Evita Peron - Vom Spatz zum Kondor
Evita, vergöttert im Leben, vergöttert im Tod. Eine Verführerin und eine mit klarer, rascher Logik begabte...

Wann waren Sie das letzte Mal aus dem Häuschen?
Milos Forman: Als ich mich jetzt noch einmal mit meinem Film „Amadeus" beschäftigte, war ich ziemlich aufgeregt. Film ist ja etwas, dem durch Konservierung das Leben ausgesogen werden kann. Tote Materie sozusagen – zumal für denjenigen, der die Sache mal erarbeitete. Aber plötzlich war ich wieder in einer anderen Welt, und alles geschah zum ersten Mal, als sei ich mitten in den Dreharbeiten. Ansonsten gerate ich kaum aus dem Häuschen, wenn Sie das jetzt auf den Wohnort beziehen. Ich mag das Draußen nicht mehr so sehr. Wohnen heißt für mich: Abschottung.
Ein Kind zeugen, ein Buch schreiben, ein Haus bauen – ziehen Sie bitte Bilanz.
Milos Forman: Ich weiß, dass meine Familie nicht beleidigt ist: Meine Kinder – das sind vor allem meine Filme. Nicht allen habe ich einen Weg bereitet, der ihnen das Leben mit dem Publikum angenehm machte. Ich habe in meinem Leben immer geschwankt, zwischen unbedingtem Gestaltungswillen und einer Haltung absoluter Gleichgültigkeit. Das Haus, in dem ich wohne, ist vor allem eine Gruft, in der ich meine Gleichgültigkeit auslebe.
Wer erhielte bei Ihnen Hausverbot?
Milos Forman: Ich musste nie an so was denken. Mein Haus war selten ein gesellschaftlicher Ort. Ich liebe die Einsamkeit und mache einfach nicht die Türe auf. Und das Telefon nehme ich auch nicht ab. Es heißt, meine Filme seien laut und ausladend. Ich selber will meine Ruhe haben.
Welches Haustier hätten Sie gern?
Milos Forman: Ich bin gegen Domestizierung. Man schafft sich Hunde an, weil man ein Herrschaftsverhältnis aufbauen möchte, das funktioniert beim Hund wunderbar. Man schafft sich Katzen an, weil man wahrscheinlich der erste sein möchte, der das hündische Verhalten auch bei diesen Tieren erfolgreich durchsetzt. Meistens sind Tiere Kompensationsinstrumente gegen die eigene Nichtigkeit. Man will Herr sein, wird aber nur „Herrchen".
Wofür würden Sie Haus und Hof riskieren?
Milos Forman: Für gar nichts mehr außer der Rettung des eigenen und des Lebens der Familie. Das ist nicht zynisch, sondern Einsicht in die Tatsache, dass man zu vielen Leuten begegnet ist, die absolut in einer Sache aufgingen. Aber diese Leute lösten sich auf, sie machten einen Selbstverlust durch, den allein sie selber bemerkten. Die meisten Menschen riskieren viel, um Haus und Hof zu kriegen. Vor allem riskieren sie das Leben – anderer. Also: Vorsicht!
Was haben Sie Ihrem Elternhaus zu verdanken?
Milos Forman: Ich habe mit neun Jahren die Verhaftung meiner Eltern durch die Gestapo erlebt. Der Vater kam nach Buchenwald, die Mutter nach Auschwitz. Ich habe beide nie wieder gesehen. Das schrecklichste Ereignis in meinem Leben. Der Augenblick überschattete lange Zeit alles, was ich an Erinnerungen besaß. Heute weiß ich: Ich verdanke diesem Moment die Erkenntnis, dass jederzeit alles möglich ist. Meine Eltern waren damals sehr ruhig. Es war wie ein: „Vertraue!" Ich vertraute – mir selber. Für diesen Tipp danke ich.
Was bedeutet für Sie: zu Hause sein?
Milos Forman: Mich als Einzelwesen zu begreifen.
Beschreiben Sie Ihr Haus, als wäre es ein Mensch.
Ein kleiner dunkelhaariger Mann mit ebenso dunklen Augen. Er wirkt gebückt und schon ein wenig alt. Er ächzt, wenn Wind aufkommt. Wenn die Sonne scheint, blinzelt er für eine kurze Zeit und überlegt, ob er sich das Hemd aufknöpfen möchte. Aber er hält sich weiter bedeckt und tut alles, um möglichst schnell unerkannt in der Menge zu verschwinden.
Vor welcher Hausarbeit fürchten Sie sich?
Vorm Staubwischen. Das ist Angehen gegen ein Weltgesetz: Der Staub, der sich auf alles legt, ist der Herrscher über unsere Geschäfte. Wie ruhig und unbeeindruckt der seine Herrschaft ausübt! Da können wir noch so viel aufwirbeln.
Was tun Sie am liebsten außer Haus?
Zigarren kaufen. Und sie schnell nach Hause bringen. Denn auf der Straße raucht man keine guten Zigarren.
Welche Hausmannskost mögen Sie?
Ich bin noch immer ganz beglückt, wenn ich auf böhmische Knödel stoße. Viel Soße – und dazu ein gutes tschechisches Bier. Leider gehört die Einverleibung der Marke Budweiser in die amerikanische Gastronomie zu den hässlichsten und unverschämtesten Okkupationen der modernen Kultur.
Von wem wünschten Sie sich, er sei Ihr Hausmeister?
Hausmeister – das erinnert mich an das Prag meiner frühen Jahre: Schnüffler, Aufpasser, Ordnungshüter. Nein, danke!
Den Blick in welche Traumgegend müssten die Fenster Ihres Hauses freigeben?
Die Traumgegenden befinden sich in meinem Kopf, und der Blick durch ein Fenster wird bei mir nach wie vor zum Blick durch die Kamera-Perspektive. Wenn ich aus den verschiedenen Fenstern meines Hauses blicke, sehe ich Himmel, Bäume, eine stille Vorstadtstraße und viel Grün. Ein großer Baum erinnert mich Tag für Tag eindringlicher daran, dass es eine Menge Dinge gibt, die entschlossen sind, mich zu überleben.
Beschreiben Sie Ihren Traum von einer Hausapotheke?
Den Teufel werde ich, Ihnen alle Getränkesorten aufzuzählen, die wir in den Schränken haben.
Wovor schützt Sie Ihr Hausgeist?
Mögen sie mich davor schützen, einen Wecker stellen zu müssen, um aufzuwachen. Vor Fremden in einer Menge erkannt zu werden. Vor Faschisten. Vor Leuten, die an ein Leben nach dem Tode glauben und versuchen, andere Leute zu diesem Glauben zu überreden.
Was tun Sie, wenn der Haussegen schief hängt?
Ich schnappe meine Zigarren und renne aus dem Haus. Denn dann kann es sich nur um ein Erdbeben handeln, und amerikanische Häuschen brechen bekanntlich sofort zusammen. Ja, allein schon, wenn der Haussegen schief hängt.
Was halten Sie vom Zaun ums Haus?
Ich befasse mich zu selten mit typisch deutschen Angelegenheiten. Ich habe keinen Zaun. Wo das Grundstück aufhört, merke ich im Herbst: Mein Nachbar saugt meine Blätter nicht weg.
Was möchten Sie in Ihrem Leben noch unter Dach und Fach bringen?
Das Gerücht, ich sei ein liebenswerter, erfolgreicher, uneitler, ideensprühender, freigiebiger, rundum zufriedener Mensch. Dessen Filme das Weltkino revolutionierten.
Goethe rät: Gehe vom Häuslichen aus und verbreite dich in die Welt. Geben Sie einen persönlichen Streckenbericht.
Das Häusliche war der kleine Sozialismus, in dem unsere ironische Überzeichnungsfreude, unsere Lust am Absurden allen Nährboden für Filme fand. Ich verbreitete mich in die Welt, indem mir dieser Nährboden verweigert wurde. Das Häusliche entpuppte sich als ungeheuerliche Enge. Ich muss allerdings sagen: Die Welt besteht auch aus lauter Häuslichkeiten. Hollywood ist kein Paradies für Menschen, die keine Hollywood-Filme drehen wollen. Ich weiß nicht, ob mein Streckenbericht – der verdammt nahe am Abschlussbericht ist – nicht leider auch vermelden muss: zu oft zu biegsam gewesen, der Mann ...
Milos Forman
Die Filme des jungen Regisseurs, der 1954 als Dramaturg im tschechischen Fernsehen begonnen hatte, widerspiegelten das Empfinden einer ganzen Generation von Künstlern, die sich am „sozialistischen Aufbau" rieben: Gegen „Der Feuerwehrball" protestierten Prager Feuerwehrmänner mit einem Streik, weil sie sich verunglimpft fühlten. Seine künstlerische Biografie steht für die Mobilisierung und schließlich das Ende einer durchaus systemwilligen, freilich kritischen und melancholischen Liebenswürdigkeit in der CSR, sie steht aber auch für den Ausbruch – und die Ankunft in neuer Gefährdung: im Kommerz, der in die Kelche des Erfolges das Gift der Verwässerung mixt.
Nach dem Prager Frühling hat Forman in Hollywood erfahren: Gleichgültigkeit ist die treue Schwester der Freiheit. Zwischen seinen Meisterwerken „Einer flog übers Kuckucksnest“,„Larry Flynt" und „Amadeus" bewies der Regisseur eine bewundernswert stoische Ruhe. Gut ertrug er seine freundliche filmische Routine („Hair", „Ragtime", „Valmont"). Geduldig wie kaum ein anderer konnte er auf Eingebungsblitze warten. Kamen sie nicht, kamen immerhin Tantiemen. „Einer flog übers Kuckucksnest" ist einer der meistdekorierten Filme in der US-Kinogeschichte. Das Kino dieses Weltregisseur ist bunt, prall, es tobt gern. Häuptlingssohn „Chief", der aus dem Irrenhaus ausbricht, und der genial komponierende Punk Amadeus – ein einziges Wesen sind sie, das übers Kuckucksnest fliegt.
Milos Forman, der seit langem US-Bürger ist und vor wenigen Wochen siebzig Jahre alt wurde, lebt in Fort Berkley bei Los Angeles.