Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Dem Ernst einer Tätigkeit, die damit geschlagen und beschwert bleibt, nur sehr wenige gute Nachrichten zu überbringen, mischt Petra Gerster eine Freundlichkeit bei, die nichts Aufgesetztes hat, sondern ganzer Einsatz ist. Ganzer Einsatz für die Erkenntnis, dass Leben nie bloß Dunkel und Rückschlag und Unglück bedeutet, sondern stets auch der Lichtstreif just im Bewölkten, der Hoffnungsfunke mitten im Katastrophalen; hinterm Tränenschleier wartet der Grund zum Lächeln.
Irgendwie ist da bei Petra Gerster immer auch jenes Maß Höflichkeit und Distanz, das der Tatsache Rechnung trägt, sich allabendlich ins zutiefst Private fremder Wohnzimmer zu drängen. Höflichkeit ohne Anbiederung, Distanz ohne Kälte. Sie beherrscht ihr journalistisches Handwerk in einer Weise, dass man von einer Kunst der Vermittlung sprechen kann, die aus einem Boten (der Information) unaufdringlich jemanden macht, der selber eine Botschaft hat.
Das besagte Buch, das Petra Gerster kürzlich schrieb, erzählt von dieser Botschaft, und es ist weit mehr als der marktübliche und gewinnträchtig erprobte Versuch, ein populäres Gesicht zu verkaufen. Die Reifeprüfung, um die es hier geht: „Gelassen älter werden, aber wie?“ Ein stark biografisch gefärbtes Nachdenken über „Die Frau von 50 Jahren“. Wie gesagt: Petra Gerster lächelt auf dem Cover. Das Lächeln täuscht nicht, es täuscht nichts vor. Und: Es wirkt wie die bereits bestandene Reifeprüfung. „Bestanden“ meint hier: Ich lebe das Gefühl zu bestehen, also: zu existieren, und vor der bangen Frage an die Welt, wie sie mich (noch) wahrnimmt, steht meine Antwort an die Welt. Diese Antwort lautet: Ich habe alle Gründe, mich selber freudvoll, erwartungsvoll wahrzunehmen. Befreit wahrzunehmen. Petra Gerster: „Wer 50 wird, gehört zum Club derer, die ihr Leben selbst bestimmen und es nicht mehr nötig haben, jeder Mode hinterherzulaufen, jeden Trend mitzumachen, jedem alles zu beweisen.
50 zu werden, das bedeutet Unabhängigkeit, Freiheit, Selbstbewusstsein, eine gewisse Ausgebufftheit, in jedem Fall: man selbst sein.“
Nach der täglichen Schule hat sie es als junges Mädchen nie zuerst nach Hause gezogen, an den Tisch für Hausaufgaben, sondern in den Pferdestall: In der Nähe hatten Flüchtlinge aus Ostpreußen mit zwei aus der Heimat geretteten Trakehnerstuten eine neue Zucht begonnen. Die preußisch strenge Lehre auf dem Reitplatz sei eine Erziehung ganz eigener Art gewesen, eine Gegenwelt zum liberalen Zuhause. Und noch eine Welt gab es: die Literatur. Petras frühe Freude an russischer Literatur gab den Ausschlag für die spätere Entscheidung, neben Germanistik auch Slawistik zu studieren, zunächst in Konstanz, später in den USA und in Paris.
Petra Gerster hat sich selbst und ihren Bruder Florian als „Nachzügler in einem liberalen, bürgerlichen Elternhaus“ bezeichnet. Vier Kinder hat die Familie insgesamt, der Vater war Arzt, studierte dann noch Psychologie, um die Praxis für psychotherapeutische Behandlungen zu erweitern. Das Leben eines Vielbeschäftigten, den vor allem eines sehr beschäftigte: wie er noch mehr leisten könne. Der Vater war öfters unterwegs, die Mutter also gleichsam Managerin der Praxis. Die Belastung einer solcherart aktiven Haus-frau ist oft die entscheidende Nervenprüfung auch für alle anderen in einer Familie.
Zwei ältere Schwestern waren bald aus dem Haus, Petra und Florian (11 und 14 Jahre jünger) aber genossen bisweilen eine Selbstständigkeit, die man auch anders ausdrücken kann: „Wir waren manchmal ziemlich uns selbst überlassen“, sagt Petra Gerster. Das Ganze spielte sich in Worms ab, im Schatten großer deutscher Geschichte – unweit des Kaiserdoms, unmittelbar am Rhein, wo der legendäre Schatz des Nibelungen versenkt worden sein soll.
Aber: Sich als junger Mensch selbst überlassen zu sein, das war auch die Chance, etwas zu erleben, was eben oft nur Nachzüglerkindern vergönnt ist: die Balance zwischen Freiheit und Fürsorge. Es gibt eine elterliche Aufmerksamkeit, die es versteht, Nähe und größere Reichweiten miteinander zu verbinden. Als bestünde Erziehung vor allem darin, Kindern die Begegnung mit gehöriger Gelassenheit zu ermöglichen. „Petra hat das voll ausgekostet“, so ihr Bruder Florian, „mehrere Auslandsaufenthalte, mehrere Sprachen und alle möglichen Phasen der Selbstfindung, zum Teil auch purer Lebensgenuss.“
Petra Gerster spricht in großer Achtung von ihrem Elternhaus. Sie weiß in gegenwärtigen Zeiten, da aus Verlustgefühlen heraus das Bürgerliche wieder heftig und sehnsuchtsvoll beschworen wird, dass ihr in dieser Beziehung nie etwas fehlte. Nicht die aufklärerische Grundstimmung eines Familienlebens, nicht die humanistische Bildung, schon gar nicht die hohe Wertschätzung des einzelnen Menschen. Was damals in Phasen beginnender Jugend, die in die einschneidenden 68er fiel, natürlich nicht so gesehen wurde.
Ein kleines Detail, in einem Zeitungsinterview erwähnt vom Bruder, erzählt viel über dessen Schwester Petra, die er „furchtlos, lebenszugewandt, aktiv und sensibel“ nennt: Sie habe nicht akzeptiert, dass bestimmte formelle Regeln auch für sie gelten, etwa, dass der Mann zuerst ins Restaurant geht – „Petra musste immer provokativ vorausmarschieren.“
Das ist sie, die Schule eines Selbstbewusstseins, das bei dieser Frau aber offenkundig nichts Polemisches, nichts feministisch Trotziges hat, sondern den Charme eines Wohlgefühls, das sich fast automatisch dort ergibt, wo ein Mensch frei, ungezwungen, natürlich auftritt.
Man darf den Betonungen nicht die Mühe ansehen, sie zu setzen; Leichtigkeit und Schönheit leiden unterm Ehrgeiz, auch noch den Preis mitteilen zu wollen, den alles kostete. Petra Gerster weiß freilich um die andere Seite des Lebens: Zweimal erkrankte sie an einem Tumor in der Wirbelsäule ...
Mitte der 80er-Jahre arbeitete sie nach einem Volontariat und anschließender Redakteursstelle beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Nachrichtenredaktion des WDR. Der berühmte Zufall, ohne den kein Leben auskommt: Man suchte nach neuen Moderatoren für die „Aktuelle Stunde“ des Senders. Gerster stellte sich probeweise zur Verfügung, eher ein technischer Test als eine persönlich zu nehmende Bewerbung, die junge Frau hatte keinerlei Ambitionen. Der Bürochef sah die Aufnahmen, statt sich für die Bewerber zu interessieren, entschied er sich für die eigene Mitarbeiterin.
Ihre Fernsehlaufbahn führte sie zu 3sat, schließlich in die ZDF-Sendung „Mona Lisa“. Das renommierte Frauenmagazin, das sie zehn Jahre lang gemeinsam mit Maria von Welser betreute und das sie noch heute als „Sendung meines Lebens“ bezeichnet, gab ihr die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen. Von vielen Auslandsreisen blieb auch ein wenig Melancholie: Denn ihre heutige Position verlangt mehr Sitzfleisch als Reisefieber. Aber ein „Nachrichtenjunkie“ ist sie nicht geworden.
Dafür sorgt schon die Lebendigkeit des eigenen Familienlebens. Tochter Livia, Sohn Moritz und natürlich Ehemann Christian Nürnberger, mit dem sie bereits zwei Bücher geschrieben hat, „Der Erziehungsnotstand“ und „Stark für das Leben“. In den Wochen, in denen sie frei hat, so bekennt die Journalistin, verliere das Fernsehen bei ihr absolut an Bedeutung. Diese freie Zeit ist hart erarbeitet: An mindestens 170 Tagen im Jahr hat sie Dienst im Sender, und der zieht sich bis zu zwölf Stunden täglich hin.
In ihren Büchern ist Petra Gerster unverblümt kritisch, greift ein in akute Debatten, erweist sich als ideenstark. „Reifeprüfung“ ist eine ehrliche, aber ermunternde Bestandsaufnahme über ein noch immer heikles Thema. Gerster schreibt über ihr Leben, übers Älterwerden vor der Kamera, über die Lust, das Dasein nicht so zu nehmen, wie es ist, sondern so, wie man es nach Kräften und Möglichkeiten gestalten möchte. Sie ist eine Frau, die souverän in den Spiegel schaut. Was immer er zeigt:
Sie weiß mehr von sich selbst, und das Leben hat für ihre Altersgruppe mehr zu bieten, als die verbreitete, allgemeine Aufforderung zur Bescheidung weismachen will.
„Es ist nicht daran zu rütteln: Der 50. Geburtstag ist eine Zäsur. Ich glaube, dass man sich dieser Tatsache stellen, die von ihr ausgelösten düsteren Gefühle nicht verdrängen, sondern ausleben sollte, denn dann erst wird man frei für das Positive und Angenehme, das der neue Lebensabschnitt ja auch mit sich bringt. Erst dann kann man aufhören, der verlorenen Jugend nachzutrauern, und anfangen, sich auf die zweite Lebenshälfte zu freuen und mit einem gewissen Erstaunen zu erkennen, dass nicht alles schwerer, sondern vieles sogar leichter wird.“
Nun über 50 zu sein, sagt Petra Gerster, sei wie die Inthronisation eines Königs.
Frauen ihres Alters nennt sie „die Königinnen der Welt“. Man habe nun alle Erfahrungen, die man im Leben brauche, die Turbulenzen von Partnerfindung und Partnerwahl seien im Prinzip vorbei, die Kinder aus dem Haus „oder groß genug, um zu artikulieren, was man falsch macht bei ihrer Erziehung“. Man gerate ganz automatisch und angenehm in ruhigere Fahrwasser, setzte („wenn man klug ist“) weder sich noch seinen Liebsten dauernd unter Leistungsdruck und Erfolgszwang. Zudem habe man sich etwas Gültiges aufgebaut, könne seinen Kindern eine unaufdringliche Ratgeberin sein, betrachte nunmehr auch die eigenen Eltern milder, genieße die solidarische Freundschaft der „ebenso gereiften“ Gleichaltrigen und könne diese Freundschaft(en) nun endlich auch wieder vertiefen.
Es ist wohl auch die Zeit, so die Journalistin, da der Kampf zwischen den Geschlechtern abbreche. Friedenszeit herrsche. „Näher kommt man auf Erden dem Paradies nicht. Männer und Frauen hören auf, voneinander das Unmögliche zu erwarten und zu verlangen.“ Mehr noch: Die Beziehungen würden liebenswürdiger, die Karriere bietet keine Nebenwege mehr, es gibt vor allem die Freude am anderen. „Und wenn es keinen anderen mehr gibt, dann gibt es immer noch die heftigste Freude von allen, die Freude an sich selbst.“
Wenn einen auf dem Cover des Buches wie selbstverständlich jene Petra Gerster anschaut, die wir vom Bildschirm kennen, dann ist da jene ungebremste Power zu spüren, die ebenfalls von den großen Chancen des neuen Lebensabschnittes nach dem 50. Geburtstag kündet: Denn so sehr es darum gehen mag, gelassener zu sein, so sehr darf man doch Möglichkeiten, die noch bleiben, konzentrierter betreiben – mit dem sicheren Gespür des Könnens. Ist im Alter nicht sogar die Meisterschaft zu erreichen und das Werk zu vollenden, zu dem die Strategien des bisher gelebten Lebens hinführen?
Zum Meister wird nur, wer ausgelernt hat – da bildet die Schule des Lebens freilich eine unbedingte Ausnahme, es bleibt eine anhaltende Abfolge von Herausforderungen, bis zuletzt; nie kann Lebenswissen zu einem definitiven Wissen werden. So bleibt jeder Mensch immer „nur“ Lehrling, denn schon Seneca wusste: „Leben muss man das ganze Leben lang lernen.“ Ein „Alter Meister“ wird, wer sich offenhält, mit Selbstvertrauen und Gefühl für die Balance zwischen Aktivität und endlich legitimierter Passivität.
Für ihr Zusammenleben haben sich Petra Gerster und Christian Nürnberger – er arbeitet inzwischen vorwiegend zu Hause, als freischaffender Autor – von Anfang an zur Prämisse gemacht: Die Familie würde stets an erster Stelle bleiben, sie ist der Ausgangspunkt auch für alle beruflichen Entscheidungen. Es würde keinen Karriereplan geben. Der Beruf müsse sinnvoll sein, Spaß machen und die wirtschaftliche Grundlage sichern.
Ginge aber ein Karriereschritt auf Kosten der Ehe oder der Kinder, würde dieser Schritt nicht gegangen. „Jeder von uns beiden“, schreibt Gerster in ihrem jüngsten Buch, „hat mindestens einmal eine gute Festanstellung für den anderen aufgegeben – zuerst er bei der ,Frankfurter Rundschau‘, ich später beim Westdeutschen Rundfunk, was mir besonders schwerfiel, weil ich nichts hatte, als ich meinem Mann von Köln nach München folgte, wohin ihn ein neues Magazin gelockt hatte.
Dass mich kurz darauf 3sat engagierte und dabei auch das ZDF auf mich aufmerksam wurde, war dann einfach Glück.“Was sich beide auch vorgenommen hatten: so viele Kinder wie möglich, „worunter ich mir allerdings etwas anderes vorstellte als mein Mann, der sich nicht weniger als sieben Töchter wünschte. Dem sah ich jedoch gelassen entgegen – schließlich war ich bei unserer Heirat schon 30.“ Und außerdem galt für beider Leben auch hier Brechts ironisches Motto: „Ja, mach nur einen Plan ...“ Es ist der Vorspruch zu einer Moritat, die von dem erzählt, was menschliches Grundgesetz war, ist und bleibt: Pläne werden gemacht, um kräftig durchkreuzt zu werden.