Die Welt, wie sie ist - Gespräch mit Meisterregisseur Claude Chabrol

Claude Chabrol: Zum Mord hat er ein sehr entspanntes Verhältnis – wie Alfred Hitchcock. Die Bourgeoisie hasst er, weil er selber leidenschaftlicher Bürger ist; die Verworfen­heit, die Lügen seiner Gesell­schafts­schicht sind sein Lieb­lings­thema – hier gleicht er als Re­gis­seur Luis Buñuel.

Wann waren Sie das letzte Mal aus dem Häus­­chen?

Als ich kürzlich aus dem Fenster meines Hau­ses schaute und zwei fremde Jungen sah, die in meinem Garten Fußball spielten. Der Ball war ihnen über den Zaun gesprungen, und die spielten auf meinem Grundstück einfach weiter. Ich riss das Fenster auf und fragte, was hier los sei. Meinte der eine, mein Rasen sei so einladend, nicht wie die üblichen in der Ge­gend, die aussähen, als hätte man Ehrgeiz auf Wimbledon. So ist das – die anderen Herr­schaften pflegen, als käme morgen André Agas­si vorbei, aber er kommt nicht. Aber zu mir kommen die Fußballer! Schön, nicht?


Wer erhielte bei Ihnen Hausverbot?

Fette Schweine, die, katholisch erzogen, hässliche Frauen heiraten und bei heimlichen sexu­ellen Ausschweifungen gottlob an den Rand des Herzstillstandes kommen. Ja, ja, ich verrenke mich nicht essayistisch hinter schönen Umschrei­bungen. Ich bin kein Partisan der Wahrheit, sondern liebend gern ihre Trompete.


Was verdanken Sie Ihrem Elternhaus?

Schöne Sonntage: Ich durfte ins Kino, wenn Vater und Mutter zum Gottesdienst gingen.


Was bedeutet für Sie: zu Hause sein?

Nicht im Regiestuhl zu sitzen. Ich denke mehr und mehr daran, dass mein Haus mein letzter Ort auf Erden ist. Ich gehe am Morgen hinaus und hoffe, am Abend wieder durch diese eine Tür hereinkommen zu können. Man wird eben aufmerksamer für das, was schätzenswert ist.


Vor welcher Hausarbeit fürchten Sie sich?

Die schwerste Arbeit im Hause ist inzwischen der Versuch, ohne irgendwelches Zwicken hier und Zwacken dort aus dem Bett zu kommen. Auch vergesse ich immer, für Reisen die Zahnbürste einzustecken. Es sieht so aus, als hätte ich daraus ein Hobby gemacht: Ich sammle Zahnbürsten, überall liegen sie rum.


Den Blick in welche Traumgegend müssten die Fenster Ihrer Wohnung oder ihres Hau­ses freigeben?

Auf den jeweils aktuellen Drehort! Da müsste ich nicht herumreisen – und bräuchte keine Zahnbürste einzustecken.


Beschreiben Sie Ihr Haus, als wäre es ein Mensch.

Es hat die Schönheit des Herbstes, und diese Schönheit ist es, die einem menschlichen Ge­sicht den wahren Glanz verleiht. Die Falten, die Konturen machen das interessante Gesicht aus, nicht die Glätte, der makellose Putz. Ein Haus steht fest am Platz, aber es kann sich herumtreiben wie unsereins. Glauben Sie mir, wenn wir tagsüber in den Büros sitzen, führen unsere Häuser ein wildes Leben mit dem Licht, dem Wind, dem Regen des Tages. Davon werden wir nie etwas erfahren, am Abend steht es wieder still und stumm. Ich gehöre zu den Menschen, die daran glauben, dass die Dinge mehr über uns wissen als wir über sie. Denn in den Dingen ist alle Zeit, sie überdauern uns zumeist, sie speichern unsere Erfahrungen – die uns ja letztlich nicht sehr viel helfen, weil sie uns nicht vorm Tode bewahren.



Was möchten Sie in Ihrem Leben noch unter Dach und Fach bringen?

Ich möchte noch ein klein wenig daran mitarbeiten, dass der europäische Film dem Kino aus Hollywood wieder mit jenem Selbstbe­wusstsein gegenübertritt, das seiner Geschich­te und durchaus auch seiner gegenwärtigen Leistung entspricht.


Goethe rät: Gehe vom Häuslichen aus und verbreite dich in die Welt. Geben Sie einen kurzen Stre­ckenbericht.

Ich bin glücklich, dass sich meine Filme ein wenig in die Welt verbreitet haben. Ich selber verschließe vor der Welt lieber die Augen. Das Einzige, woran ich noch glaube, ist das Er­schrecken, ist der Schock. Das haben wir Menschen in Abständen nötig. Wir beruhigen uns natürlich wieder – bis zum nächsten Schock. Wissen Sie, ich kann ja nicht über meinen Schatten springen: Ich bin selber Bourgeois. Soll ich mich darüber freuen, dass die Burschen der unteren Klassen mich vielleicht eines Tages abschlachten? Mein Kopf träumt den bösen Gang der Dinge, den wir uns selber zuzuschreiben haben – aber mein Gaumen verlangt weiter nach einem Bordeaux oder einem bretonischen Fisch. Vielleicht führen die siegreichen Proletarier die Wein­flasche mit Schraubverschluss ein – o Gott, lass die Welt lieber so, wie sie ist.


Claude Chabrol

Claude Chabrol, geboren 1930 in Paris, gehört zu den bedeutenden Filmemachern – kürzlich erhielt er in Berlin den „Cesar“, den eu­ro­päischen Filmpreis, für sein Lebenswerk. Der Franzose, der öffentlich gern den Bösen, Clow­nes­ken, Ungehörigen mimt – er drehte über 50 Filme, vor allem kriminalistische Melodramen, todernst gespielte Komödien, sar­kastische Trauerspiele. Zu seinen bekanntesten Werken ge­hören „Die Enttäuschten“, „Schrei, wenn du kannst“, „Landru – der Frauen­mörder von Paris“, „Das Biest muss sterben“, „Die Uns­chuldigen mit den schmutzigen Händen“, „Stille Tage in Clichy“, „Der Schrei der Eule“, „Die Farbe der Lüge“.


Er drehte mit Romy Schneider, Catherine Deneuve, Marlene Jobert, Jean Seberg, Michel Piccoli, Anthony Perkins, Orson Welles und Jean-Louis Trintignant. Schauspieler­in­nen wie Isabelle Huppert, Emma­nu­elle Béart, Juliette Binoche nennt er „meine Mäd­chen“. Chabrol lebt mit seiner Familie in einem Landhaus bei Paris. Er sieht sich als leidenschaftlichen Gärtner – „mit Vorliebe fürs sorg­fältige Züchten von Un­kraut“.


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