Die unverschämt lachhafte Bedrohung

Harald Schmidt; Copyright: Dimitri B. (Creative Commons BY 3.0)

Harald Schmidt ist der beste Entertainer des deutschen Fernsehens. Er träumt davon, aufzutreten, vor der Kamera gar nichts mehr zu machen – dafür aber „Beifall ohne Ende“ zu bekommen. Er ist auf gutem Wege dahin, deshalb wird sein Lachen immer unverschämter.

Harald Schmidt bedroht jeden einzelnen se­iner Zuschauer – mit dessen eigener Lä­cherlichkeit. Das ist die letzte Stufe des fo­r­­­­­dernden Geistes. Sie ist nur übers Fernsehen zu erreichen. Schmidt erstürmte es, indem er es mittels eines laufenden Programms gleich­sam abschaltete: Im Zentrum der Idio­tie muss man selber nicht mehr komisch sein. Das ist der Witz.


Mit dieser Haltung hat er sich im Fernsehen dämonisch und unerreichbar im Künstlichen, im Unwirklichen eingerichtet wie Francis Ford Coppolas Colonel Kurtz im weltbe­rühm­­­ten Film „Apocalypse Now“ nach Jo­seph Con­rad: die Late-Night-Show als Reise ins Herz kultureller Finsternis.


In Neu-Ulm wurde er 1957 geboren, in Nür­tingen wuchs der Sohn eines Ver­wal­tungs­angestellten und einer Kindergärtnerin auf, absolvierte die Kirchenmusikschule in Rot­ten­burg am Neckar, wurde Organist dieser katholischen Gemeinde. Der einst mittelmäßige Schüler, der einmal sogar sitzen blieb, studierte später Schauspiel in Stutt­gart. Das erste Engagement führte ihn an die Städtischen Bühnen Augsburg, wo er als Ma­meluk in Lessings „Nathan der Weise“ einen einzigen Satz zu sagen hatte: „Nur hier herein!“ 1988, nach Jahren am Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“, machte Schmidt erste Fernseherfahrungen beim Sender Freies Ber­lin, mit Herbert Feuerstein im Satireformat „Schmidteinander“ und als (wenig erfolgreicher, weil zu anspruchsvoll witziger) Mo­de­ra­tor der Show „Verstehen Sie Spaß?“. 1995 ging die „Harald Schmidt Show“ bei Sat.1 auf Sendung, 2003 kam dann eine geradezu legendäre „kreative Pause“, danach der Wechsel zur ARD.


Vor geraumer Zeit sah ich ihn auf der Bühne. Er verfocht auch da sein immer gleiches Ziel: Wenig machen, einfach nur da sein, Jean-Gabin-artig. Irgendwann wird Schmidt das Mikrofon an einem Tisch wohl so einrichten und sich selber so setzen, dass er hoffen kann: „Bald müsste ich doch im Liegen sprechen können.“ Und irgendeiner applaudiert immer. Er spricht von der „künstlerischen Qua­lität der Langeweile“, seiner „Reak­­tion auf den Tag, der ja auch für Millionen Men­schen zu Ende geht, ohne dass etwas Beson­de­res passiert wäre“. Einer ohne Macher-Ehr­geiz, der nicht empfiehlt, die Ärmel hochzukrempeln, der selber nicht weiß, wo es langgeht: „So geht alles dahin, also arbeite ich gegen die eigene Langeweile an, indem ich sie achte und pflege.“


Auftritt in der ausverkauften Meister­sin­ger­halle in Nürnberg. Die ja so groß ist, dass Schmidt von der Bühne herab ins tiefe Dun­kel fragen kann, ob da hinten denn schon Tschechien sei. In den anschwellenden Eröff­nungsapplaus hinein tanzt er den „Otto Reh­ha­gel“, dieses armerhobene, händewippende Wackelhüpfen mit leicht gebeugtem Ober­kör­per. Zwischen Spastik und Elastik.


Als Kabarettist bleibt Schmidt stets auch Humorist, aber dem schmierigsten Kalauer, mit dem er das Publikum fängt, folgt sofort ein Hegel-Satz, mit dem er es blamiert. Wo­rauf die Leute nur noch mehr kreischen. Das ist die Methode Schmidt: zwei Stunden so unfassbar zu sein, dass im Saal (und vor dem Fernseher) alle gleichzeitig angesprochen und ausgegrenzt werden. Das ist die ganze Kunst: ein bisschen Stand-up, Spiel mit Lo­kal­kolorit aus der Regionalpresse, Saal­run­de, wenige Zoten, ein paar elektrisierende Kurz­schlüsse zwischen Tagesnachrichten, dazu zwei Alltagsbeobachtungen und drei Ehr-Abschneidungen zu Ehren des Bundes­­grenz­­schutzes. Etwa, dass das ZDF bei der „Golde­nen Kamera“ wegschnitt, wie Boxer Henry Maske dem blinden Sänger Andrea Boccelli gratulierte. Indem er den Dichter „Sexipüree“ (Maske meinte wohl Saint-Exupéry) zitierte: „Man sieht zuerst mit den Augen, äh, mit dem Herzen.“.



Schmidts witzigste Attraktion ist und bleibt, den Witz als Attrappe zu behaupten. Der Spaßdienst-Verweigerer selbst spricht gern vom Essay, den man unbedingt lesen solle: „Der flaue Witz im Zeitalter seiner Repro­du­zier­barkeit“. Überhaupt sei es Unsinn zu be­haup­ten, Kabaret­tisten wollten Veränderung durch Kritik. Sie sind Fanatiker der restaurativen Starre, weil sie sich ungern durch eine bessere Welt ihre besten Nummern zerstören lassen.


Gute Gesinnung macht die wenigsten guten Witze. Seine eigene Auffassung von Witz und Humor redet Schmidt gern klein. Fängt aber ganz gescheit an: Erst zitiert er Woody Allen („Humor ist Tragödie plus Zeit“), dann Oscar Wilde („Witz ist Intellekt auf Reisen“), um dann knallhart in die Niede­run­gen zu tauchen: „Frau sucht Mann mit Pferde­schwanz, Frisur egal.“ Als Zyniker würde sich Schmidt nicht be­zeich­nen, aber er mag es nicht, die eigenen Ge­fühle so zu überschätzen, dass er sie in der Öffentlichkeit zeigen würde: „Wenn ich bei anderen sehe, wie ihnen im Fernsehen der Kiefer zittert, wie die Augen feucht werden – da fühle ich mich belästigt.“ Männlich findet er zudem, „die Klappe zu halten; Schweigen, das finde ich wahnsinnig angenehm.“


Schmidt in Nürnberg: im dunkelblauen An­zug. Weißes geöffnetes Hemd, fast schon wieder schulterlanges Haar (nach seiner „kreativen Pause“). In der Bühnenmitte ein Flügel. „Sie wissen schon, das Ding, bei dem man immer fragt: Wer hat denn die Harfe in den Sarg gelegt?“ Aber eine Karriere als Pia­nist kam ja bei ihm „wegen kindheitsfrüher Elfenbein-Allergie“ nicht infrage. Schmidt sagt jetzt den Heimat-Satz. Es ist der Ort, zu dem man sich nicht erklären muss, aber es klingt wie Heiner Müller: Heimat ist dort, wo die Rechnungen ankommen. Da haben wir wieder den Phi­lo­sophen, den Westen­ta­schen-He­gel.


Heimat ist aber auch der Ort, an dem dich der Nachbar grüßt. Da haben wir gleichsam das Pendant, Hansi Hinterseer. Schmidt führt immer wieder das Unverträgliche zueinander; er wird Freddie Mercury, Frie­drich Hol­laender und Billy Joel intonieren, aber das Publikum auch mit Bach quälen (ein erstes Pfeifen kommentiert er drohend: „Hören Sie lieber auf, das verlängert nur alles!“). Um kurz darauf seinen „Überraschungs­gast“ Manuel Andrack wegen dessen langatmiger Dia-Show vorm berechtigten Unmut der Zuschauer zu warnen. Spitzenhonorare beim Fernsehen gei­ßelt er, um sich von seinem lang­­jährigen As­sis­­tenten Andrack fragen zu lassen: „Hast du eigentlich vergessen, wie wir selber abgesahnt haben?!“


Ist das eine Best-of-Sammlung des Alt­ka­ba­rettisten? „Wegen sieben Minuten fahre ich doch nicht bis Nürnberg!“ Eher eine Fort­set­zung seiner Late-Night-Show mit den glei­chen Mitteln. Er rekapituliert im Helmut-Kohl-Ton seine Karriere-Stationen und stellt Kanzler-Nähe fest („Auch ich werde langsam selbst­bezüglich“). Dann ein paar Ratschläge, wie man sein eigener Comedian werden kann, „wenn die eigene Frau auf dem Stra­ßen­strich langsam fröstelt, bietet sich allerdings auch an, Moderatorin bei ,Blitz‘ oder ,Brisant‘ oder ,Explosiv‘ zu werden.“



Bestechend die Selbstkritik des eigenen Pr­o­gramms, indem Schmidt Beckenbauers TV-Fuß­ballkommentare exakt in der Stimmlage des „Kaisers“ imitiert. Beim Thema Fla­schen­bier auch bayrisch harte Sätze aus der Sozia­l­dramatik eines Franz Xaver Kroetz („So was hat damals die Lisa Fitz gespielt, als sie noch ihr Gesicht bewegen konnte“).


Spricht Schmidt über seine Kindheit, erinnert er sich an einen „frühen Darstellungszwang“, der zu „sehr unterhaltsamen Familien­nach­mittagen“ führte. Bei Günter Gaus, im TV-Ge­spräch „Zur Person“, erzählt er: „Wir ha­ben in einer kleinen Wohnung gelebt, hatten auch noch die Großmutter bei uns. Erst habe ich sehr oft Priester gespielt. Ich habe mir das Badetuch umgehängt, gepredigt und Ob­­la­­­ten als Hostien verteilt. Später habe ich an­gefangen, bei Kaffeerunden die Nachbarn nach­zumachen und Lehrer zu imitieren, ich habe mitunter zwei Stunden hintereinander ununterbrochen geredet, und tatsächlich haben alle anderen zugehört und gelacht.“


Später, als der Vater einigermaßen entsetzt war über den Weg des Sohnes ausgerechnet ans Theater, hat Harald, um ihn zu besänftigen, zu Hause fiktive Feuilleton-Hymnen auf das angebliche Talent Schmidt vorgelesen…

Letztlich hat Schmidt stets nur konsequent und eben auf auffällig selbstironischem Niveau das betrieben, was Fernsehen generell ist: absichtsvolles Nichts.


Viele Menschen schalten den Apparat einzig ein, um abzuschalten von sich selber. Deshalb zum Beispiel sind viele Serien, viele Shows, viele Clips auch so kompatibel für Paderborn, Sydney und Maputo. So universell, so unabhängig von jeder Voraus­set­zung kann kein wirklicher Inhalt funktionieren! Der Gebrauchswert des Fern­se­hens liegt just in einer Verweigerung von Inhalt und einer klaren Abkehr von der im­mer wieder angemahnten Anforderung, ein Kom­muni­ka­tionsmittel zu sein. Es ist keines!


Zu vermuten ist deshalb: Exakt das, was oft als Schwäche des Fernsehens beklagt wird und wovor messianische Medientheoretiker und Moralisten die Menschen so gern und in­ständig warnen – genau dies begreifen viele Zuschauer als Stärke der flimmernden Kiste: Man will sich von diesem Moloch gar nicht erziehen, informieren, bilden lassen – man benutzt das Fernsehen wie andere den Rotwein, das Kamin­feuer. Fernsehen ist schöneres Wohnen und Harald Schmidt der pfiffigste Innenarchitekt unseres Wohngefühls!



Das genau hat Schmidt – mit dem inneren Feixen des cleveren Scharlatans – auf eine klug närrische Höhe getrieben. Wo auch jeder Intellektuelle, kurz vor null Uhr, oft genug zum Geleimten wurde. Der private Harald Schmidt: drei Kinder – zwei Söhne, eine Tochter – von zwei Frauen. Er nennt sich einen „begeisterten Vater“. Sein jüngstes Kind hat er bei der Geburt abgenabelt, bei Gaus, vor sieben Jahren, gab er seine Empfindungen preis: Stolz und Erleich­te­rung. „Ich wollte eigentlich nicht dabei sein, weil man heutzutage als Vater schon zwangs­verpflichtet wird, bei der Geburt an­wesend zu sein. Mich störte diese abgegriffene Formulierung von anderen Vätern: ,Es war der größte Augenblick in meinem Leben‘ und so weiter. Ich stand im Kreißsaal und habe diese Sätze in mir gehört. Und ich habe mich gefragt: ,Bist du jetzt verpflichtet, das auch als den größten Augenblick in deinem Leben zu empfinden?“


Und gesteht dann, jener Augenblick, da er zwei Stunden allein auf der Büh­ne des Wiener Burgtheaters ge­­standen und gelesen habe, „da war ich näher dran an meiner subjektiven Empfindung. Ich hoffe, meine Kinder werden es mir verzeihen. Und später sagen: ,So war der Alte eben.‘“

Was etwas den Ernst unterspielt, mit dem er die „klassische Familie“ pflegt und auf traditionelle bürgerliche Werte wie optimale Ausbildung, Erlernen eines Instruments und die „Orientierung an den Geboten des Christentums“ besteht.


Dann also war er eine Weile der Privat-Weltreisende Schmidt; zwei Wörter, „kre­ative Pause“, reichten ihm, um dem medialen Vo­­­ka­bular ein geflügeltes Wort hinzuzu­fügen. Bei seiner Rückkehr sah er aus wie eine er­grau­te Langhaarmischung aus Handke, Jesus, Georges Moustaki und seiner eigenen Kostümierung als Sklave Lucky in Samuel Bec­ketts „Warten auf Godot“ am Schauspiel Bochum. Die Rolle spielte er bravourös. Lucky, der seinen Herrn Pozzo tyrannisiert, indem er ihm dient. Wie Harald Schmidt dem Fernsehen. Nein, er dient nur sich selber. Er kam auch nicht von Sat.1, sondern, wie er selber sagte, vom „Unter­schichten-Fern­se­hen“. Und machte nun, in der ARD, eine „Ar­bei­ter- und Bauernshow für Besser­ver­die­ner“. Einen „Musikantenstadl für Parallel­­gesellschaften“. Eine Parallel­gesellschaft ist, wenn die Frau „Fliege“ guckt und dort überrascht ihren Mann entdeckt, eingeladen zum Thema „Seit 20 Jahren bin ich schwul.“


Harald Schmidt saß also nach seiner Pause wieder hinterm Schreibtisch, und Manuel Andrack assistierte noch eine Weile, damit die aneinandergereihten Witze als Pointe eines spontanen Geplänkels durchgehen konn­ten.


Eine Emnid-Umfrage, so der Enter­tainer, habe bei den Deutschen erkundet, ob sie Harald Schmidt im Fernsehen auch dann wollten, wenn wegen der Gage der Soli­dari­täts­zuschlag verdreifacht werden und die Fuß­ball-WM ausfallen müsste. 97 Prozent der Deutschen hätten bejaht, in Ost­deutsch­land seien es über 100 Prozent. Schmidt war ein Jahr weg vom Sender; langes Haar und Bart überraschten, denn listiger kann uns niemand mitteilen, dass sich außer diesem Kabarettisten kaum etwas verändert hatte. Er hielt ein Foto der damaligen Dschun­gel­kö­nigin Desiree Nick in die Kamera, und ihn streifte das Ent­setzen: „Oh, die Vogelgrippe erreicht Deutsch­land!“



Inzwischen ist er Mitglied des Ensembles im Schauspiel Stuttgart, hat dort zwei revueartige Erfolgsabende über Elvis Presley und den Hamlet-Stoff auf die Bretter gelegt. Der alte Traum von der Schauspielerei! Und doch das klare Wissen: „Ich bin kein Großer des Schauspiels, und dass ich dies weiß, ersparte mir die frustrierende Kantinen-Laufbahn, die nur aus Schimpfen besteht und dem Satz: ,An den Münchner Kammerspielen sind die auch nicht besser!‘ Ich hatte das große, große Glück, immer näher zu mir selbst zu kommen.“


Inmitten sozialer Eintrübungen, inmitten politischer Wettläufe aller Parteien hin zum Bodensatz von Geist und Entwurf praktiziert einer wie Schmidt die gute Laune des Großverdieners, dem niemand mehr etwas übel nimmt – außer noch immer das Moral­­feuilleton, das ihn aber einst zu beflissen ins Heiligtum geschrieben hat, um nun noch als kritische Beobachtungsinstanz ernst genommen zu werden. Schmidt ist der herrlich un­verschämte Aktivist eines Häme- und Herab­setzungsluxus, der den Mut hat, sich kein bisschen mehr zu verändern. Wun­derwaffe Routine. Unaufgeregtes Vertrauen in das, wo­von Millionen nur träumen: Aura.


Bertolt Brecht schrieb, der Blick ins Gesicht eines Menschen, dem geholfen werde, das sei der Blick in eine schöne Gegend.

Schmidts Gesicht ist das eines unverfroren freien Typs, der in einer Verschwörung der Heiterkeit und des Abstands eine Möglichkeit sieht, private Immunsysteme gegen das grobe Leben draußen auszuprägen.

Er ist in seiner ARD-Show genüsslicher Ausnutzer seines natürlichen Talents geblieben: Auch Nichtarbeit lohnt sich, man muss sie nur beherrschen.


Die einfache Langeweile gähnt nur, Fern­­sehen ist schlimmer: Es verschlingt auch noch. Und zwar alles – um sogleich das Un­genießbare wieder auszuspucken. Das Spu­cken nennt man Sendung, das Unge­nießbare nennt man Programm.

Schmidt ist auch Programm! Und er verdient zu viel! Und Schmidt ist auch keinesfalls besser geworden! Aber er ist und bleibt gnadenlos gut.


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