Jan Josef Liefers: „Hundert Enkel, laut und glücklich

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Jan Josef Liefers: Schauspieler, Sänger – und Lebenskünstler mit sizilianischen Fantasien. Er ist kein Image-Jäger, und die burschikose Beiläufigkeit, mit der er durchs Leben geht, verleiht allem öffentlichen Rummel, in den er zwangsläufig immer wieder gerät, etwas Lächerliches, Überflüssiges.

Erfolg entsteht meist aus puren Miss­ver­ständnissen. Von deren Täu­schungs­­ma­nö­vern lassen wir uns besonders gern reizen. Der Körper zum Beispiel, die Stim­me und die Bewegungsart eines Schau­spielers, alles in den Dienst der Gestaltung gestellt – es mischt sich, je markanter dies geschieht, ganz automatisch in unser Bild vom Men­schen hinter und außerhalb der Rolle.


Worauf wir da reinfallen – man nennt das landläufig: Verwandlungskunst. Jan Josef Lie­fers kann sogar von einem Zeitungsmann aus seiner Berliner Nachbarschaft erzählen, der ihm nach Ausstrahlung des ersten Films begeistert von diesem Krimi erzählte, von dieser ganz neuen Mischung aus Spannung und Humor – ohne auch nur eine Sekunde zu bemerken, dass der bebrillte Bartträger Boerne in seinen Armani-Anzügen ja leibhaftig vor ihm stand. Liefers mag so etwas, er ist kein Image-Jäger, und die burschikose Beiläufigkeit, mit der er durchs Leben geht, verleiht allem öffentlichen Rummel, in den er zwangsläufig immer wieder gerät, etwas Lächerliches, Überflüssiges.


Die Boerne-Figur im „Tatort“ mag er, und er hat bislang noch keine Angst vor jenem „Abschreckungseffekt“, da eine serielle Ge­stalt beginnt, langweilige Routine zu werden. Sogar bei einer wirklichen Obduktion sah „Rechtsmediziner“ Liefers im Rahmen seiner Arbeit an der Rolle zu, „ich war tief be­eindruckt von diesem medizinischen Er­lebnis.“ Wobei er gleichzeitig betont, und da sind wir wieder bei den seltsam unerforschlichen Wirkkräften des Schauspielens, dass Professor Boerne und er so gut wie nichts gemeinsam haben.



„Ich verstecke mich selbst hinter dieser Verkleidung und Maske und mache all die Dinge, die ich an Menschen in exponierter Stellung beobachtet habe und um die ich sie auch manchmal durchaus beneide: die schlecht getarnten Eitelkeiten, die Egozentrik, die Penetranz, die unstrittig hohe Kompetenz und die geradezu infantile Neugier.“ Ja, der Professor sei ein Zyniker, aber dabei doch durchaus auch ein Moralist. „Ich bin nichts von beidem. Boerne lebt im Zölibat, das wäre schon mal gar nichts für mich.“ Das Einzige, was er mit ihm teilen könne, sei die Vorliebe für schnelle Autos, gutes Essen und teuren Rotwein.


Der Sohn eines Regisseurs und einer Schau­spielerin wurde 1964 in Dresden geboren. An der dortigen Semper-Oper lernte er Tischler. Eine bodenständige Arbeit als Grundlage fürs Höhere. Als Bühnentechniker war Liefers der unscheinbare, pfeifenrauchende Jüng­ling, der mit seinem Handwerk ohne viel Auf­hebens, ohne Hang zur Attitüde die stoff­liche Seele des Theaters mit am Leben erhielt. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Hoch­schule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ war er am Deutschen Theater Berlin engagiert und wechselte nach dem Mau­er­fall ans Hamburger Thalia Theater.


1989 hatte auch seine Filmkarriere begonnen – mit dem DEFA-Streifen „Die Besteigung des Chimborazo“ (Re­­gie: Rainer Simon). Der Durchbruch bei einem größeren Publikum kam Mitte der 90er-Jahre in Til Schwei­gers „Knockin‘ on Hea­ven‘s Door“ und Helmut Dietls „Rossini“. Dann folgten Schlag auf Schlag: „Die Nach­richten“, „Sturmflut“, „Der Untergang der Pamir“. Liefers wurde unter anderem zweimal mit dem „Bay­eri­schen Filmpreis“ sowie mit dem „Grimme-Preis“ ausgezeichnet – für sei­­­ne Hauptrolle im Fernsehfilm „Das Wunder von Lengede“. Mit einem Ostrock-Programm tourte er des Öfteren durch die alten und neuen Bun­desländer. Liefers lebt mit der Schauspielerin Anna Loos und zwei gemeinsamen Kindern in Berlin. Aus früheren Beziehungen hat er einen Sohn und eine Tochter.



Seine erste Tochter kam auf die Welt, da war er 24 und Schauspieler am Deutschen The­ater. Seine Freundin, eine Russin, sei zur Ent­bindung nach Moskau gefahren, und von der Geburt erfuhr Liefers in der Pause einer abend­lichen Vorstellung. Ein Telefonat. Jeder Kollege, so erzählte der Schauspieler, habe daraufhin mit ihm einen Freuden-Schnaps getrunken, „für jeden war das ein einziger, für mich wurden es jedoch ungefähr 20. Die­ser Abend war der erste und einzige Abend in meinem Berufsleben, an dem ich vollkommen betrunken Theater spielte.“


Nach etwa einem Jahr dann die Trennung. Pauline besuchte ihren Vater meist während der Ferien, als sei nichts geschehen. Auch Josefs Gemeinsamkeit mit der Mutter seines Sohnes Leonard überdauerte nicht. „Die Trennungen von den Kindern waren immer hart, verzweifelt und traurig. Auch heute ha­be ich jedes Mal ein flaues Gefühl, ein schlech­tes Gewissen, so eine Mischung aus Heim­weh und Schuldkomplexen.“ Immer wieder spricht er gern über sein Verhältnis zu Frau­en, mit denen sei er groß geworden, er fürch­te sie nicht, sie prägten ihn.


„Bis heute interessiere ich mich viel mehr für Frauen als für Männer, sie sind mir vertraut, und ich verstehe nicht, wieso sie mir mitunter so folgenreich fremd werden können.“


Liefers bezeichnet sich als einen Liebhaber „sizilianischer Verhältnisse“. Stets schon woll­te er viele Kinder haben, schwärmt noch heute von seiner „Sauerbraten-Oma“ in Dres­den, einer Witwe, die „bedingungslose Liebe und Vertrauen“ verströmt habe; sie sei die „kochende Mitte“ der Familie gewesen. Familie? Liefers spricht lieber vom Mini-Clan, und vielleicht beschwört er diesen Terminus deshalb so inständig, weil er selber, auch als Kind, die schmerzende Wirkung von Ver­lust­anzeigen erfuhr. Als er drei Jahre alt war, trennten sich die Eltern; das brachte zwar jene Intensität mit sich, die mit der „Sau­er­braten-Oma“ beschrieben ist, aber diese Schei­­dung bleibt als quälende Leerstelle einer vaterlosen Kindheit im (Unter-)Be­wusstsein. Und setzte wohl besonders sinnpralle Zusammenhalts-Fantasien frei:



„Bis heute habe ich diesen Traum von meinen späten, letzten Lebensjahren – zusammen mit meiner runzligen Frau unter irgendeiner südlichen Sonne sitzen, die die alten Knochen wärmt, umringt von den Kin­dern und hundert Enkeln, wie die Orgelpfeifen, laut und glück­lich. Es ist ein Traum: So wäre ich gern.“


Der Komödiant bei der Arbeit: einfach spielend, träumend mal die Seiten und Spuren des Lebens wechseln, sich die ganz andere Existenz ins Gemüt holen. Die ganz andere Existenz, das war für ihn im Übrigen von Beginn an – trotz Tischlerei-Leh­re – die Schauspielerei. „Ich wollte Schau­spieler werden, weil ich wusste, dass ich in dieser Nische einigermaßen glücklich werden könnte, ohne mich groß zu verbiegen.“ Von seiner Frau, der Schauspielerin und „Silly“-Sängerin Anna Loos, sagt Liefers, sie sei „eine moderne Frau mit Tendenz zum Ma­triarchat, und wir lieben uns – da muss gut verhandelt werden.“


Mitunter gebe es Überschneidungen in den Ansichten, „dann stoßen wir mit den Köpfen zusammen, weil wir uns unbedingt gleichzeitig bücken müssen, um an derselben Schraube zu drehen.“ Aber, betont er, die „Grabenkämpfe verlassen nie die Genfer Konventionen, sozusagen.“ Manchmal frage er sich, so der Schauspieler, ob es tatsächlich stimme, wenn Mütter kleiner Kinder ihr naturgemäß festgelegtes Leben zwischen Kinderzimmer, Windeln und Spielplatz beklagen, sie also größeren Er­leb­nisspielraum für sich einfordern. Er zweifelt an, dass es draußen, „wo der Bär tanzt“, wirk­lich schöner sei – „in der bunten Welt, im Stau, im Berufsalltag, wo ständig das Handy klingelt, wo der Herzinfarkt lauert, der Rausschmiss, die Anpassung, wo das Hams­terrad sich immer schneller dreht ...“


Allerdings weiß er, dass dies leicht gesagt ist, wenn man selber einen erfüllten Beruf hat und es bei der unverbindlichen Theorie be­lassen kann. Liefers gesteht, dass es weit leichter ist, ein Vater zu sein. Die alten Rol­lenbilder funktionieren noch. Mütter haben es schwerer. Sie sind die wahren Hüterinnen des Lebens. Als Vater ist man schnell der Held, ohne viel dafür tun zu müssen.



Dass er übrigens mit einer Schauspielerin ver­­heiratet ist, die singt (bei besagter Gruppe „Silly“ trat Anna Loos mit Bravour das Erbe der verstorbenen Ostrock-Legende Tamara Danz an), scheint alles andere als Zufall zu sein: Auch Liefers singt – in der Band „Obli­­vion“. Ostrock seiner jungen Jahre hat er zum Beispiel im „Soundtrack meiner Kind­heit“ vermischt und modernisiert, denn: Der Mensch wird in seiner musikalischen Ästhetik nie älter als jene Musik, die zuallererst wirklich tief in sein Leben eingriff. Erfolg­reich tritt die Band im Osten wie im Westen auf. Im Osten siegt die Nostalgie, im Westen die Neugier. Auch einige „Silly“-Titel sind dabei, wenn die Band auf Tournee geht.


Eine ehe­liche Konkurrenzsituation? „Nein, das ist meine ganz eigene Version. Das hat mit Anna nichts zu tun. Sie ist eine wirklich groß­artige, eine Ausnahme-Sängerin. Würde sie nicht als Schauspielerin arbeiten, wäre sie auch ,nur‘ singend eine ganz Große.“ Beide überlegen schon lange, ob sie vielleicht nicht mal ein Duett aufnehmen sollten. „Wir haben ausgemacht, wenn einer von uns beiden einen Song unter den ersten Zehn der Charts landet, dann singen wir zusammen.


Also: abwarten.“ Kennengelernt haben sich beide ebenfalls „musikalisch“, bei den Dreh­arbeiten zum Film „Halt mich fest!“ Der Re­gis­seur wollte damals vor der Kamera Schauspieler, die auch Musikanten sind – denn im Film geht es um eine abgetakelte Band.


„Es ist gut, mit Menschen zu­sammenzusein, die keine Rücks­ichten auf Formen nehmen, die außerhalb der vier Wände die Welt zusammenhalten.“

Jan Josef Liefers ist ein Mensch mit ausgeprägtem Gemeinschaftsgefühl. Ein Individu­alist für den Familientisch. Er hält das Zu­hause für eine ganz wichtige Welt. Liefers fürchtet, einsame Menschen verlören ihren Humor, „aber Humor ist mir regelrecht ans Herz gewachsen, er ist gerade in Deutsch­­land so lebensrettend gegen die allgemeine Auffassung, man müsse hier bis zu seinem letzten Stündchen ein hoffärtig schwitzender Leistungsträger sein. Das mag ich nicht, und so werde ich nie leben.“



Vielleicht hat er sich deshalb im vergangenen Jahr mit so besonderer Leidenschaft in die Arbeit an einer Komödie gestürzt; makaber sollte sie sein und im Humor kohlrabenschwarz: „Bis zum Ellenbogen“. Ein Hoch­seilakt – schwarzer Humor britischen Zu­schnitts hat es hierzlande schwer, zumal dann, wenn er auch noch im Fern­sehen ge­sendet werden soll.


Seine Arbeitsweise nennt Liefers „präzis“, seine Lebensweise „chaotisch“. Ein Mensch, der trotz seiner lebenskünstlerischen Gelas­senheit doch auch Spaß an der Überforderung hat, einer, der unter Druck zu Höchst­form aufläuft. Ein ewiger Leistungssportler im Versuch, der Zeit auf den Spuren zu bleiben. Die ja nicht nur einfach vergeht, sondern wegrennt, rasend schnell. Auch ihn leben die Termine. Alles immer auf den letzten Drücker.


Das lebt er, dagegen setzt er aber hin und wieder andere Gewichte – um sich erneut ge­stärkt zu wissen im Stress, der unaus­weich­­lich sein Zepter schwingt. Ende des ver­gangenen Jahres erhoffte er sich von einer extremen Abenteuerfahrt einen kurzzeitigen Ausstieg aus dem schnurrenden Betrieb: Mit seinem langjährigen Freund, dem Schau­spie­ler Tobias Langhoff, sollte es auf Motorrad­fahrt durch Südamerika gehen. „Das war der Traum: sich mal nach niemandem richten, außer nach dem natürlichen Rhythmus des Tages. Einfach nur darauf achten, dass man irgendwo ankommt, wenn es dunkel wird. Ansonsten keine weiteren Aufgaben erfüllen müssen.“ Vorfreude. Publicity. Start. Ende.


Die gerade erst begonnene Tour fand in der Nähe von Ayacucho in Peru einen abrupten Schluss. Ein Unfall stoppte die Reise. Liefers war mit einem 8-Jährigen kollidiert, der mitten auf der Fahrbahn sein Fahrrad wendete. Der Junge erlitt leichte Verletzungen. Liefers wurde mit Rippenbrüchen ins Krankenhaus eingeliefert. So bleibt es bei der Kraft der Binsenweisheit: Die schönsten Träume sind diejenigen, die nicht so schnell erfüllt werden.


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