Das Mannsbild - Götz George

Copyright: Manfred Werner (Lizenz unter Creative Commons BY-SA 3.0)

Götz George ist einer der wenigen deutschen Filmstars, vielleicht der größte. Künstlerische Kraft und Besessenheit kommen aus ei­ner Kultur des Gegenangriffs. Seine Arbeit – eine Idee, die im Spie­l zu etwas wächst, das man schmecken, atmen, riechen kann.

Zum Gespräch kommt George, zu Hause am Berliner Schlach­ten­see, in Trainingsoutfit: schnell mal Kilometer mit dem Rennrad „schaufeln“. Drahtig – trotzdem schmeckt die Zigarette. Mit Götz George sprach Hans-Dieter Schütt.


Götz George, es gibt bei Theodor Fontane den Gedanken, jedem Menschen entspräche ein be­stimmtes Alter, und auf das lebt er hin. So ist der eine mit 65 noch immer jung, ein anderer schon Mitte dreißig beglückt „alt“. Wenn man jüngste Filme von Ihnen betrachtet – kommen Sie jetzt in Ihr eigentliches künstlerisches Al­ter?

Götz George: Nein. Im Schauspielerberuf funktioniert diese Denkweise nicht. Es funktioniert wahrscheinlich überhaupt nicht. Du bist in die Zeit hineingeboren, du kannst doch nicht gelassen herumsitzen und auf das Eigentliche warten. Ich glaube prinzipiell nicht, dass Warten eine sinnvolle Le­bens­haltung ist.


Man ist immer nur das, was man tut, und nicht das, was man gern sein würde.

Götz George: Wer das begreift und wer diesen Gedanken denken kann, ohne de­pres­siv zu werden, denn es ist ja ein einschränkender Gedanke – der hat sein Leben schon wesentlich im Griff und sollte dankbar sein. Man kann an den falschen Träu­men sterben.


Sie haben jede Zeitphase Ihres Lebens ernst ge­nom­men?

Götz George: Ja. Schon beim Lernen auf der Schau­­spielschule ging ich voll auf. Heutzutage ist man als junger Mensch ja eher stolz darauf, dort nur einen einzigen Tag verbracht zu haben – aber für die Popularität in einer Vorabendserie langt es ja auch allemal.


Wie wichtig war Ihnen Karriere?

Götz George: Das ist so ein Scheißwort, das Menschen kaputtmacht. Wer nur an Kar­riere denkt, denkt bald nicht mehr gern in den langen Zeitabschnitten, in denen die Haupt­­sache stattfindet: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wer Karriere will, den interessieren nur die Startlöcher und das Ziel. Aber der Lauf selber, der ist es doch! Und das Leben ist keine abgesteckte Sprinterbahn. Es gibt Seiten- und Umwege, und das Ziel ist nicht immer nur vorn und oben.


Hat diese Auffassung mit Ihrem Eltern­haus zu tun?

Götz George: Selbstverständlich. Vom Va­ter und auch von meiner Mutter ging eine gewaltige Strahlung aus. Mein Vater starb zwar, als ich erst sieben war, ich habe ihn als Künstler nicht bewusst erlebt, aber ich kriegte atmosphärisch einiges mit auf den Weg, und ich wurde später auf dem Theater mit den besten Lehrern konfrontiert, mit Heinz Hilpert, mit Rudolf Noelte.



Worin besteht das Glück großer Lehrer?

Götz George: Sie tun das, was nur starke Charaktere können: Sie lassen dir freien Lauf, sie vertrauen dir. Dieses Glück ist zugleich ein Unglück: Du entwickelst An­sprüche, aber (er lacht) landest leider nur im deutschen Fernsehen.


Jetzt klingen Sie wie jemand, der einen Ab­stieg bilanziert.

Götz George: Nein, ich möchte mich nur nicht selbst belügen. Heute sind bestimmte Wertigkeiten des Berufs in Misskredit geraten, so wie generell in der Gesellschaft der Verlust von Werten beklagt wird. Jeder Film heute ist nur in einer einzigen Hinsicht ein Kunstwerk: wie viele Leu­te doch zu wie vielen Kom­­pro­­missen fähig sind. Dass manchmal trotzdem noch was daraus entsteht – wirk­lich: große „Kunst“!


Sie meinen also: genau deren Tod.

Götz George: Wenn sich bei einem Film­kompromiss möglichst viele Interessen be­rühren, das halten die Deutschen schon für Erotik. Irgendwann biste an dem Punkt, wo du überlegst: im Stolz versauern oder das Beste draus machen?


Sie haben sich immer für den zweiten Weg entschieden?

Götz George: Ja. Das hing dann meist mit den Leuten zusammen, mit denen ich arbeitete. Atmosphäre ist mir generell wichtig, gemeinsamer Spaß und die Ehrlichkeit der Mühe. Ich arbeite lieber mit einem mittelmäßigen Drehbuch und versuche, für mich eine künstlerische Aufgabe abzuleiten, als gar nichts zu tun.


Sie sagten mal, Sie seien Schauspieler in der „Kreisklasse“.

Götz George: Wenn Sie früh in so eine Welt der besonderen Kunstausübung eintauchen und auf der Bühne Quadflieg, Kortner, Mi­net­ti, Krauss, Wegener, Caspar, die Koppen­dörfer erleben, dann bekommen Sie ein Gespür für die notwendige Dauer von An­stren­gungen, um etwas zu erreichen. Aber Sie bekommen eben auch ein Gespür für den falschen Glanz des raschen Erfolgs.


Schon Popularität gilt heute als Erfolg.

Götz George: Ja. Allein schon, wenn ich das häufig gebrauchte Wort „Gigant“ höre oder „genial“! Das waren Bezeichnungen für eine Qualität, die Heinrich George und andere auf dem Höhepunkt des Berufs besaßen. Heute werden solche Attribute jedem Idi­o­ten hinterhergeworfen. Man muss bloß mal einen Abend lang fernsehen!



In der Branche heißt es: Nimm den, der ist einfach. Sie gelten als schwierig.

Götz George: Ich bin schwierig. Darauf be­stehe ich. Ein Mensch, der stolz darauf ist, pflegeleicht zu sein, ist doch nur stolz auf seine Verkrümmungen. Wobei wir hier über die Arbeit reden, nicht über Allüren außerhalb. Charakter ist ein Arbeits­instrument.


Was ist das, was Sie mal als Ihr Ziel be­nannten: eine „unauffällige Karriere“?

Götz George: Als Schauspieler überschreite ich meine Hemmschwelle im Spiel, das ist ein Beruf, nur dort möchte ich mich preisgeben. Woanders wäre mir das peinlich. Aber man wird permanent gedrängt, sich außerhalb des Spiels zu entblößen, und die Gefahr ist, dass man das irgendwann für die Ausübung des Berufs hält. Entsetzlich.


Theaterwissenschaftler Günter Rühle schrieb: Heinrich Georges „Sohn Götz, um­­­­her­getrieben in filmischen Abenteuern, ist ihm am ähnlichsten geworden. Seiner Mächtigkeit bedürfte das kraftlose Thea­ter. Ruft ihn der Vater nicht?“

Götz George: Lieb geschrieben. Dan­ke. Aber ich habe keine Anbindung mehr ans Theater. Wenn ich zurückgehen würde, wä­re ich sofort fällig. Die Zeit ist vorbei, als man Mischformen akzeptierte. Gründgens, Jannings, Forster, die Dorsch und eben auch Heinrich George – die spielten Klassik und Unterhal­tungs­film. Heute steckst du in der Schub­lade, und nur unter dem Aspekt des besonderen Events lässt man dich raus. ‘


Alles ist fragmentiert und jeder Mensch einem Wirkungssegment zugeordnet.

Götz George: Dort hat er gefälligst zu bleiben. Image zu haben statt Eigensinn – das ist die traurige Prüfung, die heutzutage zu bestehen ist. Ich gebe zu, ich hätte Angst: Ein halbes Jahr harte Theater-Arbeit, um dann wieder vorgeführt zu werden? Nee.


Ist es diese Angst, die zu den Be­schä­di­gungen Ihres Lebens gehört?

Götz George: Da muss ich noch mal auf das kommen, worüber wir vorhin sprachen. Ich hatte das „Pech“, die Ernsthaftigkeit wunderbarer Schauspieler zu erleben, die bei uns ein- und ausgingen. Dann sind sie gestorben, ich sah den Trauermoment der Mutter, dieses einengende Gefühl, verlassen worden zu sein von den Gleichgesinnten. Du fragst als Kind nach dem Vater, du wächst mit einem bestimmten Niveau auf – und plötzlich erwachst du am Ende des Jahrhunderts und stellst fest, mit dem Zap­per in der Hand: Was heute oft zur Be­rühmt­heit führt – damit möchtest du so wenig wie möglich zu tun haben. So arbeite ich zwar in Deutsch­land, aber lebe gern drau­ßen.


Noch einmal Rühle, er schrieb über Ihren Vater, deutsche „Rigoristen der Nach­kriegs­­zeit“ hätten ihn denunziert. „Die Rus­­­sen haben ihn, der kein Nazi war, noch einmal ins Lager gesperrt, wo der besessene Spieler den Ur­faust inszenierte. Aus Sach­senhausen kam er 1946 nicht zurück. Der Meisterspieler wurde mehr haftbar ge­macht als andere.“

Götz George: Man muss sagen, die Russen liebten ihn. Berlins Stadtkommandant Ber­sa­rin war Heinrich George freundschaftlich verbunden. Vater konnte Gitarre spielen, er zeigte den Russen die Briefe von Sta­nislawski, mit dem er befreundet war; sie bewunderten das Bild an der Wand, das ihn in der Rolle des Puschkinschen „Post­meis­ters“ zeigte. Ich sehe noch diese großmützigen Gestalten mit den ausschwingenden Militärmänteln. Wir hörten im Kinder­zim­mer das Singen und Klatschen – und später kamen die Offiziere mit Schin­ken und Wurst wieder.



Herr George, wie empfinden Sie das Äl­ter­werden?

Götz George: Man wird gelassener, weil die Kondition nachlässt. Es ist aber eine Gnade, dass man Dinge, die man nicht mehr kann, eines Tages auch nicht mehr will.


Hatten Sie je Angst vorm Tod?

Götz George: Nein. Als ich mit dem Filmen begann, gab es noch keine Stuntmen, da bist du halt überall selber runtergesprungen. Ich habe wirklich eine Menge gewagt und mich immer damit beruhigt: Wenn's passiert, passiert‘s eben. Ich bin da fatalis­tisch: Ich glaube ans Schicksal.


Zitat von Ihnen: „Die Zeit der originalen Künstler ist vorbei.“ Verbitterung?

Götz George: Nein, Realismus. Ich arbeite ja trotzdem oder gerade deshalb weiter. Ich bin nur ungeeignet, das Mittelmaß der allgemeinen sauerstoffarmen Lage auch noch „super“ zu finden. Ich leide nicht unter dem Gefühl, etwas versäumt zu haben, aber ich habe das Ziel der Klasse nicht erreicht. Ich konnte nie sagen: Ich eifere meinem Vater nach. Ich konnte höchstens sa­gen: Ich will ihm keine Schande machen.


Erreicht?

Götz George: Ja. Ich habe redlich gearbeitet, habe ab und zu Dinge getan, bei denen mich der landläufige Erfolg nicht interessierte, und der Beruf hat mir in bestimmten Lebenssituationen – beim Tod der Mutter, bei verschiedenen privaten und künstlerisch bedingten Trennungen – sehr geholfen. Jetzt, da ich älter werde, denke ich manchmal, zu viel gearbeitet und möglicherweise zu wenig gelebt zu haben.


Ein Vatersyndrom?

Götz George: Nein, mit ihm kann ich mich auch da nicht vergleichen. George hatte ein wahnsinniges Pensum. Morgens zur Ufa, dann zur Probe ins Schiller-Theater, dann wieder gedreht, abends Vorstellung oder Funk. Er hat so intensiv gelebt, als habe er geahnt, es würde sehr früh Schluss sein.


Kein Mensch weiß wirklich, was er sich zu­muten darf.

Götz George: Aber weil Sie nach dem Tod fragten: Nur bitte kein schleppendes Ende! Dazu ist mein Beruf zu lebendig, zu nervös, als dass ich das aushalten würde. Das sage ich zumindest jetzt, rein theoretisch. Nee, dann lieber in den Wald oder ins Meer.



Wald oder Meer?

Götz George: Meer.


Was ist das Faszinierende daran?

Götz George: In Sardinien, wo ich lebe, se­he ich jeden Tag den Horizont. Du wirst klein davor, aber empfindest das nicht als Makel. Du fühlst dich als Teil einer unbestimmbaren Größe, in die alles einfließt.


Der Mensch wehrt sich am kräftigsten, am lächerlichsten dagegen, dass auch er nur ein Staubkörnchen ist.

Götz George: Das Element Wasser war mir immer ein Freund. Seine Gewalt liegt unter einer trügerisch einladenden Fläche. Wie al­les Extreme im Menschen, das ich gern spiele und das auch in der Realität im Ve­r­borgenen lauert. Ich war auf dem Meer oft unsicher, habe dann in den Himmel ge­schaut und hatte mit einem Mal einen Sinn für Zwiesprache.


Dort draußen also sterben.

Götz George: Mit dem Surfbrett raus, ein bisschen Alkohol. Still abtreten. Irgend­wann fragt jemand: Wo isser eigentlich? (Lacht.)


Welchen Stein wollen Sie vorher noch stemmen?

Götz George: Nee. Mein Leben wird weiter der Zufall bestimmen. Es kommt auf die Kon­stellationen an. Wie gesagt: Ich habe nie auf etwas hingearbeitet, ich habe gearbeitet.


Sie wollten auch nie nach Amerika.

Götz George: Nein, ich habe immer gesagt: keine Lust, im Luxuswohnwagen einsam auf meine nächste Aufnahme zu warten. Mir würde die Sprache fehlen und somit die Un­mittelbarkeit des Erlebnisses, gemeinsam ein paar schöne Kinderspiele zu betreiben. Auch Heinrich George hat mal in den USA ge­dreht, er war dort so einsam, wie ein Mensch nur einsam sein kann.


Da ist er lieber in Deutschland geblieben und hat Kompromisse in Kauf genommen.

Götz George: Sehen Sie: Wenigstens in dem Punkt bin ich ganz der Vater.


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