Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Der blonde Stuttgarter ist beim Championat in Deutschland zum Beleg einer Mentalität geworden, die Spiel und Arbeit, Genuss und Stress, Leistung und Lebensfreude ausgerechnet dort zu verbinden weiß, wo es um viel Geld, große Karrieren und damit verbundene Härten geht. Also, im Grunde genommen, um wenig Freiheit und noch weniger Freundlichkeit.
Wenn der damalige Bundestrainer während dieser Weltmeisterschaft Interviews gab, dann redete er freilich über Aufstellungen, Taktik, Spielverläufe, auch er tat seinen Job, beantwortete das routiniert Abverlangte und lieferte also, was in jeder Sportsendung abzuleisten ist.
Aber: Nie war das alles. Klinsmann sagte dann plötzlich Sätze wie: „Ich habe den Spielern gesagt, dass sie das aufsaugen sollen, was jetzt los ist, die Atmosphäre, das wunderbare Fluidum." Oder: „Das sind alles Profis, denen muss ich eigentlich nichts über ihre Berufsausübung sagen. Aber manchmal denke ich, sie sind zu sehr Profis, sie haben keinen Blick mehr für die Schönheiten dieses Lebens, da sehe ich meine Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen." Oder: „Ich sag immer, Jungs, das erlebt ihr nie wieder, genießt das, es geht nicht um Halbzeiten, sondern um Lebenszeit, habt Freude an all dem."
Der Trainer als Muntermacher für das, was außerhalb des Solls liegt. Der Antreiber als Austreiber der einseitigen Pflichtgefühle im Leistungsdruck. Klinsmann hat bei solchen Sätzen gelächelt, er fiel auch gern etwas ins Schwäbische seiner Herkunft, war selber plötzlich wieder der große Junge, den man für Momente nicht mehr in den gepressten Zusammenhang eines zweifelsfrei gnadenlosen Geschäfts stellte. Es kommt nicht oft vor, dass man Prominenz im Leistungssport derart unverdorben über Lebensqualität sprechen hört. Und man staunt, wie just eine Methodik auf diesem Jahrmarkt der hochbezahlten Überforderungen zur Anregung fürs eigene Leben gerät. Klinsmann beförderte den Mut, Dinge engagiert zu tun, aber sich gleichermaßen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, die für den gedeihlichen Rhythmus eines gelingenden Daseins nötig ist.
Er ist nie ein filigraner Fußballer gewesen. Er funktionierte über die Emotion. Er hat es auf geheimnisvolle Weise geschafft, immer besser zu sein als die Summe seiner Einzelfähigkeiten. Das beste Spiel seines Lebens spielte er, als es nichts mehr zu gewinnen gab. Sowas macht frei. In Form eines bösen Schiedsrichters hatte ihm das Schicksal seinen besten Sturmkameraden Rudi Völler weggenommen, damals, beim legendären Spuck-Spiel im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 1990 gegen die Lieblingsfeinde aus den Niederlanden. Rijkaard hatte Völler bespieen, und ausgerechnet der deutsche Unglücksrabe musste vom Platz, weil er angeblich unsportlich reagiert habe.
Klinsmann stürmte trotzig alleine weiter, und er rannte in einer einzigen Halbzeit so viel wie andere ihr ganzes Profileben nicht. Er hat dann auch noch ein prächtiges Tor geschossen, welches vom Mitspieler Guido Buchwald noch prächtiger vorbereitet worden war, und wahrscheinlich ist genau das schon immer Klinsmanns hervorstechende Qualität gewesen. An guten Tagen war er ein radikaler Mitreißer, er konnte sich und andere besser machen. An schlechten Tagen sprang ihm radikal der Ball vom Fuß.
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist also 2006 unter seiner Leitung Dritte der Weltmeisterschaft im eigenen Land geworden. Leitung? Klinsmann selber sprach stets vom Team, und das ist nichts weniger als Koketterie gewesen. Aber es war auch nicht Beschwörung einer falschen, gefühlig-verschwommenen Gemeinschaft.
Team heißt: Moderner geht es kaum. Klare, ja harte Aufgabenverteilung in einem Netzwerk der Verantwortlichkeiten. Autorität als kollektives Instrument, bei dem sich einer auf den anderen verlassen kann, indem sich keiner leichtfertig auf den anderen verlässt. Und das mit einer Strenge durchgezogen, an die man nie so recht glauben wollte, wenn man den Blonden, Lächelnden, Jungenhaften sah. Er hat sein System durchgesetzt, durchgehalten und weiter gelächelt.
Klinsmann hat einen Sportverband, der zu den größten und festgefügtesten der Welt zählt, den Deutschen Fußball-Bund, gleichsam zur Selbstaufgabe seiner eingefleischten Methoden gezwungen; er ist, aus dem Nichts heraus, als moderner Manager in eine Domäne der Traditionalisten hineingestoßen, hat alles durcheinandergewirbelt und ist als bestaunter Erfolgreicher an seinen kalifornischen Strand zurückgekehrt.
Viele haben sich gewundert, als er nach der Weltmeisterschaft nicht weitermachte in Deutschland. Welch gesichertes Verhältnis muss einer zur Lebenszeit haben, wenn er just mitten auf der Erfolgswelle abspringt. Wie gelassen muss einer im eigenen Zeitverständnis verankert sei, wenn er sich nicht treiben lässt. Klinsmann hat sich nicht verführen lassen, er hat als ein ungemein freier Mensch entschieden. Solche Entscheidungen wirken oft egozentrisch, sie sind aber das Gegenteil: Sie strahlen etwas auf die Welt aus, das diese in einem winzigen Punkt verändert. Nichts hat die Welt nötiger als freie Menschen – die sich in einer durchstressten Zeit, in der scheinbar niemand den verhängnisvollen Irrtum begehen darf, eine Chance zu vergeben, ganz einfach auf sich selber besinnen.
Ein Lächeln ist nicht immer ein Zeichen der reinen Friedfertigkeit. In München staunt Bayern-Manager Uli Hoeneß noch heute, wie Klinsmann ihn, den Fuchs der Bundesliga, 1997 ausgetrickst hatte und trotz bestehenden Vertrages ablösefrei zu Sampdoria Genua ging. Und vor der Weltmeisterschaft 2006 setzte Trainer Klinsmann durch – das Lächeln vor den Kameras strahlte ein leichtes Zittern aus –, dass in den Mannschaftshotels keiner der Funktionäre mehr mit an den Spielertischen sitzen durfte. Der Bundestrainer: „Beim Abendessen wird nur die Mannschaft am Tisch sitzen. Nur die Spieler können die Tore schießen.
Die Mannschaft soll einen engen Kreis bilden, der zusammenhält." Ein Trainer, der aus seiner Spielererfahrung schöpft: Die Weltmeisterschaft 1994 und die Europameisterschaft 1996 haben ihn geprägt: Eine zerstrittene Elf schied in den USA früh aus, eine von Spielführer Klinsmann zusammengeschworene Truppe wurde in England Europameister.
Klinsmann hat die deutsche Nationalmannschaft auf den dritten Platz der Weltmeisterschaft gebracht. Er hat sich von den Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes nicht hineinreden lassen. Er hat den Kreis der Vertrauten begrenzt. Er wagte es sogar, sich mit dem schier übermächtigen Franz Beckenbauer anzulegen, indem er nicht dessen Vorschlag für den Kotrainer, Holger Osieck, annahm, sondern den Schwaben Joachim Löw nahm. Klinsmann hat alles richtig gemacht – einschließlich der erwähnten klugen Weigerung, das Amt nach der WM weiterzuführen. Er genoss die Zuneigung, die ihm entgegenschlug. Aber er hat natürlich den Groll nicht vergessen, den er bei Oberen überwinden musste, und die Freude am Leben war ihm zu wichtig, als sie in Rache feldzügen aus den Machtzentralen der Sportpolitik zu verschleißen.
Was sein Selbstbewusstsein als Trainer betraf, da sprach er stets von Dingen, die wohl kaum nur auf Fußball zu begrenzen, sondern Kennzeichen moderner Firmenpsychologie sind. „Es geht um Informationsaufbau. Der Grundsatz lautet: motivation through education. Ich motiviere durch Information, die zu einer Haltung führt. Das ist etwas, das ich als Spieler nie erfahren habe. Ich hatte zwar tolle Trainer, aber keiner hat mir gesagt, warum man etwas tut."
Wahrscheinlich liegt eine wichtige Quelle seines Erfolgs in just dieser Freude am Eigenen, das mehr umfasst als Leistung und Job. Die Deutschen des beflissenen Stammtisches haben es mit Misstrauen und schließlich Aburteilung beobachtet, und der DFB konnte es nicht verhindern: Länderspiel um Länderspiel – am Morgen danach bestieg Jürgen Klinsmann das Flugzeug, als sei es ein Fluchtmobil, und flog zurück nach Amerika. In Richtung Transatlantik ein Fußball-Deutschland hinter sich lassend, das mal zufrieden, häufig aber irritiert, oft empört und nie dankbar war.
In solchen Momenten wuchs die Distanz zwischen Trainer und Fußballnation wohl noch weit über jene zehntausend Kilometer hinaus, die zwischen der DFB-Zentrale im bedeutenden Frankfurt am Main und dem Westküstenstädtchen Huntington Beach liegen. Der Rest Arbeit erfolgte per E-Mails. Hunderte solcher Nachrichten in den zehn Stunden Flug. Klinsmann als weißer Ritter, der die zwischenmenschliche Zugbrücke nach Belieben hochzieht. „Viele urteilen über mich, aber sie können es nicht. Im Grunde hast du, wenn du in der Öffentlichkeit stehst und unabhängig bleiben willst, keine Chance. Egal, wie du dich verhältst, egal, was du machst, du kriegst immer ein Kontra. Ich kenne die Medienlandschaft, ich werde sie nicht ändern können. Sie ist Teil des großen Spiels."
Huntington Beach, 45 Autominuten von Los Angeles entfernt, ein eher schmuckloser Küstenort. Straßencafés, vierspurige Schnellstraße, Steakhäuser, eine Promenade, dahinter der Strand mit den vielen unersättlichen Surfern. Alles wenig spektakulär, und auch der Name Klinsmann ist es nicht. Jürgen Klinsmann, 1964 geboren, begann seine Karriere in Stuttgart, spielte bei Inter Mailand, dem AS Monaco, bei Tottenham Hotspur und Sampdoria Genua. Dazwischen, 1995 bis 1997, war er bei Bayern München. 108 Male trug er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft, wurde 1990 Weltmeister und 1996 Europameister.
1998 siedelte er in die USA über und begann seine zweite Laufbahn als Berater und Geschäftspartner in der Firma Soccersolutions. „Wofür sollte Fußball in Los Angeles stehen? Die Stadt steht für Hollywood, Unterhaltung, Medien, schönes Wetter. Wir sagten uns, wir müssen einen Klub schaffen, der dem Image dieser Stadt entspricht: Er muss unterhaltsam sein."
Seit 1995 betreibt er die Stiftung Agapedia (50 Mitarbeiter), die in Not geratene Kinder in ost- und südosteuropäischen Ländern betreut. Klinsmann ist mit der US-Amerikanerin Debbie Chin verheiratet. Sie haben zwei Kinder.
Aufgewachsen ist er im Stuttgarter Stadtteil Botnang. Dort, am westlichsten Punkt der Stadt, sagen sie: einer von uns. Ein Dorf fast. In der Bäckerei seines Vaters hat Jürgen die Lehre absolviert, inzwischen hat Bruder Horst das Sagen; der Vater ist verstorben.
Der Nationalspieler Klinsmann hat einmal bekannt, dass er mitunter darunter leide, nicht bis zum Abitur in der Schule geblieben zu sein. Er hat sein Leben lang Versäumtes wettgemacht oder durch ein Fernstudium kompensiert, aber nie ist er in einen hastenden Ehrgeiz verfallen.
Immer wieder hat er für seine Teamchef-Arbeit bei der WM 2006 betont, er müsse nicht in die Geschichte eingehen, er sei kein Held, er wolle sich nicht am Pathos brüchigen Ruhms berauschen. Aber doch zeichnet ihn eine ganz besondere Intensität aus.
Gerade weil sich der Spieler Klinsmann an seiner Passion, Tore zu schießen, berauschen konnte wie kaum jemand sonst, überspielte der einstige Kapitän der National-Elf mit oft hinreißender Leidenschaft seine gelegentlich aufscheinenden Defizite am Ball.
Wenn dem Spieler Tore nicht gelangen, steigerte er sich in legendäre Wutausbrüche oder fiel in Tränenschüben förmlich zusammen. Noch als erfolgreicher Profi. Jedes Tor, das er nicht schoss, löste in ihm das Gefühl aus, „die Mannschaft im Stich gelassen zu haben, denn Tore sind das Einzige, was entscheidet, und mein Auftrag war, sie zu schießen!"
Es ist gar nicht weit hergeholt, wenn Klinsmann bei solchen Gelegenheiten auf seine Kindheit verweist. „Ich bin da sehr geprägt von meinem Elternhaus. Mein Vater hat zu mir immer gesagt: Wenn du etwas in Angriff nimmst, dann mach es hundertprozentig. Aber trotzdem locker. Sei von dem, was du tust, überzeugt. Mein Vater stand jeden Morgen in der Backstube, und jeden Morgen hat er anständige Ware angeboten."
Gibt es etwas, was er in Amerika gelernt hat? Klinsmann betont stets: keine Angst mehr zu haben, Fehler zu machen. Eigeninitiative, das sei das amerikanische Grundmodell. Was sein Leben betrifft, so sieht sich Klinsmann „als eine Mischung aus all den internationalen Einflüssen der vergangenen Jahre". Die Starbucks-Kaffeebars betrachtet er als ein kleines Symbol seiner Existenzweise, „sie gibt es überall, sie sind überall gleich – was andere als uniformiert bezeichnen, sehe ich als Zeichen einer schönen Übereinstimmung. Ja, in solchen Bars empfinde ich, dass ein angenehmes Lebensgefühl multipliziert wird. Die Atmosphäre ist kosmopolitisch, und ich bekomme immer drahtlosen Anschluss ans Internet."
Mitunter nennt er beim Bestellen nicht seinen, sondern den Vornamen seines Sohnes Jonathan. „Den Namen ,Jürgen’ kennt kein Amerikaner, ich müsste den immer buchstabieren. Jonathan funktioniert auf Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Das ist sehr praktisch, obwohl wir bei seiner Geburt natürlich noch nicht wussten, wo wir einmal leben würden." Er ist Frühaufsteher, damit er sich am Nachmittag um die Familie kümmern kann. Einseitigkeiten in der Lebensführung fürchtet er.
Behutsam, überlegt schaut er sich nach neuen Aufgaben im Fußball um. Er kennt die Tücken des Geschäfts. Deren Freiheiten Folien sind für knallhartes Gebaren. Jürgen Klinsmann ist seit der deutschen „Sommermärchen"-Weltmeisterschaft auch in den USA so etwas wie ein Star. Auch wenn er seinen Kaffeebecher als „Jonathan“ bestellt.