Der Leitwolf und Lebenskünstler: Henry Hübchen

Petr Novák, Wikipedia (Creative Commons Lizenz 3.0.)

Er ist graumeliert. Er ist sozusagen der Paul Hubschmied mehrerer Volks­bühnen-Generationen. In Berlin. Genauer: im Osten Berlins. Henry Hübchen, Held mehrerer Generationen. Das schafft heute kaum einer, im Zeitalter der Augenblicks-Berühmtheiten. Das schaffte selbst Hubschmied nie, obwohl er schöner war, als Hübchen ist.

Dort, wo der berühmt-berüchtigte Stadtteil Prenzlauer Berg beginnt. Wo die Volksbühne steht. Der Tanker. Die Festung. Für alle, die nur Schönheit im Theater wollen, Ordnung und Gemessenheit: unüberwindlicher als die Mauer. Oder aber durchlässiger als nichts sonst – für alle, die alle Fluchten hinter sich haben. Aber auch die brauchen Halt. Halt heißt: Es gibt noch Helden. Helden ganz anderer Art.


Henry Hübchen ist einer davon. An der Volksbühne der Ledernste. Der noch immer Zarteste. Das hat er also geschafft: Held mehrerer Generationen zu sein. Das schafft heute kaum einer, im Zeitalter der der Augenblicks-Berühmtheiten. Das schaffte selbst Hubschmied nie, obwohl er schöner war, als Hübchen ist.


Henry Hübchen ist einer der wenigen, die mit ihrer Brachialgewalt des Spontanen und Direkten gegen ein möglicherweise einfühlsames Publikum doch nicht ganz verbergen können, dass sie ein Herz haben. Eine Seele. Und: dass sie über ihrer Frechheit, ihrer Bur­schikosität auch älter werden. Vielleicht sogar alt. Hübchen ist im Alter des hochgeschlagenen Mantelkragens. Als kühlstem Kommen­tar zur Welt. Und zugleich auch als ein Zeichen von Schutz­losigkeit, die mit den Zeiten größer wird und gegen die nur Wärme hilft. Erfolg ist auch ein Mantel. Und der wärmt kolossal.


Henry Hübchen hat großen Erfolg. Sein jüdischer Wendeverlierer Jackie Zucker in Daniel Levis Kinohit „Alles auf Zucker", der Kom­missar Törner im „Polizeiruf 110" sowie der westfernseh-süchtige Ostfamilienvater Hotte in Leander Haußmanns „Son­nen­allee" ha­ben besiegelt, dass der Star der Berliner Volks­bühne auch ein Star des deutschen Volksfilms und des deutschen Volks­fern­sehens ist.


Lachnummer und tiefste Melancholie. Tragikomödie in einer ihrer trefflichsten Vereinigungen. Hübchen zeigt spielend, wie immer wieder zusammenwächst, was von Natur aus zusammengehört: der Witz und das weinen machende Weh; die Männlichkeit und der bübische Unfug; die auftrumpfende Pose und dazu der stolpernde Körper.



Hübchens Figuren fallen, wenn sie fallen, nicht aus allen Wolken, sie sind fortwährend auf Himmelfahrt zur Erde. Als er für den Zu­cker den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller erhielt, in Konkurrenz zu Bernd Eichingers Mammutprojekt „Der Untergang", jubelte Hübchen: „Ich habe Hitler geschlagen. So'n kleiner, verkapp­ter Kommunist jüdischer Herkunft hat Hitler geschlagen." Hübchen ist Ostler. Er ist es mit der schönen Souveränität, den Westen (mit eben jenem Volksbühnen-Tanker) irgendwie überrollt zu haben. Er beherrscht diese treffliche, treffsichere Geheimwaffe einer äußerst charmanten Verdutztheit, die – entwaffnet.


Er ist Ost­ler aus sieghafter Raffinesse, auch wenn es lauter Niederlagen ha­gelt. Hübchens schauspielerischer Glanz kommt aus der Wahr­heit, dass nur Verlierer Erfahrungen machen. Als Ostler rutscht man – ge­­schehen in der legendären Inszenierung „Pension Schöller/Die Schlacht“ vor Jahren an der Volksbühne – auf Berliner Kar­tof­fel­salat aus, nicht auf Bananen! In der Rolle jenes Kleinbürgers Klapp­­roth, der die Klapsmühle als wahre, reale Welt entdeckt, stei­ger­te sich der Schauspieler zu einem grandios aufdrehenden Clown des Slap­stick und zugleich einer bemitleidenswerten Sanftheit. Und schrieb da­mit deutsche Theatergeschichte.


Wenn er als Fabrikant in Hauptmanns „Weber“, als Professor in Dosto­jewskis „Dämonen“ oder als Parteichef in Sartres „Schmutzige Hän­de“ ins plusternde Philosophieren kam, schwang immer erzürnte Menschlichkeit mit, erniedrigte Sehnsucht nach Würde. Hübchen ver­körpert noch immer am konturensichersten den Charme der Cas­torf-Akteure. Der beruht auf einer verhedderungsfreudigen Feier des Vorläufigen. Alles ist nur Durchgangsstadium zum nächsten Chaos. Hübchen, das ist fortwährende Flucht­be­we­gung: Nur weg aus den Gefahrenzonen glatter Virtuosität!


Bei Regisseur Frank Castorf wurde er zu einem der erstklassigen Schau­spieler des Landes, und wesentlich mit Hübchen wurde Castorf zu einem der erstklassigen Regisseure des Landes.


Ein Schau­spieler, der nicht in den Gestalten verschwindet, sondern deut­­lich sich selbst als authentische Person behauptet – ehe er in den Clinch mit einem Stück geht. Hübchen spielt nicht Figuren, er spielt mit ihnen. Vor Jahren brachte Castorf mit der „Stadt der Frauen“ seine Liebe zu Fellini auf die Bühne; Hübchen fast schon ein Ebenbild des mü­den, melancholischen Mastroianni. Man sieht ihn und weiß: zu alt fürs Theater. Aber auch zu alt für neues Spielzeug. Also weiter, weiter, weiter. Die Physik der Ohnmacht setzt die besten Energien frei. Für ein stör­­­risches Spiel, in dem nicht ästhetische Kunstfertigkeit die oberste Tugend ist, sondern Aufstörung. Und im munters­ten Chaos herrscht doch ein schöner, leichtfüßiger, wehmütiger Ernst auf der Bühne.


Beschreibungen einer Arbeitsweise. Und auch Beschreibungen des Mannes Hübchen. Der naive Junge Henry war einst nur bekannt aus der zweiten Reihe von DDR-Volksbühnenaufführungen und „Polizeiruf 110“-Filmen. Ein durchaus Vielbeschäftigter vor der Kamera, weil nach Karge/ Langhoff und Besson in der Berliner Volksbühne Lähmung angesagt war. Spiel nach Vorschrift gewissermaßen, und dafür ist der Mensch Hübchen äußerst ungeeignet. Immer schon gewesen. Zunächst hat­te er lange viel Zeit, und statt Theater zu spie­len, schrieb und komponierte er lieber für Toni Krahls Gruppe „City“ (LP „Casablanca“), und: Er wurde zweimal Republik-Bester im Wind­surfen – was sich in der DDR „Brett­segeln“ nannte. In Frank Bey­ers großem DEFA-Erfolg „Jakob der Lügner“ blitzte dann plötzlich am augen­schein­­­lichsten etwas Tieferes im Spiel des Darstellers auf. Etwas Zu­kün­f­tiges. Etwas von den Möglichkeiten jenseits routinierten Betriebs­tem­pos.



Erst in Union mit dem Eisenwarenhändlersohn Castorf, mit dem Ende des kleinen, engen Landes, wurde er zu einem künst­lerischen Charakter, von dem gleichsam eine Art Schule ausging. Auch die Schule einer speziellen Lebenskunst, die auf bewundernswerte Wei­se Kunst und Leben zu vereinen weiß. Bis hin zur Tatsache, dass Hüb­chen nicht mehr surft, sondern längst ein Segelboot hat. Das ist bequemer, man kann sitzen. Im Jollenkreuzer über irgendeinen Bod­den: Eins sein mit dem, was der Himmel an Farben zur Verfü­gung stellt. Hübchen, der von sich selber sagt, nicht gut allein sein zu können – auf dem Wasser kann er es. Vielleicht weil sich das dort nicht Einsamkeit nennt, sondern Kraft, Stil. Man ist auf einem Boot nicht allein, sondern ganz barock.


Hübchen hat stets ein ausgeprägtes Gespür für das gehabt, was Spaß macht. „Arbeitsscheu" hat ihn Castorf genannt, der fremde naheste Freund. Der immer ausufernder wurde in seiner Theater-Lang­metrage mit Dostojewski-Romanen. Immer vampirartiger im Schauspieler-Aus­sau­gen. Aber er saugte immer nur an der gleichen Stelle. Es wurde langweilig. Ob es Hübchen irgendwann zu viel wur­de, dass die Spielreize immer weniger wurden? Ja. Schließlich ‘ ist er wer in der Castorf-Truppe.


Der Held des Anfangs. Der Leitwolf. Der charmante Oldie, der Platz­rechte hat. Irgendwann entschied er sich, weniger Theater zu spielen. Die allgemeine Müdigkeit nicht mitzumachen. Wenn er bei Castorf wieder mal als Protagonist auf der Bühne stehen sollte, dann nicht mitten im Trubel der Volks­bühnen-Familie, nicht mit dicksten Bündeln Text, der noch bei Haupt­proben work in progress war. Nein, eher in bewusster, in verdienter und zugleich augenzwinkernder Ausübung seines Paten-Status. „Und das Stück darf nicht so lang sein." Der Genießer in Aktion.


Er bezeichnet sich als „Verzettler", was im Privaten das Geständnis meint, ein ausdauernder Zuspätkommer zu sein und keine Familie or­ga­­­nisieren zu können. Er lebt in Pankow – allein, getrennt von seiner Frau, mit der er aber weiterhin verheiratet ist, sie haben eine erwachsene, schauspielernde Tochter.


„Verzettler“ ist im Künstlerischen lediglich ironische Umschreibung dessen, dass er im Grunde doch ein rastloser Perfektionist ist, der just aus hohen Ansprüchen heraus nur „selten zum Resultat" kommt. Wichtig ist beim Arbeiten stets der Nullpunkt, von dem aus alles möglich ist. Sogar Kunst, wenn alles gut zusammenkommt. Bei Hübchen und Castorf kam oft vieles wunderbar zu­sammen. Castorf hat ihn gerettet, vor den hehren Klassiker-Män­nern, den schönen Helden und stolzen Recken, die auf Dauer langweilen. Bei Castorf kann Hübchen der ganz andere Star sein, die Trauer­rän­der des Lebens sind hier mit Comic-Einlagen etwas schillernd eingefärbt. Man nannte beide schon die innigste, komplizierteste und abgründigste Paarung der deutschen Theaterwelt.


Zwischen denen dann solche, von Hübchen genussvoll kolportierte Proben-Dialoge stattfinden: Regisseur Castorf: Was wollen wir jetzt überhaupt machen? Hübchen: Haste denn 'ne Fassung? Normalerweise musst du ja 'ne Fassung haben. Castorf: Na ja, zieh dich erst mal um. Hübchen: Wozu soll ich mich umziehen, wenn du keinen Gedanken hast! Castorf: Vielleicht krieg ich einen, wenn du umgezogen bist. Dann beschwert sich Hübchen über die immer kürzer werdenden Probezeiten und fasst komplizierte künstlerische Prozesse in sehr einfachen, aber schlüssigen Sätzen zusammen: „Frank, Kartoffeln brauchen nun mal zwanzig Minuten, bis sie gar sind, da kannste ma­chen, was du willst."



Die Geschichte dieser freundlichen Übernahme des einen durch den anderen unter ständiger öffentlichkeitswirksamer Betonung des an­geblich Feindlichen, Gegensätzlichen, Unverträglichen ist ein witziges Stück ostdeutscher Geschichte.


Alles habe angefangen, so Castorf, mit seltsamen Besuchen, die bei seiner damaligen Freundin Gabriele Gysi (Schwester von Gregor Gy­si) auftauchten. Darunter der „arbeitsscheue Fernsehschauspieler“ Hübchen. Der Castorf den Kaffee wegsoff, „was auf seine erste Cha­raktereigenschaft, Geiz, hinwies". Immerhin, so bestätigt Hübchen, konnte man ganz angenehm über die Zone meckern und über die Bonzen, die beider Talent bösartig im Wege standen. Frank Castorf erinnert sich, dass Hübchen kein Bier trank, weil er ja brettsegelte, „was meine Verachtung nur steigerte".


Später spielte Hübchen bei Castorf in dessen Verbannung im mecklenburgischen Anklam, und noch viel später fand er sich in des Freun­des Stasi-Akte – eben wegen seiner Bühnenauftritte in Anklam (140 Mark pro Vorstellung). Es handelte sich um Castorfs Inszenierung der „Nora" von Ibsen. Der aufmerksame inoffizielle Mitarbeiter (IM) nannte sich sinnigerweise „Dario Fo" – nach dem italienischen Dra­matiker, Regisseur und Schauspieler, der den Nobelpreis für Lite­ra­tur erhielt.


Später wird Castorf schreiben: „Mittäglichen Frühstückskaffee trinken Hübchen und ich nicht mehr, und Dario Fo hat uns verlassen. Man kann eben nicht alles haben."


Geboren wurde Henry Hübchen 1947 in Berlin. Als Sohn eines Kon­strukteurs und einer Buchhalterin, später Revisorin. 1949 war der Vater mit Frau und Kinderwagen aus Berlin-Charlottenburg in den Osten gezogen; gelockt hätten, so der Schauspieler, „eine Zwei­ein­halb-Zimmer-Wohnung, eine Lebensmittelkarte und ein guter Pos­ten in einem von den Russen enteigneten AEG-Betrieb – das war damals mein erster Grenzübertritt". Ahnenforschung hat er auch betrieben bis zu den Wurzeln in der Gilde der deutschen Tagelöhner.


Das ist er ja auch, bei seinem ge­lieb­ten Quälmeister Castorf. Der in den letzten Jahren neue Pro­ta­­­­­­go­nisten ausprobierte – aber die Volksbühne ist bei aller Ver­schweißt­heit des Clans leider kein hartes Wegbeiß-Pflaster mehr. Hübchen hat da auch das Gefühl der lähmenden Gewöhnung erleben müssen. Der Film kam ihm deshalb gerade recht, und selbst wenn zunächst vielleicht ein leiser Schmerz aufgestiegen sein mag, dass etwa ein Martin Wuttke mehr und mehr absahnte auf der Volks-Bühne: Es spricht für den Charakter des Henry Hübchen, wie er souverän blieb, wählerisch, gelassen. Und er sieht nun, wie sich alle verschleißen, und er denkt, dass das nicht gut ist.


Er muss spielen, aber er muss sich und niemandem mehr etwas beweisen? An­ders herum: Er muss nicht mehr Theater spielen, aber wenn er spielt, dann will er sich wirklich beweisen können. Wundervoll traurig und doch auch wieder wundervoll heiter hat er den Tod seines Vaters beschrieben:


„Der Vater liegt in einem kleinen Raum, atmet, und der Sohn schaut aus dem Fenster. Nennt den Atem des Vaters „die einzige Musik. … Die plötzlich aufhört. … So geht ein Leben zu Ende: einfach aufhören mit dem Atmen."



Die Frau des Vaters gibt Henry eines Tages die Aktentasche des Ver­storbenen. Über seinen Freundeskreis sagt Henry Hübchen: „Der ist mit den Jahren gleich geblieben. Dazu gekommen sind Bekannt­schaf­ten und Arbeitsbeziehungen. Ich bin ein sesshafter Typ, der sich nur langsam verändert. Auch eine Art von Faulheit.


Hinzu kommt: Wenn man sich verändert, ist es immer auch eine Trennung. Aber ich schneide nicht gern ab. Ich scheue mich vor dem Endgültigen. Deshalb schreibe ich auch am liebsten mit Bleistift." „Für die Allgemeinbildung" studierte Hübchen nach der Schule zunächst ein Jahr lang Physik. Weil er nicht wusste, was er werden sollte. Sehr bald beschloss er jedoch, sich auf andere Weise zu bilden, besann sich auf die kleinen Fernsehrollen, die er bereits als Kind über­nommen hatte, und ging an die Hochschule für Schau­spiel­­kunst Ernst Busch in Berlin.


Die Lebensart des Henry Hübchen hat etwas verblüffend Wider­ständisches. Sie ist so verflucht normal in einem Geschäft der sich ständig übersteigernden Selbst-Inszenierungen, und zugleich versieht er diese Normalität mit einem merkwürdig doppelten Boden des nicht Festlegbaren. Er ist auf dem Theater der alternde Alain Delon des Altbau-Ostens, der im Chaplin endet, und im Film ist er der Komiker, den plötzlich eine tiefe Traurigkeit umgibt, manchmal so, dass man sich im Nachhinein für jeden Lacher schämt. Das sind wahrscheinlich die Stellen, an denen Hübchen am lautes­ten lachen würde.


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