, nur noch „on the top“ sein.

Katharina Thalbach: Das ist grauenhaft. Das kann keiner durchstehen, und das mindert die Fähigkeit, sich riskant zu verhalten. Die Welt ist erschreckend schnell geworden. Das kann einem schon Angst machen.


Wenn Sie selbst Ihre Inszenierungen bilanzieren – gibt es so etwas wie eine Hand­schrift, ein Stil, ein Werkcharakteristikum?

Katharina Thalbach: Kann ich nicht sagen, da müssen Sie andere fragen. Mir würde ein Abend schwerfallen, an dem überhaupt nicht gelacht wird. Aber ob gänzliches Fehlen von Humorlosigkeit schon eine Handschrift ist, weiß ich nicht. Ich glaube, das ist eher meine grundsätzliche Einstellung zum Leben. Auch ist mir das Wort von der Zerstörung eines Dichters nicht unbedingt ein sehr vertrautes oder gar angenehmes.


Was glauben Sie, warum gibt es dieses Misstrauen gegenüber großen bewegenden Geschichten auf dem Theater, warum gibt es diese modernen Vorbehalte auch gegenüber Gefühlen auf der Bühne?

Katharina Thalbach: Angst, Verdrängung, nochmals Angst. Angst, etwas zu verlieren. Dann lieber gar nichts an sich ranlassen. Was ich nicht ranlasse an mich, kann mir nicht wehtun. Es ist wie mit der Liebe. Aber das Publikum ist, so vermute ich mal, viel weniger unglücklich als diejenigen, die solches Theater machen.


Am Theater zu sein – ist es für Sie nach wie vor eine Verpflichtung, das Erbe Ihrer Mutter weiterzutragen?

Katharina Thalbach: Als sie so früh starb, hatte ich das Gefühl, unbedingt das fortsetzen zu müssen, was ihr, noch nicht mal 35, versagt blieb. Den The­ater­­­betrieb selbst fand ich immer ziemlich schrecklich, schon als Kind – dieses intrigante Drumherum, diese Art von unproduktiven Selbstbehauptungskämpfen außerhalb der Bühne. Ich ging zum Theater, weil ich mir nicht kaputt machen lassen wollte, was ich mit der Arbeit meiner Mutter verband. In ih­­ren Beruf zu gehen, das war so etwas wie ein trotziger ritterlicher Akt.


Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich nach dem Tod Ihrer Mutter „selber großgezogen“.

Katharina Thalbach: Stimmt. Obwohl ich bei Pflegeeltern lebte.


Was denken Sie über den Tod?

Katharina Thalbach: Seit ich sechs Jahre alt war, denke ich nach über den Tod. Und zwar sehr Verschiedenes.


Zum Beispiel?

Katharina Thalbach: Das ist mir eine fast zu intime Frage.


Immerhin ist das Wissen um den Tod der Urgrund aller Bewegung im Leben. Wie spüren Sie das Altern?

Katharina Thalbach: Man kriegt einige Falten mehr, und leider sterben einige Freunde um einen herum. Ich merke, wie die Zeit weniger wird. Die Zeit ist es in erster Linie, die ich spüre. Nicht die gelebte, sondern jene, die ich noch vor mir spüre.


Mit dem Wissen um den Tod und der Angst davor beginnt der Respekt vor der Zukunft.

Katharina Thalbach: Ein schöner Schluss.


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