Eine Königin der Welt - Petra Gerster

Copyright: Sven Paustian; Petra Gerster (CC by 3.0)

Sie hat ein Buch geschrieben, das zum Bestseller wurde: „Reifeprüfung“, und auf dem Cover schaut sie so, wie wir sie kennen. Als sei Reife keine Prüfung, sondern ein Abenteuer. Heller Blick, aufrechte Haltung, sehr gewiss das Lächeln. So, genau so moderiert Petra Gerster seit 1998 im ZDF die abendliche „heute“-Sendung um 19 Uhr.

Dem Ernst einer Tätigkeit, die damit geschlagen und beschwert bleibt, nur sehr wenige gute Nachrichten zu überbringen, mischt Pe­tra Gerster eine Freundlichkeit bei, die nichts Aufgesetztes hat, sondern ganzer Einsatz ist. Ganzer Einsatz für die Erkenntnis, dass Leben nie bloß Dunkel und Rückschlag und Un­glück bedeutet, sondern stets auch der Licht­streif just im Bewölkten, der Hoffnungsfunke mitten im Katastropha­len; hinterm Tränen­schleier wartet der Grund zum Lächeln.


Ir­gend­wie ist da bei Pe­tra Gerster immer auch jenes Maß Höf­lic­h­keit und Distanz, das der Tatsache Rechnung trägt, sich allabendlich ins zutiefst Private fremder Wohn­zim­mer zu drängen. Höflich­keit ohne An­bie­derung, Distanz ohne Kälte. Sie be­herrscht ihr journalistisches Handwerk in einer Weise, dass man von einer Kunst der Vermittlung sprechen kann, die aus einem Bo­ten (der In­for­mation) unaufdringlich je­manden macht, der selber eine Botschaft hat.


Das besagte Buch, das Petra Gerster kürzlich schrieb, erzählt von dieser Botschaft, und es ist weit mehr als der marktübliche und ge­winnträchtig erprobte Versuch, ein populäres Gesicht zu verkaufen. Die Reifeprüfung, um die es hier geht: „Gelassen älter werden, aber wie?“ Ein stark biografisch gefärbtes Nachdenken über „Die Frau von 50 Jahren“. Wie gesagt: Petra Gerster lächelt auf dem Cover. Das Lächeln täuscht nicht, es täuscht nichts vor. Und: Es wirkt wie die be­reits be­standene Reifeprüfung. „Bestanden“ meint hier: Ich lebe das Gefühl zu bestehen, also: zu existieren, und vor der bangen Frage an die Welt, wie sie mich (noch) wahrnimmt, steht meine Antwort an die Welt. Diese Ant­wort lautet: Ich habe alle Gründe, mich selber freudvoll, erwartungsvoll wahrzunehmen. Befreit wahrzunehmen. Petra Gerster: „Wer 50 wird, gehört zum Club derer, die ihr Leben selbst bestimmen und es nicht mehr nötig haben, jeder Mode hinterherzulaufen, jeden Trend mitzumachen, jedem alles zu beweisen.


50 zu werden, das bedeutet Unabhängigkeit, Freiheit, Selbst­be­wusstsein, eine gewisse Ausge­bufft­heit, in jedem Fall: man selbst sein.“


Nach der täglichen Schule hat sie es als junges Mädchen nie zuerst nach Hause gezogen, an den Tisch für Hausaufgaben, sondern in den Pferdestall: In der Nähe hatten Flücht­linge aus Ostpreußen mit zwei aus der Hei­mat geretteten Trakehnerstuten eine neue Zucht begonnen. Die preußisch strenge Lehre auf dem Reitplatz sei eine Erziehung ganz eigener Art gewesen, eine Gegenwelt zum liberalen Zuhause. Und noch eine Welt gab es: die Literatur. Petras frühe Freude an russischer Literatur gab den Ausschlag für die spätere Entscheidung, neben Germanistik auch Slawistik zu studieren, zunächst in Kon­stanz, später in den USA und in Paris.



Petra Gerster hat sich selbst und ihren Bruder Florian als „Nachzügler in einem liberalen, bürgerlichen Elternhaus“ bezeichnet. Vier Kinder hat die Familie insgesamt, der Vater war Arzt, studierte dann noch Psycho­logie, um die Praxis für psychotherapeutische Behandlungen zu erweitern. Das Leben eines Vielbeschäftigten, den vor allem eines sehr beschäftigte: wie er noch mehr leisten könne. Der Vater war öfters unterwegs, die Mutter also gleichsam Managerin der Praxis. Die Belastung einer solcherart aktiven Haus-frau ist oft die entscheidende Nervenprü­fung auch für alle anderen in einer Familie.


Zwei ältere Schwestern waren bald aus dem Haus, Petra und Florian (11 und 14 Jahre jünger) aber genossen bisweilen eine Selbst­ständigkeit, die man auch anders ausdrücken kann: „Wir waren manchmal ziemlich uns selbst überlassen“, sagt Petra Gerster. Das Ganze spielte sich in Worms ab, im Schatten großer deutscher Geschichte – unweit des Kaiserdoms, unmittelbar am Rhein, wo der legendäre Schatz des Nibelungen versenkt worden sein soll.


Aber: Sich als junger Mensch selbst überlassen zu sein, das war auch die Chance, etwas zu erleben, was eben oft nur Nachzügler­kindern vergönnt ist: die Balance zwischen Freiheit und Fürsorge. Es gibt eine elterliche Aufmerksamkeit, die es versteht, Nähe und größere Reichweiten miteinander zu verbinden. Als bestünde Erziehung vor allem darin, Kindern die Begegnung mit gehöriger Ge­lassenheit zu ermöglichen. „Petra hat das voll ausgekostet“, so ihr Bruder Florian, „meh­rere Auslandsaufenthalte, mehrere Sprachen und alle möglichen Phasen der Selbstfindung, zum Teil auch purer Lebensgenuss.“


Petra Gerster spricht in großer Achtung von ihrem Elternhaus. Sie weiß in gegenwärtigen Zeiten, da aus Verlustgefühlen heraus das Bürgerliche wieder heftig und sehnsuchtsvoll beschworen wird, dass ihr in dieser Be­ziehung nie etwas fehlte. Nicht die aufklärerische Grundstimmung eines Familien­lebens, nicht die humanistische Bildung, schon gar nicht die hohe Wertschätzung des einzelnen Menschen. Was damals in Phasen beginnender Jugend, die in die einschneidenden 68er fiel, natürlich nicht so ge­sehen wurde.


Ein kleines Detail, in einem Zei­tungs­inter­view erwähnt vom Bruder, erzählt viel über dessen Schwester Petra, die er „furchtlos, lebenszugewandt, aktiv und sensibel“ nennt: Sie habe nicht akzeptiert, dass be­stimmte formelle Regeln auch für sie gelten, etwa, dass der Mann zuerst ins Restaurant geht – „Petra musste immer provokativ vorausmarschieren.“



Das ist sie, die Schule eines Selbst­bewusstseins, das bei dieser Frau aber offenkundig nichts Polemisches, nichts feministisch Trotziges hat, sondern den Charme eines Wohlgefühls, das sich fast automatisch dort ergibt, wo ein Mensch frei, ungezwungen, na­türlich auftritt.


Man darf den Beto­nungen nicht die Mühe ansehen, sie zu setzen; Leichtigkeit und Schön­heit leiden unterm Ehrgeiz, auch noch den Preis mitteilen zu wollen, den alles kos­tete. Petra Gerster weiß freilich um die andere Seite des Lebens: Zweimal erkrankte sie an einem Tumor in der Wirbelsäule ...


Mitte der 80er-Jahre arbeitete sie nach einem Volontariat und anschließender Re­dakteursstelle beim „Kölner Stadt-An­zei­ger“ in der Nachrichtenredaktion des WDR. Der berühmte Zufall, ohne den kein Leben auskommt: Man suchte nach neuen Modera­toren für die „Aktuelle Stunde“ des Senders. Gerster stellte sich probeweise zur Verfü­gung, eher ein technischer Test als eine persönlich zu nehmende Bewerbung, die junge Frau hatte keinerlei Ambitionen. Der Büro­chef sah die Aufnahmen, statt sich für die Bewerber zu interessieren, entschied er sich für die eigene Mitarbeiterin.


Ihre Fernsehlaufbahn führte sie zu 3sat, schließlich in die ZDF-Sendung „Mona Lisa“. Das renommierte Frauenmagazin, das sie zehn Jahre lang gemeinsam mit Maria von Welser betreute und das sie noch heute als „Sendung meines Lebens“ bezeichnet, gab ihr die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen. Von vielen Auslandsreisen blieb auch ein wenig Melancholie: Denn ihre heutige Posi­tion verlangt mehr Sitzfleisch als Reisefieber. Aber ein „Nachrichtenjunkie“ ist sie nicht geworden.


Dafür sorgt schon die Lebendig­keit des eigenen Familienlebens. Tochter Livia, Sohn Moritz und natürlich Ehemann Christian Nürnberger, mit dem sie bereits zwei Bücher geschrieben hat, „Der Erzie­hungsnotstand“ und „Stark für das Leben“. In den Wochen, in denen sie frei hat, so be­kennt die Journalistin, verliere das Fern­­sehen bei ihr absolut an Bedeutung. Diese freie Zeit ist hart erarbeitet: An mindes­tens 170 Tagen im Jahr hat sie Dienst im Sender, und der zieht sich bis zu zwölf Stunden täglich hin.



In ihren Büchern ist Petra Gerster unverblümt kritisch, greift ein in akute Debatten, erweist sich als ideenstark. „Reifeprüfung“ ist eine ehrliche, aber ermunternde Bestands­aufnahme über ein noch immer heikles The­ma. Gerster schreibt über ihr Leben, übers Älterwerden vor der Kamera, über die Lust, das Dasein nicht so zu nehmen, wie es ist, sondern so, wie man es nach Kräften und Möglichkeiten gestalten möchte. Sie ist eine Frau, die souverän in den Spiegel schaut. Was immer er zeigt:


Sie weiß mehr von sich selbst, und das Leben hat für ihre Alters­grup­pe mehr zu bieten, als die verbreitete, allgemeine Aufforderung zur Bescheidung weismachen will.


„Es ist nicht daran zu rütteln: Der 50. Ge­burtstag ist eine Zäsur. Ich glaube, dass man sich dieser Tatsache stellen, die von ihr ausgelösten düsteren Gefühle nicht verdrängen, sondern ausleben sollte, denn dann erst wird man frei für das Positive und Angeneh­me, das der neue Lebensabschnitt ja auch mit sich bringt. Erst dann kann man aufhören, der verlorenen Jugend nachzutrauern, und an­fangen, sich auf die zweite Lebens­hälfte zu freuen und mit einem gewissen Er­stau­nen zu erkennen, dass nicht alles schwerer, sondern vieles sogar leichter wird.“


Nun über 50 zu sein, sagt Petra Ger­s­ter, sei wie die Inthronisation eines Königs.


Frauen ihres Alters nennt sie „die Königinnen der Welt“. Man habe nun alle Erfahrungen, die man im Leben brauche, die Turbulenzen von Partnerfindung und Partnerwahl seien im Prinzip vorbei, die Kinder aus dem Haus „oder groß genug, um zu artikulieren, was man falsch macht bei ihrer Erziehung“. Man gerate ganz automatisch und angenehm in ruhigere Fahrwasser, setzte („wenn man klug ist“) weder sich noch seinen Liebsten dauernd unter Leistungsdruck und Erfolgs­zwang. Zudem habe man sich etwas Gültiges aufgebaut, könne seinen Kindern eine unaufdringliche Ratgeberin sein, betrachte nunmehr auch die eigenen Eltern milder, genieße die so­­li­darische Freundschaft der „ebenso ge­reif­ten“ Gleichaltrigen und könne diese Freund­­schaf­t(en) nun endlich auch wieder ver­tiefen.


Es ist wohl auch die Zeit, so die Jour­nalistin, da der Kampf zwischen den Geschlechtern abbreche. Friedenszeit herrsche. „Näher kommt man auf Erden dem Paradies nicht. Männer und Frauen hören auf, voneinander das Un­mögliche zu erwarten und zu verlangen.“ Mehr noch: Die Beziehungen würden liebenswürdiger, die Karriere bietet keine Ne­ben­wege mehr, es gibt vor allem die Freu­de am anderen. „Und wenn es keinen anderen mehr gibt, dann gibt es immer noch die heftigste Freude von allen, die Freude an sich selbst.“



Wenn einen auf dem Cover des Buches wie selbstverständlich jene Petra Gerster an­schaut, die wir vom Bildschirm kennen, dann ist da jene ungebremste Power zu spüren, die ebenfalls von den großen Chan­cen des neu­en Lebensabschnittes nach dem 50. Ge­burts­tag kündet: Denn so sehr es darum gehen mag, gelassener zu sein, so sehr darf man doch Möglichkeiten, die noch bleiben, konzentrierter betreiben – mit dem sicheren Ge­spür des Könnens. Ist im Alter nicht sogar die Meisterschaft zu erreichen und das Werk zu vollenden, zu dem die Strategien des bisher gelebten Lebens hinführen?


Zum Meister wird nur, wer ausgelernt hat – da bildet die Schule des Lebens freilich eine unbedingte Ausnahme, es bleibt eine anhaltende Abfolge von Herausforderungen, bis zuletzt; nie kann Lebenswissen zu einem definitiven Wissen werden. So bleibt jeder Mensch immer „nur“ Lehrling, denn schon Seneca wusste: „Leben muss man das ganze Leben lang lernen.“ Ein „Alter Meister“ wird, wer sich offenhält, mit Selbstvertrauen und Gefühl für die Balance zwischen Aktivität und endlich legitimierter Passivität.


Für ihr Zusammenleben haben sich Petra Gerster und Christian Nürnberger – er arbeitet inzwischen vorwiegend zu Hause, als frei­­schaffender Autor – von Anfang an zur Prä­misse gemacht: Die Familie würde stets an erster Stelle bleiben, sie ist der Ausgangs­punkt auch für alle beruflichen Entschei­dungen. Es würde keinen Karriereplan geben. Der Beruf müsse sinnvoll sein, Spaß machen und die wirtschaftliche Grundlage sichern.


Ginge aber ein Karriereschritt auf Kosten der Ehe oder der Kinder, würde dieser Schritt nicht gegangen. „Jeder von uns beiden“, schreibt Gerster in ihrem jüngsten Buch, „hat mindestens einmal eine gute Festanstellung für den anderen aufgegeben – zuerst er bei der ,Frank­furter Rundschau‘, ich später beim West­deutschen Rundfunk, was mir besonders schwerfiel, weil ich nichts hatte, als ich meinem Mann von Köln nach München folgte, wohin ihn ein neues Magazin gelockt hatte.


Dass mich kurz darauf 3sat engagierte und dabei auch das ZDF auf mich aufmerksam wurde, war dann einfach Glück.“Was sich beide auch vorgenommen hatten: so viele Kinder wie möglich, „worunter ich mir allerdings etwas anderes vorstellte als mein Mann, der sich nicht weniger als sieben Töchter wünschte. Dem sah ich jedoch gelassen entgegen – schließlich war ich bei unserer Heirat schon 30.“ Und außerdem galt für beider Leben auch hier Brechts ironisches Motto: „Ja, mach nur einen Plan ...“ Es ist der Vorspruch zu einer Moritat, die von dem erzählt, was menschliches Grundgesetz war, ist und bleibt: Pläne werden gemacht, um kräftig durchkreuzt zu werden.


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